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Rezension Pinchbek – 2012: Die Rückkehr der gefiederten Schlange

HanfBlatt Nr. 116

Kopf aufgebrochen für 2012

Wintersonnenwende 2012 ist Stichtag für Apokalyptiker, erlösungshungrige Esoteriker und paranoide Psychotiker. Großartiges werde geschehen. Darauf deute schon der alte Maya-Kalender hin, so sagt man. In der durch Empathogen- und Psychedelika-Konsum weichgespülten Rave-Szene ging einst der rhetorisch begnadete Psilo- und DMT-Apostel Terence McKenna mit seinen Visionen von anstehenden Transformationen hausieren. Die Verifizierung blieb ihm in Folge eines tödlichen Hirntumors erspart. Nun versucht der amerikanische Journalist Daniel Pinchbek noch rechtzeitig auf diesen Wagen aufzuspringen. Mit „Breaking open the Head“ (2002) hatte er als teilnehmender Beobachter interessante Einblicke in die damalige psychedelische Szene geboten. Sein Nachfolgewerk ist dagegen ein mit Zitaten und Gedankensalat aufgeblähtes langatmiges und ermüdendes Dokument eines von esoterischem Input überladenen Suchenden der sich individuellen Impulsen folgend relativ ziel- und orientierungslos durch die Ödnis der längst noch nicht ausgestorbenen New Age-Szene treiben lässt.

Von Quantensprüngen über Ufos, Avalon und Kornkreisen bis zum heiligen Gral und den Hopis, nichts bleibt dem Leser erspart. Über seinen anstrengenden Ego-Trip vernachlässigt der Autor Frau und Kind und entdeckt die Freuden des spontanen Fremdgehens, und muss daraus gleich den Versuch der Kreation einer neuen globalen Sexualitätsphilosphie von kosmischen Dimensionen machen. Da schmunzelt selbst der Bonobo. Nun gut, die Verzettelung in esoterischem Mindfuck war schon immer eine der bedauerlichen Degenerationserscheinungen gegenkultureller Bewegungen. Am Ende landet der Autor bei der Sekte der Ayahuasca schlürfenden Daimistas in Brasilien und erhält eine Prophezeiung, die wohl der Garant für Einladungen zu kommenden Vorträgen in der Eso-Szene sein soll, direkt von der gefiederten Schlange natürlich, der alten Maya-Gottheit Quetzalcoatl, in Form einer knappen wenig originellen aber gefälligen New Age-Fusionsschau. Immerhin gibt Pinchbek zu bedenken, dass das Ganze auch einfach nur seinem aufgebrochenen Kopf entsprungen sein könnte.

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Daniel Pinchbek
„2012. Die Rückkehr der gefiederten Schlange.“
Sphinx bei Hugendubel Verlag,
Kreuzlingen/München 2007
Geb. mit Su., 480 S.
ISBN 978-3-7205-9000-6

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Rezension Jens Förster: Kleine Einführung in das Schubladendenken

HanfBlatt Nr. 113, März 2008

Schubladendenken

Mädchen rechnen schlechter als Jungen und Blondinen sind blöd. Das sind reine Vorurteile, aber sie wirken seit Jahren. Der Sozialpsychologe Jens Förster hat untersucht, wie solche Vorurteile unser Leben beeinflussen. Das Buch ist eine kleine Sensation: Anekdoten mischen sich mit wissenschaftlichen Fakten, Witze leiten über zu komplexen Analysen. Jeder kann sich angesprochen und ertappt fühlen. Das allzu menschliche wird gefeiert, beweint, auseinander genommen und wieder zusammengesetzt. Gleichzeitig kommt Förster nie oberlehrerhaft daher, vielmehr stellt er sich dem Leser – ausweislich seiner Biografie, beispielsweise singt der Professor nebenbei am Weimarer Nationaltheater – als gänzlich unprätentiösen Zeitgenossen an die Seite.
Vorurteile sind ein so umfassendes Phänomen, dass sie irgendeinen Sinn haben müssen. Förster fasst die Forschung zusammen und sagt: ohne Vorurteile können wir die Welt gar nicht erfassen und wir könnten uns selbst nicht als Mensch definieren. Warum? Weil wir die Welt sekundenschnell begreifen müssen, dabei helfen uns grobe Kategorisierungen. Ein Schwuler? Der hat Geschmack!

