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Psychoaktive Substanzen Rezensionen

Über das wichtige und aktuelle Werk von Martin Krieger zur Geschichte des Tees

Rezension von az (Achim Zubke)

Zahlreiche mitunter schön illustrierte und anekdotenreiche Bücher wurden im Laufe der Zeit über das Genussmittel Tee und seine Geschichte geschrieben. Manche oft englischsprachige Werke widmen sich detailliert Teilthemen oder sind umfangreich und kostspielig. Wissenschaftlich hat sich auch in letzter Zeit noch und hierzulande Einiges getan.

Der Kieler Historiker Martin Krieger hat u.a. zu den Themen Kaffee und Tee geforscht und bereits 2009 eine Kulturgeschichte des Tees veröffentlicht. Jetzt (2021) ist von ihm ein aktuelles Werk zur Geschichte des Tees erschienen, das sowohl neue internationale Erkenntnisse, als auch Forschungen im deutschsprachigen Raum berücksichtigt.

Die Einleitung des Buches eröffnet den Blick auf die bisherige Teegeschichtsforschung und wichtige Quellen.

Im ersten Kapitel geht es um die abenteuerliche Geschichte der Klärung von botanischer Identität, Verwandtschaft und Herkunft der Teepflanze. Wie bei vielen anderen angebauten Nutzpflanzen ist jenseits von Mythen nichts Genaues über seine Erstkultivierung bekannt. Er stammt wahrscheinlich ursprünglich aus einer Region, die dem heutigen Südwesten Chinas und angrenzender Länder entspricht. Tee gehört zu den Pflanzen, von denen man nicht weiß, ob es heute überhaupt irgendwo noch echte wilde Pflanzen gibt oder vermeintliche Wildpflanzen tatsächlich von Kultivaren abstammen. Genetische Untersuchungen werfen aktuell und wahrscheinlich noch zunehmend neues Licht auf Verwandtschaften und Ursprünge.

Im zweiten Kapitel wird beleuchtet, was wir jenseits von Mythen relativ sicher vor Allem aus literarischen Quellen über die Geschichte der Verarbeitung und Zubereitung des Tees in China und Japan wissen. Korea, das dritte von den heutigen Ländern mit der längsten dokumentierten Teekultur, aber in der gängigen Teeliteratur für die internationale Ausbreitung historisch als weniger bedeutend angesehen, wird hier nicht genauer untersucht. Auch in den historisch unter dem Einfluss Chinas stehenden südostasiatischen Nachbarkulturen wurde bereits früh Tee als Getränk eingeführt oder lokal möglicherweise schon genutzt, so im heutigen Vietnam. Auch diese interessanten wohl auch noch nicht ausreichend erforschten historischen Bezüge finden hier keine nähere Betrachtung.

Im dritten Kapitel beschreibt der Autor die Diversifizierung der Teesorten und ihrer Zubereitung in China, dem ersten Zentrum für Teeanbau, und einen präkolonialen intra-asiatischen Handel, ausgehend vom wohl ursprünglichsten unter Hitze getrockneten und gepressten Tee, der analog zum heutigen Matcha zubereitet wurde, hin zu grünem Blatttee und wohl erst relativ spät teilfermentiertem Oolong und bei steigender Nachfrage besonders westlicher Länder fermentiertem schwarzen Tee. Er weist auf die asiatischen Handelswege hin, insbesondere die Seewege bis nach Persien, und erwähnt auch die Seidenstraße nach Zentralasien und den Austauschhandel Tee gegen Pferde, geht aber nicht genauer auf die Teepfade ein.

Im vierten Kapitel erfährt man, wie sich über europäische Handelskontakte in Asien, insbesondere durch portugiesische Jesuiten und Kaufleute und Angestellte der niederländischen Ostindienkompanie mit zahlreichen in ihrem Dienst stehenden Deutschen und hier besonders aus Japan bis ins 17. Jahrhundert das Wissen vom Tee als Getränk und Heilmittel und schließlich die Teepflanze über verschiedene Publikationen und vermutlich auch über nicht dokumentierte Berichte in Europa vermehrte.

