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Rezension zu „Cannabis Global Histories“. Wichtige Berichte zur Cannabis-Geschichte

Das vorliegende Buch vereint auf Basis einer Konferenz in Glasgow im Jahr 2018 mit gleichnamigem Titel bedeutende Beiträge führender Cannabis-Historiker zur hochinteressanten vor Allem sozialen und drogenpolitischen Geschichte des psychoaktiven Hanfs.

David A. Guba Jr. beschreibt die Medizinalisierung von Rauschhanf im Frankreich des 19. Jahrhundert und fasst damit wichtige Aspekte seines eigenen umfangreichen und wichtigen Buches „Taming Cannabis“ zusammen.

Peter Hynd dokumentiert die Rauschhanfkontrolle mittels Lizenzierung, Besteuerung und Schwarzmarktbekämpfung im britisch-kolonialen Indien, die an heutige Konzepte in den USA und Kanada erinnert.

Jamie Banks erläutert den Kontext damaliger Ansichten einiger Mediziner zum Rauschhanfkonsum vor Allem im britisch-kolonialen Trinidad und in Guiana, wo dieser, wie auch in Jamaika und Mauritius von Indern eingeführt wurde, die nach dem Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert in der Karibik als Vertragsarbeiter angesiedelt wurden. Diese konstruierten bzw. sahen den Cannabiskonsum im Zusammenhang stehend mit Fällen von Wahnsinn („Ganja Madness“) und Gewalttätigkeiten, was andere koloniale Ärzte aus ihren umfangreichen Erfahrungen nicht bestätigen konnten.

Thembisa Waetjen belegt, dass bis Anfang des 19. Jahrhunderts in den Diskussionen um kontrollierende und prohibitive Maßnahmen bezüglich des südafrikanischen Cannabiskonsums ganz unterschiedliche Einstellungen diverser Interessengruppen eine Rolle spielten. Buren bauten „Dagga“ lukrativ an, Goldminenbetreiber tolerierten den Konsum, hielten ihn für harmlos, sozial stabilisierend und womöglich gesundheitsfördernd, Verwaltungsbeamte sahen keinen Grund, ihn als Tradition der armen Landbevölkerung zu verbieten, beim African National Congress sah man ihn als Modernitätshindernis, manche alte Raucher sahen ihn nicht gerne bei Kindern und Frauen, Apotheker wollten den Handel gerne für sich monopolisieren etc.. Nichtsdestotrotz hatte man unter dem Einfluss sporadischer medialer rassistischer Panikmache in den weißen Medien und Dramatisierungen einzelner weißer medizinischer und bäuerlicher Interessengruppen bereits 1916 Verbote von „Indischem Hanf“ in einen lokalen aber noch nicht verabschiedeten Gesetzesentwurf aufgenommen. Eine rassistische Panikkampagne in weißen Medien ab 1921 führte schließlich im Jahr 1922 dazu, dass man in der Folge von der gerade besonders gewaltsam Kontrolle ausübenden Regierungsseite aus, Cannabis zu einer gefährlichen suchterzeugenden Droge erklärte, ein Cannabis-Verbot implementierte und sich 1923 beim Völkerbund für eine weltweite Cannabis-Prohibition einsetzte, die dann besonders unter dem Einfluss des britisch kontrollierten Ägyptens 1925 in Genf international beschlossen und 1928 gültig wurde, während in der Folge in der südafrikanischen Praxis das Verbot bei willkürlicher Durchsetzung zu einem florierenden Schwarzmarkt führte.

