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Psychoaktive Substanzen Specials

Special: Lactucarium

Lactucarium gehört zweifellos zu den obskuren Substanzen. Aber es handelt sich hierbei nicht um einen „Fake“, sondern um ein tatsächlich psychoaktiv wirksames Pflanzenprodukt, den eingedickten Milchsaft aus den Stengeln und Blättern blühender Latticharten, wie sie als wildwachsende „Unkräuter“ an Wegesrändern, auch mitten in der Stadt, auf „Ödland“, an Flußläufen und Kanälen, am Rande landwirtschaftlicher Nutzflächen, besonders in Weinbergen, im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet sind. Bei der bekanntesten Lattichart handelt es sich allerdings um den banalen Garten-Salat (Lactuca sativa). Und auch dieser kann eine Substanz liefern, die seit Ende der Siebziger Jahre in den USA als Lettucene oder Lettuce-Opium vertrieben wird, zu deutsch: Salat-Opium oder besser Lactucarium.

Doch eins vorweg: Lactucarium wirkt definitiv nicht wie echtes Schlafmohnopium, genausowenig, wie irgendwelche gerauchten Kräutermischungen wie richtige potente Hanfblüten oder gar gutes Haschisch törnen. Aber: Lactucarium wirkt, milder, subtiler, anders, aber durchaus so, daß man sich darauf einlassen und Gefallen an dem mentalen Driften unter Lactucarium-Einfluß finden kann. Gewisse Ähnlichkeiten mit Opium, sowohl vom Äußerlichen, als auch von der Wirkung, der Anwendung und seiner Gebrauchsgeschichte lassen sich zudem nicht leugnen, sondern sind offensichtlich.

Lattich wird und wurde überall auf der Welt genutzt, wo er gedeiht. Er war schon den alten Ägyptern heilig und wurde in Tempelgärten angepflanzt. Man hat ihn sowohl als Speise (die bekannten Salatblätter) als auch wegen seiner psychoaktiven Wirkungen genossen. Insbesondere dem Fruchtbarkeistgott Min nahestehend, hatte Lattich einen erotisch stimulierenden Ruf, erinnert nicht zuletzt auch der weiße Milchsaft an das lebensspendende Sperma. Bei den Griechen galt der Lattich ganz im Gegenteil als Symbol für Impotenz und den Mangel an Lebenskraft. Dieser Ruf hat sich bis heute gehalten und basiert wohl auf den tatsächlich eher beruhigenden und einschläfernden Eigenschaften des Lattichsaftes. Als Heilpflanze wurde Lattich als harntreibendes und abführendes Mittel, und ganz besonders auch zur Dämpfung von Reizhusten bei Atemwegserkrankungen und zur Schmerzstillung (sogar bei Operationen) eingesetzt. Aufgrund dieser Qualitäten wurde er bei den erwähnten Indikationen auch als Ersatz für Opium angesehen. Lattich war über Jahrtausende eine wichtige Heilpflanze und ist erst in diesem Jahrhundert in die Vergessenheit geraten.

Lactuca virosa bereit zur Lactucarium-Ernte
Lactuca virosa bereit zur Lactucarium-Ernte

Alle wilden und zur Salatgewinnung gezüchteten Latticharten enthalten psychoaktive Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe, insbesondere Lactucin und Lactucopicrin (die in geringer Konzentration auch in Zichorien, Chicoreée, Endivien und Löwenzahn anzutreffen sind). Diese konzentrieren sich insbesondere in dem weissen Milchsaft der bei manchen Arten an günstigen Standorten über zwei Meter hoch werdenden Lattichpflanzen. Der wirkstoffhaltige Saft fließt erst zur Blüte richtig sämig und intensiv durch Stengel und Blätter. Die wilden ein- bis zweijährigen Latticharten enthalten erheblich mehr der Bitterstoffe als der domestizierte Gartensalat.

Lactuca virosa, aus einem botanischen Buch von 1828
Lactuca virosa, aus einem botanischen Buch von 1828

Als potenteste Lattichart gilt der steinige und sonnige Orte bevorzugende Giftlattich (Lactuca virosa), der diesen etwas dick aufgetragenen Namen eigentlich zu Unrecht trägt, weil es praktisch nie zu ernsthaften Lattichvergiftungen gekommen ist. Der Giftlattich kommt von Mitteleuropa bis Nordafrika und Westasien vor, und ist in den USA und vermutlich anderen Ländern eingebürgert. Es ist gar nicht so leicht, die einzelnen wilden Latticharten zu unterscheiden. Dies ist für die sporadische Gewinnung des bitteren Saftes auch nicht von so erheblicher Bedeutung. Wichtiger ist es, die Latticharten nicht mit anderen ähnlich aussehenden „Unkräutern“ zu verwechseln. Dies ist mit den Gänsedisteln, auch Hasenkohl genannt (botanisch Sonchus) möglich. Sie enthalten ebenfalls einen weissen Milchsaft und können als Salat gegessen werden, sind aber nicht für psychoaktive Wirkungen bekannt. (Eine Art wird allerdings in Chile als Kokaersatz gekaut, was uns zu denken geben sollte.)

Wer Lattich anbauen möchte, besorgt sich am besten die Giftlattichsamen. Was kaum noch jemand weiß, Giftlattich wurde um 1847 im Moselgebiet zur Gewinnung des Milchsaftes, dem Lactucarium germanicum, angebaut. Die Ernte des Saftes begann mit Beginn der Blüte (ab Mai, kann sich aber bei wilden Pflanzen bis in den Herbst hinziehen). Stengel oder Blütenknospen werden abgeschnitten oder mit den Fingernägeln abgeknippst (Vorsicht, auch Blattläuse lieben Lattich) und der austretende Milchsaft zum Beispiel in einer Tasse oder auf einer glatten Fläche aufgesammelt. Bei kleinen Mengen sind selbst Fingernägel oder Barettabzeichen geeignet. Schon bald gerinnt der Milchsaft, wird zäh und gummiartig und färbt sich erst gelblich, dann braunschwarz und glänzend ähnlich wie Opium. Der Saft riecht auch charakteristich scharf, an frischen Schlafmohn erinnernd. Von der selben Pflanze kann etwa zwei Monate bis zu mehrmals täglich Saft gezapft werden, durch immer neue tiefere Schnitte, bzw. Schnitte an anderen Blüten. Der Ertrag ist gering, Tröpfchen für Tröpfchen, die Ernte mühselig. Den gesammelten Saft läßt man vorsichtig an der Sonne trocknen. Die damalige Ernte an potentem deutschen Lactucarium, dem Lactucarium germanicum, fand übrigens ihren Weg von Zell an der Mosel über England nach Amerika und wurde dort wahrscheinlich zum Verfälschen von echtem Schlafmohnopium für die Kundschaft aus der chinesischen Gemeinde verwendet. Sein Preis schwankte in Abhängigkeit von dem des Opiums. Auch in anderen Ländern wurde damals von verschiedenen Latticharten Lactucarium gewonnen und nach dem Herkunftsland benannt, so in Österreich, Frankreich, England und Kanada.

Wem das Gewinnen des Lattichsaftes zu mühselig ist, der kann aus den frischen Blättern der blühenden Pflanze einen Preßsaft oder aus den getrockneten Blättern einen Tee zubereiten. Für den Tee werden etwa zwei Teelöffel des Krautes pro Tasse mit siedendem Wasser überbrüht und ein paar Minuten stehen gelassen, bevor abgegossen und getrunken wird. Sowohl Heißwasserauszüge, der Tee als auch der Preßsaft lassen sich zu einem Festextrakt eindicken, in dem die Wirkstoffe allerdings nicht in der Konzentration vorliegen wie im Lactucarium, das einen Bitterstoffgehalt zwischen 0,2 und etwa 1 % aufweisen soll.

Wenn das Lactucarium eingenommen wird, sollen schon Dosierungen von 0,05 bis 0,1 Gramm hustenreizlindernd wirken. Bei Schmerzen wurden bis zu 0,3 Gramm gegeben. Die maximale Einzeldosis wird mit 0,3 bis maximal 1 Gramm angegeben. Die von Hedonisten genommenen Mengen liegen meist zwischen 0,2 und 1 Gramm. Zu hohe Dosierungen können neben Benommenheit und beschleunigtem Schlaf auch Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Schweißausbrüche, Übelkeit und beschleunigten Stuhlgang zur Folge haben. Zur Vorsicht sollte auch gemahnen, daß die Bitterstoffe als schwache Kontaktallergene wirken können. Wer also eine Salatallergie hat, sollte die Finger von Lactucarium lassen. Wer Lactucarium einnimmt, sollte um Reizungen zu vermeiden für eine ausreichende Grundlage im Magen sorgen. Die Wirkdauer ist relativ kurz, vielleicht 2 Stunden deutlich, mag sich aber mit steigender Dosis verlängern. Erheblich kürzer wirkt das Rauchen von Lactucarium.

Lactuca virosa
Lactuca virosa

Das war die Einnahmeform, die zuletzt für Aufsehen sorgte. Auf der Suche nach legalen Highs stiessen findige Geschäftsleute aus den USA auf das alte Heilmittel. Die Firma Woodley Herber brachte Anfang 1977 zwei Präparate auf den Markt, „Lettucene 1 und 2“, die als potenter Ersatz für Haschisch und Opium vor allem in der „High Times“ beworben wurden. Auch in Deutschland versuchte die Hamburger Firma „Naschpo“ das Zeug unter die Kiffergemeinde zu bringen. Bei Preisen von bis zu 6,60 DM pro Gramm ein Unterfangen, das keine langfristigen Erfolge zeigte, aber die Aufmerksamkeit der Medien von der Hamburger Morgenpost („Dieser Salat macht „high“. Neue Droge macht Rauschgift-Fahnder ratlos.“) bis zu Stern („Schöne Träume aus Kopfsalat“) und Spiegel („Legaler Smoke“) garantierte. Tatsächlich gaben die Präparate rein äußerlich ein gutes Imitat der Schwarzmarktprodukte ab, aber die Wirkung war einfach zu schwach und wenig überzeugend um einen Stammkundenkreis zu gewinnen. In den USA folgten eine Reihe Nachfolgeprodukte, darunter auch potentere Präparate aus reinem Lactuca virosa-Saft. Aber das Interesse der Neugierigen ließ bald nach. Heute kann man im ethnobotanischen Fachhandel getrocknete Blätter des blühenden Giftlattichs erwerben, die man wie auch die anderer Latticharten gut rauchen kann. Das potentere Lactucarium muß man schon selber gewinnen.

Lactucarium soll nicht allzulange haltbar sein, vielleicht ein halbes bis maximal ein Jahr. Dunkel, kühl und trocken verstaut, erhöht sich die Haltbarkeit aber erheblich. So war das auf diese Weise gelagerte, oben erwähnte „Lettucene-Opium“ auch noch 15 Jahre später geraucht wirksam. Lactucarium wird genau wie Opium geraucht, nach dem Prinzip der Verdampfung der Wirkstoffe, also mit einer Opiumpfeife, aus einer Haschölpfeife oder von einer ausgeglühten Alufolie (z.B. durch ein Papierröllchen) inhaliert. Um beim Rauchen eine Wirkung zu verspüren, sind mindestens 0,1 bis 0,2 Gramm Lactucarium erforderlich. Es kann erheblich mehr geraucht werden. Schon allein das Zeremoniell und der an Opium erinnernde Rauch üben beruhigende Wirkung aus. Lassen wir einen Lactucarium-Raucher zu Wort kommen:

„Als ich zum ersten mal frisches Lactucarium aus einer Haschölpfeife geraucht hatte, sah ich in der Glotze gerade einen Film über eine von Christo verpackte Seine-Brücke in Paris. Mit einem mal hatte ich das Gefühl, an Stelle der Kamera zu schweben, in Zeitlupe unter der Brücke und entlang der Brücke zu gleiten. Die Zeit schien ungeheuer gedehnt. Eine Milde, eine Entspannung ein köstlich gefrorenes Lächeln hatten Besitz von mir ergriffen. Ein langer glücklicher Moment voll Klarheit und Ziellosigkeit, ein gedankenloses hypnotisches Driften in köstlicher Ruhe. Das Ganze dauerte vielleicht zwanzig, dreissig Minuten Echtzeit. Spätere Erfahrungen waren dumpfer, vielleicht weil das Überraschungsmoment weg war, die Naivität, die die Öffnung für eine frische Erfahrung begünstigte. Rauchen war aber allemal interessanter als das Essen des bitteren Lattichsaftes. Nach Einnahme größerer Bobbel waren ruhige ermattete Zurückgezogenheit ins Innere bei reduzierter Phantasie und einem kribbeligen, aber irgendwie auch betäubten unerotischen Körpergefühl die Folge. Mehr so ein softer Pflanzendowner, Einschlaffmittel.“

Gute Nacht.

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Yohimbe und seine aphrodisische Wirkung

HanfBlatt, 2001

Aphrodisischer Rindenwahn

Nun, da wir Ihr Interesse geweckt haben, können wir anfangen uns mit einer aus Westafrika zu uns kommenden Baumrinde zu beschäftigen, der psychoaktive, wenn nicht sogar leicht psychedelische Qualitäten und wichtiger noch eine aphrodisische Wirkung, in erster Linie auf das männliche Geschlecht, nachgesagt werden. Lange Zeit galt in der Medizin Yohimbin, der Hauptwirkstoff der Yohimberinde, als das einzige „echte“ oral wirksame Aphrodisiakum beim Manne. Nach dem großen Bildzeitungshype für die umstrittene und möglicherweise gesundheitlich bedenkliche Pharmadroge „Viagra“, lohnt es sich, einmal die althergebrachten pflanzlichen Aphrodisiaka zu betrachten. „Yohimbe“ ist wohl das Berüchtigste in diesem Kreise.

Von welcher Pflanze stammt die Yohimberinde?

Es handelt sich in erster Linie um die dunkelbraune Rinde (Cortex yohimbe) des im tropischen Westafrika heimischen Pausinystalia yohimbe-Baumes. Als Ersatz oder Verfälschung für die „echte“ Yohimberinde findet auch die Rinde anderer Pausinystalia-Arten und die kleinerer Bäume, den botanisch nahe verwandten Corynanthe-Arten Verwendung. Sie enthalten dieselben oder nahestehende Wirkstoffe. Am bekanntesten ist die Rinde von Corynanthe pachyceras, die im Apothekenhandel als Pseudocinchonae africanae cortex bezeichnet wird.

Was für Inhaltsstoffe machen Yohimberinde so interessant?

Eine ganze Reihe sogenannter Indolalkaloide, von denen das Yohimbin die meiste Aufmerksamkeit erfahren hat. Der durchschnittliche Yohimbingehalt der Handelsware soll bis 3,4 % reichen können, liegt aber wohl meist deutlich darunter. Die anderen ähnlich wirksamen Alkaloide stellen einen weiteren Bestandteil der Rinde dar, der den Anteil des Yohimbins noch bei weitem übertreffen kann. Wirkstoffe vom Typ der Yohimbealkaloide wurden auch in anderen psychoaktiv wirksamen Pflanzen nachgewiesen, so in der Rinde des weißen Quebrachobaumes (Aspidosperma quebracho-blanco), der Rinde verschiedener Alstonia-Baum-Arten, untergeordnet in der Schlangenwurzel (Rauvolfia) und anderen.

Yohimbin
Yohimbin

Wie wird Yohimberinde dosiert und eingenommen?

Der schwankende Wirkstoffgehalt erschwert die Dosierung ganz erheblich! Es wird deshalb am Anfang möglichst niedrig dosiert. Zunächst kommt nur maximal ein halber (etwa 0,75 Gramm) bis ein schwach gehäufter Teelöffel (etwa 1,5 Gramm) der zerkleinerten Wurzelrinde zum Einsatz. (Die medizinisch-therapeutische Einzeldosis beträgt übrigens nur 0,5 Gramm!) Die Wirkstoffe sind nur schwer in Wasser löslich. Deshalb wird die Rinde unter Zusatz einer milden Säure, zum Beispiel Ascorbinsäure (Vitamin C) oder Zitronensaft, etwa zehn Minuten lang ausgekocht. Der entstandene Sud wird als Tee getrunken. Alternativ können die Wirkstoffe durch Übergiessen der Rinde mit erwärmtem hochprozentigen Alkohol (z.B. Wodka) und längeres Stehenlassen (mindestens 8 Stunden) extrahiert und die entstandene Tinktur eingenommen werden. Die Rinde kann zu feinem Pulver gemahlen runtergespült oder in Kapseln abgefüllt geschluckt werden. Sie läßt sich auch rauchen.