In der Zeit als chinesischer und japanischer Tee bereits als Luxusgut aus dem intra-asiatischen Seehandel unter anderen damals noch bedeutenderen Waren nach Europa mitgebracht wurde, wuchs ab den 1660er Jahren die Zahl der Publikationen, die sich mit Tee beschäftigten. Insbesondere wurden medizinische Wirkungen diskutiert. Darum geht es im fünften Kapitel. Interessant, dass ein dänischer Forscher anhand der Optik ihm vorliegender Teeblätter vermutete, dass es sich bei Tee um den nordeuropäischen Gagelstrauch („Porst“, „Porse“, botanisch heute Myrica gale) handeln könne, den man in Nordeuropa als Bierzusatz kannte.

Im sechsten Kapitel erläutert der Autor wie der Tee, wie auch das für dessen Konsum erforderliche Geschirr, über die konkurrierenden Ostindienkompanien bei steigender Nachfrage in Europa und durch nunmehr auch direkten Export über den chinesischen Hafen Kanton im 18. Jahrhundert zum bedeutenden Handelsgut wird.

Den Spuren der Verbreitung des Teegenusses und des Teehandels in Europa und den USA mit Schwerpunkt Großbritannien im 17. und 18. Jahrhundert folgt das siebente Kapitel. Hierzu gibt es anscheinend besonders viele Geschichten und Mythen. Die Ausbreitung des Tees verlief parallel zu bzw. folgte der des Kaffees. Dementsprechend wurde er zuerst nicht nur von Wohlhabenden privat, sondern auch in Kaffeehäusern ausgeschenkt. Extra angefertigte Teetische ermöglichten auch den Konsum auf „Teaparties“, sogar im Außenbereich. Die vielleicht aus Asien stammende Sitte der Zugabe von Zucker beeinflusste das Kolonialwesen und die von Milch beförderte die lokale Rinderzucht im Umfeld der Städte.

In Deutschland verbreitete sich der Teegenuss vom Ende des 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts als Alternative zum Kaffee insbesondere in Norddeutschland über Hafenstädte wie Hamburg und Regionen mit guten Handelskontakten in die Niederlande. Auch Seeleute brachten wahrscheinlich ihre Kenntnisse von Tee als Genussmittel mit. So etablierte sich der Teekonsum ausgehend von wirtschaftlich privilegierten Kreisen, über die Braunschweiger Messe, sowie Adelige und gesellschaftliche Eliten, wie in Weimar. Import und lokale Produktion von repräsentativen Teeutensilien nahmen zu. Entgegen heutigen Mythen wurde in Ostfriesland von den gleichen Konsumenten auch Kaffee und das mengenmäßig mehr als Tee getrunken. Darauf weist der Autor hin. Auch Alkohol wurde konsumiert. Wie es sich mit Tabak in Relation zum Teekonsum und dem von Kaffee und Schokolade verhielt, ist auch ein interessantes Thema. Mythen um regional oder in Subkulturen angeblich reinen Konsum nur eines bestimmten Genussmittels, sowie auch der Mythos von den Coffein-Drogen als den Alkoholrausch verdrängende alternative Ernüchterer am historischen Übergang in die Industrialisierung und schließlich die Moderne erfüllen in Bezug auf ideologisch begründete Sichtweisen bestimmte Funktionen, müssten aber wissenschaftlich noch einmal revisitiert und genauer untersucht werden. In der Vermarktung und Anpreisung von Psychoaktiva, wie auch in deren Verteufelung waren und sind vereinfachte Sichtweisen populär und etablieren sich so auch in wissenschaftlichen Kreisen zumindest fragmentarisch leicht als Mainstream. Der Autor widersetzt sich voreiligen Schlüssen und ermuntert so mit seiner Arbeit zu tieferer wissenschaftlicher Recherche, auch, wenn die historische Realität so am Ende komplexer und vielleicht auch nicht leicht unter einfachen Thesen subsumierbar erscheinen mag. Das sind von mir herausgestellte Aspekte, die man, durch das achte Kapitel angeregt, subjektiv schlussfolgern könnte.

