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Cannabis Mixed Reisen

Golfplatz-Einweihung mit Manni Kaltz

HanfBlatt, November 2003

Im Buschbrand der gegenseitigen Abhängigkeiten von Freizeit-Fabriken, Promis und Journalisten.

Der dunkle Anzug ist zu warm, schwitzend wanke ich in den Fahrstuhl. Abfahrt zum Bussi-Bussi. Ich weiß nicht, was mich auf der Terrasse des verbrauchten Strandhotels erwartet. Nun gut, den offiziellen Anlass habe ich erfahren: es geht um das Stopfen von nahe gelegenen 18 Löcher im Rasen – ein Golfplatz wird eröffnet. Dafür müsste man sich nur eine halbe Stunde nehmen, hier aber haben sich für die nächsten drei Tage A- und B-Promis aus der gesamten Republik angekündigt. Dazu sind Vertreter aus den Hochglanzmedien und PR-Berater angerauscht. Sie alle wollen in einem norddeutschen Seebad den Knospen ihrer Zunge folgen, Sonne anzapfen und ihren Hüftschwung justieren, kurz, sich auf Nass verlustieren, vulgo: die Eier schaukeln lassen.

Um der Situation gewachsen zu sein, habe ich meinen Kahn mächtig mit marokkanischen Pfefferminzblüten vollgeladen und meine liebliche Begleiterin sitzt im gleichen Boot. Gleißend brennt daher die Abendsonne auf die Kieselsteinplatten, auf denen 50 Paar schwarze Schuhe scharren. Eine Sonnenbrille wäre kommod, wohl aber ein zu deutliches Zeichen gewollt-cooler Distanz. Die PR-Dame kommt auf uns zugewieselt, „ahh, die Hamburger, hier rüber, kommen sie hier rüber, zur Hamburger Gruppe“. Flugs haben wir einen Sekt in der Hand, perlendes Gold, das Fraktale auf das Kleid meiner Muse wirft, und werden zu sechs Stehgeigern bugsiert, die in Plauderhaltung im Kreise stehen. Dieser öffnet sich den Fremdlingen, aber aus dem Auge des Zyklons weht kalter Wind uns entgegen. Man gibt sich vornehm, eine probates Mittel die eigene Unsicherheit zu tarnen. Von Hochlandgemüse innerlich aufgewühlt auf unbekannte Mitbürger zu treffen, birgt immer die Gefahr unfunky drauf zu kommen. Mund und Magen wollen rülpsend tief empfundenen Dünnsinn von sich geben, während der innere, rationale Obermufti und Bedenkenträger Befehle der sozialen Normen brüllt. Rechnen kann man nicht mehr, aber zurechnungsfähig will man sein. Anders ausgedrückt: Kiffen kann unsicher machen. Objektiv betrachtet eine drollige Zwickmühle, in der konkreten Situation ein Abenteuer, was schon für manchen Horrortrip sorgte.

Erfahrung tut hier Not, so weiß ich, dass ich mich zwar wie Fidel Castro fühle, aber nicht so aussehe. Mein Sektglas wirkt dabei wie eine rettende Rehling im Sturm. Smalltalk. Ein Blick in die Runde und plötzlich nimmt eine innere, alte Kraft von mir Besitz. Entgegen aller ungeschriebenen Gesellschaftsverträge spüre ich Begeisterung aufwallen, ein Gefühl von Jugend, eine Erinnerung an sportliche Ekstase, an Männerschweiß, an den von meiner Oma gestrickten Fanschal; dazu jucken ausnahmsweise nur meine Füße. Zusätzlich bin ich erleichtert über den alsbald folgenden, hoffentlich entkrampfenden Integrationsakt in die illustre Runde. Viel zu laut platzt es feucht aus mit heraus: „Das ist doch Manni Kaltz!“ Köpfe drehen sich, Aufmerksamkeit ist gesichert. Ich merke das nicht, überbrücke mit einem Ausfallschritt das Auge des Zyklons und stoße mein Glas an das meines überraschten Gegenübers. Ein klicken, ein sprudeln, ich fahre fort: „Wie geil, Manni Kaltz, ich glaub´ das nicht.“ Der Mann mit dem sauber gekürzten Vokuhila bleibt ruhig, denn „der Manni redet nicht so gerne“, wie ich später erfahre.

Schweigen, leichtes Entsetzen sogar, aber mein Verzücken kommt weiter in Rage. Ich stoße meiner schönen Begleiterin mit dem Ellbogen in die Seite, zeige mit dem Glas auf den Fußball-Heroen und fahre fort: „Ahh, das waren noch Zeiten, sie auf Rechtsaußen, dann Banane, und dann das Fußballungeheuer, hach, so wird heute gar nicht mehr gespielt. Unvergesslich, das 5:1 gegen Real Madrid. Zwei Dinger haben sie da reingesemmelt, oh Mann, wie geil.“ Doch der Flankengott, der 69fache Nationalbuffer, die Legende vom HSV, dieser Manfred Kaltz, brummelt nur einige undeutliche Worte und so langsam komme ich von meiner Wolke runter. Die Menschen um mich sind verstört, peinlich berührt. Sollte man einen dieser Fußball-Proleten im Nest hocken haben?

Ehrliche Begeisterung, so steht nach zehn Minuten fest, ist hier nicht gern gesehen. Und was noch wichtiger ist: Promis – und solche, die es sein wollen – spricht man nicht an. Sie sind froh sich mit Ihresgleichen zu sonnen, im Saft ihrer Erfolge zu schmoren. Wohlgemerkt gilt dies nicht für Manni, der Mann will einfach nur seine Ruhe haben, ihm ist Radau um seine Bananenflanken lästig.

Der Ausbruch war kurze Raserei, ich trete einen Schritt zurück. Die Augen meiner Begleitung liegen verträumt-ironisch auf mir, der Halbkreis aus Frührentner schließt sich wieder und wir stehen außen vor. O.k., das war´s erst einmal. Nebenbei hat der Direktor seine Rede an die golfende Nation begonnen, er preist die knöcherne Eichenkultur der Hotelkette. Die verdiente Vor- und Mitten-im-Kriegsgeneration ist in den Häusern hängen geblieben, dazu passt eigentlich nicht der Porno-Kanal, der auf unserem Zimmer nach jedem dritten Schaltvorgang erscheint. Wahrscheinlich wichst Opi sich den Wicht, während Omi bei der Pediküre weilt.

Wie gerufen wackelt plötzlich Elke S. ins Bild, blonder Star der 70er. Die spielt auch Golf? Nein, sie ist Schmuck, soll der prüden Rasenweihe Glamour und damit Nennung in den bundesweiten Magazinen garantieren. So ergibt sich der Sinn der Geselligkeit: Die Freizeit-Fabrik schiebt sich ins Bewusstsein der Kunden und die Prominenten bleiben im Gespräch, denn davon leben sie. Die anwesenden Journalisten salbadern Gutes über die Melange und übermitteln im Nebensatz die Koordinaten des Geschehens. Die Public-Relation-Dompteure behalten die Käfigtür im Auge. Und der Clou: Alle zusammen verbringen ein weiteres preiswertes Wochenende.

An diesem Kuchen will auch ich nagen, aber mein fußballhistorischer Ausfall hat uns schon nach zehn Minuten zu Parias werden lassen. Egal, gleich gibt es Diner. Der freundliche Direx lädt ein. Die Stimmung ist gut, man kennt sich von vielen anderen Jubelfeiern. Es ist die gemeinsame Leidenschaft aller derer, denen beim Tennis zu viele Rohlinge rumlaufen. „Haben sie noch Sex oder golfen sie schon?“ Wir sitzen am selben Tisch wie Manni, der aber lässt mir, seinem getreuen Fan, keinen Blick zukommen. In mir spielen die beiden Mannschaften von FC Bekifft-Ergötzlich und der Spielvereinigung Peinigend-Stoned einen harten Ball gegeneinander. Noch steht es 1:1, aber Peinigend-Stoned übt enormen Druck auf die Verteidigung von Bekifft-Ergötzlich aus.

Das Essen beruhigt unsere Gemüter, auch meine Begleitung erlangt so langsam ihre Fassung wieder. Meine Tischnachbarin, die Redakteurin einer TV-Zeitschrift, parliert zutraulich, schon fühle ich mich besser. Aber ich bin getäuscht worden, übel sogar. Denn der Mann der Dame, irgendeine Schauspielgröße, dessen Name ich vergaß, fragt sie, was denn das Thema unser noblen Unterredung sei. Nicht wissend, dass ich der Szenerie lausche, winkt sie mit der Gabel ab, zieht die schmalen Brauen hoch und sagt: „Ach nix, völlig uninteressant“. Nun will ich nicht eitel erscheinen, aber das scheint mir doch ein äußerst dünkelhafter und ungebührlicher Reflex auf meine wohl nicht klugen, doch aber warmen Worte zu sein. O.k., das war´s endgültig.

Schade, gerne hätte ich noch weitere Skizzen aus den nun folgenden Tagen gezeichnet. Ich hätte noch berichten können, von nicht geouteten Eiskunstläufern, die beleidigt sind, wenn man sie an den falschen Ecktisch des Festzelts setzt, vom Streit um kühle Austern und von Menschen, die nur (!) über Golf reden können. Aber diese Worte wären dunkel vor Häme, ohne das Licht des freudig-neugierigen Umgangs untereinander. Was also tun? Den Versuch beenden, und vorher noch erwähnen, dass wir lieber am Strand den Wellen folgten, als dort zu sein, wo man sich gegenseitig nur als Spiegel der eigenen Großartigkeit dient.

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Mixed

Öffentlicher Raum und Shopping-Malls

telepolis, 28.11.2003

Auf dem Weg in die privat organisierte Öffentlichkeit?

Shopping-Malls werden zu neuen Mittelpunkten des sozialen Lebens. Über die Auswirkungen auf den öffentlichen Raum wird gestritten.