„Ein Vorurteil ist ein Urteil auf Grund einer vorgefertigten Einstellung gegenüber Mitgliedern einer Gruppe, die man nicht genügend kennt“, definiert Förster. Derartige Schubladen erlauben es, sich von bestimmten Gruppen abzugrenzen und damit eine eigene Identität zu entwickeln. Die Kehrseite der Medaille: Vorurteile begünstigen diskriminierendes Verhalten und neigen dazu, sich selbst zu bestätigen. Wenn beispielsweise Lehrer vorab die Information erhalten, dass Dieter klug und Elke dumm ist, wird Dieter plötzlich zu einem guten Schüler und Dieter bekommt schlechtere Noten – auch wenn es eigentlich Elke ist, die mehr auf dem Kasten hat. Fazit: Trotz der vielen Alltagsbezüge und munteren Sprache kein Buch, das man in einem Rutsch begreift. Aber die Mühe des zweimaligen Lesens lohnt sich.

Jens Förster: Kleine Einführung in das Schubladendenken. Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils.
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
2. Auflage, München 2007, DVA
ISBN-10: 3421042543
EUR 16,95

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Rezension Ingo Niermann Adriano Sack: Breites Wissen

HanfBlatt Nr. 107

Registerfreaks

In den Zeiten der Unübersichtlichkeit sollen Listen und Lexika für Ordnung sorgen. Seit Ben Schotts Sammelsurium ist der Listenwahnsinn ausgebrochen, das Buch von Ingo Niermann und Adriano Sack setzt noch einen drauf. Sie führen uns in den Kosmos des „Breiten Wissens“, der „seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer“. Auf knapp 200 Seiten folgt eine Liste nach der anderen: wer was mit welcher psychoaktiven Substanz mal angestellt hat und was sich mit den anderen noch anstellen lässt.

Auf der einen Seite ist es sicherlich Effekthascherei, eine Art „Gala“ der prominenten Kokser und User aufzuführen. Auf der anderen Seite: Bei dieser Menge an Informationen über Drogen ist es eine gewichtige Leistung der Autoren, wenig Fehler zugelassen zu haben. Von Harnsperre nach Engelstrompetenkonsum ist zwar in der Praxis wenig bekannt, auch von rektalen Kokain-Heroin-Cocktails bei Pferden träumte wohl nur Harry Anslinger. Die kürzeste Liste ist die der drogenfreien Musiker, hier steht nur der Name „Frank Zappa“ und auch das ist nicht ganz richtig, denn Zappa war zum einen die Wirkung von Marihuana wohlbekannt, er hat nur später nicht mehr gekifft, zum anderen war er starker Zigaretten-Raucher.

Das Buch durchzieht der Tonfall eines Johannes B. Kerner: „Es gibt ja Berichte, die besagen, dass sie ihre Frau schlagen. Ich sage das ja nicht, nur die Berichte. Was sagen sie dazu?“ Im vorliegenden Werk ist diese Art der anbiedernden Distanz ironisch überspitzt, dass macht den Listenirrsinn erträglicher. Die Autoren tragen viel Wissenswertes und noch mehr Anekdoten zusammen, eine Sammlung, die in dieser Form bisher nicht existiert. Hut ab!

So erfährt man viel über die Drogenaffinität der Helden des modernen Zeitalters: Filmstars, Politiker, Modemacher, Fußballspieler und deren Trainer, irgendwie scheint jeder schon mal eine Pille geworfen oder den Rüssel ins Pulver gesteckt zu haben. Aufgelistet werden die „Dämlichsten Drogenfilme“, „Wichtige Drogenhändler“, „Großartige Drogenszenen der Filmgeschichte“ (eine interessante List, nur fehlt hier aus meiner Sicht „Blueberry“ von Jan Kounen), es gibt eine Liste mit „Woran man gutes Haschisch erkennt“, eine über „Literarische Drogenklassiker“, mehrere über das Verhalten von Tieren auf Droge und eine über „Deutschsprachige Kokainlieder“. Dazu kommen Tipps wie „So faltet man ein Kokainbriefchen” oder Bauanleitungen für ein Erdloch. Das alles ist kurzweilig, da kann jedermann in der Mitte anfangen und erwischt trotzdem den Faden, denn es gibt ja keinen. Höchstens den weiteren Beweis, dass die „bösen Drogen“ inmitten der Gesellschaft angekommen sind.