Im neunten Kapitel geht es um die Bemühungen, die Teepflanze aus China und Japan heraus zu bekommen, um sie anderenorts anzubauen. Es gelang zuerst 1825 den Niederländern mittels der Hilfe eines deutschen Arztes aus japanischem Saatgut Tee auf Java anzupflanzen. Im nepalesischen Kathmandu wurden von einem Briten Teepflanzen entdeckt. Aber erst als in Assam eine lokale im Tiefland gedeihende Teevarietät entdeckt wurde, begannen auf dieser Basis Bemühungen im britisch kolonialisierten Indien kommerziell Tee anzubauen. Um die negative Handelsbilanz mit China zu kompensieren, gerade auch in Bezug auf Tee, der mit Silber bezahlt wurde, hatten insbesondere die Briten begonnen, das Land mit günstig in Indien produziertem rauchbarem Opium zu versorgen, dessen Konsum sich in China stark verbreitete. Chinesische Regierungsversuche dies zu unterbinden, mündeten in zwei Opiumkriege, die von den Briten und westlichen Verbündeten gewonnen wurden, und von China die Abtretung einiger Städte und Regionen und die Öffnung für den internationalen Handel erzwangen. In der Folge gelang es britischen Expeditionen Mitte des 19. Jahrhunderts chinesische Teepflanzen in einem Akt, den man heute als Biopiraterie bezeichnen würde, zu exportieren und einige chinesische Teeexperten zu werben, die Basis für erfolgreichen Anbau mit Produktion grünen Tees in Indien. In der Zwischenzeit hatte sich der internationale Handel durch die Einführung schneller Schiffe wie der Tea-Clipper beschleunigt und brachte so nach Europa und Amerika frischeren Tee zu den Händlern auf die Märkte und schließlich zu den Verbrauchern.

Mitte des 19. Jahrhunderts nahm im britisch kolonialisierten Indien der Teeanbau Fahrt auf. Es wurden mit Hilfe lokaler und chinesischer Sorten und Kreuzungen und europäischer Investoren und Pflanzer Anbaugebiete in Assam, Darjeeling und den südindischen Bergen erschlossen. Dafür wurden Wälder gerodet, Einheimische marginalisiert, auszubeutende Teearbeiter in die Anbauregionen gelockt, die mit Hilfe von Eisenbahnen infrastrukturell an die Märkte angebunden wurden. Die Verarbeitung zu in Europa besonders nachgefragtem Schwarztee wurde zunehmend mechanisiert und standardisiert. Auch auf der niederländisch kolonialisierten Insel Java folgte man diesen Innovationen und Expansionen. Nach dem in Folge einer Pflanzenkrankheit auf Ceylon zusammen brechenden Kaffeeanbaus gewann auch die von den Briten beherrschte Insel einen wichtigen Status in der Teeproduktion. Teeanbau wurde zudem in Ostafrika und anderenorts etabliert. Der Handelsweg von Asien und Ostafrika nach Europa verkürzte sich schließlich durch Aufkommen der Dampfschifffahrt und den Bau des Suezkanals. In China mit verbreiteter Kleinproduktion und vielen Zwischenhändlern sank dagegen die Qualität des Tees, und die lokale Ökonomie zeigte sich den durch die Konkurrenz erwachsenen Anforderungen gegenüber immer weniger gewachsen. Russland blieb ein Abnehmer. Um diese Entwicklungen geht es im zehnten Kapitel.

Der internationale Teehandel explodierte unter den neuen Bedingungen. Tee war vom Luxusgut zur Massenware geworden. Die Entwicklung von Marken, Marketing, Versandhandel und der Teebeutel-Maschine hatten daran ihren Anteil. Zwar war Großbritannien das Zentrum des Teehandels, aber ab Entstehung des Kaiserreichs 1871 erhielt der Teehandel auch in Deutschland einen Schub. Erst jetzt wurde in Ostfriesland Tee in einem Umfang konsumiert, dass er zum Identifikation stiftenden Kulturgut wurde. Hamburg wurde der wichtigste deutsche Umschlagplatz für Tee. Die folgenden Entwicklungen mit Markenbildung, Ersatzmitteln während des 1. Weltkrieges, Inflationszeit in der Weimarer Republik, Stabilisierung in den folgenden Jahren, Einschränkungen des Teehandels während der nationalsozialistischen Diktatur, Unterbrechung während des von Deutschland vorbereiteten und angezettelten Zweiten Weltkrieges, Wiederverwertung bereits aufgebrühten Tees in der britischen Besatzungszone der Nachkriegszeit und Neukonstituierung des Teehandels in der demokratischen Bundesrepublik, aber auch in kleinerem Umfang in der sozialistischen DDR-Diktatur werden im elften Kapitel geschildert.