Haggai Ram, der mit „Intoxicating Zion“ ein wertvolles Buch über die Geschichte von Cannabis in Israel geschrieben hat, weist auf die Bedeutung des Völkerbundes als Organ der imperialistischen und kolonialen Mächte bei der Verbreitung von Ansichten zur internationalen Durchsetzung ihres Cannabisverbots hin. Die Verantwortlichen bedienten sich dabei vor Allem bereits vorhandener rassistischer Klischees, wie der Legende von den Assassinen, dem vermeintlichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Entstehung von Wahnsinn und Gewaltausbrüchen, der angeblichen besonderen Anfälligkeit von „Orientalen“ für „Haschisch“ als ein erotisierendes „Laster“, das dazu beitrage, eine fortschrittsfeindliche ärmliche und kränkliche Lebensweise zu perpetuieren und mit dem kritisch gesehenen zunehmenden Konsum unter nordamerikanischen Menschen einer zunächst unterstellten vermeintlich geringeren Anfälligkeit von „zivilisierten“ weißen Menschen für fatale Cannabiswirkungen. Diese Mythen wurden in den 1930ern in den USA, die nicht zum Völkerbund gehörten, von dem bekannten Cannabis-Prohibitionisten des Federal Bureau of Narcotics Harry J. Anslinger mit seinen „Killerweed“- und „Reefer Madness“-Kampagnen gegen rassistisch diskreditierte Minderheiten, die demnach unschuldige Weiße zu gefährden schienen, übernommen. Kritisch und als übertrieben sah diese orientalistischen Sichtweisen aus seinen Erfahrungen der erfahrene Direktor des Central Narcotics Intelligence Bureau als polizeilicher Vertreter der britischen Herrschaft über Ägypten Thomas Russell Pasha an. Letztlich blieb man aber beim Völkerbund, in wissenschaftlich erscheinender Sprache verpackt, bei den besagten Vorurteilen aus der Anfangszeit der Cannabis-Prohibition.

Jose Domingo Schievenini verfolgt die frühe Cannabis-Kriminalisierungsgeschichte in Mexiko. Die spanischen Konquistadoren brachten bereits im 16. Jahrhundert europäischen Faserhanf als unverzichtbaren Rohstoff insbesondere für die Seefahrt mit. Wann genau von wem zuerst psychoaktiver „Indischer Hanf“ eingeführt wurde, und wo er dann angebaut wurde, was ja auch mehrfach geschehen sein kann, bleibt im Dunkeln. Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser als „Mariguana“ etablierter Bestandteil der heimischen Heilpflanzenwelt. Präparate auf Basis von „Cannabis indica“ oder „Haschisch“ wurden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie auch in nordamerikanischen und europäischen Ländern und deren Kolonien über Apotheken, meist als zu verschreibende Medikamente, für diverse Indikationen vertrieben. Woher der Rohstoff für diese Produkte kam, ist unklar. Vermutlich wurde er ,wie auch die Präparate, importiert. Samen aus den Fruchtständen könnten zur lokalen Genetik beigetragen haben. Ebenfalls in dieser Zeit geriet der psychoaktive Hanf als verbreitet angebautes Rauschmittel der Armen ins regulatorische Visier. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden von der Sensationspresse immer mehr hanebüchene Geschichten zum „Marihuana“ verbreitet und sein Konsum verteufelt und geriet damit in den Kontext der etablierten Verteufelung einheimischer psychoaktiver Substanzen durch die katholische Kirche und rassistische volkshygienische Ansichten der weißen Mittel- und Oberschicht, die den Cannabiskonsum in Zusammenhang mit einer weiteren Degenerierung der Mestizen und der als minderwertig angesehenen indigenen Rasse ansahen. Nach der mexikanischen Revolution wurden 1926 mit Verstärkung in den Folgejahren Gesetze verabschiedet, die die Verfolgung von Cannabisgebrauchern und deren Verbringung in Gefängnisse oder, bei von Ärzten diagnostizierter Sucht, in Psychiatrien ermöglichten und dem Staat zur Kontrolle weitgehende Zugriffsrechte im privaten Raum vor Allem der armen Bevölkerung boten, wovon auch entsprechend Gebrauch gemacht wurde.