Wie wird das reine Yohimbin genommen?

Yohimbekenner bevorzugen das viel besser dosierbare reine Yohimbin in seiner wasserlöslichen Hydrochloridsalzform. Dieses wird in der Regel oral eingenommen, manchmal auch geschnupft. Als medizinisch-therapeutische Einzeldosen werden 5-10 mg Yohimbin, 1 bis 3 mal täglich, meist über einen längeren Zeitraum ( kurmäßig 3 bis maximal 10 Wochen) angegeben. Hedonisten, die nur gelegentlich Yohimbin nehmen, zum Beispiel für ein psychoaktiviertes Liebesritual, orientieren sich an höheren Einzeldosen von 15 bis 25, maximal 30 mg, beginnen vorsichtshalber aber auch zunächst mit niedrigen Dosierungen.

Woher bekommt man Yohimberinde?

Natürlich aus den westafrikanischen Heimatländern, zum Beispiel aus Nigeria, Kamerun und dem Kongo, aber auch aus dem Kräuterhandel zahlreicher anderer Länder weltweit, denn vielerorts wird der Umgang mit Naturprodukten längst nicht so reglementiert wie bei uns. Dort besteht aber auch das größte Verwechslungsrisiko mit Verfälschungen. Ähnlich wie Ephedrakraut soll die Yohimberinde in deutschen Apotheken nur auf Rezept erhältlich sein. Dies wird aber nicht überall gleichermaßen streng gehandhabt. Als meist etwas teurere Alternative empfiehlt sich der ethnobotanische Fachhandel, der die Rinde bisweilen als botanisches Anschauungsmaterial im Angebot hat.

Woher bekommt man Yohimbin?

Das reine Yohimbinhydrochloridsalz ist schwerer erhältlich. Es ist in den verschreibungspflichtigen pharmazeutischen Präparaten Yohimbin-Spiegel Tabletten und Yocon-Glenwood Tabletten (berechnet zu jeweils 5 mg Yohimbin) enthalten. Manchmal findet das reine Salz den Weg aus dem Pharmahandel zu den Interessenten. Zahlreiche Kombinationspräparate mit aphrodisischem Touch enthalten, meist recht niedrig dosiert, Yohimberindenextrakte oder Yohimbin.

Welche medizinischen Indikationen hat Yohimbin?

Yohimbin wird vom Arzt bei bestimmten Fällen von Impotenz auf Grund erektiler Funktionsstörungen, den „Wechseljahren des Mannes“ und Harninkontinenz verschrieben.

Wie wirkt Yohimbin?

Es gilt als alpha-Adrenozeptorenblocker und Sympatholytikum. Dadurch wirkt es gefäßerweiternd und in niedriger Dosis blutdrucksenkend, in höherer blutdrucksteigernd, außerdem schwach harnzurückhaltend und pupillenerweiternd. Es kann auch als Aphrodisiakum, insbesondere beim Manne, wirken und zwar durch Erweiterung der Blutgefäße der Geschlechtsorgane, sowie eine Erregbarkeitssteigerung der für das sexuelle Funktionieren zuständigen Rückenmarkszentren ohne dabei notwendigerweise das sexuelle Verlangen zu stärken, wie es so schön in der medizinischen Literatur heißt. Diese Wirkung soll aber erst bei regelmässiger Einnahme oder höheren Dosierungen und auch nur bei einem Teil der Gebraucher eintreten. Einnehmer höherer Dosierungen wissen von leichten Bewußtseinsveränderungen, besonders der Sinneswahrnehmungen, in Richtung „psychedelisch“ zu berichten. Manche empfinden auch eine Art Benommenheit.

Es kann besonders bei höheren Dosierungen auch zu unangenehmen Effekten kommen. Das Reaktionsvermögen kann deutlich beeinträchtigt sein, was zu entsprechender Zurückhaltung bei dieses erfordernden Tätigkeiten gemahnt. Muskelzittern und nervöse Erregungszustände gelten als nervige Nebenwirkungen. Eine verstärkte Ängstlichkeit und leicht aggressive Gereiztheit scheinen nicht ungewöhnlich zu sein. Eine leichte Übelkeit, Kopfschmerzen, erhöhtes Schwitzen und Hautrötung können vorkommen.

Bei zu hohen Dosierungen kann es zu Harnverhaltung, Durchfall, Erbrechen, zentraler Erregung, Koordinationsstörungen, starker Zittrigkeit, einem „aufgelösten“ Zustand, eventuell mit Angst oder gar „Halluzinationen“, epileptischen Krämpfen, Abnahme des Sauerstoffgehaltes im Blut mit Blaufärbung der Haut, stark gestiegener Herzschlagfrequenz, Blutdrucksteigerung (!) und Bewußtlosigkeit kommen. Auch von schmerzhaften Dauererektionen wurde berichtet. Extrem hohe Yohimbindosierungen sollen zum Tode führen können. Es empfiehlt sich bei einer starken Überdosis unbedingt ärztliche Hilfe hinzuzuziehen. Aber soweit muß es ja gar nicht erst kommen.

Yohimbe Rinde
Yohimbe Rinde

 

Wer sollte auf keinen Fall Yohimberinde oder Yohimbin nehmen?

Bei psychischen Erkrankungen, entzündlichen Krankheiten, Magen-Darm-Schwierigkeiten, niedrigem oder hohem Blutdruck, Herz-, Leber- oder Nierenproblemen sollte auf die Einnahme vollständig verzichtet werden. In der Medizin ist eine Verschreibung für Frauen nicht vorgesehen. Auf jeden Fall sollte während Schwangerschaft und Stillzeit keine Yohimberinde oder Yohimbin genommen werden. Es scheint auch eine unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Yohimberinde und Yohimbin zu geben. Man sollte also auf die Signale seines eigenen Körpers achten und die persönlichen Verträglichkeitsgrenzen respektieren.

Was hat es mit der angeblich MAO-hemmenden Wirkung auf sich?

In älteren Szenepublikationen findet sich immer wieder der Hinweis, Yohimbin wirke MAO-hemmend. Monoaminoxidase (MAO) ist kurz gesagt eine körpereigene Substanz, die verhindert, daß bestimmte mit der Nahrung aufgenommene Substanzen im Körper unerwünschte Wirkungen entfalten. Wird die MAO gehemmt, kann die Einnahme bestimmter Nahrungsmittel und Drogen gefährlich werden. Es kann zum Beispiel zu Beschwerden wie Kopfschmerzen und Nackensteife bis hin zu mitunter lebensbedrohlichen Herz- Kreislaufkrisen kommen. Für eine MAO-hemmende Wirkung von Yohimbin scheint es aber keine aktuellen wissenschaftlichen Belege zu geben! Auch in der neuen medizinisch-pharmakologischen Literatur fand sich kein Hinweis darauf. (Bitte Kopie ans Hanfblatt, wenn es Studien oder Fallbeispiele dazu gibt!) Das heißt aber nicht, daß man leichtsinnig werden sollte. Man kann sich vorsichtshalber an die für MAO-Hemmer empfohlenen Diätvorschriften halten, sprich vor und nach Yohimberinden- oder Yohimbineinnahme keine Lebensmittel mit Tryptophan und Tyramin (besonders Bohnen, Bananen, Ananas, Bier, Wein, Sauerkraut, eingelegter Hering, gereifter Käse, Schokolade, Geflügelleber, Hefeextrakt) zu sich zunehmen. Auch sollte man Medikamente und Drogen aller Art (auch Alkohol und Coffein) meiden. Dann geht man in dieser Hinsicht auf Nummer sicher.

Kombinationen mit anderen psychoaktiven Substanzen

Yohimberinde taucht seit den Sechziger Jahren im Bereich der amerikanischen „Legal Highs“ auf, besonders in übertrieben angepriesenen Mischungen, in denen es einen Garanten für zumindest einen „Effekt“ darstellt und sich aufgrund seiner exotischen afrikanischen Herkunft und der angeblich aphrodisierenden Qualitäten gut bewerben läßt. Der Wirkstoffgehalt dieser Mischungen dürfte schwer abschätzbar sein, von praktisch unbedeutend bis zu in manchen Kombinationen möglicherweise bedenklich. Kenner mischen sich ihre Kräuter meist entsprechend ihrer individuellen Verträglichkeiten selbst.

Yohimbin wurde und wird auch in pharmazeutischen Präparaten mit aphrodisischer Indikation ganz im Widerspruch zu der angeblich MAO-hemmenden Wirkung häufig mit anderen potenten Substanzen kombiniert. Berüchtigt war zum Beispiel eines, das neben Yohimbin auch noch Strychnin und Pemolin (ein Amphetaminderivat) enthielt und als vielversprechendes Aphrodisiakum galt. (Die Pharmaindustrie war der sogenannten „Drogenszene“ eigentlich schon immer einen Schritt voraus!) Damiana, Ephedrin, männliche Sexualhormone, selbst der Tollkirschenwirkstoff Atropin wurden mit Yohimbin in einem Präparat vereint. Die Wirksamkeit und das gesundheitliche Risiko dieser Mischungen waren und sind natürlich umstritten.

Praktisch wirkungslos sind die Sexshop-Präparate. Sie enthalten nur minimale Mengen der mit Geilheit assoziierten „Potenzmittel“.
Traditionell wurde Yohimberinde in Westafrika als Aphrodisiakum mit Ibogawurzel, Kolanüssen, Ditasamen (Alstonia scholaris) und anderen kombiniert. Manche mögen es, dazu ein wenig Rauschhanf zu rauchen. Yohimbinhydrochloridsalz wurde auch zum Strecken von Schwarzmarktkokain eingesetzt.

Die Erfahrungen eines männlichen Yohimberinden-Experimentierers:

„Ich habe einige Male Yohimberinde aus verschiedenen Quellen probiert. Und zwar als Abkochung von einem viertel bis zwei Teelöffeln der zerhäkselten Rinde. Teilweise habe ich die Rinde dazu noch geraucht, was eine ganz ähnliche, aber nur kurze Wirkung hatte. Was habe ich empfunden? Als erstes ein Kribbeln, das den Rücken bis über den Arsch runterläuft und die Eier zusammenzieht, eine energetische Anspannung, ein leicht stonedes Gefühl im Kopf, ein bißchen wie Cannabis, körperlich eher ein mechanisch angespeedetes Feeling, etwas entfremdet. Kann sein, daß es tendenziell die Durchblutung der Geschlechtsorgane fördert, bei erreichter Erektion deren Dauer verlängert. Der Zustand war aber nicht gerade relaxt. Die Wirkung setzte relativ schnell ein, vielleicht innerhalb einer halben Stunde und hielt etwa 2 Stunden deutlich an, maximal bis zu 4 Stunden spürbar. Irgendwie konnte ich mich nicht so recht mit der Rinde anfreunden. Dann schlug ich später nochmal richtig zu, mit etwa 4 leicht gehäuften Teelöffeln, als Abkochung unter Ascorbinsäurezusatz. Das war zuviel des Guten. Eine Substanz, die nervös macht, Ängstlichkeit und Aggressivität liegen dicht beieinander, erwartend, aber nicht erwartungsfroh, fordernd, überfordert, zittrige Energie, die fokussiert, in Konvergenz gebracht werden muß. Schwer zu fassen, wenn man nur wüßte, in welche Richtung man sich schaffen sollte. Eigentlich klar, Berührung müßte her, Spüren, aber habe ich da wirklich Bock drauf? Allen sagen, wie lieb ich sie habe, ich liebe euch, kommt mir überhauptnicht in den Sinn. Innere Unruhe, Rastlosigkeit, ohne Ziel. Gefangen als Sklave der Rinde, oder bin ich weich wie eine Feder, zäh wie Leder, möchte festgehalten werden. Überkandidelt, Konkurrenzdroge, sexuelle Konkurrenz im Kampf um Orgasmen, weiß nicht. Schließlich nicht gut geschlafen. War noch den ganzen nächsten Tag flatterig und ätzend drauf, völlig durch den Wind. Erstmal genug davon, aber vielleicht werde ich nochmal einen softeren Anlauf nehmen. Klingt nach Rindenwahn, oder?!“

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Drogenpolitik Specials

Kokain – Eine Kontroverse

Bei kaum einer anderen Droge kann man so leicht ins Fettnäpfchen treten wie bei Kokain. Extrahiert und damit 100fach konzentriert aus den getrockneten Blättern eines vor allem im tropischen Südamerika angebauten Strauches, galt das schneeweiße Hydrochloridsalz noch während der Siebziger Jahre als teures Statussymbol in Schickeriazirkeln. Irgendwie hatte man immer gleich eine hysterisch-überkandidelte selbstverliebte Münchner Film- und Musikszene vor Augen. Kokain war auch das, was sich Haschischhändler von ihren Profiten selbst gern mal gönnten.

Anfang der Achtziger Jahre kam es jedoch nach Sättigung des US-Marktes zu einem drastischen Anstieg des Angebotes in Europa und schließlich Mitte der Achtziger auch in Deutschland. Die Preise fielen um mehr als die Hälfte, bis Ende der Neunziger teilweise auf ein Drittel bis ein Viertel dessen, was noch zu Beginn der Kohl-Ära hingeblättert werden mußte. Immer größere Konsumentenkreise wurden erschlossen. Beflügelten sich zunächst noch die Besserverdienenden aus der Medien- und Unterhaltungsbranche, zogen die bürgerlichen Kids bald nach und möbelten sich damit fürs Nachtleben auf. Mittlerweile ist vom gemütlich mit Gattin oder Freunden zu Hause koksenden Biedermann bis zum proletarischen auf der Technoparty vom Autodach schnupfenden Zappelphilip ein weiter Bogen an Konsumentenkreisen erreicht. Hilft es zwar zunächst, schwache Egos aufzuplustern, erlebten doch nicht wenige, daß Kokainkonsum auf die Dauer nicht nur die Finanzen stark angreifen kann, sondern auch Beziehungen gefährden und zerstören kann und letztlich der psychischen und physischen Gesundheit nicht zu Gute kommt.

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Coca Blättter in Bolivien – 2008

Besonders verheerend machte sich dies in der Junkieszene bemerkbar. Dort hatte man das Kokaininjizieren als zusätzlichen häufig hintereinander wiederholbaren Kick entdeckt. Das Schwarzmarktkokain ist meist stark verunreinigt. Man kennt die Dosierung nicht. Es wird in der Regel nicht aufgekocht und ist daher noch unhygienischer als Strassenheroin, was zu Infektionen und Abszessen führen kann. Obendrein kann es Adern verstopfen und zu Infarkten und Thrombosen führen. Es greift das Gewebe stärker an und belastet durch den Junkielebenstil bereits geschädigte Organe, insbesondere wenn Krankheiten wie Hepatitís oder AIDS ausgebrochen sind. Sozialarbeiter beklagen, daß sich auf der Szene mit der Verbreitung von Kokain eine erheblich höhere Aggressivität breitgemacht habe. Die Kokainfixer und Kokainbaseraucher seien viel schwerer erreichbar. Einige Konsumenten laufen in Zuständen hochgradiger Paranoia in der Gegend herum. Der neben dem Saufen von Alkohol und dem Schlucken übertrieben verschriebener und den Schwarzmarkt bereichernder Psychopharmaka als „Beigebrauch“ beschönigte exzessive Kokainkonsum stellt auch die sogenannten „Substitutionsprogramme“ in Frage. Denn, was macht es für einen Sinn, wenn zwar der „Beschaffungsdruck“ für Opiat (sprich Heroin) wegfällt, der Suchtdruck, der Wunsch sich Kicks zu verschaffen, sich möglichst aus der deprimierenden Realität herauszuziehen, aber bestehen bleibt und sich auf Kokain verlagert. Der Anteil der substituierten Drogengebraucher, zumindest in Großstädten, die schon am Monatsanfang innerhalb kürzester Zeit einen Großteil ihrer Sozialhilfe für Kokain („Kügelchen“ oder „Plomben“, wie die von den Strassendealern oft im Mund aufbewahrten Handelseinheiten genannt werden) ausgegeben haben und dafür Ernährung und notwendige Anschaffungen vernachlässigen, wird von Insidern als hoch eingeschätzt.