Klagen über die Entwicklung des für jedermann öffentliches Raumes, vor allem aber Kritik an der Expansion der Shopping-Malls sind unter Stadtplanern, Soziologen und Sozialpolitikern weit verbreitet. Zwei Vorwürfe werden formuliert: Der öffentliche Raum würde zunehmend für kurzzeitige Inszenierungen genutzt. Diese „Events“ wären ein Zeichen einer alles durchdringenden Kommerzialisierung, die nur noch Zeichen statt Inhalte setzt. Damit einhergehend würde der frei zugängliche Raum durch die Expansion der Shopping Malls verkleinert und die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Über Beobachtungen des Einzelfalls kamen diese Analysen aber nie hinaus. Eine vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung ( BBR [1]) in Auftrag gegebene Studie suchte nun genauer zu ermitteln, ob und wie der öffentliche Raum Tendenzen der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung unterliegt. 

Der Verkauf von öffentlichem Grund an private Unternehmen stellt nach wie vor eine Ausnahme dar. „Privatisierung“ meint vielmehr, dass private Räume wie Malls und Passagen zunehmend Funktionen des öffentlichen Raumes übernehmen. Diese Tendenz ist unter den vom BBR befragten Experten in den Städten und Gemeinden unstrittig. Strittig hingegen sind die Folgen. Während auf der einen Seite behauptet wird, dass privat geplante Räume Qualitätsstandards setzen und Denkanstöße geben können, sieht die andere Seite mehr Nachteile: Das Kernstück des öffentlichen Raumes, seine freie Zugänglichkeit für jeden zu jederzeit, sei in diesen Passagen und Malls nicht gegeben.

Mit 74 innerstädtischen Shopping-Centern ist die Firma ECE [2] Marktführer in Europa. Insgesamt verwaltet die ECE zwei Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. In Wolfsburg beispielsweise bietet die „City-Gallerie“ auf 25.000 qm etwa 90 Läden, die täglich von 80.000, am Wochenende sogar von bis zu 150.000 Menschen frequentiert wird. Rechnet man dies auf die gesamten Liegenschaften von ECE hoch, wandeln täglich Millionen Menschen unter dem Hausrecht der ECE – die meisten Besucher mit dem Gefühl, sich im öffentlichen Raum zu bewegen.

Beliebtes Beispiel der Kritiker der Durchmengung von öffentlichem und privatem Raum ist das Sony-Center [3] am Potsdamer Platz in Berlin. Das Hausrecht des Centers verbietet das Verteilen von politischen oder Werbematerial. Sogar das Sammeln von Spenden ist karikativen Organisationen nur nach schriftlicher Genehmigung gestattet. Statt einem Markenzeichen für die Stadt sei „eher eine Corporate Identity für die Investoren“ entstanden, wie der Publizist Uwe Rada annimmt [4].

In den Hauptbahnhöfen der großen Städte übernehmen ebenfalls Center-Manager die Regie. Mit durchaus gravierenden Folgen. In Hannover dürfen die Anbieter der Zeitung „Asphalt“, einem Obdachlosenprojekt, ihre Zeitungen nicht mehr im Bahnhof verkaufen. Von den Passanten unbemerkt findet hier nach Aussage von Walter Lampe, Leiter des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirche in Hannover, eine „Selektion der Nutzer zuungunsten der Schwachen“ statt.

Aus den Website Nutzungsbedingungen des SONY-Center:
HYPERTEXT-LINKS ZU UND VON DIESER WEBSITE
Sie sind verpflichtet, die schriftliche Genehmigung des Betreibers dieser Website zu beantragen und einzuholen, bevor Sie ein Link zu ihr herstellen können. Sog. „Deep Linking“ ist streng untersagt. Alle Links zu dieser Website müssen zur Startseite der Website führen, sie müssen verdeutlichen, dass diese Website und der Website-Content von der Website, welchen den Link enthält, getrennt zu betrachten sind, und sie müssen weiterhin verdeutlichen, dass Sony der Eigentümer und/oder Betreiber dieser Website ist.
Auch was die Öffentlichkeit des virtuellen Raums betrifft, ist man beim Sony-Center streng

Die Malls treten in Deutschland und Europa immer offensichtlicher in Konkurrenz zu den in die Jahre gekommenen Fußgängerzonen. Dies wird in Hamburg-Altona exemplarisch deutlich. Während westlich des Bahnhofs die Shopping-Mall Mercado [5] seit Jahren mit Besucherrekorden glänzt, versinkt die Fußgängerzone östlich des Bahnhofs trotz diverser Reanimierungsversuche in der Tristesse. Hier die saubere, kontrollierte Atmosphäre des urbanen Entertainment, dort ein Sammelpunkt für Mitmenschen, die ihr erstes Bier gerne vor 10 Uhr morgens trinken. Die Diskussion ist alt: Von vielen werden Obdachlose und Bettler als mindestens störend, wenn nicht gar bedrohlich empfunden. Andere sind sich dagegen sicher, dass diese Gruppen unabdingbar zum Bild des öffentlichen Raumes gehören, wenn er denn weiter „öffentlich“ genannt werden soll.

In den Carées und Centern herrschen dagegen nahezu paradiesische Zustände. Keine Punks, keine Prospektverteiler, kein Schmutz, kein Regen. Aber eben auch keine politische Meinungsäußerung. So verbot das Management in einem Erfurter Einkaufszentrum Gewerkschaftsmitgliedern das Verteilen von Handzetteln. Es kam zu Handgreiflichkeiten mit dem Sicherheitspersonal, ein Verfahren ist anhängig.

Aus Sicht des Managements deutscher Center sind, das wurde aus der Studie des BBR deutlich, politische oder persönliche Meinungsäußerungen nur bedingt möglich, um die „reibungslose Abwicklung der Geschäftsprozesse“ zu gewährleisten. Mit Randgruppen gäbe es kein Problem, weil diese sich durch das gehobene Niveau der Center ohnehin abgeschreckt fühlten. Die vom BBR befragten Betreiber von Shopping-Centern sehen ihre Malls ganz selbstverständlich als Teil des öffentlichen Raumes an.

In den USA wollen Bürgerrechtsgruppen und Politiker in einer Reihe Gerichtsverfahren ein Recht auf politische Betätigung in den Shopping-Centern einklagen. Ihr Argument: Die Malls wären Zentren des sozialen Lebens und wichtige Orte, um andere Bürger zu erreichen. In sechs Bundesstaaten folgten die Gerichte bisher dieser Argumentation.

In Deutschland richtet sich die Aufmerksamkeit erst langsam auf das Problemfeld. Die entpolitisierte Gesellschaft will sich nicht so recht an dem Problem reiben, hat der öffentliche Raum seine politische Funktion doch weitgehend verloren. Versammlungen finden heute eher im Zusammenhang mit Beachvolleyball-Turnieren und Konzerten statt. Die politische Meinungsbildung hat sich in die (virtuellen) Medien zurück gezogen, der Wochenmarkt in die geschlossenen Gebäude. Vordergründig hat das öffentliche Leben durch Mega-Malls keinen Schaden genommen. Es gibt genügend Trubel und Entertainment im urbanen Leben, die Städte werden durch Skateboarder genutzt, Innenstädte für Rollerskater-Aufläufe gesperrt. Für Essayisten wie Hanno Rauterberg steht sogar fest, dass „keine Demonstration wegen der neuen Einkaufszentren nicht hätte organisiert werden können“. Dies ist vielleicht wahr, von Demonstrationen in einem der neuen Einkaufszentren ist indes ebenfalls nichts bekannt.

 Markenbashing

Die Kritik reibt sich aber nicht nur an den modernen Konsumstätten, denen Uniformität und Monostruktur vorgeworfen werden, oder an der Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern sie zielt auf die gänzliche Durchdringung der Gesellschaft mit Werbung und deren Botschaften, an der aus dieser Sicht totalen Ausrichtung der öffentlichen Sphären nach wirtschaftlichen Bedürfnissen.

Nach der Lektüre von Naomi Kleins No Logo [6] scheint klar, dass auch in Deutschland die großen Marken das Bild der Welt prägen. Tatsächlich ist es heute kaum noch möglich durch die Straßen einer Stadt zu wandeln, ohne den omnipräsenten Werbebotschaften zu begegnen. Das Problem: Für die einen sind das die vielleicht nicht immer adretten, sicher aber notwendigen Partikel der „Marktwirtschaft“, für die anderen ist es die längste Manipulationspraline der „kapitalistischen“ oder „neoliberalen Welt“.

Widerstand regt sich. Bewegungen wie die lose organisierte Gruppe der Adbuster [7] karikierten die Symbole der Marken, andere suchen die Straße zurück zu erobern. Aber Reclaim the Streets [8] schaffte als primär britische Initiative den Sprung über den Kanal kaum [9]. Auf dem Kontinent wurde der Faden zur anarchischen Wiederaneignung öffentlicher Räume am ehesten noch von der Techno-Bewegung aufgenommen, die die industriellen „Nicht-Orte“ (Marc Augé) für ihre Tanzkultur entdeckten.

Soziales Durcheinander anstatt Ausgrenzung

Aber selbst wer sich nicht in die Diskussion um Wirtschaftssysteme verstricken will, dem fällt auf, dass aus dem früher eher als mühsames Tütengeschleppe verachteten Einkaufsvorgang ein weiteres „Event“ geworden ist. Ob das Shopping die „letzte verbliebende Form öffentlicher Betätigung“ sein könnte, wie Rem Koolhaas [10] überspitzt formulierte, sei dahingestellt, fest steht bislang, dass die Verbannung so genannter „Randgruppen“ nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“ vor allem dort praktiziert wird, wo das Einkaufen weniger am Gebrauchswert als vielmehr am Erlebniswert orientiert ist. Diese Ausgrenzung, so stellte nun auch das BBR fest, wird aber nicht nur von privaten Geschäftsleuten betrieben, auch die Kommunen sind darum bemüht, die zentralen (Einkaufs-) Bereiche von Punks, Bettlern und Obdachlosen frei zu halten.

Was soll also, was kann der öffentliche Raum heute leisten? Schon die von Le Corbusier maßgeblich beeinflusste Charta von Athen [11] aus den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts legte die Trennung der verschiedenen Funktionsbereiche Arbeit, Wohnen, Freizeit und Verkehr fest. Diese Maxime galt lange als weltweites Dogma der Städteplanung. Der öffentliche Raum wurde zum Verkehrsraum degradiert, der primär der Verbindung der verstreuten Funktionsbereiche dient. Glaubt man den Apologeten der Stadterneuerung, leiden die urbanen Räume noch heute darunter.