Isaac Campos, der mit „Home Grown“ ein wichtiges Buch über die Cannabishistorie in Mexiko geschrieben hat, wirft den Blick auf die Geschichte des Arztes Leopoldo Salazas, der von der heute legalen Cannabisindustrie als Ikone gefeiert und vermarktet wird, weil er sich bereits 1938 gegen den verteufelnden Cannabis-Prohibitionismus in Mexiko stellte. Er untersuchte den Zusammenhang zwischen Psychosen und Cannabiskonsum und stellte fest, dass andere Faktoren wie Alkoholkonsum und problematische Lebensumstände eine Rolle spielten, und die Rolle von Cannabis aufgebauscht worden sei. Er veranlasste zahlreiche Menschenversuche mit Cannabis und kam zu dem Schluss, dass „Marihuana“ gewisse physiologische Wirkungen habe, die psychischen Wirkungen aber das Ergebnis von Suggestion seien, die kulturell bedingt unterschiedlich ausgeprägt ausfiel. Seine Ansichten sorgten damals zwar für Wirbel, blieben aber ohne Effekt. Campos weist darauf hin, dass Salazas unangenehme psychische Effekte zu Gunsten seiner Theorie unter den Teppich fallen lies. Er hat recherchiert, ob es nicht doch einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und wahnhaftem Rauscherleben mit Gewaltausbrüchen oder chronischen Psychosen gab. Er hält die Kombination mit größeren Mengen Alkohol in Kombination mit weiteren ungünstigen Umständen für einen Faktor bei der Entstehung von dokumentierten Gewaltausbrüchen, wobei der Fokus dann damals besonders auf den Anteil gerichtet und übertrieben wurde, den Cannabis dabei gehabt haben könnte. Die Verbindungen zwischen Cannabiskonsum und der Entwicklung oder Chronifizierung von Psychosen, insbesondere Schizophrenie, sind bis heute auf Grund ihrer Komplexität wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Legalisierung, darauf weist der Autor hin, birgt bei massiver Vermarktung hochkonzentrierter und hochdosierter Zubereitungen Risiken von im Einzelfall problematischen Überdosierungen. Er geht nicht darauf ein, dass heute direkte physiologisch bedingte psychische Wirkungen von THC über das Endocannabionidsystem in Abhängigkeit von dessen Dosis, allerdings basierend auf den individuellen psychischen und körperlichen Prädispositionen und dem sozialen Rahmen, in dem konsumiert wird, nicht mehr umstritten sind.

James Bradford, Autor des interessanten Buches „Poppies, Politics and Power“ über die politische Drogengeschichte Afghanistans fasst darauf basierend zusammen, was er an weitgehend recht allgemeinen Informationen über die dortige politische Entwicklung im Zeitraum von 1923 bis 1974 bezüglich von Rauschhanfprodukten mit bereits seit den 1920er Jahren Besteuerung des Cannabisexports und Kontrolle des Konsums mit Strafandrohung herausgefunden hat. Aus dem 20 Jahre lang okkupierten Afghanistan findet sich in englischsprachigen Publikationen leider kaum tiefschürfende Forschung.

Ned Richardson-Little präsentiert einen brauchbaren Überblick über die Cannabisverbotsgeschichte in der DDR. Man übernahm die Verteufelungen der westlichen Anti-Cannabis-Drogenpolitik, betrachtete den Konsum als kapitalistisches Problem und den Konsum in linken Kreisen ab den 1960ern als anti-sozialistischen Irrweg oder gar als westliche Strategie, um potentiell oder bereits linke Kreise zu korrumpieren. Als Transitland war man mit Schmuggel insbesondere nach West-Berlin konfrontiert. Staatliche Kontrolle und geringe Finanzkraft scheinen den Konsum in der DDR auf niedrigem Niveau gehalten zu haben. Nicht eingegangen wird auf Kuriosa, wie Anbauversuche mit „Indischem Hanf“ zu medizinischen Zwecken in den 1950er-Jahren, den Faserhanfanbau bis zum Ende der DDR und die Existenz von Präparaten mit geringem Cannabisanteil. Auch subkulturelle Recherchen fehlen in diesem Rahmen. Zur Forschung eröffnen sich hier Themenfelder.