Wenn man denn mäkeln will liegt das eigentliche Problem des Buches in seiner Kurzatmigkeit. Das lässt sich bei Listen zwar kaum vermeiden, wird aber hier erwähnt, damit das Buch nicht in den Ruf gerät, eine Art amüsantes Nachschlagewerk, gar ein Lexikon zu sein. Denn es ist oft nur die halbe Wahrheit, die dem Leser präsentiert wird. Wer dieses Buch liest sollte sich auf eine Reise gefasst machen, einen (Über-) Flug über ein Meeresregion – wer tauchen will, sollte eine andere Karte zur Hand nehmen.

Ein „toxikologisches Manifest“ der Autoren schließt das Buch ab. Die dort aufgeführten 10 Punkte fassen den Irrweg des „Krieges gegen die Drogen“ noch einmal hervorragend zusammen. Fazit: In Zeiten der Lexika- und Listenmanie ist das Werk ein weiteres schönes Sammelsurium, das einige Mythen aufklärt und andere erst schafft. Endlich dürfen Anekdoten und Wissenschaft miteinander spielen.

 

Ingo Niermann, Adriano Sack: Breites Wissen.
Die seltsamen Wege der Drogen und ihrer Nutzer
Eichborn Berlin Verlag 2007
180 Seiten
14,90 Euro
ISBN: 978-3-8218-5669-8

 

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Rezension T.C. Boyle – Drop City

HanfBlatt Nr. 101

T.C. Boyles Affinität zu Drogengenießern und Randgruppen ist seit „Grün ist die Hoffnung“ bekannt, nun ist mit „Drop City“ sein äußerst gelungener Roman über eine Hippie-Kommune als preiswertes Taschenbuch erschienen. Eine liebenswerte Horde von ständig bekifften und trippenden Hippies übt im sonnigen Kalifornien im Jahre 1970 das naturnahe Leben. Das ohnehin wacklige Gefüge gerät aus den Fugen, als die Polizei das Grundstück schließen will, ein Kind Orangensaft mit LSD-Zusatz trinkt und schließlich der bärtige Ober-Hippie ein Pferd überfährt und eine Massenkarambolage verursacht. Also macht sich der ganze Tross auf nach Alaska, um dort noch besser, noch freier, noch unbeschwerter zu leben. Aber sie treffen dort auf Waldläufer und andere Aussteiger, die Frauen wehren sich gegen den Sexismus innerhalb der Gruppe, in der die Männer eigentlich nur irgendjemand vögeln wollen und das Leben stellt sich auch sonst als verdammt hart heraus.
Wo Boyle in früheren Werken zu skurriler Überzeichnungen neigte, so findet er in „Drop City“ zu einem ernsthaften Stil, der auf der einen Seite den kalifornischen Traum dekonstruiert, auf der anderen Seite aber den Roman-Figuren eine skurrile Würde zuschreibt und sie nie der Lächerlichkeit Preis gibt. Und ganz im Gegensatz zu seinen anderen Romanen kittet die Liebe die vielen Wunden des eiskalten Alaskas am Ende.
Fazit: Selten wurde die subtile Grenze zwischen Idealismus und Naivität einer Generation so fein beobachtet und mit einem spannenden Abenteuerroman verwoben. Oder wie Elke H. sagen würde: Lesen!

T. C. Boyle: Drop City
Roman
592 Seiten
Verlag: DTV
ISBN: 3-423-13364-3
10 EUR

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Rezension Jeremy Narby – Intelligenz in der Natur

HanfBlatt Nr. 104

Selbst Amöbenschleim geht planvoll vor. Nicht nur der Mensch verfügt über Intelligenz, auch Tiere, Pflanzen und Bakterien treffen eigene Entscheidungen und entwickeln neue Handlungsmuster. Jeremy Narby, ein Anthropologe, der in der Schweiz, den USA und Kanada lebt, entdeckt intelligentes Verhalten überall in der Natur und präsentiert dazu überwältigendes Beweismaterial. Der „Teufelszwirn“ beispielsweise, ein Windengewächs, umschlingt andere Pflanze, taxiert deren Nährwert und entschließt sich innerhalb einer Stunde, ob er die Pflanze anzapfen oder weiterkriechen soll.