Boris Podrecca, Professor für Raumgestaltung [12] an der Universität Stuttgart, nimmt an, dass die Gegebenheiten der modernen Gesellschaft mit ihrem Singletum, der steigenden Lebenserwartung, der Anpassung beider Geschlechter an den Arbeitsmarkt und dem inhaltslosen Medienschauspiel das Vagabundieren im städtischen Raum beeinflussen und zur Orientierungslosigkeit beitragen. Doch:

„Wir als Architekten können Gesellschaft kaum ändern, man kann ihr nur gute Passepartouts, in denen sich ihre Schicksalshaftigkeit und Dramaturgie abspielen, bieten. Man kann lediglich Hintergrund- und Rahmenhandlungen gestalten, wenn nötig auch in einer subversiven Einstellung dem Ist-Zustand gegenüber. Dem Architekten muss es genügen, dass Menschen in seinem Stadtraum die Zusammenhänge wahrnehmen und verstehen, auch wenn sie auf Widersprüchen beruhen.“

Einig sind sich die Experten über die Notwendigkeit der Durchmischung der Lebensstile. Je mehr soziales Durcheinander in den Straßen und auf den Plätzen herrscht, umso sicherer fühlten sich die Bürger und umso eher würde Akzeptanz trainiert. Ohne das idealisierte Bild der griechischen Agora herauf zu beschwören, dem Platz, auf dem alle friedlich diskutierten (außer Frauen und Sklaven), muss es ihrer Ansicht nach möglich sein, Räume zu schaffen, wo sich Menschen unterschiedlichster Prägung an einem lokalen Ort aufhalten. Sollten die „Urban Entertainment Center“ und Malls weiterhin und immer deutlicher zu sozialen Lebensmittelpunkten werden, würde allerdings nicht das öffentliche Recht, sondern deren Hausrecht und Hausdesign zu einem Teil der verbindlichen Umgangsnormen der Gesellschaft werden.

Links

[1] http://www.bbr.bund.de/
[2] http://www.ece.de/
[3] http://www.sonycenter.de/
[4] http://www.uwe-rada.de/
[5] http://www.mercado-hh.de/
[6]
[7] http://www.adbusters.org/
[8] http://rts.gn.apc.org/
[9] http://rts.squat.net/
[10] http://www.oma.nl
[11]
[12]

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Mixed

Das Wunder von Lengede

Berliner Zeitung v. 8. November 2003

Geschichtsträchtiges Klaustrophobie-Drama

Vor 40 Jahren ereignete sich „Das Wunder von Lengede“. SAT 1 erinnert mit einem technisch aufwendigen Zweiteiler an das Bergwerkunglück, bei dem elf Kumpel nach zwei Wochen doch noch gerettet wurden.

Ein schmuckes Messingschild musste sein, schließlich ist man stolz auf das Geschaffene. „Water Studios“ ist eingraviert, es hängt an einer schmuddeligen Halle im niedersächsischen Goslar. Nicht weit von hier kam es in den feucht-nebligen Wochen des November 1963 zu einer Rettungsaktion, welche später als das „Wunder von Lengede“ in die deutsche Geschichte einging: Durch einen neu gebohrten Schacht wurden elf Arbeiter aus der Erzgrube „Mathilde“ gerettet, nachdem sie fast zwei Wochen vom Wasser eingesperrt in völliger Dunkelheit ausgeharrt hatten. Mit einem Zweiteiler will SAT 1 am 9. und 10. November zur Prime Time an das Bergwerkunglück erinnern – und zugleich an den Erfolg des ähnlich gestrickten Klaustrophobie-Dramas „Der Tunnel“ anknüpfen.
Stollen
Für die Dreharbeiten musste nicht nur die beklemmende Situation in 60 Meter Tiefe, sondern auch die einstürzenden Wassermassen simuliert werden – ein Leckerbissen für Filmarchitekten. So auch für eine der Größen der Branche, Götz Weidner („Das Boot“). Das Team um den Münchener Filmarchitekten und der Produktions-Firma „Zeitsprung“ schuf in dreimonatiger Arbeit für rund eine Million Euro in der Haupthalle der ehemaligen Erzwäscherei Goslar ein Studio mit deutschlandweit einmaligen Möglichkeiten. Das Set-Design ist so ausgefeilt, dass die Film-Branche bereits Interesse an einem Erhalt angemeldet hat, stehen hier doch gut erprobte Fazilitäten zur Verfügung, um Über- und Unterwasseraufnahmen im Studio abzudrehen. So entstand auf der unteren Ebene der Halle ein Becken, aus dem 280.000 Liter Wasser innerhalb von einer halben Stunde in den zweiten Stock des Gebäudes hochgepumpt werden können. Hier formten die Designer den stillgelegten Stollen nach, in welchen sich die Kumpel 1963 vor Wassermassen und einstürzenden Wänden in trügerische Sicherheit gebracht hatten. In dem bergmännisch so genannten „Alten Mann“ steht den Schauspielern wie Heino Ferch, Axel Prahl, Jürgen Schornagel und Jan Josef Liefers das Wasser bis zum Hals. Ihnen steht die diffizile Aufgabe zu, den halluzinativen Irrsinn eines Gruben-Gefängnis zu mimen – mit milder Strenge geführt von Regisseur Kaspar Heidelbach, der nie „Action“, sondern immer „Bitte“ ruft.
Stollen
Dieser erlebte das Unglück – wie viele andere auch – als eine der ersten Live-Übertragungen der deutschen Fernseh-Geschichte mit. Der NDR dirigierte damals nicht nur 460 Radio- und TV-Mitarbeiter auf den Rübenacker über der Grube, er stellte sogar die Mikrofone, die in das Bohrloch geführt wurde, um den Kontakt mit den Eingeschlossenen zu ermöglichen. Es entstand die moderne Krisen- und Katastrophenberichterstattung. Heidelbach saß währenddessen bei „Sinalco und Salzstangen in der Kneipe, in die mein Vater mich mitgenommen hatte“. Regisseur wie Schauspieler sind begeistert von dem detailgetreuen Nachbau des Bergwerks in der Hallen. Von der zweiten Etage aus können die Wassermassen durch zwei dicke Fallrohre innerhalb von nur 60 Sekunden in die darunter liegende Halle strömen, um hier mit enormen Schub ein weiteres nachgeformtes Stollensystem zu fluten. Um die Sicherheit des Teams zu gewährleisten wurde der 100 Meter umfassende, aus Metall geschweißte Unter-Tage-Irrgarten zunächst von der Münchener Firma Magic FX als Holz-Modell gebaut und einer Strömungsanalyse unterzogen. Gleichwohl rissen die ungestümen Fluten gleich bei der Premiere im Studio einen der handgeschälten Kiefern-Stützen im Stollen mit. Schotten wurden eingebaut, um die Gewalt des Wassers zu bändigen. Heidelbach selbst steig in die Fluten, zum einen aus Interesse an der Kraft des Mediums, zum anderen „um den Schauspielern von vornherein das Argument zu nehmen, dass die Szene zu gefährlich sei“, wie er lächelnd sagt. Im Film spült das Wasser nun effektvoll einen Bergmann aus dem Bild – ohne ihn wirklich zu gefährden.
Drehpause
Die „Schullandheimatmosphäre“ (Heidelbach) am Set wurde durch die ausgefeilte Technik und die verschworene Männergemeinschaft der Schauspieler verstärkt. Einmal aber, da wurde es still bei den Dreharbeiten zu dem Eventfilm. Da betraten die realen Überlebenden des Unglücks zusammen mit ihren Ehefrauen das Gebäude. Schweigend sahen sie die Simulation ihrer Tragödie. Manche wollten den Ort, an dem ihre Kollegen und Freunde gestorben waren nicht näher betrachten, andere weinten. Kein Wunder, das Trauma ist verständlich: Während über Tage die Rettungsarbeiten bereits abgeschlossen und der Trauergottesdienst abgehalten war, tranken die Männer im „Alten Mann“ das faule Wasser aus den Pfützen. Mergelplatten stürzen immer wieder in den alten Stollen. Neben ihnen erkalteten die erschlagenen Kollegen, Bernhard Wolter, gespielt von Heino Ferch, schläft aufgrund der Enge sogar auf den Toten. Wahn griff um sich. Einige Ehefrauen wollen nicht an den Tod der Männer glauben und veranlassten eine letzte Bohrung. Diese trifft tatsächlich auf die Gefangenen. Zunächst wird Karottenbrei herab gelassen, später können die Überlebenden durch ein dünnes Bohrloch gerettet werden. Wolter erblickt als erster der Männer wieder das Licht der Welt. Zum 40. Jahrestag des Wunders hofft SAT 1 auf hohe Quoten und Anerkennung. Den Sendetermin hat man so nah wie möglich an den Tag Tag der Bergung (7. November) gelegt. Trotz der Rettung blieben die Fahnen in Lengede damals auf Halbmast, denn 29 Bergleute kehrten nicht aus der Grube zurück.

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Mixed Reisen

Das Inferno Rennen in Mürren

Snowboarder 11/2003

Zu faul für den Langlauf, zu feige für den Skisprung

Im Inferno-Rennen wird die Geburt des alpinen Abfahrtslauf gefeiert. Der 87-jährige Sohn des Erfinders, Sir Peter Lunn, fährt jedes Jahr mit.

Es war der 29. Januar 1928, ein denkwürdiger Tag, denn er begründete den alpinen Massensport. Ein gemeinsamer Start war geplant, aber einige der 18 Teilnehmer des ersten Inferno-Rennens waren noch beim Wachsen ihrer Skier, als Sir Arnold Lunn rief: „Come on, we´re off.“ Dieses Wochenende (25.01.2003) feiert das Schweizer Bergdorf Mürren das spleenige Rennen zum 60. Mal. Aus der Idee einiger skiverrückter Briten ist der größte Amateurwettkampf des weltweiten Skisports geworden.

Mürren

Annähernd 1800 Wagemutige werden sich auf die über 15 Kilometer lange Abfahrt vom Schilthorn ins Tal begeben. Selbst gute Skifahrer benötigen für den Rutsch eine ¾ Stunde, der Sieger rauscht in weniger als 15 Minuten ins Tal. Der Clou: Es sind nur zehn Tore zu passieren, ansonsten ist die Streckenführung frei. Schon 1928 ging es den Briten in erste Linie darum, das Erreichen des Ziels möglichst individuell zu gestalten. Knochenbrüche, Schürfwunden und Platzwunden waren bei der Abfahrt über verwehte Hänge, vereiste Partien und die bewaldete Talfahrt üblich. Aber nicht nur wegen der unpräparierten Piste waren die Strapazen damals bedeutend höher.

