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Rezension zu „Psychotropen. Eine LSD-Biographie“

Eine weiterführende Dekonstruktion von Albert Hofmanns LSD-Biographie

Eine weiterführende Dekonstruktion von Albert Hofmanns LSD-Biographie.

Im vorliegenden Werk handelt es sich nicht, wie der Untertitel suggerieren könnte, um „eine LSD-Biographie“, sondern die Autorin beschäftigt sich im Kern ausführlich mit der wohl bekanntesten LSD-Biographie, dem 1979 erschienen Buch „LSD – Mein Sorgenkind“ des Schweizer Chemikers Albert Hofmann (1906-2008), der diese psychotrope Substanz 1943 „zufällig“ bei Mutterkornalkaloid-Forschungen in seinem Labor beim Pharmakonzern Sandoz „entdeckte“ und mit ihr lebenslang verbunden blieb. Diese Biographie, die gleichzeitig eine Autobiographie ist, sollte man also vor der Lektüre bereits gut kennen. Es geht der Autorin darum, am Beispiel von LSD zu zeigen, wie Wissen entsteht, und wie sich dieser Prozess in Fachlektüre, Literatur und anderen Medien wiederspiegelt.

Hofmann setzte mit seinem Werk und seit den 1960er Jahren als Star der sogenannten psychedelischen Szene mit Vorträgen auf Konferenzen und Interviews Maßstäbe und war aktiv an der Konstruktion dessen, was Menschen von LSD zu wissen glauben, beteiligt. Der erste Teil, der sich mit Grundlagen der Wissensbildung auseinandersetzt, erwartet vom Leser bei praktisch jedem präzise formulierten, mitunter verschachtelten Satz erhebliche Konzentration, sollte aber nicht übersprungen werden.

Im Kernteil geht es, wie schon gesagt, um Hofmanns LSD-Biographie, an Hand der die Autorin die von ihm genutzten Methoden zur Generierung von Autorität und Wirklichkeiten analysiert. Darüber dekonstruiert die Autorin Hofmanns lineares LSD-biographisches Narrativ und lässt dessen sprachliche Tricks erkennen, mit denen er Widersprüchlichkeiten, Unstimmigkeiten und Komplexität in seinem Sinn, der nicht ganz überraschend überwiegend klassischen Klischees folgt, domestiziert. Das ist erfrischend und notwendig, wurde das Werk doch meist unkritisch rezipiert und in seinen Ansichten reproduziert.

Mit der Entdeckung der psychoaktiven Wirkungen des LSD begann der Diskurs um Deutung und Einordnung der durch LSD induzierten Erfahrungen, um diese nutzbar machen zu können und die Substanz entsprechend einer profitablen Instrumentalisierung zuzuführen.

Zunächst erfolgten Selbstversuche und Experimente mit freiwilligen und unfreiwilligen Probanden. Die sprachlichen Einordnungsbestrebungen ursprünglich nicht fassbarer Erfahrungen folgten dabei bestimmten Schemata. Dabei eröffneten sich zahlreiche Problematiken wie die der Subjektivität im Selbstversuch. Wie kann man sich selbst objektiv beobachten und analysieren, obendrein, wenn man zusätzlich unter dem überwältigenden Einfluss einer psychedelischen Droge steht, für deren extremes außergewöhnliches Erleben es keine ausreichenden Worte gibt, um etwas adäquat zu beschreiben und festzuhalten? Und im Nachhinein täuscht dann auch noch die sich wandelnde fragmentarische, ungenügende, aber Zwecke erfüllende Erinnerung. Man hat es mit Protokollen, Illustrationen und vielen Worten und anschließenden Reduktionen trotzdem versucht und sich dabei an dem orientiert, was bereits auf der Hand lag, oder neu wirkende Kategorisierungen entwickelt, die aber auch bereits ihre Vorläufer hatten. Bereits in der Anfangsphase der Einordnungs- und Nutzbarmachungsaktivitäten warf man sich gegenseitig Korrumpierung durch die subjektive Erfahrung und Verständnisunmöglichkeit durch nonempathische Distanzierung zum Erlebnisraum vor.