Zwischen den Vorstellungen der indigenen Heiler über die Intelligenz in der Natur und jenen der fortschrittlichen Naturwissenschaftler zeigen sich fundamentale Unterschiede, aber auch erstaunliche Parallelen. Jeremy Narby führt die außergewöhnlichen Ergebnisse aus zwei Forschungswelten zusammen und versucht die Wege zu ergründen, auf denen die Natur ihr Wissen erlangt.

Die vielen so lebhaft beschriebenen Beispiele reichen Narby aus, um von intelligentem Verhalten in der Natur auszugehen. Allerdings ist für jeden, der mit offenen Augen durch den Wald geht, die grundsätzliche Einsicht so neu nicht: Wer hat nicht schon staunend vor einem Ameisenhaufen gestanden? Schön wäre daher gewesen, wenn er einen Schritt weiter gegangen wäre und näher erklärt hätte, warum das so offensichtliche kluge Vorgehen von Tieren und Pflanzen einen solchen Schock für die westliche Wissenschaft bedeutet. Es ist unter Anthropologen und anderen Rechercheuren der subjektiven Erfahrung en voque sich jeder grundlegenden These zu entledigen und die Erzählung fließen zu lassen. Vielleicht wäre es in diesem Fall aber intelligenter (sic!) gewesen, das Buchprojekt mit einer Definition von Intelligenz zu beginnen. Gerade diese Definition ist nämlich das Kernproblem, jede Suche nach Intelligenz in Natur, Kultur, Technik oder dem Menschen steht und fällt mit ihr. Dann hätten die vielen guten Fragen in dem Buch zum Teil einer Antwort überführt werden können. Erst zum Ende führt Narby den japanischen Begriff des „chi-sei“ ein, was soviel wie „Wissensfähigkeit, Erkenntnisfähigkeit“ bedeutet. In einer für Naturliebhaber typischen Ablehnung (elektro-) technischer Entwicklungen versäumt Narby auch die Quellen der Forschung rund um die „Künstliche Intelligenz“ anzuzapfen, die jenseits transhumanistischer Phantasien viel zur Klärung des Aufbaus von Intelligenz in der Natur beiträgt (s. z.B. Pfeifer/Scheier: Understanding Intelligence).

So bleibt das Buch ein wunderbarer Parforceritt durch die Wälder Amazoniens, die Labors Japans (ein sehr guter Teil des Buches) und die Schweizer Alpen und ein immer flüssig zu lesendes Beispiel dafür, welche wirklichen Wunder diese Welt abseits von Religion und Glauben bereit hält. Und: Das Werk verortet dabei die aktuelle Forschungsergebnisse nicht nur, sondern zeigt auch auf, vor welchem kulturellen Hintergrund diese erworben wurden und welche Menschen dahinter stehen.

Jeremy Narby: Intelligenz in der Natur
Eine Spurensuche an den Grenzen des Wissens
Gebundene Ausgabe, 272 Seiten
Baden und München 2006
AT Verlag
ISBN: 3038002577
EUR 21,90

 

 

 

 

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Rezension Wolfgang Schneider: Die „sanfte“ Kontrolle, Suchtprävention als Drogenpolitik

HanfBlatt Nr. 106

Irrweg Suchtprävention

Zwei Dinge hat sich der Drogen-Wissenschaftler Wolfgang Schneider in seinem neuesten Buch vorgenommen. Zum einen will er beweisen, dass die sogenannte „Suchtprävention“, also das frühe Verhindern von Abhängigkeit, ein Irrweg der Drogenpolitik ist. Zum anderen will er die Rolle der „akzeptierenden Drogenarbeit“ in diesem Konzept der „Suchtprävention“ aufzeigen und sie aus ihren Verstrickungen damit lösen.

Teils provokant-amüsant, teil verklausuliert beschreibt Schneider die Rahmenbedingungen moderner Präventionsarbeit: Aus seiner Sicht ist der potentielle Drogenkonsument zum Objekt der Begierde fürsorglicher Kontrollstrategien degeneriert – ob er nun will oder nicht. Damit das funktioniere, so Schneider, würden häufig Gefahren und Dramen medial konstruiert, groß angelegte Kampagnen (wie „Quit the Shit“) sorgen danach für die Beruhigung der Öffentlichkeit.