Wer die ersten Jahre am Inferno-Rennen teilnehmen wollte, musste einen fünfstündigen Aufstieg bewältigen, im Rucksack Verpflegung und die Rennausrüstung. Zum fast 3000 Meter hoch gelegenen Schilthorn führte noch keine Seilbahn, Seehundfelle unter den Skiern gaben den nötigen Halt. Nach kurzer Erholung ging es dann los. Bei der nun folgenden Tour mussten die Läufer das Fahren im Tiefschnee ebenso beherrschen wie Langlauftechniken. Der Parcours wartete nämlich mit zwei Gegensteigungen auf – einige Rennen wurden eher durch Armkraft und Schlittschuhschritt entschieden, als durch die tiefe Abfahrtshocke. Auch der Umgang mit öffentlichen Verkehrsmittel wurde geprüft: Die ersten Rennen führten an der Trasse der Bergbahnverbindung zwischen Mürren und Grütschalp entlang. Sodann schlängelte sich ein schmaler Sommerpfad ins Tal nach Lauterbrunnen, die geübtesten Skifahrer aber nahmen den direkten Weg durch den dichten Wald.

Den vierten Platz in dem historischen Rennen von 1928 belegte Doreen Elliott, obwohl sie unterwegs eine verunglückte Kollegin versorgt hatte. Nichts ungewöhnliches in dieser Zeit, wie Sir Peter Lunn, 87, versichert. „Ich stützte in einem Rennen vier Mal und wurde trotzdem noch neunter.“ Der Sohn des Inferno-Schöpfers fährt noch heute jedes Jahr beim skurrilen Rennen mit. Die Holzski der damaligen Zeit, so Lunn, brachen leicht und bargen ein stetes Verletzungspotential. „Da das Auswechseln der Skier daher erlaubt war, hatte ein ganz gewitzter Teilnehmer unterwegs seine langen Abfahrtsski gegen kürzere und frisch gewachste Ski ausgetauscht. Sicherlich ein Vorteil für die harte Abfahrt ins Tal und nicht sehr sportsmännisch.“

Sir Peters Vater, Arnold Lunn, gilt als einer der Pioniere des europäischen Skisports. Er war es, der 1924 in Mürren den noch heute bestehende „Kandahar Skiclub“ gründete, zwei Jahre vorher hatte er im Ort eines der ersten Slalomrennen der Alpen veranstaltet. Lunn war es auch, der sich gegen zahlreiche Widerstände beim Weltskiverband FIS dafür einsetzte, dass der Abfahrtslauf als alpine Disziplin mitaufgenommen wird. Unter Schneesport-Experten galt das schnelle und kontrollierte Abrutschen vom Berg als wertlos, Skifahrer gemeinhin als „zu faul für den Langlauf und zu feige für den Skisprung“, wie Sir Peter sich lächelnd erinnert. Vor allem die Skandinavier wollten den klassischen Langlauf schützen und so beauftragte die FIS erst 1930 denkwürdigerweise den „Ski Club of Great Britain“ und damit Arnold Lunn mit der Durchführung des ersten FIS-Wettbewerbs in den Disziplinen Abfahrt und Slalom. Es entstand der professionelle Skizirkus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Gebirgssoldaten aus Frankreich und den USA, die das Inferno-Rennen für sich entscheiden konnten. Seit den 60er Jahren sind es aber meist die Einheimischen, die die lange Abfahrt gewinnen. Dank einer gut präparierten Piste erreichen von den 1800 Abfahrern nur rund 15 Personen das Ziel nicht. Auch Sir Peter Lunn wird das Rennen weiterhin bestreiten, und zwar nach eigener Aussage „so lange, wie ich mindestens zehn andere Läufer hinter mir lasse“.

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Wie mich jede Frau rumkriegt

Petra 12/2002

Wie mich jede Frau rumkriegt

Sie leben kommod in ihrer Welt und fühlen recht genau, wen sie in diese Sphäre herein lassen. Sie sitzen im Cafe, ins Buch vertieft, oder im Waschsalon, die T-Shirts faltend, oder am Strand, das Meer schauend. Frauen in Sphären. Aus einem unerfindlich Grund habe ich die Ehre, diese Blase für einen Moment zu betreten. Damit ist schon der Wunsch nach Privatheit angedeutet. Klar, am Anfang war das optische Feuer, dann aber folgt das Wort. Der erste Blick zu mir geht nicht fahrig nach Sekunden zum nächsten Objekt, die ersten Worte fallen nicht hastig, und durchs Haar wird sich dabei schon mal gar nicht gestrichen.

Um was geht es beim rumkriegen? Oberflächlich betrachtet wohl tatsächlich darum, mich möglichst schnell zum Knutschen anzustiften. Bei feinerer Auflösung zeigt sich mehr. Es geht um die vollständige Bekehrung meiner Person, darum, in naher Zukunft der Dame alle Wünsche zu erfüllen. Und das auch noch mit müheloser Freude. Die ersten Schritte dazu sollten gut überlegt sein – das Problem ist nur, dass sie dabei nicht überlegt wirken dürfen. Der erste Kontakt muss wie ein kosmischer Postbote völlig überraschend meine innere Klingel drücken.

Männer sind vielleicht alle gleich, wollen aber etwas Besonderes sein. Wenn ich schon in den ersten Momenten ihr persönlicher Brad Pitt bin, gibt das enorm Punkte auf dem Einwickel-Konto. Schon nach den ersten Worten muss klar sein, das ich nicht Teil der uns umgebenden Öffentlichkeit bin, sondern ein privates Stück Neuland, das vorsichtig beschritten wird – vielleicht aber auch im Sturm genommen.

Nichts gegen Komplimente, aber welcher wirklich starke Mann wird schon gerne angehimmelt? Und nichts gegen devote Spielchen, volle Ergebenheit aber ist ein Zeichen von Unselbständigkeit. Wo ein ewiger Macher ist, da ist die, die es „mit sich machen lässt“ nicht weit.

Womit wir bei dem Problemsäckchen der überstandenen „Beziehungen“ sind, das anscheinend jeder im Alter über 25 mit sich rumträgt. Zum wirklichen schwerwiegenden Problem wird dies nur dann, wenn darüber die Neuanbahnung von Leidenschaft leidet. Probleme haben wir alle, diese allerdings gleich in den ersten Tagen, geschweige denn ersten Minuten und Stunden durch den Fleischwolf der Analyse drehen zu wollen, ist unklug. Denn dann bleibt oft nicht viel mehr als eine Träne in der Morgendämmerung, die vergeblich darauf wartet von jemanden weggeküsst zu werden.

Welcher Mann hat nicht schon einige Wochen damit verbracht festzustellen, dass hinter einem vermeintlich weiblichen Tiefsinn nur eine andauernde Krisenstimmung steckte? Frohsinn kann man kaum üben, wohl aber die naive, dass heißt unschuldige Sicht auf die neuen Dinge. Die Wissbegier turnt an.

Wer meint, alle Schubladen in seinem Kabinettschränkchen schon mustergültig fertig gezimmert zu haben, der braucht erst gar nicht die Kerzen im Zimmer anzünden. Will man es dermaßen passiv wenden, sind wir Herren natürlich abgewatschte Kinder der Emanzipations-Bewegung, die heute vor dem Problem stehen, geschmeidig zwischen Abwasch und Alpha-Tier-Dasein unser Selbst zu definieren. Aber wer will schon eine solche leidende Männlichkeit für sich konstruieren? Als stets aktiv-riemiger Akteur sind wir arteigen eher darum bemüht, den Damen unsere wahres Ich vor Augen zu führen: Und diese Gesamtperson besteht aus einem Körper, der bis in die letzte Faser romantisch ist – und dem Hirn eines Zuchtbullen.

Womit wir beim Sex wären. Um es abzukürzen: Es muss vom ersten Moment klar sein, dass diese Frau in der Lage sein wird, aus meinem alltagserschlafften Körper eine ausdauernde Fickmaschine zu machen. Weil hier halt Magie wirkt, sind die ultimativen Flachleg-Signale leider nicht genau kategorisierbar; es bleiben nur zwei Tipps. Kein Mann mit Stil will mit der Breitseite aus Zigarettenqualm und Prosecco überwältigt zu werden. Daher darf die Zunge erst nach einer zehnminütigen Vorspiel ins Kusskriegen eingreifen. Was überhaupt nicht geht, ist Oralverkehr in der ersten Nacht. Zwei Stunden nach dem Erstkontakt einen geblasen zu bekommen, dies lässt auf niedere Beweggründe der Dame schließen. Es muss die stete Hoffung im Raum schweben, dass aus der einen Nacht ein Onelifestand wird. Es sei in aller Deutlichkeit formuliert: Artistische Verrenkungen, schlimmstenfalls noch verbunden mit brutalem Präorgasmusgeächz, sind kontraproduktiv. Deuten sie doch auf einen allzu professionell interpretierten Akt hin, der mehr an Arbeit als denn an den sanften Schmelz der Zärtlichkeit erinnert. Nichts, aber auch gar nichts darf darauf erinnern, dass es vor uns einen anderen ernst zu nehmenden Mann gegeben hat.

Nein, schlaue Frauen machen uns Männern keine Angst. Intelligenz sollte sich eben nur nicht im Abruf von Wissen manifestieren, eher in der gewitzten Improvisation des Geistes. Die Fähigkeit flexibel zu reagieren beinhaltet das Überraschungsmoment. Nachts aufgeweckt zu werden und unmissverständlich zu einer Fahrt ins Spielcasino aufgefordert zu werden – das ist sinnlich. Vielleicht ist auch das eine Folge der 68er, aber wir Männer sehen schon lange keinen Grund mehr ständig die Aktionsagenda in der Hand halten zu müssen.