Gernot Klantschnig, Autor von für Cannabisverbotsgeschichten in Afrika relevanten Büchern, wie „The Nigerian Connection“, erläutert die Entstehung des Rauschhanfverbots von 1966 in Nigeria. Ob der Rauschhanfanbau und -konsum in Nigeria wie in Ost, Süd-, Zentral- und Nordafrika eine längere jahrhundertealte Geschichte hat, ist wie auch für andere westafrikanische Länder bis jetzt nicht dokumentiert. Für das 20. Jahrhundert geht man davon aus, dass der Anbau sich langsam über ausländische Einflüsse, die eine wachsende lokale Nachfrage zur Folge hatten, und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg im Südwesten des Landes verbreitet hat, von der bis 1960 herrschenden britischen Kolonialregierung nicht besonders verfolgt wurde, und schließlich in Lagos das Rauchen auch und gerade in Musikerkreisen als fremde aber auch moderne Droge Freunde fand. Medizinisch folgten Ärzte besonders britischen kritischen Einschätzungen und brachten den Konsum u.a. als Phänomen marginalisierter Schichten in den 1960er Jahren auf die Agenda. Während einer kurzen militärdiktatorischen Phase im unabhängigen Nigeria 1966 wurde dann ein besonders strenges Cannabisverbotsgesetz verabschiedet, wohl auch weil im zu disziplinierenden Militär viel konsumiert wurde. Dessen Strafmaß wurde erst 1975 gemildert, ohne dass man sich vom Prohibitionismus verabschiedete. Im Gegenteil, unter westlichem Einfluss wurde dieser institutionalisiert, ein wichtiger Faktor bei der bürokratisch-politischen Weigerung rationale gesetzliche Veränderungen zu veranlassen, während auf der anderen Seite subkulturell Cannabiskonsum über Musikszenen, Fela Kuti ist hier der international bekannteste Star, einen afrikanischen Charakter bekam, den er in anderen östlichen und südlichen afrikanischen Regionen mit längeren Konsumtraditionen, der Entwicklung eigener Rauchgerätschaften und anderer kultureller Einflüsse bereits hatte.

Stephen Snelders, Autor des Buches „Drug Smuggler Nation“ analysiert den Anstieg des Cannabisschmuggels in den Niederlanden seit Anfang der 60er Jahre, der die zunehmende Nachfrage in Folge der subkulturellen Entwicklungen dieser Zeit bediente, und schließlich in den florierenden Schwarzmarkt mündete, der, in Folge eines 1976 verabschiedeten, Cannabisbesitz zum Eigenbedarf praktisch teilentkriminalisierenden Gesetzes, die aufkommende Jugendclub- und Coffeeshop-Verkaufsszene durch die Hintertür versorgte. Ganz am Anfang standen demnach traditionell schmuggelnde Seeleute. Es kamen kiffende Hippies dazu, die von ihren Reisen entlang des sogenannten „Hash-Trails“ in die Herkunftsländer von Haschisch und Rauschhanfkraut, die rasch zunehmend nachgefragte Ware in die Niederlande mitbrachten. Es folgten Netzwerke mit Wurzeln in den Produktionsländern, wie z.B. Pakistan, die im Rahmen des allgemeinen Handels größere Mengen schmuggelten und in den Niederlanden, mit seiner zentralen Lage, seinen damals noch vor Allem maritim geprägten Handelsverbindungen und seinem freien Unternehmertum, sich nunmehr als westeuropäisches Umschlagszentrum etablierend, auf den Markt brachten. Anfang der 70er stiegen auch untereinander teils bandenmäßig vernetzte niederländische Kriminelle, die sonst mit Zigarettenschmuggel, Zuhälterei, illegalem Glücksspiel, Schutzgelderpressung und dergleichen ihr Geld machten, in das Geschäft ein und schmuggelten auf verschiedenen Wegen, besonders aus dem Libanon und Marokko, Haschisch in die Niederlande. Dabei bediente man sich bereits ganzer Container oder belud kleinere Schiffe mit tonnenweise Haschisch.