Natürlich, manche etablierte Institutionen wollen das Erreichte nicht gefährden. So verschanzt man sich hinter ideologischen Barrieren, versucht das Ganze schönzureden und leiert aus Ratlosigkeit Akupunkturprogramme an (die momentan als die einzige überhaupt effektive Hilfe zur Reduzierung des Suchtdrucks gelten). Destruktives süchtiges Verhalten läßt sich anscheinend nicht so einfach durch Substanzvergabe aus der Welt schaffen. Und schon gar nicht durch die Vergabe nur einer Substanz. Die Probleme der Betroffenen liegen woanders. Selbst wenn sie alle Drogen der Welt frei Haus geliefert bekommen würden, würden sie nicht notwendigerweise eine Ausbildung anfangen und sich plötzlich makrobiotisch ernähren. Andererseits verschärft die Kriminalisierung besonders die desolate Situation von sozial entwurzelten und psychisch vorbelasteten Drogenabhängigen enorm. Der nächste Schritt muß deshalb in letzter Konsequenz viel radikaler sein. Und will man nicht in Richtung Bevormundung und Entmündigung marschieren, dann muß man eindeutig und umfassend schrittweise weiter in Richtung Entkriminalisierung gehen anstatt sich auf Verteidigungskämpfe des zugegeben im Vergleich zum Zustand vor 15 Jahren erstaunlicherweise überhaupt gewachsenen und mittlerweile umfangreichen akzeptierend arbeitenden und sehr sinnvollen Angebotes zurückzuziehen. Drogengebrauch, auch süchtiger Drogengebrauch, sollte für niemanden ein Argument sein, sich aus der Verantwortung für sein Leben und Handeln zu ziehen.

Wo es aber um den Umgang allein mit sich selbst geht, sollte man Drogengebrauchern gegenüber dieselbe Toleranz aufbringen und ihnen dieselben Rechte zubilligen wie Nikotinabhängigen, Alkoholikern oder Extremsportlern. Auf jeden Fall wäre eine ehrliche und offene Auseinandersetzung über das, was sinnvoll erscheint und ausprobiert werden sollte, viel wünschenswerter als ein heuchlerisches Herumlarvieren aus Angst vor Veränderung und dem Verlust von Pfründen und Posten.

Das sich der Druck in der Öffentlichkeit noch erhöhen wird, zeigt die Diskussion um offene Strassendealerszenen, die sich in Städten wie Hamburg im öffentlichen Raum in einem Maße ausgebreitet haben, daß auch ansonsten liberale Mitmenschen sich belästigt fühlen. Die letztlich sinnlose Drogenprohibition ausnutzend und die daraus folgenden hohen Profite abschöpfend, etablieren sich Gruppen ausländischer Krimineller, zum Teil unter Mißbrauch des für politisch Verfolgte gedachten Asylrechts. Auch wenn diese Dealer ihre Landsleute und das Asylrecht in Miskredit bringen und auf die Schwächen ihrer Kundschaft bauen, so nutzen sie doch nur eine gesellschaftliche Nische, die ihnen eine überholte Politik vorgibt, zu ihrem eigenen Vorteil. Erschwert wird die Lösung der Problematik in manchen Stadtteilen noch durch eine Solidariserung bestimmter linksdogmatischer Kreise mit den Tätern, die sie sich dafür gern als Opfer zurechtstilisieren, um sich damit selbst als von positiven Absichten beseelt und über den vermeintlichen Rassismus der Anderen erhebend aufzuwerten. Letztlich projizieren sie ihren Selbsthaß mit Hilfe des Totschlagarguments des Rassismus auf die Menschen, die als betroffene Anwohner oder vielfach ausgenutzte Abhängige mehr Freiheit in ihrem eigenen Lebensraum fordern und verständlicherweise nicht mehr unbefangen an die Sache herangehen können.

Man sieht, wie leicht man über Kokain in Tabubereiche gerät. Die Auseinandersetzungen über den Umgang mit Kokain werden noch zu führen sein Sie werden sehr emotional sein, da es eine große Spannbreite an Konsumenten und Umgangsformen (von harmlosem Vergnügen in geselliger Runde bis hin zur Selbstzerstörung oder aggresssiven Ausbrüchen gegen Andere) mit dieser Droge gibt. Die bedenkliche und verbreitete Kombination von Kokain mit Alkohol habe ich noch garnicht angesprochen.

cocain

Eine andere Seite, ist der Mythos vom Superkokain, das angeblich sofort abhängig mache und verheerende Konsequenzen insbesondere für ungeborene Kinder habe. Besonderen Ausdruck fand dieser Mythos in der mysteriösen neuen Droge „Crack“. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Wirkstoff im Crack um eine wohlbekannte rauchbare Form des Kokains, die Kokainbase. Selbst manch ein Junkie, der regelmässig Kokainhydrochlorid injiziert und auch Kokainbase raucht, ist dem Mythos von der Horrordroge Crack aufgesessen und erzählt ihn mit erregtem Gruseln weiter. Längst ist in den USA belegt, daß ein Großteil der Crackkonsumenten lediglich phasenweise, zum Beispiel am Wochenende konsumiert und die in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen sogenannten „Crackbabies“ in erster Linie Produkte der desolaten Verhältnisse, in denen bestimmte soziale „Randgruppen“ in den USA leben müssen, sind, als daß sie toxikologische Opfer einer Teufelsdroge sind. Im übrigen seien die Kinder bei entsprechender Zuwendung schnell in der Lage ihren Geburtsrückstand wieder zu kompensieren.

Kokain ist mittlerweile nicht mehr nur mit dem Flair des Kitzels für das ansonsten langweilige und öde Leben der Reichen und Schönen behaftet, sondern auch mit Ängsten vor Kontrollverlust und Exzess, wie sie das Bild von den sich zu Tode koksenden Laborratten wiederspiegelt. Wenn man von Kokain spricht, egal in welcher Form, denkt man jetzt auch an Gier, an „craving“, Kokain als Symbol für Maßlosigkeit und Haltlosigkeit. Man will anscheinend immer mehr und wird doch nie wirklich befriedigt, kurze flüchtige Momente allenfalls. Es wird weitergemacht, bis alles weg ist, und dann rennt man nochmal los. Aber man darf bei diesem Bild nicht vergessen, daß ein großer Teil der Konsumenten durchaus in der Lage ist, den Konsum einigermaßen zu kontrollieren, ihn selbstbelohnend, genußorientiert oder leistungssteigernd im Rahmen eigener schadensminimierender Konsumregeln auf bestimmte Gelegenheiten (z.B. nur am Wochenende oder zu Weihnachten und Sylvester) zu beschränken und vor allem die eigene finanzielle Situation im Auge zu behalten. Wer reich ist, ist hierbei zugegeben im Vorteil. Die Reichen können sich auch noch mehr Spaß an Kokainwitzen erlauben, sollte man meinen. Diese haben längst das Fernsehen als Gradmesser der Toleranz erreicht. So sind in der Harald Schmidt-Show Kokswitze ein Dauerbrenner. Der Studiomusiker Helmut Zerlett ist zur koksenden Witzfigur abkommandiert worden. Kokser-Rap und Achtziger Jahre Koksermusik, wie die von Falco, ist lange schon musikprogrammtauglich. In nicht hinterfragten Hollywoodschinken für die breite Masse steht Kokain, „der Schnee auf dem wir alle talwärts fahren“, für ein gewisses Etwas, das Nasenpuder mit dem Flair des Verbotenen. Snowboardhersteller locken mit rasierklingengezogenen Kokainbergen (siehe Piste 1/99). Kokain ist gesellschaftsfähig geworden. Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Deshalb sollte man auch anfangen, den problematischen Konsum zu thematisieren und neue Umgehensweisen damit zu erproben. Dazu gehört meines Erachtens parallel zum anvisierten Heroinvergabeversuch ein großangelegter Kokainvergabeversuch. Erst in der Praxis wird man sehen, ob und für wen der freie Zugang zur reinen Droge die persönliche Gesamtsituation entschärft oder gar noch verschlimmert. Gleichzeitig wäre ein Ausbau an professionellen Hilfen mit Erfahrung im Umgang mit problematisch Kokainkonsumierenden wünschenswert. Kokain sollte von seinem hohen Ross heruntergeholt, aber nicht verteufelt werden. Ob eine Welt mit freiem Zugang zu Kokain (Koks für alle) wünschenswert ist, ist zumindest fragwürdig. Schließlich zeigen Erfahrungen, daß exzessiver Kokainkonsum, besonders das Injizieren und das Rauchen von Kokainbase (oder Crack), innerhalb recht kurzer Zeit zu (meist mit dem Absetzen der Droge schwindenden) Persönlichkeitsveränderungen bis hin zur paranoiden Psychose führen kann. Aber wenn man Wert auf individuelle Freiheit und Selbstverantwortung legt, wird man sich von einer mit Zwang und Strafen drohenden bevormundenden Haltung wegbewegen müssen, auch wenn man nicht immer glücklich mit dem Verhalten und Sosein einzelner Mitmenschen ist.

Was über die Kokainproblematik oft vergessen wird, ist das Kokablatt. Neben dem Schlafmohn und dem Hanf gehört die Kokapflanze zum Triumvirat der drei bei uns in ihrer Gänze verbotenen Pflanzen. Und für die Kokapflanze gibt es praktisch gar keine Ausnahmen mehr. Dabei kann die Pflanze unter unseren klimatischen Bedingungen garnicht gedeihen, es sei denn man päppelt sie im Gewächshaus hoch. Die Ansichtsexemplare botanischer Gärten werden meist mit einer erheblichen Dröhnung an giftigen Pflanzenschutzmitteln am Leben erhalten und sind deshalb für den Verzehr ungeeignet. Selbst der grasig an grünen Tee erinnernde erfischende und leicht anregende Kokablatttee, der in Peru legal als „Mate de Coca“ in Teebeuteln zu je 1 Gramm abgefüllt wird, darf bei uns nicht gehandelt werden. In den frechen Niederlanden allerdings stößt man in manchen Smartshops auf ihn (für z.B. 2 Gulden pro Beutel). Eine Tasse wirkt recht mild, milder als Tee, drei Tassen regen schon deutlich an. Der Tee kann wie guter grüner Tee zwei- bis dreimal überbrüht werden. Auch das Kauen der Kokablätter ist bei uns nicht erlaubt. Den Andenbewohnern hilft der mit einer Messerspitze gebranntem Kalk versetzte und in der Backentasche eingespeichelte und ausgesaugte lokalanästhetisierende Bissen aus mindestens zwei Gramm der getrockneten Blätter nicht nur bei den Strapazen des Tages und gegen Symptome der Höhenkrankheit, sondern auch als Lieferant von Vitaminen, Mineral- und sogar ein paar Nährstoffen. Kokatee und Kokabissen sind im Vergleich zum Kokain harmlose Stimulantien (mit einer Reihe traditioneller medizinischer Indikationen, die überprüft werden sollten). Der Besitz von Kokablättern oder Kokapflanzen sollte bei uns ähnlich wie längst überfällig bei Cannabisprodukten auf keinen Fall strafrechtlich verfolgt werden. Obendrein böte der Handel mit Kokablättern vielen verarmten südamerikanischen Bauern eine legale Einkommensmöglichkeit. Na dann, auf gute Beziehungen!

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Psychoaktive Substanzen Specials

LSD

HanfBlatt, Nr. 66, Mai 2000

Ein weiterer Konditionierungsversuch zur wichtigsten Substanz des 20. Jahrhunderts

lsd

Wem wir das Zeug zu verdanken haben, ist doch wohl klar: Dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann. Der rüstige Rentner, mittlerweile weit über 90, ist immer noch gut beieinander. Ob das daran liegt, dass er LSD (Lysergsäurediäthylamid) so selten oder immer mal wieder ganz bewusst genommen hat, lässt er selber im Dunkeln. Er entdeckte die Wirkung des LSD´s am 16. April 1943 bei einer intuitiv motivierten Nachsynthese. Die zufällig Vergiftung mit der Substanz machte ihn neugierig und drei Tage später nahm er als erster Mensch in einem heroischen Selbstversuch die unerwartet mächtig einfahrende Dosis von 0,25 Milligramm LSD. Was folgte ist Legende.

Der erste Beipackzettel der Firma Sandoz, bei der Hofmann forschte und die LSD ein paar Jahre später als Medikament auf den Markt brachte, empfahl Psychiatern die Einnahme von LSD um ihre Patienten besser verstehen zu können. „Modellpsychose“ nannte sich der Spaß. Schon bald waren auch Freunde und Bekannte der Mediziner bestens mit der unterhaltsamen Substanz versorgt. Die beeindruckenden Wirkungen stießen schnell auf großes Interesse bei spirituell Interessierten, Intellektuellen und Künstlern, deren Berichte eine breite Öffentlichkeit neugierig machten. Der Weg für LSD als Volksdroge der 60er Jahre war geebnet. Die enorm transformatorischen Erfahrungen auf breiter Ebene schrieen geradezu nach einer Umgestaltung der als spießig, lustfeindlich und entspiritualisiert empfundenen „spätkapitalistischen“ Gesellschaft. Das Hippie-Zeitalter begann – Wassermann lass jucken.

Es lässt sich nicht leugnen: LSD wurde einer der maßgeblichen Motoren für seit den 60er Jahren anhaltende weltweite gesellschaftliche Veränderungen. Musik, Kunst, Konsumgewohnheiten, Frauenbewegung, Sekten, Esoterik, Psycho-Welle, ökologisches Bewusstsein, Anti-Rassismus: Die Zeit war reif für mehr Zärtlichkeit und für Katalysatoren vom Schlage des LSD. Kein Wunder, dass es von den Herrschenden sofort verteufelt wurde.
lsd

Das LSD-Revival der 90er

Einen Wimpernschlag vor dem Milleniumswechsel feierte LSD sein viel beachtetes Comeback. Raver, selbsternannte Schamanen, Neo-Hippies und Psycho-Freaks waren sich plötzlich wieder einig: Körperlich gut verträglich bietet es eine starke Ego-Auflösung zu einem angemessenen Preis. Was will man mehr in Zeiten der Orientierungslosigkeit? Während in den 60ern sich Dank LSD alles in den Köpfen änderte und man erwartete, dass sich folglich auch die Welt ändern müsste, empfand man am Ende des zweiten Jahrtausends das sich die Welt rasend ändert, folglich musste sich auch was in den Köpfen tun.

Die Wirkung

Das halbsynthetische LSD wird immer wieder als einmalig in seiner Ego-auflösenden Wirkung hervorgehoben. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von „natürlichen“ Substanzen, die nicht nur in ähnlichen Kontexten genommen werden und wurden, sondern tatsächlich auch vergleichbar zu wirken scheinen, gemeinhin unter dem Oberbegriff Psychedelika zusammengefasst. Von diesen dürften Meskalin, enthalten in diversen Kakteen, insbesondere dem Peyotl und dem San Pedro-Kaktus, Psilocin und Psilocybin, enthalten in zahlreichen Pilzen, DMT, Hauptwirkstoff im „Ayahuasca“, und chemisch dem LSD nahe verwandte Lysergsäureamide, enthalten in den Samen verschiedener Winden, die Bekanntesten sein. Chemikern haben wir allerdings eine ganze zum größten Teil kaum beforschte Palette an weiteren Psychedelika zu verdanken.