Und nun zur schwierigsten und zugleich unwichtigsten aller Fragen: Wie muss sie aussehen? Um es mal im Bild auszudrücken: Der leicht fettige Glanz, den die von mir kredenzten Bratkartoffeln auf ihren Lippen hinterlassen, der muss ihr gut stehen. Als grobe Faustregel gilt: Wer lustlos im Salat rumstochert, bleibt allein. Auch der neue Trend, ständig Wasserflaschen mit sich rumzutragen, um einen stets optimalen Wasserhaushalt zu gewährleisten, ist anzuprangern. In Gegenwart von Männern trinkt Frau Bier – und eben gut gebrannten Kaffee, um einen leicht hysterischen Koffeinpegel zu gewährleisten.

Um es endlich abzukürzen: Dreifach aufgehoben will ich sein. Aufgehoben im Sinne einer Wärme, die durch die Frau mich umgibt, aufgehoben im Sinne einer Erhöhung, die ich mit ihr zusammen erleben will und aufgehoben im Sinne einer Auflösung, die unsere Personen in etwas Neues, Großes transformiert. Große Worte, sicher, vielleicht ist es daher auch eher die Aufgehobenheit im vierten Sinne des Wortes, nämlich die, das sie sich nicht zu schade war, mich aus dem dunklen Gully der Einsamkeit aufzuheben.

 

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Mixed Rezensionen

Dieter Bohlen seine Wahrheit

Telepolis v. 29.11.2002

Nichts, auch nicht die Wahrheit

Wenn man das Buch von unserem Dieter nicht als *.pdf saugt, dann würdigt man zugleich Heinz von Foerster.

An der „Wahrheit“ hat sich schon so mancher Philosoph den Zeh verrenkt. Nach Jahrtausende lang schwelender Diskussion fand sich nun ein diplomierter Betriebswirt diese Kernfrage der Menschheit ihrer endgültigen Lösung zuzuführen. Die Wahrheit, so sein Credo, ist das was Dieter sagt.

Wir erinnern uns: Kulturpessimisten sahen schon durch das Geträller der Pop-Engel von „Modern Talking“ den Untergang des Abendlandes bevorstehen. Sie mutmaßten, dass es tiefer nicht mehr gehen könne, aber sie mussten sich eines besseren belehren lassen. Nun diagnostizieren sie einen neuen Tiefstand auf der nach unten offenen Verblödungsskala. Von Dieter Bohlens Erinnerungen an „Nichts als die Wahrheit“ sind bereits 500.000 Tausend Exemplare verkauft und auf KaZaA kursiert die Biografie als pdf-Dokument. Der Bohlen-Virus hat die Republik erfasst, die Symptome: zunächst schwach-schüchternes Hüsteln, später vehementes Gekicher, begleitet von akuter Bestürzung.

Der Virus lässt die Rezipienten taumeln, sie sind hin- und hergeworfen zwischen peinlicher Berührung und der Begeisterung über die Courage, von Penisbrüchen und Teppichludern zu klönen. Lange Zeit herrschte pures Entsetzen über den vulgären Dummbatz, der alle seine Peinlichkeiten zu Markte trägt – bis bemerkt wurde, dass er uns damit alle erleichtert. Da war er, ein Sündenbock, der sich nicht einmal daran störte, dass die Republik ihren Hohn auf ihn lädt, mehr noch, der sich sichtlich wohl im kollektiven Tratsch-Gedächtnis der Gesellschaft fühlte.

Respekt wird „dem Dieda“ vor allem deshalb gezollt, weil es ihm egal zu sein scheint zum Gespött der Leute zu werden. Damit ist er vorläufiges Endprodukt einer Gesellschaft, in der jeder Vorstadt-Honk allein dafür Anerkennung erheischen will, dass er bereit ist, seine privaten Befindlichkeiten in einer Talkshow zur Schau zu stellen. Sicher, Bohlen, 48, ist erfolgreicher Produzent von Billig-Pop, aber seine musikalische Kunst stand schon vor Veröffentlichung des Buches völlig im Schatten seiner Lendenkunst. Denn, wenn man ehrlich ist, wirklich erlebt, etwas durchgemacht, von dem es sich zu erzählen lohnt, hat der Mann nicht.

Was auf den Inhalt seines Trieb-Werks deutet. Der Literat erzählt Anekdoten aus seinem Leben, auf der Strecke bleiben bei dieser Jagd nach Amüsement vor allem die „Pistenhühner“ und seine ehemaligen Weggefährtinnen. Ein Beispiel? Mit unverhüllter Häme lässt er sich über die vermeintliche Scheusslichkeit der Wohnung seiner Ex-Frau Verona Feldbusch aus, ausgerechnet er, dessen Inneneinrichtung seines Hauses in Tostedt bei Hamburg, ein um Ikea-Elemente bereichertes Gelsenkirchener-Barock, kaum mit makellosen Worten zu würdigen ist, ausgerechnet er, der ein paar Seiten vorher noch von seiner „megageilen Flicken-Jacke aus fünfundzwanzig verschiedenen Jeans-Stoffen“ schwärmt.

Noch ein Beispiel? En detail berichtet er vom -aus seiner Sicht- gefährlichen Umgang seiner anderen Ex, die auf den Namen „Naddel“ hört, mit Alkohol. So wollte er, sagte das Alpha-Männchen jetzt in einem Interview, sie dazu anregen, „darüber nachzudenken, ob man das nicht ändern“ könne. Klar, die Bild-Zeitung berichtet bekanntlich ja auch über die Homosexualität einer Tatort-Kommissarin, um sie von ihrem Irrweg abzubringen.

„Hallo McFly, jemand zu Hause?“

Das ist Bohlens Umgang mit der Wahrheit. Dass seine subjektive Wahrheit nicht die Wahrheit der anderen ist, nicht sein kann, das interessiert den Dieter nicht. Kognitionswissenschaftler und Kybernetik-Legenden, wie der kürzlich verstorbene Heinz von Foerster, weisen darauf hin, wie beobachterabhängig, wie subjektiv die wahr genommene Realität ist. „Wahrheit“, so gab von Foerster zu bedenken, „ist die Erfindung eines Lügners“. Wer von sich behauptet im Besitz der Wahrheit zu sein, der stempele damit andere zum Lügner ab.

Bohlen ist sicher Meister darin, seine ganz persönliche Wahrheit für sich so zu gestalten, dass er schmerzfrei – andere sagen merkbefreit – durch das Leben gleitet. Was er sich überhaupt nicht vorstellen kann, ist, dass gerade der intime Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen eben nicht von Wahrheit, sondern durch Wahrhaftigkeit lebt. Als ob es eine Wahrheit darüber geben würde, ob die von Dieter so heiß geliebten Kissen fürwahr, tatsächlich und faktisch richtig auf dem Sofa liegen.

Zugegeben: Fast jeder muss beim Überfliegen von Bohlens Schabernack-Machwerk lächeln, zugleich möchte man dem Fahrer von Geronimo´s-Cadillac einen Schirm leihen, damit es oben nicht rein regnet. Bohlens Geseier kann man als erfrischend schnoddrig, als proletarische Antwort auf die „political correctness“ abfeiern oder im gepflegten Ton als „Schnörkellosigkeit und Lakonie“ (FAZ) bezeichnen. Es bleibt die Einsicht, dass Typen wie Bohlen das Betriebssystem der Spaßgesellschaft sind. Die sollte ja eigentlich nach dem 11. September begraben werden, „aber Pustkuchen“, wie Dieter wohl sagen würde.

Es ängstigt, aber es gibt kaum einen Lichtblick für ein Leben nach Bohlen: Er bedient den Kulturbetrieb einer Republik, in der schnöde Pop-Literaten wie Christian Kracht und Florian Illies („Generation Golf“) deutlich herausstellen, dass die richtige CD im Schrank wichtiger ist als soziale Schieflagen. Zugleich ist die Halbwertszeit von medial aufbereiteten und konstruierten Hypes noch nie so kurz gewesen. Vorgestern Essig-Diät, gestern Rinderwahnsinn, heute 80er Revival, morgen klaut der Strunz dem Effe die Frau zurück. Bohlen, die „gusseiserne Geldvisage“ (Wiglaf Droste), weiß von der Flüchtigkeit dieses Geschäfts, damit er weiterhin seine Kohle aus diesem Voyeurismus-Betrieb ziehen kann ist bereits eine Fortsetzung seiner Lebensbeichte angekündigt.

 

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Mixed

Beste Trompete in der deutschen Blaskapelle

blond, Juli 2002

Beste Trompete in der deutschen Blaskapelle

Warum das TV von blonden Durchlauferhitzern nie genug kriegen kann

Original PDF aus der blond

Es ist Foto-Shooting Termin, das Studio ist schäbig, der Rand der Jagdwurst auf den halben Brötchen biegt sich. Auf einem Bock räkelt sich feinste Katalogware, der Fleisch gewordene Traum aller Onanisten. Name: Kelly Trump, Alter: 31, Beruf: Porno-Darstellerin, Entschuldigung, ehemalige Porno-Darstellerin, aber das will hier eigentlich niemand hören. Klar, ab sofort ist Kelly (sie wird von allen geduzt) Moderatorin, vielleicht sogar Schauspielerin. Denn seit Mai moderiert sie „La Notte“ und begleitet schlaflose Männer mit Hand im Schritt durch die Nacht. Der TV-Sender Neun Live verspricht sich von Kelly und ihren „Erotik-Sketchen“ glühende Schwänze, was gleichbedeutend mit hohen Einschaltquoten ist.

Und deswegen sind sie gekommen, die Fotografen und Journalisten von „Blitz Illu“, „Coupe“ und den anderen Blättern. Vordergründig, also vom Verstand her, geht es darum, dass mal wieder eine Dame den Ausstieg aus der Hardcore-Branche und den Einstieg in die Erotik-Szene sucht, wie dass schon Dolly Buster und Gina Wild erfolgreich taten. Untergründig, also vom Becken her, stellen sich natürlich andere Fragen: Wie sieht die Frau aus, die in über sieben Jahren Hunderte, ja vielleicht Tausende von Lunten ausgeblasen hat, eine Frau, die sich beruflich literweise Sperma ins Haar hat spritzen lassen? So schroff würde das hier niemand formulieren, aber irgendwas zwischen Vorurteil und Fantasie nimmt jeder mit in den Raum und Kelly weiß das auch.