Maziyar Giabi nimmt sich der Rolle von Cannabis in der schiitisch-islamischen Diktatur im Iran an. Gleich am Anfang reproduziert er zur Vorgeschichte des heutigen Iran locker flockig Legenden (Marco Polo, Assassinen, Skythen), die längst differenzierter betrachtet werden (siehe z.B. bei Guba). Der ganze Beitrag soll formal wissenschaftlich erscheinen und einen Ausdruck von Gelehrsamkeit bieten, springt aber wild hin und her und ist dabei mitunter sachlich nicht korrekt. Das Thema ist eigentlich ziemlich interessant. So erfährt man, dass die Hanfpflanze an sich im Iran bis heute nicht verboten sei, wenn kein Rauschprodukt daraus gewonnen werde. Zumindest in der Freiheiten klandestin auslebenden jungen Oberschicht der großen Städte werde anscheinend ein Unterschied zwischen despektierlich betrachtetem Rauchen von importiertem afghanischen Haschisch und dem von lokal angebauten Cannabisblütenständen („gol“) gemacht. Diese zu konsumieren sei auch für Frauen attraktiver, weil es, wie in den USA, momentan modisch und modern sei. Dass das Saatgut ursprünglich überwiegend aus den Niederlanden stammt, erwähnt er nicht. Cannabis erlebe seit etwa 15 Jahren einen Konsumboom und werde verbreitet im Land angebaut, sei bei steigenden Preisen immer noch günstig, aber lukrativ, und sei in der Hauptstadt Teheran schnell verfügbar. Medial würde Haschischkonsum weiterhin in Zusammenhang mit Sucht, Wahnsinn, Gewalt und Elend gebracht. Nach klerikaler Auslegung wäre man bereit, wenn positive medizinische Wirkungen bewiesen würden, den Gebrauch zu dulden. Es sei selten religiös verboten worden. Man betrachte das Drogenproblem allgemein eher als eines des Imports, konzentriere sich auf den Umgang mit Opiaten aus Afghanistan und Crystal Meth und ignoriere tendenziell nicht nur den Cannabiskonsum, sondern sogar den lokalen Anbau, für den der Bergort Qalat mit Hanffeldern und Cannabisblütenhandel auch als Touristenattraktor ein Beispiel sei. Die Insel Hormuz im Persischen Golf sei ein Urlaubsziel bei lokalen „Hippies“. Das klingt irgendwie locker-flockig. Tatsächlich bestehen allerdings strenge Verbote auch für den Besitz von Cannabis. Tausende von Drogenschmugglern und -händlern wurden bereits hingerichtet, viele eingesperrt. Bestechung ist wohl im Fall von Cannabis Teil einer Strategie schweren Strafen aus dem Weg zu gehen. Der einstige Wein(trauben)ort Qalat, in dem man zum lukrativen Cannabisanbau übergegangen war, hat mittlerweile erhebliche Probleme mit Kriminalität und korrupter Polizei. Die Revolutionsgarden haben die iranischen Traveller auf Hormuz ins Visier genommen. Andere Inseln und Küsten des iranischen Südens sind mittlerweile Alternativen. Die Fähigkeit von Iranern ihre Menschlichkeit jenseits staatlichen Kontrollwahns auszuleben, ist immer wieder bewundernswert. Als über die Cannabisszene plaudernder Hinweisgeber ist der naive und die iranische Drogenpolitik verharmlosende Artikel brauchbar. Ihm fehlt jedoch Struktur, Präzision und Tiefe.

Emily Dufton, Autorin des Buches „Grass Roots“ über die US-amerikanische Cannabisverbotsgeschichte, lässt flott aber fundiert, journalistisch erzählend die Entstehung und Entwicklung der Elternbewegung „PRIDE“ vom Jahr 1976 an Revue passieren. Die Bewegung traf einen Nerv der Zeit, als in Folge des damaligen Cannabiskonsumbooms in den USA, der Bestrebungen zur Cannabisentkriminalisierung unter Präsident Jimmy Carter und einem unkontrollierten Vermarktungsboom bei Cannabis-Paraphernalia, der sich auch an Kinder und Jugendliche richtete, Eltern den Cannabiskonsum ihrer Kinder als ihre gesundheitliche, soziale und berufliche Zukunft gefährdend erlebten. Am Anfang stand eine aktionistische Mutter, die ihre 12jährige Tochter beim Kiffen ertappt hatte und problematische Persönlichkeitsveränderungen damit in Verbindung brachte. Die besonders von mütterlicher Sorge geprägte Bewegung traf einen wunden Punkt in vielen bürgerlichen Familien, die sich mit kindlichem Cannabiskonsum konfrontiert sahen, den sie nicht einfach akzeptieren wollten. Sie setzte sich für eine drogenfreie Kindheit bis mindestens zum Alter von 15 Jahren ein. Gesundheitsfreundliche Bespassungsaktivitäten, Kontrolle des kindlichen Umfeldes und Aufklärung über die gesehene Problematik, sowie Kampf gegen eine aus ihrer Sicht Verharmlosung der Folgen des Cannabiskonsums, das Verbot Cannabisparaphernalia an Kinder und Jugendliche zu verkaufen und die Rücknahme von Entkriminalisierungen in einzelnen Bundesstaaten waren ihre Agenda. Als sich, nachdem Ronald Reagan die Präsidentschaft übernahm, seine Frau Nancy Reagan ein ihr schlechtes selbstsüchtiges Image aufpolierendes Betätigungsfeld suchte, machte sie im Rahmen von dessen „Krieg gegen Drogen“ diese vor Allem mütterliche Bewegung zu ihrer Sache. Die Gründer richteten von Anfang an „PRIDE“ international aus und organisierten nun mit Unterstützung der First Lady Mitte der 80er Jahre Internationale Konferenzen. Abstinente Kinder in einer liebevollen amerikanischen Kernfamilie mit christlichem Background wurden so zu Helden einer weltweiten Agenda. Die Regierung war aber nicht bereit, PRIDE finanziell zu unterstützen. Unter Reagan appellierte man, ganz unter dem Einfluss des Neoliberalismus, der den Staat von Verantwortung für seine Bürger befreit, sofern es diesen gesundheitlich, sozial und wirtschaftlich schlecht geht, an privates Engagement, mit dem man sich gerne schmückte, für das aber nur einige Wenige insgesamt zu wenig zahlen wollten. So hatte PRIDE trotz oder auch wegen ihrer Verbindung zu Nancy Reagan Finanzierungsprobleme. Die wendete sich ohnehin bald mehr der Organisation „Just say no“ zu. Dies und die stark gesunkenen Zahlen junger Cannabiskonsumenten, möglicherweise auch in Folge der elterlichen Anstrengungen und damit verbundener Veränderungen im Rahmen des internationalen „War on drugs“, insbesondere aber der starke Anstieg des Kokainkonsums und in den rassistisch unterpreviligierten und justiziell attackierten Schichten von „Crack“, trugen zum Verschwinden dieser Bewegung besorgter bürgerlicher Mütter bei.