Nichts desto Trotz bleibt LSD für viele seiner Afficionados das faszinierenste Vehikel, um ihren Bewusstseinszustand nachhaltig zu verändern. Warum? Schwer zu sagen. Die ausgeprägt subjektiven Erfahrungen die mit LSD gemacht werden, schließen verallgemeinernde Aussagen über die Wirkung der Substanz aus. Ein inspiriertes Gedicht über eine Butterblume gibt da vielleicht mehr her als eine ellenlange verzweifelte wissenschaftliche Abhandlung. LSD nehmen heißt um den heißen Brei herumzutanzen oder sich mit voller Hingabe in ihn hineinzuwerfen, ihn das erste mal im Leben wirklich zu schmecken, nachdem man ausgiebig an ihm gerochen hat.

Über LSD zu sprechen, um damit zu behaupten wie es wirklich wirkt, sollte vermieden werden. Deshalb entschließen wir uns für Endlosgelaber. So ist die Wirkung von LSD, zumindest wenn man danach gefragt wird. Die Wahrheit ist demnach die Erfindung eines Lügners. Ist das alles nur eine Blase, ein abgefahrener Traum, in dem wir leben? Steckt erst dahinter die reale Welt, die nur mit den geöffneten Pforten der Wahrnehmung erkannt wird?

LSD nehmen kann heißen, sich auf den Weg zu machen grundlegende Fragen des Seins immer wieder neu zu stellen. Oder auch nicht. Da droht der Gang in die esoterische Buchhandlung. Mit Chance fährt man aber auch „nur“ mit dem Mähdrescher quer durch die eigene Psyche und man soll sich wundern, was dabei so zutage tritt. Dein innerer Reichsparteitag erwartet LSD-Bombennächte. White Light, White Noise. LSD ein fadenscheiniges Vergnügen? Oder ein wohlfeiler Genuss der Sonderklasse? Oder etwas für Durchgedrehte auf der Schwelle zum übernächsten Millenium? 20.000 Jahre LSD? Was macht LSD aus unbescholtenen Bürgern? Zufrieden mampfende Konsumidioten oder aufmüpfige durch den Raum flutschende Yogis? Mehr Fragen als Antworten, wie man sieht – und dazu kommt noch, dass es offensichtlich zu viele falsche Fragen gibt. Eine gute Frage ist: Why not?
lsd blotter

Dosierung

Leider ist LSD eine nur auf dem Schwarzmarkt erhältliche Substanz. Die dort gehandelten Produkte unterstehen keinerlei Qualitätskontrolle. Nur gut ausgestattete Chemielabore sind in der Lage zu analysieren, was sich in den gehandelten „LSD-Trips“ in welcher Dosis befinden mag. LSD selbst ist ausgesprochen anfällig für Zersetzung, insbesondere im Licht, an der Luft und bei Wärme. Die Haltbarkeit ist sehr kurz. Das macht es de facto unmöglich Dosierungsempfehlungen zu geben. Dennoch existieren in der durchwachsenen Szene der „Acid-Heads“ einige Ratschläge, die unerwünschte Überdosierungen zu vermeiden helfen sollen. Die Erfahrungen von Freunden können Hinweise geben. Man sollte aber bedenken, dass die LSD-Wirkung in hohem Masse von subjektiven und äußeren Einflüssen abhängig ist, Set und Setting halt, die das Erleben in jedem Einzelfalle völlig neu bestimmen. Im Zweifelsfalle wird zunächst lieber weniger genommen, das heißt bei den auf dem Schwarzmarkt üblichen bunt bedruckten Löschblättern, ein Viertel bis die Hälfte des „Löschis“.


„Just say know“

Timothy Leary

Man muss es sich vorstellen: Ein Mann aus gutem katholischem Hause wird Professor, lehrt an der ehrwürdigen Harvard-Universität, schreibt wissenschaftliche Beiträge über Psychotherapie, hat eine nette Frau und mäht am Wochenende Rasen. Aber eines Tages erhält „Onkel Tim“, wie Timothy Leary (22.10.1920 – 31.05.1996) später liebevoll genannt wurde, seine wahre Bestimmung, katalysiert durch den Konsum einen mexikanischen Pilzes. Das war Anfang der 60er Jahre und es brodelte mächtig. Leary flog trotz durchaus sinniger Experimente mit Halluzinogenen aus Harvard (das erste und letzte Mal das ein Professor flog) und begab sich auf den Trip seines Lebens. Für die Hippies und Beatniks wurde er zur Kultfigur des Aufstands gegen das rigide Gesellschaft, für die Normal-Valium-Bürger zum gefährlichsten Mann der USA, der ihre Kinder zu Langhaarigkeit, Kriegsmüdigkeit und Drogenabhängigkeit treibt. „Turn on, tune in, drop out“, ein Satz dessen explosive Wirkung heute kaum noch vorstellbar ist, denn er forderte direkt zum Ausstieg aus dem kapitalistischen, freudlosen und unerotischen System auf.

Tim Leary

Foto aus dem „Wired-Magazin“

Die Nachricht Learys war aufregend: Veränderte Zustände des Bewusstseins bergen einen großes Potenzial für eine positive psychische Entwicklung des Menschen. Sie ebnen den Weg für einen effektiveren und vollkommeneren Gebrauch des Nervensystems. Was dabei rauskommt ist eine schöpferischere und intellektuell reifere Persönlichkeit. Hätte Leary nun Meditation oder Yoga propagiert, wäre er weniger berühmt geworden und das us-amerikanische Establishment hätte weiter ihre Alk-Fürze in die Sofa-Kissen abgelassen. So aber luden sie ihre gesamten Ängste auf ihn und die von ihn propagierten Drogen ab. Das Leary Drogen wie LSD, Pilze und Meskalin als die Vehikel für eine prima evolutionär-revolutionäre Abfahrt feierte, lag in der Natur dieser Substanzen, machten sie doch auf schnelle und beeindruckende Weise klar, was in uns steckt. „Onkel Tim“ brannte darauf mit zu erleben, wie die Menschheit die alten Konditionierungen aufbricht und jeder einzelne sein Bewusstsein über die feste „Programmierung“ seiner „Schaltkreise“ hinaus entwickelt.

LSD in der Psychotherapie

Der seriöse Aspekt in der Anwendung des LSD ist sein Einsatz in psychotherapeutischen Kontexten. Zwei Herangehensweisen lassen sich unterscheiden: Die sogenannten Psycholytiker spülen mit Hilfe von LSD schwer zugängliche innere Zustände an die Oberfläche, die erst dadurch therapeutisch bearbeitbar werden. Die klassischen Psychedeliker erhoffen sich von einer durch eine hohe Dosis LSD katalysierten spirituellen Erfahrung heilende Auswirkungen auf das Leben des Menschen. Leider wurden die wissenschaftliche Erforschung und die professionelle Anwendung von LSD als Therapeutikum durch die Verbotspolitik praktisch lahmgelegt. Der Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser erhielt Ende 2007 die Erlaubnis, LSD zu therapeutischen Zwecken versuchsweise zu benutzen.

Literatur

Plichtlektüre ist

Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind

Nicht auf dem neuesten Stand, aber eine gute Basis ist

Peter Stafford: LSD

Und in der gesellschaftliche  Einordnung: Günter Amendt: Die Legende vom LSD

LSD-Poem

Erdbeeren, Bananen, Kirschen, Simpsons, Donalds, Supermans, Silver Surfers und Marsipulamis, Che Guevaras und Super Marios, Kreuze, Knoten, Schlüssel, Flügel, Glocken, Sonnen, Wallace and Grommits, Jerry Garcias und Jesuse, Friedenstauben, Goofys und E.T.´s, Peace Zeichen, Tintenfische und Pentagramme, Horusaugen, Flying Horses, Yin und Yangs, Chill-Pills, Eicheln, Mond und Sterne, Feuer, Schlangen, Pyramiden, Noten, UFOs und Ganeshas, Oms, Fat Freddy´s Cat und Fritz der Kater, Pyramidenaugen, Totenköpfe, Mickey Mäuse, Sterne, Karos, Herzen, Beavis and Buttheads und Father of LSD, Tiger, Fische, Bären, Formeln, Looney-Birds und Jubiläums-Teile, verrückte Muster, Hofmänner und Mirakulix, Helme, Augen und explodierende Hakenkreuze, Ha´s, Aliens, Klobürsten, Gay Bikers on Acid und Abendmahle, No Limits -LSD.

az und adh

Nachtrag 2008: Im Alter von sagenhaften 102 Jahren verstarb am 29. April 2008 der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in seinem Haus in Burg im Kanton Basel-Land.

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Psychoaktive Substanzen Specials

Salvia Divinorum

HanfBlatt, Nr. 67/2000

SALVIA DIVINORUM

Lieferant des stärksten aus dem Pflanzenreich bekannten Psychedelikums

Das, was das Gewebe der Realität zerreißt. Salvinorin A. Vorweg: Salvia Divinorum unterliegt in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Aber wir wollen die Pflanze kennenlernen, die uns diese bemerkenswerte Substanz liefert.

Salvia divinorum species from Oaxaca (Mexico). Photographed at the Conservatory of Flowers in San Francisco

Salvia divinorum ist eine einzigartige psychoaktive Salbeiart, auch „Wahrsagesalbei“ genannt, die in den Bergen von Oaxaca, einem mexikanischen Bundesstaat, von Mazateken Indianern, die sie „Hierba de la Pastora“ (Kraut der Schäferin) oder „Hierba de la Virgen“ (Kraut der Jungfrau) nennen, für schamanische Rituale gezogen wird. Echte Wildvorkommen sind nicht bekannt. Sie wird nur über Stecklinge (Klone) vermehrt. Praktisch alle im Umlauf befindlichen Stecklinge sollen von nur zwei lange auseinanderliegenden Sammlungen im Herkunftsgebiet abstammen. Man spricht vom sehr bitteren Wasson & (Albert) Hofmann – Klon und dem wohl verbreiteteren Palatable – Klon. Ein wahres Klonwunder also, daß sich gegenwärtig auch hierzulande im Kreise experimentierfreudiger Psychonauten eines regen Interesses erfreut. Die Pflanze ist nicht ganz anspruchslos, was ihre Wachstumsbedingungen betrifft. Sie liebt es warm bei hoher Luftfeuchte und guter Wasserversorgung, viel Licht, aber keine direkte Sonnenbestrahlung und kein Frost, halt so wie in der juten alten Heemat, dem tropischen Bergland der Sierra Mazateca. Wer auf diese Ansprüche Rücksicht nimmt, wird mit schnellem Wachstum belohnt. Das nicht sonderlich attraktive großblättrige Gewächs kann zwei bis drei Meter hoch werden. Auch lassen sich relativ problemlos Stecklinge gewinnen. Im Wasserglas beginnen sie nach zwei bis drei Wochen zu wurzeln.

Der Eigenanbau lohnt, denn im ethnobotanischen Fachhandel werden für 1 Gramm der getrockneten Blätter Preise von durchschnittlich 5 bis 8 DM verlangt. Und ein innerhalb von weingen Monaten auf 1 bis 1,5 Meter hochgeschossener Steckling, kann locker 20 Gramm und mehr getrockneter Blätter liefern. Für Stecklinge werden Preise von durchschnittlich 35 bis 40 DM verlangt. Dabei sollte unbedingt darauf geachtet werden, daß es sich um gesunde grüne, möglichst gut angewurzelte Exemplare handelt. Sie überstehen keine langen Transportzeiten und werden im Falle des Versandes, sofort nach dem Auspacken in eine Umgebung hoher Luftfeuchte verbracht, zum Beispiel in eine Art Reanimationszelt aus durchsichtiger, noch luftdurchlässiger Kunsttofffolie. Regelmässiges Übersprühen mit kalkfreiem Wasser tut es auch. Im Winter stagniert bei uns das Wachstum, wenn man keine künstliche Beleuchtung einsetzt. Im Frühling treiben die Pflanzen wieder aus. Deshalb werden auch Stecklinge meist erst ab dem Frühjahr versandt.

Die Blätter werden üblicherweise während der wärmsten Jahreszeit, also bei uns im Sommer oder Spätsommer geerntet. Ihr Wirkstoffgehalt scheint dann am höchsten zu sein. In den Tropen gewachsene Salvia divinorum soll potenter sein (bis zum 1,5 fachen). Es können sowohl einzelne Blätter als auch ganze Zweigspitzen geerntet werden. Aus den Seitenachseln treiben dann neue Triebe aus.

Die Blätter werden sofort frisch verwendet oder bei Raumtemperatur getrocknet.

Der nicht wasserlösliche Wirkstoff der Blätter kann nur über die Mundschleimhäute oder die Lunge in ausreichend kurzer Zeit in genügender Menge resorbiert werden, um die für einen intensiven Effekt notwendige Schwellendosis im Körper zu überschreiten. Dazu werden verschiedene Einnahmemethoden praktiziert.

1. Die frischen Blätter werden zu einer Art Zigarre gerollt und in die Backe(n) gequetscht, ausgedrückt, zerkaut, wobei man darauf achtet, daß möglichst viel Saft möglichst lange mit den Mundschleimhäuten in Berührung kommt. Das Runterschlucken des Saftes wird herausgezögert. Ist man mit dem Kauen durch, kann noch nachgelegt werden. Für einen Kauvorgang sollten 15 bis 30 Minuten veranschlagt werden. Eine typische Dosis sind 10 große Blätter. Die Blätter schmecken charakteristisch, nicht gerade lecker. Sie können auch bitter sein. Wieweit der Gehalt an zusätzlichen Bitterstoffen vom Klonahnen und der Anbaumethode abhängt, ist noch nicht ganz klar. Spaß bringt die Kauprozedur auf jeden Fall höchstens den Zuschauern.

2. Die getrockneten Blätter werden angefeuchtet und wie ein Pfriem in der Backe plaziert und ausgekaut wie die frischen Blätter. Die getrockneten Blätter schmecken vielleicht einen Tick „besser“ als die frischen, aber auch nur einen „Tick“.

3. Die getrockneten Blätter werden in einer Wasserpfeife geraucht. Dabei kommt es darauf an, möglichst viel Rauch möglichst lange und oft hintereinander in die Lungen zu kriegen. Die minimale gerauchte Dosis liegt bei einem halben Gramm der Blätter. Das ist schon „eine ganze Menge Holz“.

4. Es wird ein alkoholischer Extrakt aus den Blättern gewonnen. Dazu weicht man die getrockneten Blätter meherere Tage an einem dunklen Ort in soviel möglichst reinem trinkbarem Alkohol (Weingeist) ein, daß die Blätter bedeckt sind. Schließlich wird abgefiltert. Der erhaltene Extrakt kann nun durch Verdunstenlassen des Lösungsmittels weiter konzentriert werden. Läßt man den Alkohol vollständig abdunsten, erhält man einen schon recht konzentrierten nahezu festen Extrakt, der geraucht werden kann.

Der alkoholische Flüssigextrakt wird eingenommen, indem man ihn entweder leicht verdünnt mit Wasser oder pur ( vorsicht „brennt“) in den Mund nimmt und die Schleimhäute möglichst lange umspülen läßt. Für minimale Effekte sollte der Extrakt mindestens einer Ausgangsmenge von 2 Gramm der getrockneten Blätter entsprechen. Es werden oft viel höhere Dosierungen genommen. Die Potenz des Extraktes ist natürlich auch vom eingesetzten Ausgangsmaterial abhängig. Deshalb sind erhebliche Schwankungen möglich.

Der Festextrakt wird geraucht, indem man ihn möglichst vollständig verdampft und in möglichst wenigen lange einbehaltenen Zügen inhaliert. Auch hier wird das Äquivalent von mindestens einem halben Gramm der Blätter, oft aber eher das von ein bis vier Gramm der Blätter geraucht um eine deutliche Wirkung zu erzielen. Verdampfungsmethoden werden dem banalen Rauchen vorgezogen.