Scheu sitzt sie auf dem schwarzen Ledersofa und raucht eine Zigarette nach der anderen. In die Augen schaut ihr kaum mal jemand, dabei sind diese wunderschön- so grün, so tiefleuchtend grün. Sind das Kontaktlinsen? Die Tür muss schnell geschlossen werden, denn Kelly ist stets kalt. Schmale Taille, blonde Haare und ein riesiger Kunstbusen, einer, der das Rückgrat verbiegt. „Ich suche mir ein Wolf, wenn ich Dessous kaufen will“, sagt Kelly und die Kollegin von Blitz Illu nickt eifrig. Die beiden tauschen E-Mail Adressen aus und wollen demnächst zusammen suchen gehen.

Gesangs- und Sprechunterricht hat sie genommen, um auch in Filmen mit Sprechakt mitwirken zu können. Im neuen Streifen von Ralf König hat sie eine Nebenrolle – sie spielt sich selbst und muss es mal wieder mit einem Typen treiben. Aber egal, es ist ein Anfang.

Lockeres Gesprächsgeplänkel, dann die erste knallhart-journalistische Frage der Dame von Coupe: „Ist man als Porno-Star besser im Bett?“ Hui, gefährlich, aber Kelly, nicht mundfaul, retourniert: „Nein.“ Damit ist der Reigen eröffnet, endlich darf über Sex geredet werden. Und Kelly packt aus, denn sie steht nicht mehr unter Vertrag und muss nicht versichern, dass ihr das wütende Gerammel „enorm viel Spaß bringt“ oder, wie sie dass auf der Webseite ihres Produzenten ausdrückt, „die Kamera mir eigentlich einen zusätzliche Kick gab“. Heute klingt das etwas anders: „Kein normaler Mensch würde das zu Hause machen, was wir vor der Kamera veranstalten.“

Dass Frauen in den Porno-Filmen als immergeile Luder dargestellt werden ist Fakt. Nicht nur FeministInnen nehmen daran Anstoß, dass die Frau dabei zur bloßen Fickmaschine erniedrigt wird. Dadurch, so die berechtigte Annahme, wird dem Dauerkonsumenten ein reichlich schiefes Frauenbild eingebläut. Männer dient der Porno als Wichs-, Paaren eher als Inspirationsvorlage, beiden Gruppen ist aber meist klar, dass das fiese Löcherstopfen kein Abbild der Realität, sondern geiler Traum ist. Und alleinstehende Frauen? Die sind entsetzt über den gefühls- und phantasielosen Geschlechtsakt, sehen sich aber nicht in der Opferrolle, in die sie die alternde Emanzipationsbewegung stecken will.

Wie würde ein Porno aussehen, indem Kelly Regie hätte? „Viele weniger, na, du weißt schon, und viel mehr Erotik.“ Eigentlich ist Kelly schüchtern und die Hardcore-Jahre haben das nicht ändern können. Immer wenn sie ein Igitt-Wort in den Mund nehmen muss, flüchtet sie sich in Umschreibungen. Aber zunächst folgt die nächste höchst investigative Frage der Dame von Coupe: „Hast du einen Dildo zu Hause?“ „Nein“, sagt Kelly.

Aufgrund ihrer kinematisch dokumentierten, tiefgehenden Erfahrungen dient sie ihren Fans immer wieder als Beichtmutter. Freudig erzählt Kelly von einer unglücklichen Frau, deren Mann schwer abgetörnt davon war, dass die Frau, wie Kelly es ausdrückt, „beim Oralverkehr nicht…, na ja, du weißt schon, die wollte nicht…, na, halt das ganze Programm, du weißt schon…“ Leichte Unruhe in der Sofarunde bis jemand den Satz beendet: „…schlucken wollte?“ Erleichterung ringsum, Kelly errötet.

Der Deutsche Bürger ist von allen Europäern am meisten an Porno-Seiten im Internet interessiert, im Monat klicken rund 5 Millionen Lustbolzen zwischen Nordsee und Alpen auf triefende Webseiten. Die deutsche Hardcore-Film-Branche wirft monatlich mindestens 600 neue Produktionen auf den Markt, auch damit ist man europaweit führend. Und noch eine Zahl zeigt das Ausmaß der Katastrophe für Süßmuth, Schwarzer & Co.: Die braven Deutschen sind nach den USA zum weltweit zweitgrößten Verbraucher von Erotikartikeln aufgestiegen.

Allgegenwärtiger Sex, das ist weniger Zeichen für „Gewalt gegen Frauen“, wie dies die Emma-Fraktion annimmt, die Sexualisierung der Gesellschaft ist zum einem Zeichen ihrer Trivialisierung, zum anderen Nebenschauplatz eines ausgedehnten Körperkults. Voyeurismus und Selbstdarstellung halten diverse TV-Talkshows am Leben, und am lautesten johlt die Menge, wenn es um Ficken, Lecken, Blasen geht. Eine ganze Reihe von Fitness-Männerzeitschriften lebt nur vom Wunsch der Leser nach Oberkörperverbreiterung und Schwanzverlängerung.

Für Kelly Trump sind dies dagegen Zeichen dafür, „dass alles viel offener geworden ist und die Leute viel lockerer mit Sex umgehen“. Wo früher noch „alte Opas mit Fotoapparaten“ auf den Sex-Messen rumgerannt seien, wären dort heute vor allem Paare zu sehen. So oder so, das Wort „Moral“ ist heute keine Grundlage mehr für die Bewertung, ob etwas noch Erotik oder schon Pornographie ist. Höchstens die Ästhetik wird zur Abwehr herangezogen, ansonsten gilt der postmoderne Schlachtruf des „Erlaubt ist, was gefällt“.

Sicher ist: Die Arbeit mit halberigierten Penissen in Big-Mac-Stellungen ist anstrengend, vielleicht sogar aufzehrend. Auch Fußballer wechseln später, dann, wenn die Knochen nicht mehr mitspielen, gerne auf die Trainerbank oder in den Vorstand. Oder sie übernehmen eine Lotto-Toto-Annahmestelle. Auch Kelly Trump muss ein paar Gänge zurück schalten. Aber sie bleibt blinder Zeuge der Einsamkeit in deutschen Wohnzimmer und wird wenige, aber dankbare Abnehmer finden.
Jörg Auf dem Hövel

 

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Mixed

Ein Schritt vorwärts – und zwei zurück

 

HanfBlatt Nr.79

Ein Schritt vorwärts – und zwei zurück

Was ist gewachsen und was blüht uns? Vier Jahre rot-grüne Politik zeigen vor allem die Angst vor Veränderung.

Erinnern wir uns: Damals, 1998, versprach die SPD „Innovation und Gerechtigkeit“ und das sollte auch für die Drogenpolitik gelten. Daraus ist wenig geworden. Es sollte ein Aufbruch in eine Ära nach Kohl werden, schließlich saßen nun die 68er in den Ledersesseln des Kanzleramts. Was kam war nur ein weiterer Rückfall. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Zwar setzte die Koalition Fixerräume und die lange aufgeschobenen Abgabe von Opiaten an Schwerstabhängige durch, ansonsten stagnierte die Politik. Denn „gerecht“ ist es auf keinen Fall, dass Menschen aufgrund des Besitzes von ein paar Krümeln Haschisch den Führerschein oder Arbeitsplatz verloren. Es musste erst wieder richterliche Rauchzeichen aus Karlsruhe geben, um diesen gebührlichen Zustand zu beenden.

Eine gewisse Kontinuität lässt sich in der Drogenpolitik der SPD durchaus erkennen: Unter ihrer Ägide kam es bereits 1982 zu einschneidenden Verschärfungen im Betäubungsmittelgesetz und nun zu Samenverbot und der Praxis, Kifferinnen den Führerschein zu entziehen, obwohl diese gar nicht akut berauscht gefahren waren. Die Grünen haben sich, wenn überhaupt, nur zaghaft gegen diese eiskalte Repressionspolitik gewehrt. Ist es tatsächlich so, dass, wie Hans-Georg Behr es einmal so schön ausdrückte, „die Bundesregierung, egal welche gerade herrscht, fest entschlossen ist, den nun einmal eingeschlagenen Holzweg bis zum bitteren Ende weiterzugehen“?

Innenminister Schily laviert seit geraumer Zeit, mal will er die Legalisierung prüfen lassen, im nächsten Moment dementiert er dies. Würde er tatsächlich eine Kommission einberufen, dann würde er wohl sein grünes Wunder erleben. Selbst den verbohrtesten Sachverständigen ist nämlich mittlerweile klar, dass es in Deutschland eine Hanfkultur gibt, welche eben nicht aus rumhängenden, verelendeten Luschen besteht, sondern die wirtschaftlich und kulturell zu Tragen beginnt. Die vernebelten Video-Strips von Stefan Raab und Kiffer-Scherze von Harald Schmidt sind mediales Zeichen dieser Entwicklung. Nur ist es leider halt immer noch so: Wer seinen Kopf zu weit raus streckt, der kriegt was zwischen die Hörner; das musste nicht nur Xavier Naidoo erfahren. Die Boulevard-Medien sind Teil der Verlogenheit in der Drogenkultur des Landes.

Es ist ein Wunder, wie sehr sich die Grünen von ihren Wurzeln aus den 68er gelöst haben. Es kann doch kein Mensch, der die damalige Zeit mitgelebt hat glaubhaft versichern, dass die Kifferei in seinem Umfeld nur süchtige und sozial abgewrackte Typen hervorgebracht hat. Ist nicht vielleicht sogar das Gegenteil richtig? War diese böse Droge nicht vielleicht sogar Bestandteil des Antriebsstoffs, der den Motor der ideologischen Innovation antrieb, blumiges Versprechen auf eine bessere Welt? War die Revolte von 1968, die radikale Infragestellung der deutschen Nachkriegsgeschichte, nicht auch durch die gelebten Utopien der „Blumenkinder“ getragen? Wo sind sie denn, die Verweise auf die stilleren Vertreter einer Generation, die nicht nur im proklamativen Weg nach außen, sondern auch in der Introspektion den Weg zur Verbesserung der Lebensumstände einer Gesellschaft suchten?