Neil Carrier, Autor mehrerer Bücher zu afrikanischen Drogenthemen, gibt einen kurzen
saloppen Überblick über drogenpolitische Entwicklungen in Bezug auf Cannabis in einigen Ländern Sub-Sahara-Afrikas. Er beginnt geschichtlich, darunter zwei Thesen, die nicht ausreichend untermauert sind: Die umstrittene nicht unabhängig kontrollierte Datierung von afrikanischen Pfeifen, die optisch an später importierte Typen erinnern, in die Zeit vor der Einführung des Tabakrauchens und die allein linguistisch begründete Theorie, Rauschhanf sei schon im 16. Jahrhundert von angolanischen Sklaven in Brasilien eingeführt worden. Ansonsten erfährt man, dass es bezüglich Cannabis ganz unterschiedliche Interessenlagen und Beteiligte gibt: Drogenverfolgungsbehörden, die wie in Nigeria ein Interesse an der Illegalität haben, um ihre eigene Wirksamkeit und Notwendigkeit zu unterstreichen. Sensationsmedien, die den Umgang mit Cannabis dramatisieren. Puristische christliche Kirchenvertreter, die nichts vom Cannabiskonsum halten. Profiteure des Cannabishandels, denen die Kriminalisierung Profitmargen sichert und staatliche Kontrolle inklusive Steuern, Bevormundung und Korruption erspart. Grower, die befürchten, unter den Bedingungen der Legalisierung ihr Geschäft an größere Player zu verlieren. Umweltschützer, die den illegalen klandestinen Anbau in empfindlichen Wald- und Naturschutzgebieten kritisch sehen. Konsumenten, die oft unbehelligt bleiben, aber bisweilen willkürlich und hart bestraft werden. Intellektuelle Vertreter der von den USA ausgegangenen mittlerweile internationalen Wende im Umgang mit Cannabis auf Grund dessen medizinischer Wirkungen. Staatliche Vertreter und Unternehmer, die sich, angeregt durch globale Investoren, zum Beispiel aus Kanada, im Falle legalen Anbaus für internationale Abnehmer hohe Lizenzgebühren, Steuern und Gewinne versprechen. Afrozentristische politische Argumentatoren, die eine Reafrikanisierung von Cannabis fordern und die Verbotsgeschichte als koloniale, rassistische Verschwörung interpretieren. Etablierte Mediziner, die immer noch Zusammenhänge mit psychischer Krankheit und asozialem Verhalten in Verbindung mit Cannabiskonsum sehen. Diese Vielfalt gemahnt demnach an eine bedachtsame Politik, die die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt, wenn man Cannabisanbau und -handel in legale Bahnen lenken will.