5. Es wird über einen komplizierten Extraktionsprozeß der reine Wirkstoff Salvinorin A gewonnen, beziehungsweise ein hochkonzentrierter Extrakt hergestellt. Der reine Wirkstoff wird von einer ausgeglühten Alu-Folie oder in einer Haschölpfeife verdampft und inhaliert. Die gerauchten Dosierungen liegen zwischen 0,3 und 2 Milligramm, sprich 0,0003 und 0,002 Gramm! Da dies für einen Laien äußerst schwer zu dosieren ist, hat man Salvinorin A auch in einem Verhältnis von 1 zu 25 auf die getrockneten Blätter aufgebracht, von denen dann 25 Milligramm, also 0,025 Gramm, eine typische Rauchdosis darstellen, die in einem Zug inhaliert werden kann. Bislang ist der reine Wirkstoff nur in einer kleinen Szene mehr oder weniger erfahrener Underground-Psychonauten in den USA, insbesondere in Kalifornien, zum Einsatz gekommen. Einer dieser Psychonauten, Mister „D.M. Turner“, hat ein sehr lesenwertes Buch über Erfahrungen mit Salvinorin A geschrieben. („Salvinorin. The Psychedelic Essence of Salvia Divinorum.“ Panther Press, San Francisco, 1996, ISBN 0-9642636-2-9). Ein deutsches Büchlein wird von Herrn Bert Marco Schuldes mit äußerster Spannung erwartet.

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Was hat es nun mit der merkwürdigen Wirkung dieser Pflanze auf sich? Es handelt sich bei dem Wirkstoff Salvinorin A um das stärkste aus der Pflanzenwelt bekannte Psychedelikum. Obendrein noch um ein Diterpen, also eine Substanz, die sich von den anderen bekannten Psychedelika chemisch erheblich unterscheidet.Wie Insider zu berichten wissen, scheinen Erfahrungen mit der Inhalation der geradezu winzigen Wirkstoffmengen von einer solchen Intensität und dermaßen bizarr, außer Kontrolle geraten und beängstigend zu sein, daß kaum jemand Lust auf die Wiederholung eines solchen Törns verspürt. Erfahrungen mit dem reinen Wirkstoff sind bei uns gegenwärtig sehr selten. Dagegen haben sich viele Leute schon durch die erheblich geringer konzentrierten alkoholischen Extrakte oder die Blätter getestet, oder sollte man besser gekämpft sagen?! Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Es scheint so, als müsse man das Gespür für die oft recht subtile Wirkung erst entwickeln. Vielleicht gibt es eine individuelle Schwellendosis. Und selbst wenn soetwas wie ein typischer Salvia-Raum des Bewußtseins erreicht wird, übt dieser auf einen Großteil der Konsumenten keinen sonderlichen Reiz aus. Dann gibt es aber auch wieder die besonders Sensiblen, die sich von der eigenartigen Bilder- und Gefühlswelt, die sich mittels Salvia erschliessen lassen kann, faszinieren lassen und sich zu wiederholten Besuchen aufmachen.

SALVINORIN A
SALVINORIN A

Lassen wir einfach mal einen Experimentierer berichten:

„Mir erging es so, daß ich einige Male mehr und mehr der Blätter oder des Extraktes geraucht und gekaut hatte, und doch schon recht „breit“ wurde, ohne mir darüber klarzusein, wie breit ich eigentlich war. Wenn ich die Augen schloß, spürte ich eine Intensität, die sofort verschwandt, wenn ich die Augen öffnete und mich Vertrautem zuwandte. Ich hatte das Gefühl, immer noch nichtgenug genommen zu haben. Andererseits hatte ich doch deutliche Koordinationsstörungen. Am Telefon lallte ich noch umständlicher als sonst. Musik kam gut. Als ich mir bei einer Gelegenheit im Foyer des Gruner & Jahr-Affenfelsens eine Fotoausstellung ansah, war ich keineswegs außer Kontrolle. Aber der merkwürdige Zustand, in dem ich mich befand, im Kontrast zu dem was ich tat, in Kombination mit dem wohlschmeckenden Lakritzeis, an dem ich wollüstig schleckte, beflügelte mein Amüsement, ohne daß ich genau sagen könnte, wie es mir emotional ging…

Auch die Kombination mit der Inhalation geistbeflügelnder Hanfdämpfe konnte mich nicht vollständig in einen Bereich bringen, den ich endgültig als Salvia-Space akzeptiert hätte, obwohl sie dem Ganzen eine spannendere Note verlieh…

Ein anderes Mal war der Bann dann schließlich doch gebrochen. Mittels des im Mundraum zerfliessenden konzentrierten alkoholischen Extraktes, spät in der Nacht. Ich hatte einen ganzen Film halluzinogener Visionen, insbesondere bei geschlossenen Augen. Und das Ganze von kristallklar kitschig-trivialer Intensität. Szenerien, wie durch ein vorgeschaltetes Auge oder ein Fischauge gesehen, vor einer Kulisse sanft fliessender holzmaserungsartiger Muster mit immer wieder wechselnder Motivwahl, …bunte Fische, spielende Delphine, ein Pingiun auf einer Eisscholle, jetzt sich tummelnde Wale in der Abenddämmerung…Banale graphisch perfekte bunte Bilder aus einer herrlich heilen Welt, aus dem Innern meines Geistes, aber doch auch wie FÜR MICH auf eine innere Leinwand projiziert. Aber auch hier: Beim Öffnen der Augen spüre ich zwar noch die Stärke der Droge, könnte mir aber fast einbilden, völlig nüchtern zu sein, bilde ich mir ein. Wie von selbst schliessen sich die Augen und ich gebe mich der urigen Energie und den eigenartigen Bildern wieder hin. Überraschend, ein schönes beeindruckendes Erlebnis.

Zwei Tage später nochmal mit einer erheblich höheren Dosis. Sofort, der Wunsch aufzustehen, keinen Bock zu liegen und auf Visionen zu warten, zu den anderen ins Wohnmobil rübergehen. Enthemmt, albern, völlig schräge drauf, alles ist schräge, irgendwie auch leicht halluzinogen verändert, schräge eben, auch räumlich, Schräglage. Schön, könnte ruhig noch stärker sein. Die Wirkung ist wie üblich kurz. Vielleicht eine halbe Stunde recht kräftig, nach zwei Stunden verflogen…

Als Nachwirkung hatte ich manchmal leichte Kopfschmerzen, besonders nach der Raucherei.“

Noch ist (mir) nicht klar, wo und wie genau Salvia divinorum und insbesondere der obskure Wirkstoff Salvinorin A in der Familie der Psychedelika einzuordnen sind. Es bleibt abzuwarten, ob es sich bei Salvia divinorum-Konsum nur um eine vorübergehende Modeerscheinung handelt, oder ob sich tatsächlich ein Stamm von Liebhabern etablieren wird. Vielleicht muß tatsächlich erst das morphogenetische Feld für eine Art Salvia divinorum -Konsens-Space erkaut und erraucht werden. Wer weiß? Oder wird gar das reine Salvinorin A als neuer Renner auf dem Markt psychedelischer Möglichkeiten auftauchen? Die Wirkungsbeschreibungen in den vorliegenden Berichten klingen eigentlich nicht so verlockend. Hört sich eher nach kosmischer Verwirrung oder gar psychedelischem Nihilismus an. Sollte das das Ende der Fahnenstange sein? Ich hoffe nicht.

Exkurs:

Die attraktiven Coleus-Arten: Verwandte der Salvia divinorum?

Eine Varietät des schnellwachsenden und wegen ihrer schönen meist mehrfarbigen Blätter als Topfpflanzen beliebten Coleus blumei-Sträuchleins und die weniger bekannte Coleus pumilus gelten bei den Mazateken-Indianern als nahe Verwandte der Salvia divinorum und stehen in einem gewissen Ansehen. Sie werden ähnlich wie diese in Heilungszeremonien eingesetzt, indem man die frischen Blätter zerquetscht und mit Wasser aufgeschwemmt zu sich nimmt oder sie zerkaut, so heißt es. Dieses Wissen animierte Undergrozndfreaks über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu fruchtlosen Selbstversuchen mit den bei uns erhältlichen Topfpflanzen. Lasset euch gewarnt sein: Das bei uns gewachsene Coleus blumei-Kraut ist ein Augenschmauß, aber kein Gaumenkitzel. Im Gegenteil: Es schmeckt fürchterlich, und obendrein wirkt es nicht. Auch nicht, wenn man es in getrockneter Form raucht. Die original im tropischen Mexiko gewachsenen Varietäten dagegen sollen tatsächlich, wenn man sie beispielsweise raucht, einen durchaus spürbaren Effekt entfalten. Dafür verantwortliche Wirkstoffe sind bis dato nicht bekannt.

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Und hier ein Interview mit dem Salvia Experten Daniel Siebert

 

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Psychoaktive Substanzen Specials

Ashwagandha

HanfBlatt, Nr. 65, April 2000

Ashwagandha

Ashwagandha, botanisch Withania somnifera, im Deutschen „Schlafbeere“, englisch „Winter Cherry“, ist ein bis zu eineinhalb Meter hoch wachsender Strauch aus der Famlie der Nachtschattengewächse mit auffallenden korallenroten Früchten, die an die leckeren Kapstachelbeeren erinnern, aber ungeniessbar sind. In der traditionellen indischen Kräuterheilkunde, der ayurvedischen Medizin, spielt Ashwagandha eine bedeutende Rolle. Ashwagandha gedeiht in Indien, Sri Lanka, Pakistan, Afghanistan und anderen asiatischen Ländern. Die Pflanze wächst wild in trockeneren Ödlandgebieten, wird aber auch angebaut. Sie findet sich auch in weiten Teilen Afrikas und in Südeuropa. Wo sie gedeiht, wird sie in der Regel medizinisch genutzt, so zum Beispiel in dem momentan so angesagten Südafrika (wo sie auf Afrikaans „geneesblaarbossie“ genannt wird).

Schon die alten Ägypter schätzten die Pflanze. So soll sie beispielsweise in Girlanden, die die Mumie von Tutanchamun schmückten, nachgewiesen worden sein. Bei der im alten Indien als Aphrodisiakum geltenden Wunderwurzel „jangida“ soll es sich um Withania somnifera gehandelt haben. Im arabischen Raum war ihre narkotische schlaffördernde Wirkung bekannt. Der syrische Name „Sekran“ bedeutet „Rauschmittel“.

Traditionell werden die Blätter, die Wurzel und hiervon insbesondere die Wurzelrinde angewandt. In Indien gilt die getrocknete Ashwagandha-Wurzel als verjüngendes Tonikum, als Stimulans und Aphrodisiakum, aber auch als Narkotikum. Es wurde und wird bei zahlreichen Symptomatiken eingesetzt, so unter anderem bei rheumatischen Erkrankungen, bei Ängstlichkeit, Nervosität und Schlafstörungen, bei Stress, in der Rekonvaleszenz, bei Appetitlosigkeit, bei Immunschwäche sowie Alterungserscheinungen wie zum Beispiel seniler Debilität, insgesamt ein Anwendungsfeld, das dem der Ginsengwurzel sehr ähnlich ist. Ashwagandha wurde deshalb auch als „Adaptogen“ kategorisiert und „Indischer Ginseng“ genannt. Auffallend ist auch eine gewisse harntreibende Wirkung. Zudem soll sie blutdrucksteigernd, schleimreduzierend und antiasthmatisch wirken und positiven Einfluss auf die Verdauung nehmen. Aufgrund wahrscheinlicher antibakterieller Wirkungen wird das Wurzelpulver, häufiger allerdings noch die Blätter, traditionell äusserlich bei Schwellungen, Entzündungen und Geschwüren aufgetragen.

Als Hauptwirkstoffe hat man Steroidlactone vom Typ der Withanolide extrahiert.

Sehr preiswert lassen sich die Ashwagandha-Wurzeln in den Heimatländern der Pflanze, zum Beispiel in indischen Kräuterläden erwerben. Bei uns ist sie frei verkäuflich und bisweilen im ethnobotanischen Fachhandel erhältlich. In indischen Apotheken erhält man potente aber nicht unbedingt nach europäischen Massstäben standardisierte Präparate, die konzentrierten Ashwagandha-Wurzelxtrakt enthalten, zum Beispiel „Dabur Ashwagandha Capsules“ mit jeweils 300 mg Extrakt pro Kapsel.

Als therapeutische Dosierung werden 2 mal täglich 300 mg des Extraktes empfohlen. Wer jedoch auch psychisch eine Entspannung spüren möchte, die subjektiv an Baldrian, Kava-Kava und Ginseng erinnern mag, erhöht diese Dosis meistens. Als entspannendes, hingabeförderndes, sowie erektionsverlängerndes Aphrodisiakum werden in Indien 2 bis 4 Gramm des Wurzelpulvers mit Milch gekocht, eventuell mit Zucker, Honig und Langem Pfeffer (botanisch Piper longum) aufgepeppt oder einfach mit Butterschmalz vermengt eingenommen. Die Dosierungen bei Erkältung und Husten, bei Rheumatismus und bei „Genereller Debilität“ liegen ebenfalls in diesem Bereich. Höhere Dosierungen gelten nicht als gefährlich, allenfalls als einschläfernd.

Die Einnahme von extrakthaltigen Kapseln ist am wirkungsvollsten. Es kann auch die feingemahlene Wurzel in Kapseln eingenommen werden. Aus der pulverisierten oder kleingehäkselten Wurzel lässt sich eine nicht besonders angenehm schmeckende Tee-Abkochung zubereiten, die sich allerdings mit Gewürzen, Süssungsmitteln etc. verfeinern lässt. Durch längeres Einlegen in hochwertigen Wodka lässt sich ein alkoholischer Auszug herstellen. Es ist möglich die Wurzel zu kauen, was auch gegen Zahnschmerzen helfen soll. Sie kann sogar geräuchert oder geraucht werden, eine traditionell zum Beispiel bei Asthma angewandte Methode.

Einen gewissen Ruf hat sich Ashwagandha unter Hanfliebhabern als rekreativ eingesetzter relaxender Wirkungsverstärker erworben. Der Wurzel werden Entspannung und Aphrodisie verstärkende Eigenschaften zugesprochen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Themenkomplex stehen leider wie so oft noch aus. Ob sich die in ihren Heimatländern hochangesehene und als weitgehend unbedenklich geltende Wurzel bei uns als Heil- oder gar softes Genussmittel etablieren wird, bleibt abzuwarten.

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Psychoaktive Substanzen Specials

Oxy – orientalischer Mohn

Über Orientalischen Mohn und andere Merkwürdigkeiten

Der hirnverbrannte und menschenverachtende „Krieg gegen Drogen“ treibt immer wieder absonderliche Blüten. Bei einer dieser Blüten geht es um eine äusserst beliebte und verbreitete Zierpflanze. So wurde in der Bundesrepublik Deutschland mit Wirkung zum 1. Januar 1982 nicht nur der Anbau von Hanf endgültig verboten, mit der einzigen Ausnahme, wenn er „als Schutzstreifen bei der Rübenzüchtung gepflanzt und vor der Blüte vernichtet“ würde. Auch der Anbau von Schlafmohn (Papaver somniferum) wurde verboten. Dies mag in der Logik der Prohibitionistesn noch verständlich sein, weil sich von den grünen Mohnköpfen, wenn auch unter Mühen, selbst hierzulande hochwertiges Opium ritzen und aus den getrockneten Mohnköpfen ein potenter morphinhaltiger Tee kochen lässt, der zu einem oral einnehmbaren Festextrakt eingedampft werden kann. In Polen und anderen Ländern des Ostblocks braute man aus dem sogenannten Mohnstroh unter Zusatz von Chemikalien ein gesundheitlich äusserst bedenkliches injizierbares Gemisch zusammen, das unter der Bezeichnung „Compot“ oder „Polnische Suppe“ bekannt wurde.