Die wissenschaftlich-praktische Bewegung der „akzeptierenden Drogenarbeit“, zu dessen Vertretern Schneider gehört, setzt seit den 80er Jahren das Augenmerk nicht auf „Prävention durch Verbot“, sondern auf die Verbesserung der Lebenssituation von Drogenabhängigen bei gleichzeitiger allgemeiner Akzeptanz des Drogenkonsums. Schneider nutzt das Buch zu einem Fazit der Erfolge dieser Bewegung und weist die Nachteile deren Institutionalisierung nach.

Mittlerweile, so Schneider, sei die ausufernde Drogenhilfeindustrie zu einem Teil des irrationalen Drogen-Moralsystems geworden, in dem primär pathologisiert, kriminalisiert und dramatisiert würde. Am Anfang stehe meist die Angst der betroffenen Eltern, jeder dann jugendschützerische Immunisierungsversuch würde begierig aufgenommen, bei den Jugendlichen allerdings führe diese negative Propaganda zu keiner Änderung am Konsumverhalten. Aus Schneiders Sicht leidet herkömmliche Suchtprävention unter ihrer Fixierung auf Gefährdungen und Risiken, ohne auch nur die positiven Momenten des Konsums zu erwähnen.

Credo seiner Überlegungen ist daher die völlige Aufgabe des Begriffs der (Sucht-) Prävention, denn dieser sei durch den „stets negativ-moralischen Beigeschmack“ diskreditiert. Er möchte zukünftig von lieber (und etwas holprig) von einer „akzeptanzorientierten, moderierenden Drogenverbraucherbegleitung zur Stützung genussfähiger Gebrauchskompetenz“ sprechen. Schneider hofft auf eine Umorientierung dahin gehend, dass die Genüsse nicht als Belohnung für irgendwelche Anstrengungen und Kämpfe, sondern als, und hier zitiert er Heiko Ernst, „der eigentliche Sinn des Lebens“ zu betrachten sind. Dieser Satz ist mutig und geht weit über den vorher im Buch erarbeiteten Wissensstand hinaus.

Insgesamt betreibt Schneider eine Entblößung der aktuellen Drogenpolitik und entwirft ein Gegenmodell genussorientierter, selbst bemächtigender Regeln für jedermann. Das alles ist nicht immer einfach zu lesen, gleichwohl einer wichtiger Beitrag zur Entwirrung des festgezurrten Pakets herkömmlicher Drogenpolitik, die aus jedem Konsumenten noch immer eine arme Wurst zu machen sucht.

Wolfgang Schneider: Die „sanfte“ Kontrolle
Suchtprävention als Drogenpolitik
VWB Verlag
Berlin 2006
96 Seiten
EUR 15,00
ISBN 3-86135-256-7

 

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Rezension zu Timmerberg: Shiva Moon

HanfBlatt Nr. 105

Heiss auf Erleuchtung

Klolektüre. Und das soll nicht despektierlich klingen. Ich konnte das Buch halt einfach nicht mehr aus der Hand legen. Helge Timmerberg reist mit Raketenantrieb durch das gelobte Land. Satzstakkatos. Der Trip eines Mannes, der in Würde altern will. Als 17-Jähriger, 1969, schon einmal in Indien gewesen, damals „heiß auf Erleuchtung“, sucht er dieses Mal, tja, was sucht er? Nix, außer das wundern über Menschen und die ewige Frage: Was geht hier ab?

Vielleicht brauchte der Nomade nach einem seiner letzten Bücher mit Namen „Schneekönig“, das er zusammen mit dem ehemaligen Kokain-Händler Ronald Miehling verfasst hatte (s. HB Nr. 83), einen Tapetenwechsel. So oder so: Timmerbergs Reisebericht ist für alle ehemaligen und zukünftigen Indien-Reisende stressfreie Lektüre, denn so kurzweilig schafft es kaum einer über ein Land zu berichten und dabei die persönlich-humoreske Sicht auf die Gesellschaft im Vordergrund zu halten. Ja, ja, wer’s hören will: kurzweilig heißt hier auch sprunghaft. Leichter Gonzo-Journalismus ohne politischen Tiefenschmerz, Hunter S. Thompson hätte ihn sicher von der Farm gejagt. Hui, das ist jetzt doof, gilt Timmerberg doch manchem Blatt als deutsche Dependence des verstorbenen US-Autors Thompson.

Timmerberg, 54, trägt uns von der Quelle des heiligen Flusses Ganges bis zur Mündung im Golf von Bengalen, immer selbstironisch, immer erregt.