Es scheint fast so, als ob diese Menschen heute nur noch aus dem esoterischen Untergrund heraus wirken, dabei haben sie das Lebensgefühl einer Generation mitbestimmt. Dies mag heute kaum einer der wortgewaltigen Weisenräte zugeben. Hier liegt vielleicht eine Ursache für die konstante Abschiebung von Nutzern psychoaktiver Pflanzen und Substanzen in den pathologischen Bereich. „Drogenkonsumenten“, dass sind aus dieser Sicht immer Menschen, die der Hilfe von außen bedürfen. Was für ein Blödsinn! Es ist oft genug formuliert worden, sei aber hier noch einmal zu mitsingen formuliert: Der Mehrheit aller Genießer von psychoaktiven Spurenelementen nimmt sozial integriert und autonom am sozialen Leben teil und ist auf keines der Hilfesysteme angewiesen. Die neuen Untersuchungen zeigen darum eben auch, dass für die meisten Frauen und Männern der Cannabiskonsum eine Phänomen der Jugendzeit ist.

Merkwürdig ist daher, dass Rot-Grün es tatsächlich für einen Verdienst hält, dass der Sektor „Drogenpolitik“ vom Innen- zum Gesundheitsministerium verlagert wurde. Abgesehen davon, dass damit nur der Zustand vor der Schreckensherrschaft von Kohl wieder hergestellt wurde, kann man nur sagen: „Ja, Wahnsinn, Danke, Kifferinnen sind jetzt nicht mehr kriminell, nur noch krank!“ Das durften die Schwulen und Lesben auch lange Zeit von sich behaupten. Wann wird eingesehen, dass der geregelte Genuss von Hanfprodukten ein Stück Lebensart ist, nicht mehr, nicht weniger? Das große Tabu ist nach wie vor, dass der Genuss von Cannabis, LSD und Kokain seine Gefahren birgt, aber eben auch mächtig Spaß bringt.

Seltsamerweise kommen die Grünen erst mit dem näher rückenden Wahltermin wieder in Fahrt: Ihr rechtspolitischer Sprecher Volker Beck, Mitglied im Fraktionsvorstand des Bundestages, will die Diskussion mit der SPD nach einer Wiederwahl neu aufnehmen: „Der Krankheitsdiskurs führt bei Cannabis nicht weiter. Hier geht es um das Verhältnis von Bürger und Staat beim Drogengebrauch“, sagt er und fährt fort, „diesmal muss die Entkriminalisierung von Haschisch in der Koalitionsvereinbarung stehen.“ Wie sagte meine Oma in solchen Fällen gerne: „Wer es glaubt, wird selig.“ Die glattgebügelten Ökologen versprachen schon vor vier Jahren die Legalisierung des Hanfs – dass sie an diesem Punkt so sang- und klanglos kapitulierten hat ihnen gerade unter ihren jungen Wählern eine Menge Sympathie gekostet. Fest steht und das weiß auch Volker Beck: Der drogenpolitische Neubeginn wäre nicht nur an die Legalisierung des Konsums geknüpft, innerhalb staatlich kontrollierter Rahmenbedingungen müssten auch Anbau und Handel freigegeben werden. Angesichts solcher Schritte kneifen SPD und Grüne. Schröder will die Legalisierung von Cannabis partout verhindern, das war schon vor vier Jahren so und wird so bleiben.

Es ist kein Zufall, dass nach Christa Nickels nun wieder eine SPD-Dame den Posten der Drogenbeauftragten der Bundesregierung einnimmt. Die SPD-Rechte Marion Caspers-Merk antwortete im Kölner-Stadt-Anzeiger auf die Frage, was sie denn für das neue Amt qualifiziere: „Die neue Gesundheitsminsterin hat mich gefragt und mich reizte das neue Tätigkeitsfeld.“ Danke, Frau Casper-Merk, dass reicht uns schon. Dabei gab es durchaus Ansätze zu kollektiven Erleuchtung der Sozialdemokraten: Die SPD-Bundestagsfraktion setzte sich 1992 für eine Straflosstellung aller Drogenkonsumenten ein und warb auf zwei Parteitagen (1993 und 1996) für den legalen Zugang zu Cannabisprodukten zum Eigenverbrauch. Auch Bedingungen eines kontrollierten Verkaufs sollten geschaffen werden. Aber auch diese Blase zerplatzte, übrig geblieben ist eine Politik, welche die ewige Leier der Prävention spielt und nicht einsieht, dass es die Illegalität ist, welche die meisten Probleme erst schafft.

Und der kreidefressende Stoiber? Die Verwandlung von Hardcore-Ede zum milden Mann der Mitte darf man getrost als taktischen Manöver abtun. Von ihm und seinen Mannen ist im Falle eines Wahlsiegs ein Rückfall in dunkelste Zeiten zu erwarten. Die CDU/CSU präsentiert sich in der Drogenpolitik seit Jahrzehnten genauso kompetenz- wie innovationslos. Kurzum: Stoiber & Co. gehen gar nicht.

Schon ohne einen Kanzler Stoiber ist die Republik von Visionen weit entfernt. Schröders Pragmatismus lässt in der Regierungspolitik keinen Platz für Ideen um aus den „geistig-moralischen Schrebergärten“ (Gerd Koenen) auszubrechen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Dieser Satz Erich Kästners wird nur allzu gerne von unserem Brioni-Kanzler zitiert – mittlerweile klingt dies wie die endgültige Verabschiedung des ideellen Untergrunds, auf welchem jedwede Handlung ja nun mal beruht. Aber für was macht Rot-Grün heute noch den Rücken gerade?

Die Schröder-Chor schmettert im Tenor einer Republik, in der schnöde Pop-Literaten wie Christian Kracht und Florian Illies („Generation Golf“) deutlich herausstellen, dass die richtigen CDs im Schrank wichtiger sind als soziale Schieflagen. Stichwort: Spaßgesellschaft. Deren Ende ist auch nach dem 11. September nicht in Sicht. Noch nie war die Halbwertszeit von medial aufbereiteten und konstruierten Hypes so kurz. Vorgestern Essig-Diät, gestern Rinderwahnsinn, heute 80er Revival, morgen klaut Strunz Effe die Frau zurück. Alles begleitet von einer Talkshow-Tyrannei, deren Intimität von der eigenen Gefühlsunfähigkeit ablenken soll. Statt Visionen zu leben werden halbschlaffe Erektionen von platten Oberflächen gesogen. Von daher ist der Stillstand der von Schröder beschwörten „Neuen Mitte“ nur Teil einer Gesellschaft, die sich stets auf der Suche nach dem nächsten Event in narzisstischer Anmut vor dem Spiegel dreht.

Noch steht der Beweis aus, dass ein nennenswerter Anteil von Anwendern psychoaktiven Substanzen deren Potential zur vielbeschworenen „Bewusstseinserweiterung“ dazu nutzt aus diesem egozentrischen Reigen auszubrechen. Die Leute, die abseits der legalen Mainstream-Drogen Lust auf „better living through chemistry“ haben, sind zudem zu einem großen Teil völlig desinteressiert an der politischen Durchsetzung ihrer Vorlieben. Sie kiffen sowieso, und wenn es passt fliegt auch mal ´ne Pillen in den Rachen. Legal – illegal – scheißegal.

Niemand müsste die Ideale von der Selbstbestimmung des Individuums bemühen, um zu einem Wandel in der Drogenpolitik zu kommen. Nein, es würde vollkommen reichen einen analytisch sauberen Blick auf die Realität zu werfen, um die Auswüchse einer fehlgeleiteten Politik gegenüber Substanzbenutzern aller Art einzusehen. Am augenfälligsten ist das seit jeher bei Cannabis, einer Pflanze, deren Wirkstoffe vergleichsweise harmlos auf den Menschen wirken.

Zukünftig kann es also nur darum gehen, dass die gesellschaftlichen Institutionen wie Schule und Elternhaus tabulos über Drogengebrauch aufklären und auch dazu anleiten. Dazu sind sie bislang nicht in der Lage, zum einen, weil Unwissen herrscht, zum anderen, weil ihnen Gesetze im Wege stehen, zum dritten, weil die eigene Abhängigkeiten und Süchte (Alkohol, Zigaretten, Fernsehen) selten thematisiert werden. Hier liegt ein weiteres markantes Problem der Diskussion: „Drogenkonsumenten“, dass sind immer die anderen. Damit wird der Komplex aus dem eigenen Verantwortungsbereich geschoben und als abhandelbares Objekt interpretiert. Nicht umsonst gab es größere Anschübe zu Reformen immer dann, wenn Familienmitglieder oder Menschen im Bekanntenkreis von Politikern Drogen konsumierten. Das Apothekenmodell von Heide Moser und der nachhaltige Einsatz von Henning Voscherau für die Heroinvergabe sind Beispiele hierfür.

Also alles wie gehabt? Nein, wohl nicht. Trotz Samenverbot und anderen verschärfenden Maßnahmen, die wohlgemerkt alle während der Legislaturperiode von Rot-Grün durchgesetzt wurden, floriert die Hanfszene. Hanf ist heute mehr denn je Mode, Ernährung, Droge, Kult, Musik, Schmuck, Weltanschauung. Kiffen und alles rund ums Kiffen ist normaler denn je, das Geseier von der „kulturfremden Droge“ schon lange widerlegt. In den Bars und Clubs des Landes wird munter eingerollt und der eine zieht an der Sportzigarette, der andere halt nicht. Früher wurde die Tüte noch mit verschwörerischen Blick weitergereicht, dass tut heute nicht mehr Not. Eine wenig erwähnte Tatsache ist zudem, dass Kiffen nach wie vor eine Kultur des Teilens ist. Der Eine besorgt oder baut an, die Nächste baut, geraucht wird zusammen. Und auch die ideologischen Fehden innerhalb der ökonomisch orientierten Hanf-Szene nehmen ab. Mittelfristig wird die Null-Bock-80er Generation in die Institutionen tanzen und es bleibt abzuwarten, ob sie ihre rauchgeschwängerten Wurzeln nicht verleugnet. Die vielen Cannabis-Connaisseure werden bis dahin weiterhin vor allem eines haben (müssen): Ausdauer.

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Mixed

Interview with Jonathan Ott

Interview with Jonathan Ott Published in Hightimes, September 2001

He is the Author of Pharmacotheon, brings us the word „entheogenic“, which means substances which create spirit or god within us. It was a nice late summer afternoon in the year 2000, when we met Jonathan Ott in the flat of Christian Rätsch and Claudia Müller-Ebeling in Hamburg, Germany. We talked about his plan for his new book, the cocain-business in south-america and of course aboute hemp.