Was zunächst interpretiert wurde als Simulation von Psychosen und Einblick in Welten des psychisch Kranken (analog wie bei der Einführung des Haschisch in die psycho-experimentelle Medizin in der Mitte des 19. Jahrhunderts), geriet schnell in den Strudel der Schaffung einer neuen neurochemisch modulierenden Psychopharmakologie. Was Medizinern zunächst wie eine Vergiftung mit Erscheinungen des Wahnsinns erschien, wurde von Pharmazeuten als vorübergehende kontrollierbare Psychose zum besseren Verständnis selbiger als hilfreiche Erfahrung für psychiatrische Berufe angesehen und propagiert. Man testete schließlich seine Wirkung in der Psychiatrie im Rahmen von verschiedenen Schocktherapien bei psychisch schwer Erkrankten. Psychotherapeuten sahen entsprechend ihrer jeweiligen Modelle ein Hilfsmittel zur forcierten Erschließung des sogenannten Unbewussten, von verdrängten Erinnerungen, Gefühlen und Phantasien, mit denen man beschleunigt besser arbeiten konnte. Diese wilde unerschlossene Terra inkognita des Bewusstseins, das Unbewusste, auf chemisch induziertem Wege zu entdecken, zu erkunden, zu kartographieren und zu dokumentieren, ihre Schätze mitzubringen, sie zu domestizieren und für den Alltag nutzbar zu machen, waren quasi-kolonialistische Phantasien und Ziele von selbsternannten „Psychonauten“, Reisenden in den individuellen, aber als kollektiv imaginierten Weltraum der Seele. Andere religiös geprägte Persönlichkeitsentwickler aus Psychologie, Philosophie und Literatur meinten einen direkten chemisch induzierten Zugang zu spiritueller Erfahrung gefunden zu haben und propagierten ihre an ihnen genehmen religiösen Weltbildern orientierten Konzepte. Die anarchische Spaßfraktion sah einen Garanten für intensive extreme Erfahrungen des Kontrollverlustes und des gemeinschaftlichen Erlebens. Staatliche Institutionen testeten die Wirkungen für den Einsatz als chemischen Kampfstoff, der Gegner vorübergehend in einen Zustand der Handlungsunfähigkeit oder des desolaten Handelns versetzt. Auch als Foltermittel, Verhördroge oder zum Umprogrammieren wurde die Substanz untersucht. Kreative versprachen sich Inspiration, Impulse und ungewöhnliche Ideen für Wissenschaft, Marketing und Unterhaltung oder selbstgeleitete Umprogrammierung zu einer optimierten Persönlichkeit. Als Freizeitdroge wurde sie zur Intensivierung von emotionalen, sexuellen und Konsumerlebnissen eingesetzt. Niedrig dosiert wurde sie als Stimulanz und Sensibilisierer zur Kreativitäts- und Leistungssteigerung sowohl in der technisierten Arbeitswelt, wie auch im Leistung fordernden industrialisierten Party- und Freizeitwesen benutzt.

LSD und dessen mögliche Wirkungen, bzw. deren Interpretation, sind Focus eines fortlaufenden Kampfes um Bedeutungshoheiten. Dieser hat Namensgeber, Berichterstatter, Dolmetscher, Interpretierer, Proselytenmacher, Apostel, Päpste, Gurus, Supertherapeuten, Meinungsmacher, Partymacher und Stimmungskanonen hervorgebracht, von Patienten, Klienten, Kunden, Anhängern, Jüngern, Schülern und Partywütigen ganz zu schweigen.

Mit der „Entdeckung“ des LSDs und von dessen Wirkungen begannen Auseinandersetzungen darüber, wie diese zu kategorisieren und einzuordnen seien. Auch die Vielfalt der Wirkungen versuchte man einerseits zu strukturieren und Ordnungen zu unterwerfen. Andererseits wurden Weltbilder an die möglichen oder imaginierten Wirkungen angepasst, um bestimmten Interpretationsmöglichkeiten in deren Sinne real erscheinende Grundlagen zu bieten.

Die Autorin erweist sich als sehr belesen. Entsprechende Kenntnisse ihrer Basislektüre sind zum besseren Verständnis hilfreich. Sie bezieht sich besonders auf Hofmanns berühmtes Werk, aber auch einige andere bekanntere Bücher und Publikationen zum Thema LSD aus den 1940er bis in die 1970er Jahre und hat quasi als Bonus den Nachlass der LSD-Forscherin Betty Eisner mit eingearbeitet. Des weiteren nutzt sie Werke zum Thema Wissensbildung. Eine Begeisterung für zwar verwickelt, mitunter kompliziert erscheinende, tatsächlich aber konzentriert gelesen, durchaus präzise Satzkonstruktionen dürfte bei entsprechenden bereits bestehenden Vorkenntnissen zur Geschichte von LSD und einem Interesse an den Problematiken der Wissensentstehung, durchaus Spaß und Anregung bei der Lektüre begründen. Wenn dies der Fall ist, wird man sich auch nicht die Frage stellen, ob man das nicht alles kurz und knackig hätte zusammenfassen können, sondern fast bedauern, dass der hohe Konzentration fordernde Lese-Trip irgendwann dem Ende entgegen geht. Im letzten Teil, in dem es um Entwicklungen ab den 1960er Jahren geht, ist der Schreib- und Erzählstil ohnehin salopper. Natürlich werden nicht alle möglichen Implikationen und Exkursionen detailreich verfolgt. Das Thema LSD hat nun mal das Potential, Rahmen zu sprengen. Wer geglaubt hat, das Wissen zum LSD sei bereits gebändigt und es gäbe abschließende Weisheiten, dem kann die Lektüre den Erkenntnisgewinn bringen, dass man wie üblich eigentlich nichts Genaueres weiß, zumindest nichts, was nicht ursächlich einem komplexen hinterfragbaren Wissensentstehungsprozess entsprungen ist, und bereits als gegeben Akzeptiertes in Frage gestellt werden kann, zumindest sprachlich. Zahlreiche Anmerkungen, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister ermöglichen Referenzen. Interessant illustriert ist das Buch obendrein mit passenden kleinen farbigen Bildern, insbesondere Ausschnitten aus dem frühen spekulativ als von Meskalin inspiriert geltenden Zeichentrickfilm „Fantasia“.

Jeannie Moser
„Psychotropen. Eine LSD-Biographie“
264 Seiten, Konstanz University Press 2013
ISBN 978-3-86253-029-8

Rezension by Achim Zubke

Von Jörg Auf dem Hövel

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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