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Kiffer Typen

Der Minimalist

Die Kiffertypen, Paranoiker, paranoid, Cannabiskonsum, Cannabis Paranoia

Kiffer-Typen Nr. 10

Erschienen im Highway Magazin 06/2021

Man stelle sich ein Häuschen vor, aus Holz zwar tatsächlich, aber teerpappengedeckt, gelegen in einem Waldstück zerupfter Fichten, eher einer Industriebrache ähnelnd als einem idyllischen Bergweiler. Mehr Schrebergarten als denn Haus am See, der Garten wild, die Brennnesseln sprießen friedlich neben den Bauernrosen, der Schlafmohn wie zufällig neben dem Flieder. Der Schuppen windschief. Kein Autoauffahrt stört das friedliche Bild. Hier wohnt der Kiffer-Typ, den wir heute betrachten wollen: Der Minimalist.

Das kleine Häuschen, von Vogelmiere überwuchert, hat er vor zehn Jahren von seiner Oma geerbt. Seither lebt er von einer kleinen Leibrente inmitten schmackhafter und psychoaktiver Nachtschattengewächse und Kräuter. Neben Hanf wächst auf dem Grundstück diverses Gemüse im Hochbeet, wovon er gerne die Hälfte den Schnecken überlässt. Angst vor Entdeckung hat er in heimischen Gefilden nicht, die Nachbarn kennen und schätzen den liebenswürdigen Freak. Sein Rauchmischungen oder Tees helfen der Gesundung von den selten vorkommenden, maladen Zuständen unseres Freundes. Er hat geschafft, wovon viele Träumen: Er beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben.

Nippes, Tinnef, Krimskrams? Fehlanzeige. Alle ihn umgebenden Dinge haben eine klare Funktion. Wiederverwertung steckt ihm im Blut, er braucht wenig, er verlangt wenig. Dem Rauschhanf ist er seit der Schulzeit zugetan, schon damals wurde sparsam aus der Pickel-Pipe gekifft. Heute fängt er nie vor Nachmittags um vier Uhr an, ein Prinzip, von dem er nicht mehr weiß, wann es entstand, an dem er aber eisern festhält. Abends lädt er eine Freunde auch schon mal zu einer Runde unter Glas rauchen ein, wenn sie ihm denn etwas Haschisch mitgebracht haben. Die alte Revox B77 Tonbandmaschine sprudelt dazu brillanten Sound von Steve Reich aus den Boxen. Sein weit gestreuter Bekanntenkreis verschrobener Typen und kumpelhafter Freundinnen schätzen ihn trotz oder gerade wegen seiner Bärbeißigkeit. So bekommt er regelmäßig Schnittreste geschenkt, aus denen er sich „Polle“ schüttelt, die er zu kleinen Ecken für seine Pickel-Pipe presst. Wir sehen, der Übergang zum Asketen ist fließend, ein Geizhals ist er aber nicht. Wenn der Abend richtig ausgelassen ist, lässt er auch schon mal ein paar Öttinger Export und Aldi-Wudkis springen, zu denen er eine komplexe Philosophie der Redundanz entwickelt hat. Sound und Lichteffekte bedeuten ihm viel. Dadurch transformiert er seine an eine Matratzengruft erinnernde Eremitage in ein Raumschiff und hebt gern mit seinen Gästen ab, besonders wenn er aus Versehen eine Runde aus der Wodka-Flasche mit den eingelegten spitzkegeligen Kahlköpfen nachgeschenkt hat.

Wozu dieser Minimalismus? Unser Mann verbindet damit Freiheit. „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde“, zitiert er im Rausch gerne Antisthenes, der das Vorbild für Diogenes war. Und dieser saß bekanntlich sein Leben lang extrem selbstgenügsam im Fass. Ansonsten vermeidet er auf sympathische Weise jede moralische Attitüde. Dieser Minimalist ist keiner, der in einer 100 Quadratmeter Altbauwohnung residiert, sich nur ein paar ausgewählte Designermöbel reinstellt und dann behauptet, dass sei Minimalismus. Wenig Dinge zu besitzen ist eine Sache, eine andere ist eine tatsächlich bescheidene Lebensweise. Daher reist unser Mann nicht mit dem Flugzeug, er hat aus gutem Grund ohnehin Angst vor dem Zoll. Er vermeidet Müll, in dem er erst gar keinen erzeugt, alle Angebote für den Hausverkauf schlägt er ab, 50% des Mülls auf der Welt seien Bauschutt, sagt er. Wer nichts besitzt, kann auch nicht enttäuscht werden, weil er nichts verlieren kann. Das ist extrem gekonnter Vulgärbuddhismus.

Wir ahnen es, die ästhetische Damenwelt fühlt sich durch unseren bedürfnislosen Freund wenig angesprochen. Umgekehrt hat er mit den Frauen im Prinzip schon lange abgeschlossen. Nicht zuletzt, weil keine Dame seinen naturnahen Lifestyle mitmachen möchte. Seine große Liebe hat mittlerweile 5 Kinder von dreien seiner alten „Kollegen“ und zwei Typen aus ihrer Nachbarschaft. Sie ist in dem Vorort dafür bekannt, dass man sie anrufen kann, wenn Not am Mann ist. Er kümmert sich dagegen lieber um sich selbst. Nicht besonders hilfreich für seine Mitmenschen, andererseits geht er auch niemanden richtig auf den Sack.

 

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Von Jörg Auf dem Hövel

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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