Im Schlusskapitel stellt der Autor noch einmal heraus, dass Tee in der Vergangenheit bei mangelndem Wissen über seine Herkunft und Qualität nicht so ein Naturprodukt war, wie es Konsumenten heute gerne hätten. Tee wurde obendrein in mit Blei ausgeschlagenen Kisten transportiert, mitunter verfälscht oder mit giftigen Farbstoffen optisch aufgewertet, und war langen Seereisen ausgesetzt. Erst mittels der Entwicklungen im 19. Jahrhundert erhielten die Verbraucher ein qualitativ zuverlässiges Produkt, oft unter Markennamen. Die Wurzeln des Bildes vom Tee und der Kultur um seinen Genuss hierzulande liegen in Ostasien. Heute haben wir eine Vielfalt an Teeprodukten, eine hohe Verfügbarkeit diverser Qualitäten und Angebote schnellen, sowie kultivierten Genusses. Der Teemarkt wird allerdings dominiert von großen Unternehmen. Hier gibt der Autor einen Überblick über die aktuelle Situation und wirft auch einen kurzen Blick auf Probleme wie den Einsatz von Pestiziden und die problematische Situation von Teearbeitern in den Herkunftsländern.

In einem Anmerkungsverzeichnis finden sich die nummerierten Quellenangaben für die einzelnen Kapitel. Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis regt zu weiterer Recherche und Kenntnisvertiefung an. Zu den Schwarz-Weiß-Abbildungen, die den Text zwischendurch auflockern und begleiten, folgt dann noch ein entsprechendes Herkunftsverzeichnis. Ein Register ermöglicht bei späterer zur Handnahme des Werkes das Wiederfinden wichtiger Persönlichkeiten und Themen.

Zusammenfassend lässt sich schlussfolgern: Ein ansprechend aufgemachtes, in Anbetracht der vorgelegten faktischen Fülle sehr gut lesbares aktuelles und wissenschaftlich fundiertes deutschsprachiges Werk ideal für einen bereits tiefen Einstieg in die Kulturgeschichte des Tees, aber auch eine unverzichtbare Bereicherung für jeden belesenen an hoher Informationsdichte interessierten Teekenner zur Rekapitulation, Korrektur und Erweiterung seines teehistorischen Wissens, das zu weiterer Beschäftigung mit Fragen zum Thema Teegeschichte anregt.

 

Martin Krieger
Geschichte des Tees.
Anbau, Handel und globale Genusskulturen
Böhlau Verlag, Wien Köln 2021
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
ISBN 978-3-412-52204-9

Gebunden, Lesebändchen, 302 Seiten, 38 SW-Abb.

 

 

 

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Reisen

Reisen und Natur: Länder, Menschen, Orte

Zwischen 1997 und heute veröffentlichte Artikel – eine Auswahl

Sturmumtost (10/2010)
Mit dem Sachverständigen Harry Käding in die Pilze

Europas größter Gletscher schmilzt (pdf, 2.5mb) (Hamburger Abendblatt v. 4./5. August 2007)
Eine Reportage vom Schweizer Aletsch-Gletscher

Die Allerschönste (Petra, März 2006)
Die Mystik von Santorin

Der dampfende Dolmen (Outdoor 3/2005)
Hünengräber, Langbetten, Dolmen: Auf Urkult-Tour in Norddeutschland

Tradition in Muerren  (Snowboarder 11/2003)
Im Inferno-Rennen wird die Geburt des alpinen Skisports gefeiert

Fincas im Hinterland
Gesucht und gefunden: Das andere Mallorca

Experimental Travel (html oder pdf) (Woman, November 2005)
Zwei Menschen wollen sich in New York wiederfinden

Reif für 115 Inseln (Petra, August 2004)
Traumhaft, naturverbunden, einsam, teuer: Die Seychellen

Helios auf der Spur
Alte Begegnungen auf den griechischen Kykladen

Worm Attack
Auf Tour im Regenwald von Costa Rica

Der erste entsetzte Tuk-Tuk Fahrer
Bangkok ganz oben

Hanf im Reisfeld
Seltsames in Vietnam

Fluss der Alligatoren  (Kanu Sport, 12/1997)
Auf dem Suwanne-River in Florida

 

 

 

 

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Elektronische Kultur Reisen

Die sozialistischen Staaten und das Internet

Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.01.2003

Gehemmter Cyber-Sozialismus

Wie passen sozialistische Werte und die elektronische Modernisierung des Staates zusammen? Die sozialistischen Staaten streiten um den Umgang mit dem Internet.