Seltsam ist dagegen das gleichzeitige Verbot einer anderen Mohnart, des Orientalischen Mohns oder Türkenmohns, im damaligen Betäubungsmittelgesetz botanisch Papaver orientale und Papaver bracteatum genannt. Ob es sich bei den sehr ähnlichen Pflanzen doch um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Die mehrjährige Staude, die leicht über Samen und Wurzelstecklinge vermehrt werden kann und mit ihren grossen orangen, roten oder rosa Blüten im Mai und Juni eine Augenweide zahlloser Vorgärten darstellt, enthält weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide. Kein einziger Fall des „erfolgreichen“ Mißbrauchs dieser Zierpflanze dürfte dokumentiert sein. Dennoch setzte man sie pauschal mit Cannabis und Schlafmohn gleich. Der Grund: Die Pflanze enthält in den reifen Samenkapseln mehr oder weniger Thebain. Dieses Alkaloid ist dem Codein und Morphin chemisch nahe verwandt. Es selbst gilt aber zumindest bei Tieren angewandt als „Krampfgift“. Es wirkt demnach nicht sonderlich berauschend sondern eher krampffördernd, eine Wirkung auf die Normalsterbliche in der Regel gerne verzichten. Findige Chemiker könnten allerdings auf die Idee kommen, das Thebain aus der Pflanze zu extrahieren und auf einem nicht ganz einfachen chemischen Wege in morphinähnlich wirkende Substanzen (wie z.B. Codein, Oxycodon, Etorphin oder Buprenorphin) umzuwandeln. In dieser Hinsicht wurde bis in die Siebziger Jahre nämlich von US-Regierungsseite aus eifrigst geforscht. Man hatte die grandiose Idee, diesen chemischen Prozess zu monopolisieren, statt Schlafmohn, der auf dem Weg vom Feld zur Pharmaindustrie überall abgezweigt und ohne grossen Aufwand illegal konsumiert werden kann, den nicht so locker konsumierbaren Orientalischen Mohn anzubauen. So wollte man in Zeiten des Kalten Krieges den medizinischen Bedarf an Codein und anderen Opiaten und die zur Vorbereitung eines drohenden Weltkrieges anzulegenden Vorräte dieser Schmerzstiller sichern, und gleichzeitig der Ausrottung des Schlafmohns, dessen Anbau dann ja eindeutig nur noch dem Zwecke liederlicher verbotener Berauschung dienen würde, freie Bahn geben.

Schlafmohnsamen als Quelle von Öl, Brötchenbelag, Würzmittel oder Bestandteil schlesischer Leckereien hielt man schlichtweg für ersetzbar, z.B. durch Samen anderer Mohnarten. Die Endlösung der Schlafmohnfrage erschien den Forschern in greifbare Nähe gerückt. Nun bleiben wissenschaftliche Erkenntnisse, die in jederman zugänglichen Fachzeitschriften publiziert werden, ja auch kriminellen Elementen nicht lange verborgen. Selbst in der „High Times“ wurde schliesslich darüber berichtet. So befürchtete man, dass die zunächst genialisch anmutende Idee auch nach hinten losgehen könnte. Was wäre, wenn chemisch versierte Übeltäter einfach Orientalischen Mohn anpflanzen, das Thebain extrahieren und in potente Opiate umwandeln würden. Irgendwie so muss man gedacht haben, als man auf die Schnapsidee kam, den Orientalischen Mohn in der BRD zu verbieten. Dieses Verbot blieb in der Öffentlichkeit praktisch vollkommen unbeachtet. Im Frühjahr blühte der Türkenmohn wie eh und je auch in den Gärten von Richtern, Polizisten, Politikern und Staatsanwälten, ohne dass sich jemand einer Schuld bewusst war. Am 1.September 1984 wurde dann sang- und klanglos der Anbau zu Zierzwecken wieder zugelassen. Ende einer absurden Episode möchte man meinen.

Nicht ganz, denn jetzt kommen aus den USA Meldungen über die zunehmende Verbreitung des Konsums eines „neuen“ und dabei doch mal wieder so alten „Superopiates“: Oxycodon (= früher Dihydroxycodeinon= heute Dihydrohydroxycodeinon) heisst die Substanz, die aus Thebain synthetisiert wird. Von dieser Teilsynthese wurde zuerst schon 1916 in Deutschlands Fachpresse berichtet. Als medizinisches  Präparat wurde es von der Firma Merck 1919 unter dem Namen Eukodal zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung eingeführt. Bereits 1920 berichtete man in der Fachliteratur von einem ersten Fall von „Eukodalismus“. Fälle von „Eukodalsucht“ hielten sich aber bis in die Dreissiger Jahre in Grenzen. Dennoch unterstellte man die Substanz schliesslich dem Opiumgesetz. Zu einem neu aufflammenden Interesse an diesem lange Zeit im Abseits dümpelnden Opiat dürfte jetzt auch das neue recht teure Buch des Chemieafficionados mit Undergroundattitüde Otto Snow beitragen. Er hat sein Werk schlicht und einfach „Oxy“ (ISBN 0-9663128-2-1, 31.95 US-$) genannt. Es handelt sich um eine Sammlung von Reprints überwiegend älterer englischsprachiger und sogar einiger deutscher wissenschaftlicher Texte rund um den Anbau von Schlafmohn, die Gewinnung von Morphium, die Extraktion von Thebain und die Teilsynthese von, man kann es schon erahnen: Oxycodon. Praktische auf eigenen Erfahrungen beruhende Anleitungen gibt er nicht. Das Ganze versteht sich eher als sammlerische Vorarbeit und Herausforderung an die Drogenpolitik – denn, indem Snow den Menschen ein gewisses Know How zur Gewinnung und Herstellung der wirksamsten und verträglichsten Gruppe von Schmerzmitteln, nämlich den Opiaten, zur Verfügung stellt, ermächtigt er sie, sich selbstbestimmt und unabhängig von staatlicher Gnade und restriktiven Gesetzen zum Beispiel in Zeiten der Krise von katastrophen- oder kriegsbedingten Schmerzen zu befreien. So gesehen sicherlich ein heroischer Akt.

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Krähenaugen

Krähenaugen, auch Brechnuss oder pharmazeutisch Semen strychni genannt, das sind die auf Grund ihres Strychningehaltes hochwirksamen Samen eines tropischen Baumes, des Krähenaugen- oder Brechnussbaumes, der englisch Poison nut-tree und botanisch Strychnos nux-vomica heisst. Der bis zu 25 Meter hohe Baum, der in seinen Früchten jeweils zwischen einem und neun der schönen eben an die Augen von Krähen erinnernden Samen enthält, ist in Asien auf Sri Lanka, vom tropischen Indien (Orissa, Südindien) bis nach Tibet, Südchina, Vietnam und Nordaustralien verbreitet. In diversen Tropenländern, so in Südostasien und Westafrika, wird er angebaut. Er bevorzugt den Rand trocken-heisser dichter, insbesondere küstennaher Wälder, sowie Flussufer und kommt bis zu einer Höhe von 1300 Metern vor. Hauptproduzenten der Krähenaugen überwiegend aus Wildbeständen sind Indien und Sri Lanka.

Die Samen dienten früher als Grundlage für Pfeilgift.

In der traditionellen chinesischen Medizin sind die Krähenaugen wohlbekannt. Sie heissen hier Ma-chíen-tzu oder auch Fan-muh-pieh. Als übliche medizinische Dosis gelten 0,006 bis 0,009 Gramm der Samen, also eine sehr geringe Menge. Oft werden die Samen vor ihrer Einnahme durch eine Hitzebehandlung teilweise „entschärft“.

In Indien stellen die Krähenaugen ein wichtiges nervenstimulierendes Heilmittel der ayurvedischen Medizin dar. Die in Hindi Kucla genannten Samen haben zahlreiche Indikationen, unter anderem gelten sie als herzstimulierend, blutdrucksteigernd, antidiuretisch, aphrodisierend und ejakulationshemmend. Die Dosierung der gemahlenen Samen schwankt zwischen 0,03 und 0,24 Gramm. Häufig wird den Samen allerdings zuvor in einem langwierigen Prozess ein Grossteil des Strychnins entzogen!

Strychnos Nux-vomica, 1828
Strychnos Nux-vomica, 1828

Als Krähenaugen bei uns noch medizinisch eingesetzt wurden, was zur Zeit als obsolet gilt, wurden Dosierungen zwischen 0,02 und 0,05 Gramm gegeben. Als höchste Einzelgabe wurden 0,1 Gramm der Nuss veranschlagt, 0,2 Gramm als höchste Tagesgabe.

Für homöopathische Nux-vomica-Zubereitungen gibt es nachwievor eine Reihe von Indikationen. Von besonderem Interesse dürfte sein, dass die D6-Form gut gegen Alkohol-Kater helfen soll.

Krähenaugen können einen Gesamtalkaloidgehalt von 0,24 bis 5 % aufweisen, enthalten aber im Schnitt 2,5 bis 3 %. Der Strychningehalt beträgt 1,2 bis 1,5 %. Er kann aber bis 2,3 % hochgehen. Das sehr bitter schmeckende Strychnin ist der Hauptwirkstoff der Samen. Das zweitwichtigste nahe verwandte Alkaloid Brucin schmeckt zwar auch extrem bitter, hat aber nur 1/50stel der Wirkstärke des Strychnins.

Strychnin wirkt als spezifischer kompetitiver Antagonist des inhibierenden Transmitters Glycin. Es lähmt hemmende Neuronen, insbeondere im Rückenmark. Es führt durch die Ausschaltung von Kontroll- und Hemmmechanismen bei gleichzeitigem Reizeinstrom zu einer Sensibilisierung bis hin zu heftigen schmerzhaften Krampfanfällen bei vollem Bewusstsein. Auch höhere Zentren wie Kreislauf- und Atemzentrum werden leichter erregbar. Strychnin wird schnell aus dem Verdauungstrakt aufgenommen, in der Leber umgewandelt und normalerweise relativ rasch ausgeschieden.Tödlich verlaufene Vergiftungen mit Strychnin sind bekannt. Dosierungen ab etwa 1 mg Strychnin pro Kilogramm Körpergewicht gelten als tödlich. Kinder sind erheblich empfindlicher. Schon 5 mg sollen eine lebensgefährliche Dosis darstellen können. Herz-, Leber- und Nierenkranke sind einem stark erhöhten Risiko ausgesetzt. Strychnin kann sich bei längerer wiederholter Anwendung und bei Leberschäden ausserdem gefährlich anreichern. Von den Samen sollen schon 0,75 bis 3 Gramm tödlich wirken können.

Strychnin ist bei uns berüchtigt als Ratten- und Nagetiergift, wahrlich ein schlechter Ruf.

Weniger bekannt dürfte der gelegentliche Einsatz in niedriger Dosis als Dopingmittel im Sport sein.

Besonders skrupellos ist das Strecken oder Fälschen von Heroin oder Kokain mit Strychnin durch Schwarzmarkthändler. Hier soll mit Hilfe des Strychnins eine erhöhte Wirksamkeit vorgetäuscht oder der bittere Geschmack von Heroin imitiert werden. Eine injizierte strychninhaltige Drogenmischung ist unberechenbar. Auch hier soll es bereits zu Todesfällen gekommen sein. Das Gerücht, LSD-Trips seien bisweilen mit Strychnin gestreckt worden, liess sich bis dato nicht belegen. Der ausgeprägt bittere Geschmack des Strychnins ist schon in minimaler noch nicht psychoaktiver Dosis zu erkennen und sehr verräterisch. Ein bitterer LSD-Trip sollte in jedem Fall verworfen oder zur Analyse gebracht werden.

Bei einer Strychninüberdosierung oder -vergiftung sollte in jedem Fall ein Arzt zur Hilfe geholt werden. Um Krampfanfälle zu unterdrücken werden beispielsweise Benzodiazepine oder Barbiturate gegeben. In Ozeanien wurde Kava-Kava als Gegenmittel eingesetzt. Selbst Curare wurde zur Unterdrückung der Krampfanfälle eingesetzt. Für eine reizarme Umgebung wird gesorgt. Substanzen mit zentral erregender Wirkung und starke äussere Reize können bei einer schon vorhandenen Übersensibilisierung Krampfanfälle auslösen und müssen gemieden werden.

Auf der anderen Seite gelten Krähenaugen in Asien auch als Gegenmittel bei bestimmten Vergiftungen, zum Beispiel Alkohol- oder Opiumvergiftung.

Eine Strychninüberdosierung ist geprägt von angstvoller Ich-Auflösung, erst Muskelsteifigkeit, dann schweren schmerzhaften Krämpfen in wiederkehrenden Anfällen bei vollem Bewusstsein und schliesslich Tod durch Atemlähmung, wahrlich kein angenehmes Ende. Erbrechen ist übrigens selten, der Name Brechnuss demnach nicht ganz angebracht.

Niedrige Strychnindosen wirken tonisch und analeptisch und schärfen die Sinnesfunktionen, insbesondere Sehkraft, Geruchssinn und Geschmackssinn. Wenn dies allein schon aphrodisisch sein kann, so scheint es im Einzelfall auch die Erektionsfähigkeit des Mannes verstärken zu können. Bei gefährlichen Überdosierungen wurde von starken Erektionen berichtet, die in diesem Zustand allerdings wenig erfreulich gewesen sein dürften.

Aus Indien und Persien sind eine Reihe aphrodisierender Rezepturen bekannt, in denen Krähenaugen wirksamer Bestandteil sind. Typischerweise enthalten diese Zubereitungen auch Rauschhanfblätter, -blüten oder Haschisch, meist zusätzlich Mohnblätter oder Rohopium, Stechapfelblüten, -blätter oder -samen und Gewürze.

In Nepal wird anlässlich Shiva´s Geburtstag ein aphrodisierendes Rauschhanfgetränk (Bhang) gereicht, das Krähenaugen enthält.

Im experimentierfreudigen Underground werden vereinzelt geringe Mengen (0,02 bis 0,1 Gramm) der geraspelten Samen als Aphrodisiakum oder als Anregungsmittel auf Parties eingenommen, meist in Kombination mit dem Rauchen von Rauschhanf. Als höchste deutlich psychoaktive Dosis gelten 0,2 Gramm, entweder in mehreren kumulativen Kleinstdosen oder einer Portion. Diese Menge würde noch helfen können, eine leicht psychedelische euphorische Trance zu induzieren. Das Überschreiten dieser Menge gilt als leichtsinnig und womöglich lebensgefährlich! (siehe oben)

Ein aktuelles Underground-Szene-Rezept empfiehlt eine Mischung von 0,05 bis 0,1 Gramm Krähenaugenraspeln, 0,2 bis 0,4 Gramm hochwertigem Haschisch, 0,1 Gramm bestem Rohopium und 5 bis 10 Datura stramonium-Samen (alternativ 1 bis 2 Datura suaveolens-Samen) eingearbeitet in eine Paste aus Trockenfrüchten, Nüssen, Honig, Gewürzen und Butter als hochpotenten, euphorisierenden und aphrodisierenden Ersatz für traditionelle Orientalische Fröhlichkeitspillen, die von ähnlicher Zusammensetzung gewesen sein sollen. Derartige Rezepturen unterstehen hierzulande allerdings dem Betäubungsmittelgesetz. Über die speziellen Risiken derartiger Kombinationen gibt es keine Informationen. Von Experimenten mit Krähenaugen ist auf Grund des hohen Risikos einer Überdosis sowieso generell abzuraten.

Bei uns sind die optisch attraktiven Krähenaugen nicht ohne weiteres erhältlich. In Indien und anderen asiatischen Ländern kann man sie aber sehr günstig und problemlos im Kräuterhandel erwerben.

Die Samen sind kühl, trocken und unter Lichtabschluss gelagert einige Jahre haltbar.

Eine Hand voll der charakteristisch diskussförmigen, grünlichgrauen bis beigen, durch feinste Härchen samtig glänzenden Samen aus Indien wies Trockengewichte von 1,1 bis 2,9 Gramm auf, bei einem Schnitt von 1,8 Gramm. Der Durchmesser der Samen reichte von 1,5 bis 2,6 cm. Die Dicke lag bei 5 bis 6 mm. Die geruchlosen Samen sind innen sehr hart und hornig, von grauer Farbe und schmecken extrem bitter. Mit einem guten Messer können die Härchen entfernt und Samenflocken abgeschabt werden. Bei Verwendung einer Reibe ist unbedingt darauf zu achten, diese nach Gebrauch gründlich zu reinigen. Ist die Einnahme der Flocken oder des Pulvers geplant, werden diese auf einer geeichten Milligram(!)-Waage ausgewogen, um Fehldosierungen zu vermeiden.