Lassen wir Meister Timmerberg lieber selbst zu Wort kommen, das gibt die beste Grundlage für die Entscheidung, das Buch zu kaufen oder zu verschenken: „Der Guru, so viel verstehe ich, hat eine schöne Schrift. Und das sind schöne Wörter. Das ist Sanskrit. Das Latein Indiens. Die alte Sprache. ‚Mantras‘, sagt er. ‚Du weißt, was das ist?‘ Mantras sind Wörter, die doppelt wirken. Inhaltlich wie akustisch. Sanskrit hat es fertiggebracht, dass der Klang des Wortes genau das mit dir macht, was es bezeichnet. ‚Shanti‘ etwa heißt Frieden. Wenn du hundertachtmal hintereinander ‚Shanti‘ sagst, fühlst du den Frieden. Es ist ähnlich wie mit der Musik. Ein Ton hat Macht. Er verändert Stimmungen. Erzeugt Schwingungen. Er kann entspannen, erregen, Angst auflösen. Ich kann das bestätigen. Ich habe vor etwa drei Jahren von einem Sadhu in Nepal ein Mantra gegen Angst bekommen. Kleines Geschenk mit großer Wirkung. Was immer mich ängstigt, ob Mensch, Tier oder Türsteher, ich brauche nur dieses Mantra zu murmeln, und die Angst löst sich wie Brausepulver auf.“

Helge Timmerberg: Shiva Moon.
Eine Reise durch Indien
Rowohlt Berlin 2006
256 Seiten, gebunden
ISBN: 3871345415
EUR: 17,90

 

 

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Buch: Abenteuer Künstliche Intelligenz Bücher Künstliche Intelligenz

FAZ Rezension Joerg Auf dem Hoevel Abenteuer Kuenstliche Intelligenz

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BUCHBESPRECHUNG

Was ist Intelligenz?

13. Mai 2003 Es ist ein uralter Wunsch des Menschen, eine „intelligente“ Maschine zu bauen, die denkt, fühlt, redet und sich selbst erkennt. Diese Vorstellung birgt ebensoviel Schrecken wie Faszination. Können Maschinen überhaupt „denken“ oder Computerprogramme so etwas wie ein Bewußtsein entwickeln? Ist Bewußtsein die Voraussetzung für Intelligenz? Wer sich auf das „Abenteuer Künstliche Intelligenz“ einläßt, wird schnell mit einer ganzen Reihe philosophischer Fragen konfrontiert. Einfache Antworten gibt Jörg auf dem Hövel nicht – wohl aber eine Reihe ebenso geistreicher wie amüsanter Denkanstöße. Auf dem Hövels spannende Reise folgt den Spuren der Künstlichen Intelligenz (KI) von ihren Anfängen bis heute. Anschaulich und unterhaltsam eröffnet er dem Leser einen Blick in die Forschungslabore. Noch fallen die Ergebnisse bescheiden aus. Der Faszination des Themas tut dies jedoch keinen Abbruch. Die frühen Pioniere der KI wie Alan Turing, Claude Shannon oder Norbert Wiener stellten die rationale Intelligenz in den Vordergrund und entwickelten erstaunlich „intelligente“ Schachcomputer. Viele alltägliche Dinge – wie etwa das Überqueren einer Straße – sind jedoch eine komplizierte Abfolge koordinierter Aktivitäten. Beim Versuch, diese Abläufe detailliert zu berechnen, scheitert der rein rationale KI-Ansatz an den Grenzen der Rechenleistung. Erst in den achtziger und neunziger Jahren entdeckten die Forscher den Körper als Träger einer eigenen Intelligenz. Trotzdem weiß bis heute niemand, wie menschliche Intelligenz funktioniert. Aber das sich mehrende Wissen schürt die Hoffnung der KI-Anhänger, daß ihre Rekonstruktion der Intelligenz in greifbare Nähe rückt. Mit der Konstruktion denkender Maschinen will der Mensch vor allem sich selbst erkennen. Paradox ist allerdings, daß er mit der Erschaffung eines Ebenbilds gleichzeitig die Einzigartigkeit seines Menschseins zerstört: Auf dem Hövel hat ein lehrreiches Buch mit vielen Anhaltspunkten zum Nachdenken geschrieben, das auch für den Technik-Laien verständlich ist.

MICHAEL SPEHR

FAZ vom 13. Mai 2003