Nha Trang ist keine Schönheit, Hotelbauten verschandeln die Strandpromenade der rund eine viertel Million Einwohner zählenden Stadt an der Ostküste von Zentralvietnam. Durch die breiten Straßen knattern unzählige Mopeds, zunehmend auch Autos und immer weniger Fahrräder. In den gläsernen Hotels begegnen sich junge Unternehmer und Parteifunktionäre, in den Straßen hängen neben Coca Cola-Schildern vergilbte Plakate, die an Volksgesundheit und sozialistische Tugenden erinnern. Auf kaum einen anderen Bereich wirkt sich die Gemengelage aus Marktwirtschaft und Sozialismus aber so offensichtlich aus wie auf die Telekommunikationspolitik des Landes. Das Internet soll den ökonomischen Aufschwung bringen, allerdings nicht die als degeneriert erachteten westlichen Werte. Mit diesem Spagat zwischen Zensur und telekommunikativ angeregten Wirtschaftswachstum steht Vietnam nicht alleine.

Erst seit Ende 1997 ist das Land an das Internet angeschlossen, wobei der gesamte Datenverkehr über zwei Server läuft, die in Hanoi und Ho Chi Minh Stadt, dem ehemaligen Saigon, stehen. Diese Zentralisierung ist kein Zufall, ermöglicht sie doch die effektive Kontrolle des Datenflusses. Nur die Vietnam Data Communications (VDC), eine 100prozentige Tochter der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft VNPT (Vietnam Post & Telecommunications Corporation) ist in Besitz einer Lizenz anderen Firmen den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Strassenschild ins Nha Trang
Straßenschild ins Nha Trang

Zur Zeit verfügt das Land über genau vier solcher Internet Service Provider. Diese führen ihre Betriebe unter restriktiven Bedingungen. Sie müssen dafür sorgen, dass bestimmte Adressen im ausländischen Internet aus Vietnam heraus nicht zu erreichen sind. Dies dient zum einen der Sperrung von Websites vietnamesischer Dissidenten, zum anderen soll so der weiteren „Indoktrination der Bevölkerung“ Einhalt geboten werden. Nach Angaben der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ werden rund 2000 Webseiten blockiert.

Eine der Homepages, die ganz oben auf der Liste der VDC steht, ist die der „Allianz Freies Vietnam“. Die Organisation von Exil-Vietnamesen setzt sich für die Demokratisierung des Heimatlandes ein und bemüht sich unter anderem den Informationsfluss aufrecht zu erhalten. „Politische Nachrichten und kritische Stimmen aus Vietnam werden von uns gesammelt und wieder ins Land zurück geschickt, um so Informationssperren und Zensur der Regierung zu umgehen“, erklärt H. Tran, außenpolitischer Sprecher der Organisation in Deutschland. Das Internet biete hierfür ideale Bedingungen, und mit dem anwachsenden Datenaufkommen wird die Kontrolle der Inhalte immer schwieriger. An den zwei Gateways ins Ausland ist seinen Aussagen nach eine Schnüffelsoftware installiert, die einkommende und ausgehende elektronischen Briefe auf verdächtige Inhalte überprüft.

Diktaturen und andere Regierungen ohne demokratische Basis haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zum freien Informationsfluss. So wird im benachbarten China der Zugang ins Web noch restriktiver gehalten. Wer ins Internet will, muss seinen Anschluss an die weite Welt bei gleich mehreren staatlichen Stellen registrieren lassen. In den Großstädten florieren legale und und vor allem illegale Internet-Cafes. Aber auch dort sind Botschaften aus und in die weite Welt nicht gewährleistet, unterliegt doch das einzige Gateway ins Ausland der Kontrolle des chinesischen Postministeriums. Je nach politischer Großwetterlage und Gutdünken der Parteiführer sind Seiten der britischen BBC oder der Nachrichtenagentur Reuters zuweilen erreichbar, zuweilen gesperrt.