Suzanne Taylor beschreibt Prozesse der Remedikalisierung von Cannabis in Großbritannien in den Jahren von 1973 bis 2007. Nachdem die WHO 1952 Cannabis keine gerechtfertigten medizinischen Anwendungen mehr zuerkannte, begann man sich in Folge des Cannabiskonsumbooms der 60er und 70er Jahre zuerst in den USA und dann auch in Großbritannien auf Grund positiver Erfahrungen von Schwerkranken, die an Glaukom, AIDS, Krebs und MS litten, und denen der Cannabiskonsum Linderung bei ihren Krankheiten oder den Nebenwirkungen ihrer Medikationen brachte, in verschiedenen Institutionen für eine Remedikalisierung von Cannabis zu interessieren. Dies gestaltete sich schwierig auf Grund der Assoziation mit dem stigmatisierten Konsum von Cannabis als Genussmittel und dessen strafrechtlicher Verfolgung. Auch wurden Wirkmechanismen erst in den 90er Jahren durch die Entdeckung des Endocannabinoidsystems entschlüsselt, was erneute Forschung beflügelte. Die aus der Schwulenszene heraus bemerkenswert gut organisierte AIDS-Hilfe war auf allen die Krankheit betreffenden Ebenen und auch hier besonders engagiert für ihre Patienten. Die Multiple Sklerose Organisationen taten sich schwer mit ihrer Anteilnahme. Geforderte wissenschaftliche Beweise standen subjektiven positiven Patientenerfahrungen gegenüber, und man wollte sich nicht diskreditieren. Auf Patientenseite muss man als Nebenwirkung einer Cannabismedikation eine anhaltende mehr oder weniger starke psychische Wirkung in Kauf nehmen, die auch als unangenehm erlebt werden kann. Bis heute gestaltet sich in Großbritannien trotz mit GW Pharmaceuticals einer eigenen bekannten Cannabis-Pharmafirma der Zugang zu Cannabis als verschriebenes Medikament schwierig. Die Autorin schlüsselt die Prozesse genau auf und liefert damit einen wichtigen Beitrag zur jüngsten Medizingeschichte. Die Cannabisfrage zeigt meines Erachtens, wie wichtig auch die subjektive Befindlichkeit von insbesondere sterbenskranken Patienten ist. Hier ist mehr Empathie und praktisches Entgegenkommen auch gerade von medizinischer und regulatorischer Seite dringend angezeigt.

Jeder Beitrag verfügt über ein Quellenverzeichnis. Ein keineswegs erschöpfender Index erleichtert den Zugang.

Die drogenpolitisch relevanten historischen Rahmenbedingungen des Cannabiskonsums werden an Hand noch greifbarer Unterlagen immer genauer untersucht. Dieses wichtige Werk liefert in diesem Sinne einen ausgezeichneten und unverzichtbaren Beitrag kompetenter Forscher und Autoren. Um eventuell falsche Erwartungen zu dämpfen: Die tatsächlichen Geschichten aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart von Rauschhanf-Anbau, -Verarbeitung, -Handel und -Konsum und dessen kulturellen Rahmenbedingungen und Auswirkungen und ihrer menschlichen Protagonisten, ihrer Biographien, Lebensweisen, Erfahrungen, Kenntnisse und Einstellungen bleiben auch hier weitgehend im Dunkeln. Vielleicht in Folge der Klandestinität oder auch mangelnder Möglichkeiten, im Konkreten zu recherchieren, bleibt hier ein riesiges Forschungsfeld zu bearbeiten, das sich allein durch Statistiken von Beschlagnahmungen und Verhaftungen, Prozessunterlagen, Psychiatrieberichte und Satellitenaufnahmen oder standardisierte Fragebögen nicht genügend erhellen wird.

Der relativ hohe Preis und die Aufmachung, sprich „Bleiwüste und zu wenig bunte Bilder“, sind wie üblich bei wissenschaftlich fundierten Werken ein Wermutstropfen, aber das ist ja nichts Neues.

Lucas Richert/ James H. Mills (Herausgeber)
„Cannabis Global Histories“
The MIT Press, Massachusetts Institute of Technology
Cambridge, Massachusetts, USA 2021
381 Seiten
ISBN 978-0262-04520-9

Rezension by Achim Zubke

 

Von Jörg Auf dem Hövel

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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