Samen, Samenpulver und -zubereitungen sind deutlich als giftig zu kennzeichnen und unbedingt von Kindern oder Ahnungslosen fernzuhalten.

Krähenaugen werden dennoch, wie oben erwähnt, durchaus immer mal wieder als Genußmittel eingenommen. Lassen wir deshalb einen Konsumenten zu Worte kommen:

`Ich habe Krähenaugen in zweierlei Kontexten benutzt. Einerseits als Aphrodisiakum, wenn ich mich eher abgelenkt und körperlich nicht ganz so präsent gefühlt habe. Die Dosis betrug in diesem Falle zwischen 0,03 und 0,1 Gramm. Es erhöht bei mir dann Wachheit, intensiviert das Körpergefühl, enthemmt leicht, verstärkt die Spannkraft, die Energie, die beim Sex von der Wirbelsäule ausgeht, macht aus nem eher lahmarschigen Fick ein standhafteres, sexuell reizvolles Erlebnis. Die andere Situation ist als Anregungsmittel auf Technoparties. Die Dosis belief sich dann auf 0,05 bis 0,1 Gramm maximal zweimal am Abend. Die Krähenaugen wirken einige Stunden und potenzieren sich in der Wirkung, wenn man nachlegt. Eine erhöhte Wachheit paart sich mit einer Sensibilisierung der Sinne. Besonders die Optik ist leicht psychedelisch verändert, farbiger, klarer. Tanzen fällt leichter. Die spezielle Muskelstimulation bewirkt aber auch eine gewisse Anspannung in bestimmten Bereichen, eine gewisse Steifigkeit im Nacken, eine Zusammenklauung der Hände, aber alles noch im erträglichen Bereich. Man ist auch enthemmt und selbstbewusster. Raucht man dazu noch Rauschhanf, läßt sich die Nacht auf unterhaltsame Weise rumkriegen, aber insgesamt schon eher ne glorreiche Ausnahme oder ne Notlösung.´

Dass der Konsum von Krähenaugen bzw. Ehrlichkeit zu Missverständnissen führen können, beweist folgende wahre Geschichte eines anderen fröhlichen Polytoxikomanen:

`Auf einer Party, auf der ich ziemlich abgebrannt war und schließlich nur ein Krähenauge hatte, war ich gerade dabei mir mit meinem Messerchen etwas von dem Samen herunterzuraspeln und mit verzogener Miene runterzuspülen, als ein Mädel mich fragte: „Was nimmst du da gerade?“ „Krähenaugen, die enthalten Strychnin, törnt gut!“ war meine korrekte Antwort. Sie verschwand und kam wenig später mit zwei besorgt dreinblickenden Fraggles zurück:“Du, wir haben gehört, du nimmst Strychnin, stimmt das? Können wir dir irgendwie helfen?“ Mein schallendes Gelächter verschreckte die wohlmeinenden Gemeindemitglieder noch mehr: „Klar, wenn ihr vielleicht noch n büschen was zum Rauchen habt?!“´

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Special: Ketamin

 KETAMIN

Das psychedelische Narkosemittel

Ein Gespräch mit „K-Man“

HanfBlatt 1997, Update 1999

Die deutschen Medien, immer gern dabei, wenn es gilt eine neue „Teufelsdroge“ zu hypen, haben Ketamin entdeckt. „Teufelsdrogen“ oder „Horrordrogen“ haben eine lange Ahnenreihe in der begierig Antidrogenpropaganda aufnehmenden Medienlandschaft. Gerade der gute alte Hanf gehört als „Mörderkraut Marihuana“ dazu. Man mag von dem Gebrauch der unterschiedlichen Drogen halten, was man will, in puncto Kriminalisierung und Stigmatisierung sitzen letztlich alle Gebraucher von staatlicher Seite verbotener und vom Mainstream verteufelter Substanzen in einem stark beschossenen Boot. Grund genug, die „neue“ Droge Ketamin zumindest einmal zu beleuchten und mit einem relativ gut informierten Gebraucher zu sprechen. Denn nur eine freie, offene und möglichst ehrliche Auseinandersetzung kann zu einem angemessenen Umgang mit Drogen beitragen, der nicht auf der Verfolgung der Gebraucher und irgendwelchen Endlösungsphantasien in Richtung „Wollt ihr die totale Drogenabstinenz?“ beruht.

 

Hanfblatt: In letzter Zeit wird viel über ein rezeptpflichtiges in subnarkotischen Dosierungen psychedelisch wirksames Narkosemittel namens Ketamin gesprochen. Selbst die RTL-Hamburgwelle brachte am 19. September 97 einen Beitrag und machte potentielle Konsumenten neugierig. Du hast Ketamin einige Male genommen. Wie kamst du dazu?

K-Man: Ich hatte bereits Einiges über Ketamin gelesen, zum Beispiel „Der Scientist“ von John C. Lilly, wo er die Identität des Ketamins mit dem Decknamen „Vitamin K“ zu verschleiern versucht. Das ist irrefŸhrend, denn die eigentlichen Vitamine des K-Typs haben nichts mit der Droge Ketamin zu tun. Selbst das amerikanische Magazin „High Times“ hat sich dieser Verschleierungstaktik noch 1989 in einem ansonsten guten Beitrag über „Vitamin K“ angeschlossen. Dabei ist schon seit langem und auf jeden Fall seit den Siebziger Jahren bekannt, da§ das Narkosemittel Ketamin in deutlich unter den für eine Narkose notwendigen Dosierungen eine extrem starke Wirkung auf das Bewusstsein hat, die man im weitesten Sinne als psychedelisch bezeichnen kann. Das nur vorweg. So neugierig geworden, hatte ich Ketamin mit hoher Priorität in die Liste der Drogen eingereiht, die ich unbedingt noch probieren wollte. Ich war scharf auf die besondere Ketaminerfahrung, bei der der Witz sein sollte und auch ist, dass man fŸr kurze Zeit praktisch vollständig sein KörpergefŸhl verliert, aber der Geist hellwach in für das normale Wachbewusstsein total fremde und unbekannte Räume expandiert. Ich lernte schlie§lich einen liebenswerten Menschen kennen, der von Beruf Rettungssanitäter war und reichlich Erfahrungen mit Ketamin hatte. Er und Freunde von ihm injizierten sich das Ketamin. Zu der Zeit glaubte man, dies sei die einzig wirklich effektive Einnahmeform. †blicherweise wurde es intramuskulär injiziert. Er bevorzugte aber die intravenöse Einnahme. Er und einer seiner Freunde legten sich sogar Infusionen und benutzten einen Injektomaten um den kurzen aber extremen Törn zu verlängern. Schlie§lich ermöglichte er mir meine erste Erfahrung. Ich vertraute ihm und er gab mir auf seinem Hochbett eine intravenöse Injektion in fŸnf SchŸben in Abständen von etwa fünf Minuten von jeweils zwanzig Milligramm Ketamin, also insgesamt 100 Milligramm in zwanzig Minuten. Das war der stärkste Trip meines Lebens. Innerhalb einer Minute sauste mein Bewu§tsein in Räume, in denen es aus ineinanderwalzenden Blasen von planetarischen Dimensionen bestand und meine körperliche HŸlle und mein hämmerndes Herz nur noch sporadisch aufblitzende Erinnerungsfetzen waren. Und in dem Moment, in dem es mir kaum noch steigerungsfähig erschien, Ÿberwältigte mich eine neue Welle und trieb mich noch weiter raus. Ich landete schlie§lich nach vielleicht vierzig Minuten wie ein im Luftstrom aufs heftigste vibrierendes Doppeldeckerflugzeug. Mir schien, als hätte ich in die Richtung des Todes geschaut. Das Bewu§tsein kann sich selbst nicht entkommen. Mag sein, da§ irgendwann doch der Stecker ganz rausgezogen wird, und die Birne verglimmt in irgendeinem kosmischen Ganzen. Aber vorher schaut man sicherlich nochmal das Unglaubliche des Seins, und wenn es nur das eigene geistige Sein ist, denn diese Frage blieb fŸr mich auch bei meinen späteren Ketamin-Reisen offen.

Hanfblatt: In welchem Jahr war das?

K-Man: Tja, auf dem Kalender schrieb man das Jahr 1989, aber während der Ketaminerfahrung gibt es Zeit in dem Sinne nicht. Sie scheint äu§erlich kurz, aber drinnen unendlich. Ich hab dann im Laufe der Jahre noch sieben Mal Ketamin genommen. Aber nicht mehr gespritzt. Ich hatte mir Ÿberlegt, da§ bei vielen Drogen die Dosierung bei intramuskulärer Zufuhr nicht allzu weit unter der einer nasalen Dosis liegt. Beim nächsten Mal hab ich dann so circa 150 Milligramm des auskristallisierten Ketaminhydrochlorid-Pulvers geschnupft. Das ist schon eine ganze Menge. Praktisch bis es dir aus der Nase bröselt. Und das war genau der richtige Dosisbereich fŸr eine volle Erfahrung. Ich schätze die Spanne liegt so zwischen 120 und 200 Milligramm nasal fŸr eine etwa 45 minŸtige Erfahrung, bei der man den Körper die meiste Zeit gar nicht oder kaum noch spŸrt. Bei niedrigen Dosierungen, so 20 bis 60 Milligramm, wie sie bei manchen Leuten in der Clubszene in Amiland und Gro§britannien beliebt sind, ist man eher konfus drauf, mehr delirös, hat starke Wahrnehmungsveränderungen, ist ziemlich „out of ones mind“, und kann noch rumkaspern und sich dabei wegen dem Kontrollverlust und dem verschwundenen Schmerzempfinden leicht verletzen, wenn keiner auf einen aufpa§t. Halt ich nicht fŸr so weise. Kein guter Ersatz fŸrs Besoffensein. Wenn man schon unbedingt Ketamin nehmen will, dann sollte man sich einen sicheren ungestörten Platz suchen und Zeit nehmen und sich in einer bequemen Position hinlegen um das körperliche Bewu§tsein zu verlassen. Gemeinsam abzuheben kann auch spannend sein. Beim Schnupfen ziehen alle gleichzeitig das Pulver hoch und dŸsen kollektiv ab. Wenn man sich berŸhrt oder vielleicht auch nicht berŸhrt, wer wei§ das schon so genau, scheinen sich die Körperteile miteinander zu vermengen. Wenn man spricht, wird ein Gedanke in Sprache umgewandelt, die man schon nicht mehr versteht. Die wandert dann in eigenartigen akustischen Fetzen durch den Raum und erreicht den Anderen, der dir wieder was rŸberschickt, was irgendwie genauso unverständlich klingt. Aber irgendeine Instanz in deinem Hirn entschlŸsselt die Botschaft, und du verstehst sie ohne sie rational zu begreifen. Im Grunde erschien mir Sprache als eine zusätzliche spielerische Form der Kommunikation mit dem Ziel der Resonanzerzeugung zwischen menschseelischen AusstŸlpungen des allumfassenden kosmischen Netzes.

Ich glaube, da§ man auf Ketamin eine Menge Ÿber die Produktion der Realität seelisch erfahren kann. Meine gesamte subjektive Realität, die ich Ÿblicherweise meist als objektiv empfinde, erschien mir als ein Produkt meines Geistes, und ist sie nicht auch rational betrachtet vollständig eine Schöpfung meines Gehirns, das letztlich auch nur eine Fiktion ist?! Realität erzeugen hei§t Grenzen setzen, Innen und Aussen, Raum, das Andere mit seinen zugedachten Eigenschaften, Zeit zu erzeugen und sich selbst als erlebendes und handelndes abgetrenntes Subjekt zu konstruieren, das nicht erkennt, da§ es der Schöpfer des Ganzen ist, da§ es all das selber ist. Auf Ketamin lösen sich all diese Grenzen auf. Die Welt kann völlig neu geschaffen werden. Hier wird die Grenze zum Grössenwahn Ÿberschritten. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der totalen Ohnmacht, des hilflosen und unabänderlichen Eingebundenseins in letztlich nicht kontrollierbare Vorgänge in einer Welt, die sich hinter der totalen Subjektivität des eigenen Erlebens unentschlŸsselbar verbirgt und doch aufs Mächtigste auf das gesamte subjektive Sein bestimmend wirkt. Dann auch wieder, wie ich schon angedeutet habe, das Erleben, als Teilbewu§tsein in einem AllŸbergreifenden eingebunden zu sein. Tiefes Vertrauen in die Richtigkeit dessen, was ist. Sich in diese zähflŸssigen polydimensionalen GefŸhlsströme entspannt hineinfallen lassen. Naja und so weiter und sofort, nur um mal ne Andeutung zu machen, da§ Ketaminerfahrungen ziemlich markerschŸtternd sein können.

Hanfblatt: Sind das nicht sehr subjektive Erfahrungen?

K-Man: Na klar! Die Leute, die Ketamin nehmen, erleben alles Mögliche. Jede Reise ist eine ungeheuer intime und persönliche Erfahrung, fŸr die wir eh kaum Worte haben. Einige KŸnstler haben versucht sie ins Bildliche zu transformieren. Ich wei§ nicht, ob es derartige Versuche auch im musikalischen Bereich gibt. Wenn dann mŸ§ten es sehr abgefahrene dunkle Soundcollagen in Richtung Ambient sein. So stell ich mir das zumindest vor.

Hanfblatt: Hat man Halluzinationen auf Ketamin?

K-Man: Ich weiß nicht, was du darunter verstehst. Man hält sich in imaginären Welten auf, die alle möglichen Qualitäten haben. Manches erscheint extrem real. Es gibt Leute, die praktisch etwas erleben, von dem sie auch berichten können. Sehr intensive Dinge. Immer wieder wird von Kontakten mit nichtmenschlichen Wesenheiten berichtet. Inwieweit sie am Ende doch Projektionen des eigenen Geistes sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf Ketamin erscheint mitunter nichts als unmöglich. Das eigentliche Wunder ist für mich, da§ ich immer wieder in diese spinnerige, mir doch oft recht banal vorkommende Normalwelt, unsere von Spiritualität im weitesten Sinne nahezu abgenabelte, deutsche Konsensrealität zurŸckkehre. Trotzdem bin ich jedesmal wieder froh gewesen, erstmal wieder in die phantastische mit den Sinnen wahrnehmbare Schöpfung zu den körperlichen Wesen, die ich liebe, zurückzukehren und auf ein Neues noch eine Runde als der, der ich nunmal bin, drehen zu dürfen.

Hanfblatt: Ich dachte mehr, ob der Rausch sehr farbig ist.

K-Man: Farben spielen nicht so eine Rolle, zumindest nicht bei mir. Das sind eher so Seifenblasenfarben in plasmaartigen Mahlströmen. Man kriegt meistens gar nicht mit, ob man die Augen offen oder geschlossen hat. Töne kommen völlig verändert rŸber. Das KörpergefŸhl, soweit es Ÿberhaupt auftaucht, ist komplett verzerrt. Beim Runterkommen, mŸssen sich linke und rechte Gehirnhälfte erstmal wieder synchronisieren. Auch das KörpergefŸhl und die richtige Optik kommen langsam zurŸck. Das dauert mindesten eine Stunde, die man dann noch mental ziemlich am driften ist. Erst nach etwa vier Stunden ist man wieder vollkommen auf dem Teppich, wenn man so will. Man ist mit Sicherheit ziemlich beeindruckt danach. Das Erlebte ist allein mit dem nŸchternen Verstand nicht richtig zu begreifen.

Hanfblatt: Wo hattest du das Ketamin her?