Auch Länder wie der Iran, Yemen und Saudi-Arabien suchen die negativen Aspekte des Internet von seinen Bürgern fernzuhalten. Speziell eingesetzte Gremien legen in Abständen fest, welche Seiten als „unmoralisch“ gelten oder aber die politischen und religiösen Werte des Landes verletzen. Ländern wie Libyen und Irak gähnen gar als schwarze Löcher im Netzraum – in ihnen existiert für die Öffentlichkeit kein Zugang zum Internet.

Die IuK-Politik dieser Länder gleicht sich: Man ist um die Hegemonie seiner Informationspolitik bemüht, weiß aber zugleich, dass die ökonomischen Reformen vom Wachstum des Technologiesektors abhängig sind. Aber: Das Informationsmonopol ist unter den Bedingungen der IuK-unterstützen Marktwirtschaft kaum zu halten. Die Begriffe „nationale Sicherheit“ und „wirtschaftliche Internationalisierung“ stehen für diese Quadratur des Kreises.

Um dennoch Wachstumsschübe durch Datenaustausch zu gewährleisten setzen Alleinherrscher und Parteiführer auf Kontrolle auf drei Ebenen: Zum einen unterliegt der wachsende Telekommunikationsmarkt staatlicher Aufsicht, zum anderen wird der Datenaustausch innerhalb des Landes und vor allem mit dem Ausland überwacht. Als drittes Standbein setzen einige Regimes zudem noch auf die Überwachung der Internet-Nutzer. Alle diese Maßnahmen drohen aber entweder am technischen oder personellen Mangel zu scheitern.

Im Westen hofft man noch immer auf das umfassende Demokratisierungspotential des Internet, einem Medium, welches nicht nur einseitige Kommunikation vom Sender zum Empfänger ermöglicht, sondern in welchem jeder zum Sender werden kann. Aber die Theorie der „Demokratisierung durch die Steckdose“ funktioniert nur, wenn Alphabetisierung und technische Infrastruktur gleichermaßen ausgebaut sind. In China besitzen aber nicht einmal 8 Prozent der Haushalte einen Telefonanschluss, von einem PC mit Internet-Connection ganz zu schweigen. In Vietnam haben rund 170 Tausend Vietnamesen einen eigenen Zugang zum Netz der Netze, das sind 0,2 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland sind 43 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren online.

Selbst bei einem weiterhin rasant prosperierenden IuK-Markt wäre es verfehlt allzu hohe Erwartungen in die freiheitsbringende Kraft des Internet zu setzen. Ob Vietnam, China, Saudi-Arabien oder Kuba: Die Idee, dass jeder Bürger uneingeschränkten Zugriff auf ausländische Informationen hat, kommt für die Lenker und Denker im Staat einer Schreckensvision gleich. Und so übt sich die Politik in einer ständigen „Ja-aber Taktik“. Dazu kommt, dass das Potential der Demokratiebewegungen in diesen Länder im Westen oft überschätzt wird. Ein Großteil der Bürger Vietnam und China steht westlichen Demokratievorstellungen gleichgültig oder skeptisch gegenüber.vietnam12

Unzufriedenheit in der Bevölkerung erregt allenfalls die weit verbreitete Korruption und Behördenwillkür. Damit fordern sie wie die ausländischen Investoren, ohne die der Ausbau der Telekommunikationsnetze nicht zu bewältigen ist, den Rechtsstaat. Ohne Rechtssicherheit wagt sich kein Unternehmen ins Land. Die „sozialistische Marktwirtschaft“ bringt einen neuen, selbstbewussten Mittelstand hervor, der sein Augenmerk weniger auf freie Meinungsäußerung als auf berechenbare und nachvollziehbare Entscheidungen des Staates legt. Der Wunsch nach einer Begrenzung der Kreise bestechlicher Beamter und das aufblühende Geschäftsleben werden zukünftig Hand in Hand gehen. Zugleich wird mit dem verschleppten, aber steten Wachstum der virtuellen Netze die Möglichkeiten der Zensur schrumpfen.

Jörg Auf dem Hövel