K-Man: Du stellst Fragen! Nun gut, ein Engel hat es mir geschenkt! Aber Spa§ beiseite. Es wird entweder auf dem Weg von der Pharmaindustrie zum Anästhesisten abgezweigt. Ein bekanntes Präparat hei§t Ketanest. Oder aus der Tiermedizin. Da gibt es Fläschchen, die hei§en Ketavet. Wenn man die auf einer Untertasse eintrocknen lä§t, erhält man etwa 1,15 Gramm Ketaminhydrochlorid-Pulver. Häufig werden Ketaminpräparate aus Ländern mitgebracht, wo sie relativ problemlos Ÿber den Apothekentisch erhältlich sind. Das ist in den meisten Dritte Welt Ländern der Fall. Aus Indien kommt zum Beispiel Ketmin, aus SŸdamerika Ketalar. Das sind alles reguläre Präparate der Pharmaindustrie. Es besteht auch die Möglichkeit, sich Ketaminpräparate per Postversand schicken zu lassen. Eine Zeit lang war eine in Griechenland ansässige Firma in dieser Hinsicht aktiv. Der Zoll kann Probleme machen. FŸr die Medikamenteneinfuhr gibt es Vorschriften. Es soll Ÿbrigens auch vorkommen, da§ grö§ere Mengen des pharmazeutischen Rohstoffs irgendwo aufgekauft und dann in den schwarzen Markt geleitet werden. In Gro§britannien gab es sogenannte „XTC“-Tabletten, die statt dem erhofften entaktogenen MDMA das dissoziative Ketamin enthielten. Ketamin wirkt nämlich auch oral. Die effektive Dosis ist allerdings erheblich höher, und die Wirkung kommt langsamer und fŸr manchen angsteinflössender, hab ich mir sagen lassen.

Hanfblatt: Warum ist Ketamin bei uns eigentlich nur rezeptpflichtig, wo es doch so eine heftige Droge darstellt?

K-Man: Meines Wissens, weil es einfach eines der am besten verträglichen kurzwirkenden Narkosemittel ist. Es treten kaum Probleme mit der Atmung und dem Herz-Kreislaufsystem auf. Das Risiko einer †berdosis ist gering. In der Notfallmedizin ist es unverzichtbar. Es zum Betäubungsmittel zu machen, hie§e seinen Gebrauch auf Grund der damit verbundenen bŸrokratischen HŸrden ins Abseits zu drängen und damit vielen Menschen in Notsituationen eine sehr nŸtzliche risikoarme Hilfe zu verweigern. Eine Kriminalisierung kann nur eine Verschlimmerung der Situation fŸr die Konsumenten bedeuten. Ketamin-Afficionados wŸrden dann wieder mal auf eines der vielen PŸlverchen obskurer Zusammensetzung ausweichen mŸssen und sich unnötigen Risiken aussetzen.

Hanfblatt: Wo liegen denn die Risiken dieser Droge?

K-Man: Ketamin ist eine sehr stark bewu§tseinsverändernde Droge. Obwohl sie während der Erfahrung auch das Angstzentrum zu dämpfen scheint, so da§ trotz ihrer enormen Intensität, kaum Leute wirklich panisch werden, gibt das Erlebte, mitunter völlig Inner-Au§erweltliche doch ganz schön zu knapsen. Das kann echt weltbilderschŸtternd sein. Man mu§ sich Zeit lassen, das Ganze seelisch zu integrieren. Und dazu mu§ man bereit sein. Das erledigt sich nicht so einfach von selbst. Die meisten Leute, die Ketamin in der vollen Dosis mal genommen haben, wissen, da§ das normale Leben weitergeht, trotz dieser wundersamen Anderwelt, gegenŸber der das alltägliche Erleben vielleicht auf gewisse Weise beschränkt und banal erscheinen mag. Es gibt aber auch Leute, die sind so begeistert und fasziniert von diesen Innen-Au§enwelten, die sich ihnen als Realität produzierenden Entitäten auftuen, da§ sie immer wieder dorthin zurŸckkehren wollen. Bei ständiger Einnahme tritt wohl eine gewisse Toleranz gegenŸber den körperlichen Wirkungen auf. Wer aber Ketamin ma§los konsumiert, verliert schnell den Konsensrealitätsteppich unter seinen FŸssen. AusnŸchtern ist dringenst angezeigt. Ich persönlich glaube, bei manchen vielleicht dazu prädisponierten Menschen können die Ketaminerfahrungen so eine Art Todessehnsucht auslösen. Man verwechselt Ketaminsterbeerlebnisse mit dem richtigen Sterben. Das schnöde Erdendarsein scheint einem nicht mehr genug herzugeben. Man möchte fŸr immer zur anderen Seite wechseln. Ich glaube, dann hat man irgendetwas grundsätzlich falsch verstanden. Aber das sind mit Sicherheit eher Ausnahmen, die vielleicht im Ketamin genau das finden, was sie schon immer gesucht haben.

Das Injizieren von Ketamin erfordert natŸrlich die Einhaltung der Ÿblichen Safer Use-Regeln, wenn man sich keine schlimmen Infektionen wie zum Beispiel HIV, Hepatitis und so weiter holen will. Ein nicht unerhebliches Risiko von Verletzungen besteht durch den Verlust der körperlichen Kontrolle. Wer auf Ketamin rumhampelt oder sich gar aufs Fahrrad setzt, kann leicht stŸrzen und sich ernsthaft verletzen. John C. Lilly beschrieb, wie er sich auf Ketamin in seinen Isolationstank legte. Das mag eine au§erkörperliche Erfahrung noch zu intensivieren. Aber leider kriegt man auf Ketamin unter Umständen nicht mit, ob man so etwas wie eine Sterbeerfahrung hat, oder gerade wirklich stirbt, weil man mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegt. Lilly selbst mu§te von Freunden so aus dem Tank gefischt und gerettet werden. Man sollte sich unter Ketamineinflu§ generell vom Wasser fernhalten. Damit schlie§e ich Badewannen, Jakuzis und dergleichen Schickimicki mit ein.

Ein weiteres Risiko ist die Hilflosigkeit unter dem Einflu§ von Ketamin. Man sollte es, wenn es denn sein mu§, nur unter absolut vertrauenswŸrdigen Menschen nehmen. In den USA wurden bereits Frauen mit Ketamin betäubt und vergewaltigt. Sie glaubten, es handle sich um Kokain und langten ahnungslos zu. Ein absoluter Alptraum im womöglich noch halbbewu§ten trippenden Zustand. Auch sogenannte Terroristen sollen Ketamin benutzt haben, um EntfŸhrungsopfer gefŸgig zu machen. Das scheint eine dunkle Seite des Ketamins zu sein. Aber eigentlich ist es nicht die dunkle Seite des Ketamins, sondern die der Menschen, die nicht respektvoll miteinander und mit so einem Mittel wie Ketamin umzugehen bereit sind.

Im übrigen sollte man ruhig mal den Beipackzettel lesen. Ketamin ist wohl im Allgemeinen zur Narkose, fŸr die ja deutlich höher dosiert wird, recht gut verträglich. Es sind dennoch zumindest theoretisch gefährliche Komplikationen mit möglicherweise tödlichem Ausgang denkbar, gerade was die Blockierung der Atemwege oder das Herz betrifft. Man sollte meines Erachtens auf keinen Fall andere Drogen wie Alkohol, Beruhigungs- und Schmerzmittel, sowie Stimulantien mit Ketamin kombinieren. Andere psychedelische Drogen erhöhen die im Einzelfall nicht zu unterschätzenden psychischen Risiken in Zusammenhang mit im Individuum schlummernden ¬ngsten.

Ich selbst habe ein paar mal eine mir bis dato unbekannte Form von Alpträumen gehabt, die ich nicht auf das Ketamin selbst, sondern auf die Erinnerung an meine persönlichen Ketaminerfahrungen zurŸckfŸhre. Das Thema ist: Ich bin hilflos bei vollem Bewu§tsein in meiner kŸnstlichen Innenwelt gefangen und schaffe es nicht, die Barriere zur normalen Aussenwelt zu durchbrechen und aufzuwachen. Sehr realistisch und intensiv.

Hanfblatt: Man sieht also, diese Droge ist im wahrsten Sinne des Wortes nur mit äu§erster Vorsicht zu geniessen.

K-Man: Allerdings. Ich finde, Ketamin ist kein Partyspass, höchstens etwas fŸr Leute, die wirklich ernsthaft auf der Suche nach tiefen innerseelischen Erfahrungen sind, Bewu§tseinsforscher im eigentlichen Sinne. FŸr Ketamin mu§ man bereit sein. Und wer die Finger davon lä§t, hat nichts versäumt, was nicht ohnehin schon da ist.

Hanfblatt: Zum Abschlu§ noch die Frage, ob es einen Lesetip gibt.

K-Man: Der Londoner Arzt Karl Jansen arbeitet an einem Buch Ÿber Ketamin. In der April 97 Ausgabe von „The Face“ war ein Artikel darŸber. In Gro§britannien, wo Ketamin unter jungen Drogenkonsumenten erheblich verbreiteter als bei uns sein soll, sind anscheinend einige Fälle bekannt, in denen sich Leute durch ständigen Ketaminkonsum aus ihren sozialen Bezügen herausmanövriert haben. Das sollte nochmal zu einem sehr behutsamen Umgang mit der Droge gemahnen. Auf der anderen Seite wurde und wird Ketamin interessanterweise zur UnterstŸtzung von bestimmten Psychotherapien eingesetzt. So auch von dem Göttinger Nervenarzt Hanscarl Leuner. Einer seiner Mitarbeiter namens Bolle hat ein nicht allzu spannendes Buch mit dem schönen Titel „Am Ursprung der Sehnsucht“ verfa§t, in dem Ÿber Sitzungen im wissenschaftlich-therapeutischen Rahmen berichtet wird. Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert, wie es so schön heisst.

Hanfblatt: Das lass ich einfach mal so stehen. Vielen Dank.

K-Man: Bitte gerngeschehen. Und vergiss nicht: Lös dein Ego auf, dann kommst du besser drauf.

Hanfblatt: Ach so! Na denn, guten Rutsch.

K-Man: P.S.: Das war ein Scherz.

Hanfblatt: Du bist wohl so einer, der immer das letzte Wort haben muss.

K-Man: Genau, der bin ich.

Strukturformel von Ketamin
Strukturformel von Ketamin

Ketamin Update (1999)

Zwei Jahre nach dem K-Man-Interview erscheint ein Update sinnvoll.

Frage: Wir haben das Ketamin-Interview 1997 geführt. Ich hatte das Interview zwei Hanf-Magazinen angeboten. Bei dem einen Magazin schreckte man wohl aus provinzieller Ängstlichkeit vor der zugegeben ziemlichen Brisanz eines offenen und ehrlichen Umgangs mit dem Konsum dieser hochwirksamen Substanz zurück. Kurioserweise erschien bei dem anderen Blatt irgendwann ein schwach recherchierter langweiliger Artikel über Ketamin. Er verstärkte bei mir den Eindruck, daß in diesem Medium Qualität weniger eine Rolle spielt als Vetternwirtschaft. Mit mir hatte man trotz meiner Nachfrage keinerlei Kontakt aufgenommen. Insgesamt ist die Entwicklung in diesem Milieu eines „Hanfspiessertums“ nach vier Jahren leider als enttäuschend einzuschätzen. Ein paar auf regelmässiges Einkommen bedachte und bedauerlicherweise von einer relativ stupiden Leserschaft ausgehende Hanfmedien machen eben keine Medien-Revolution. Im Zeitalter des sich selbst bekotzenden ausgehenden Kapitalismus scheint in der medialen Landschaft die stupide Wiederholung des ewig Gleichen Trumpf zu sein. Was wirklich ist, von einer anderen als der klischeehaft gewohnten Seite sprechen zu lassen, darauf scheint sich niemand einlassen zu wollen.

Aber jetzt nochmal zurück zum Thema. Hast Du in der Zwischenzeit nochmal wieder Ketamin genommen?

K-Man: Nein. Man soll zwar nie nie sagen, aber ehrlich gesagt, habe ich es auch nicht mehr vor. Mein Respekt vor dieser Substanz ist in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Ich glaube, ich habe mich damals bemüht, ein ausgewogenes Bild zu vermitteln. Es ist einfach Realität, daß Ketamin und ähnliche Substanzen genommen werden, und zwar auch zur Selbsterforschung, zur Konfrontation mit dem Sein in der Welt, und nicht nur um einfach geil wegzudriften. Ketamin ist dabei sicher eine sehr kritisch zu betrachtende Substanz. Besonders, wenn man beabsichtigt, sie selbst einnehmen zu wollen.

Frage: Haben Dich neue Erkenntnisse in Deinem Umgang mit Ketamin beeinflußt?

K-Man: Eigentlich weniger. Aber der erschreckende Artikel von William E. White sollte jedem zu denken geben, der eine Affinität zu dissoziativen Anästhetika hat. Dazu gehören nicht nur Ketamin, sondern auch PCP, das berüchtigte Angeldust, der Hustendämpfer Dextrometorphan, kurz DXM oder auch Robo genannt, und Lachgas. William E. White ist der Internetgemeinde durch sein ausgezeichnetes DXM-FAQ bekannt. Er warnt eindringlich vor möglichen Gehirnschäden durch diese Substanzen. Das Risiko bleibender Schäden erhöhe sich mit Dosis, Dauer der Wirkung und häufiger Wiederholung der Einnahme. Manche scheinen sensibler zu sein, manche weniger. Es gäbe demnach Beweise für Schäden im Tierversuch und Hinweise darauf, daß auch Menschen bereits betroffen sind. White weist auch nochmal darauf hin, daß das Risiko epileptischer Anfälle und das von psychischen Komplikationen, wie Psychosen, bei Dissoziativakonsum deutlich erhöht zu sein scheinen. Ich möchte nochmal auf mögliche Risiken durch die blutdrucksteigernde und herzschlagbeschleunigende Wirkung des Ketamins bei prädisponierten Konsumenten hinweisen. Es gibt Leute, so White, die dissoziative Substanzen suchtartig konsumieren, was äußerst bedenklich ist. Ich möchte deshalb jeden eindringlich vor dem leichtfertigen Umgang mit Ketamin warnen.

Andererseits wird Ketamin in der Anästhesiologie nach wie vor als recht positiv bewertet. Für Hirnschäden habe ich in aktuellen Fachartikeln keine Bestätigung gefunden. Im Gegenteil, dort gibt es Hinweise, daß Ketamin auf Grund seiner Wirkungen am NMDA-Rezeptor sogar nervenschützend und nervenregenerierend wirken könne. Die neueste Entwicklung ist die 1997er Einführung in Deutschland des gegenüber dem herkömmlichen racemischen Ketamin doppelt so starkwirksamen rechtsdrehenden S-(+)-Ketamins. Es hat eine Reihe medizinischer Vorteile. So wirkt es bis zu einem Drittel kürzer mit einer entsprechend verkürzten Aufwachphase, rascherem Wiedererlangen kognitiver Fähigkeiten aber dabei länger anhaltender schmerzlindernder Wirkung. Die Leute, die es im medizinischen Rahmen bekamen, bevorzugten es gegenüber dem „alten“ Ketamin. Die von experimentellen Usern ja gerade gesuchten „psychomimetischen“ Wirkungen traten dennoch in gleichem Maße auf. Die gesundheitlichen Risiken gelten auf Grund der nur halb so hohen Dosis als verringert. In Kombination mit bestimmten Benzodiazepinen scheinen noch weniger, im medizinischen Notfall unerwünschte, „Nebenwirkungen“ aufzutreten. Wahrscheinlich wird man demnächst auch aus dem vielbeschworenen Underground Neues über S-(+)-Ketamin hören. Man darf gespannt sein. Die Pioniere sind mit Sicherheit schon aus den Startlöchern.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und betonen, daß ich, Bedenken hin oder her, es für ein Menschenrecht halte, bei freiem Zugang zu allen vorhandenen Informationen, selbst zu entscheiden, was man sich zuführt, und für den eigenverantwortlichen Umgang mit psychoaktiven Substanzen nicht strafrechtlich verfolgt zu werden. Danke.