HanfBlatt (Joerg Auf dem Hoevel and Achim Zubke)

We would like to begin with a funny introduction. First I would like to give you a present you probably never got before. Some say it is one of the most evil drugs on earth… What do you think about it? It is a bottle of Mariacron, the aunts drug!

Ott

Ahh, Weinbrand, genial. Is there some cannabinol in it?

 

HanfBlatt

No, it is just what our old aunts like to drink. We call it „Sprit“ but it has no spirit in it.

 

Ott

Well, it has a beautiful label. And it is „vollmundig“. Danke.

 

Jonathan Ott
Jonathan Ott

Jonathan Ott with one of his favorite drugs: a chocolate cake.

HanfBlatt

With „Pharmacotheon“ you have written a milestone in scientific literature on psychoactive plants and their chemical ingredients. The book is very precise and gives a clear view of what we really know about these plants. In „Ayahuasca Analogues“ you give us useful informations on a vast array of ingredients, which can be made into a highly potent oral active brew. By the way you show the lunatism and impossability of criminalizing the natural. So your publications are as important as „Tihkal“ and „Pihkal“ from the Shulgins. What has changed since the publication of „Pharmacotheon“ for you?

Ott

It was 1993 when I published „Pharmacotheon“, a second edition and Spanish Translation was published in 1996. But over all nothing has changed, I just keep going into more details. For example the Ayahuasca Book started as a chapter in Pharmacotheon and Grew into an entire book. I always wanted to follow that up with the same kind of psychoactive modelling, with bioassays, of the South American snuffs. I just finished another book, Shamanic Snuffs or Entheogenic Ewhires, which I shall publish in Switzerland, in English, very shortly. The German edition will come later. There I have the psychonautic modelling of 5-MeO-DMT and Bufotenin. It has not much about DMT, more about the three active principles of the major snuff families: Bufotenin, 5-MeO-DMT and Nicotin. So instead of Pharmahuasca you have Pharmaepéna which is the snuffed 5-MeO-DMT and Pharmayopo which is the snuffed Bufotenin. This work is completely new because no one has paid attention to the snuffs at all. And when Homestead and Lindgren, the Swedish chemists, first proposed the idea of the „Ayahuasca-effect“ or this synergy between MAO-Inhibitors and Tryptamines, they were actually talking about the snuffs and only later was that extended to apply to Ayahuasca when DMT was subsequently found in Ayahuasca. I always wanted to go back to the snuffs, and the compounds snuffed in fact are far more active than orally. This was quite surprising. I did about sixty bioassays. I had to isolate the compounds first, because Bufotenin is a controlled substance…

HanfBlatt

… in the USA…

Ott

Yes, only in the USA, I think. But practically speaking, to get it is much simpler to isolate it, inasmuch as I have my own lab in Mexico. A lot has been written about bufotenin, mostly wrong, about its lack of psychoactivity or visionary activity, or whatever. But with Christian Rätsch and also with Manuel Torres, a colleague from Cuba who has studied the snuffs for more than twenty years now, we got more information. Torres asked us both to collaborate in his study, so Christian collaborated on the field work with the shaman in northern Argentina and I collaborated in doing the psychonautic modelling of the snuffs. First we studied the seeds and as reported in the literature, we found they have very high amounts of Bufotenin – up to 12,4mg) and almost no other tryptamines. Snuffing and smoking the seeds, we found that they were indeed very active. So I was very interested in isolating the bufotenin and then proceeding to a model of the snuffs. It turns out that bufotenin is indeed visionary and is about as active as 5-MeO-DMT when smoked (i.e. inhaled as freebase vapor). But its activity as a snuff is about the same as DMT, which is much less active than 5-MeO-DMT. And it is also orally active. So is 5-MeO-DMT orally active, without any MAO-Inhibitors, although a higher dose is needes. Lately I have been working on these problems. My recent work is a book I am writing together with Christian Rätsch, „Just say Blow. Coca and Cocaine, a scientific Blowjob“. It will be published next year in German by AT Verlag from Aarau, Switzerland, and in English by Entheobotanica from Solothurn, Switzerland.

HanfBlatt

Just one moment, please. Prost.

Ott

Prost.

HanfBlatt

The whole bufotenin issue throws a completely new light on the toad question.

Ott

Perhaps. I don’t think that there is enough bufotenin in any of these toads to have psychoactivity by itself. There actually are very low amounts of Bufotenin in the toads. They contain really high amounts of other toxic (that is, bioactive) compounds including phenylethylamines. Particulary there are cardioactive steroids that have a digitalis effect, very toxic. I don’t have enough experience with them excepting Bufo Alvarius, the only toad known to contain 5-MeO-DMT from 10 to 15 % 5-MeO-DMT in the „venom“, actually, a secretion of paratoid glands, which is very active smoked. But it is not just like 5-MeO-DMT when smoked, there are some other active compounds we still don´t really know about. Bufotenin is definitely active orally. There is evidence that the toads were added to „chicka“, tropical American wines, and portions, about which we don´t have any real theory. I don´t think it is bufotenin but something else that mithgt account for psychactivity.

HanfBlatt

Is it possible that it is absorbed through the skin, like the witches-Salbe.

Ott

Yes, it is possible, but I have not had experience with this. Nicotine of course is. Right now I am focussing on nicotine because that is a much larger issue. My snuff book has a major chapter on Epéna, generically various snuffs containing 5-MeO-DMT and other Tryptamines. Another chapter is on cebil and Nopo, which contains Bufotenin. The other major chapter is on Tobacco and nicotine-based snuffs. I have been long interested in Nicotine and normally I don´t use Tobacco; rather I take nicotine by itself, sometimes intranasally as a spray. So I am trying to solve some questions regarding Tobacco. In fact there is not enough nicotine in normal commercial cigarette to do much of anything. Nicotine by itself is like cocaine not an „addicting“ substance by any rational definition of the word. There is no withdrawal syndrom and absolutely nothing happens when you use a lot then anruptly stop. Commercial cigarettes have maybe one milligram of Nicotine each and one might absorb half of it over ten minutes. I normally take ten milligrams in a single dose, and that is raughly equivalent to a whole packet of cigarettes.

HanfBlatt

And your recent work?

Ott

I am writing some technical papers for the Journal of Psychoactive Drugs. The first already came out, called „Pharmahuasca“, they already have the ones called „Pharmaepéna“ and „Pharmanyopo“. Then there is another one called „Pharmanubil“ which is about the modelling of Tobacco-based snuffs. There are so many unknown plants that we can identify. As you can see from Christian Rätsch´s very excellent „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ there are literally hundreds, perhaps thousands of visionary plants and we only know some of the basic ones. I lived in Mesoamerica for thirteen years now and in my garden of plants there are six really well known Mesoamerican Entheogens that are completely unknown chemical or pharmacologicaly. I just haven´t had time to bioassay them and of course we have to do that to study them. You don´t need laboratory animals, you don´t need a research grant, you don´t need a big staff in the university, you just need to understands this kind of activity and you have to try the plants yourself. Anyway. These plants are all very well known historically and they are not in any danger of disappearing. Mostly they don´t have any current visionary use so it is not a time-critical thing. I am focussing on South America now, because there are a lot of areas, e.g. in Brasil where you have some surviving use which is very much in danger. Additionally there is no or little historical background documentation like we have in Mesoamerica. So I am about to move to South America, perhaps Columbia, to simplify study of those plants and their use.

HanfBlatt

The US-Government is pushing a lot of money into Columbia.

 

J_Ott Chillum or German Urbock Beer?

 

Ott

Yes, they call it the „Plan Columbia“. What happened is: The US-Government is now controlling the Cocaine Trade to Europe and the Old World via Bolivia. The USA pretty much has taken over Bolivia, not so much militarily but economically, by buying the politicans and so the country. The Cocaine Trade is running by the US-Embassy. They have their own air-force hangar in the major airport in Santa Cruz. US-Military transports comes in and out almost every day and they can load and unload as they please and nobody knows what they are carrying. Officially this is drug-aid but in fact they are the ones who are controlling the Cocaine Trade. The USA has been trying for a long time to put Columbia out of the Cocaine business. Starting in the presidency of Jimmy Carter they set up the first contacts in Bolivia. Later in 1979 there was a major coup called „The Cocaine Coup“ and the USA installed this guy named Luis Garcia Meza. Soon they were massively planting coca and building huge laboratories to refine cocaine. Before, this had all been done in Columbia. Before all the coca from Bolivia and Peru was taken to Columbia to refine, and the Columbians controlled the access to the US-market – the USA consume some 70 % of the world Cocaine output. Of course the US-military is involved in trafficking, especially during the Reagan administration. That was the major financing for the illegal war against the Sandinistas in Nicaragua. Basically it has been a long process of putting Columbia out of business. Now the Columbian government is in bad shape because the rebels control half of the country and they control the coca-zone. So the government finally was forced to accept US-Military help, supposedly to fight the drug-war but in fact to take control of the drug production in Columbia. If the USA succees they will control the entire cocaine-industry out of Columbia and Bolivia. And in Peru the US-Government has major influence already. That’s the main reason why I haven´t lived in the USA for thirteen years. In this country, everything is justified by Puritanism, and this fake war on drugs is only an excuse for putting people they don´t like into jail.

HanfBlatt

The „War on Drugs“ is still running. Is there a chance to get rid of it?

Ott

There is definitely a chance to get rid of it because it is on it´s on its last legs. It is still going really strong but the forces against it are growing. This war is against history, against ecology, against ethics, common sense and reality. I see it in more or less historical terms. Ten years maximum. The US-Drug Policy is increasingly unpopular everywhere. I think the situation will end up like it is in Holland or Spain. In Spain there is prohibition but you can possess three marihuana plants, up to fifty grams hashish, up to ten grams heroin or cocaine, and a hundred LSD-trips. That is considered to be personal-use posession. At most there is a fine, but it is not a criminal offence you can be arrested for. I am not in favour of legalization or any kind of deal with the government because that just means more taxes. I you legalize cannabis the big tobacco companys will control the market. And in archaic times tobacco was a very potent visionary drug and then it was turned into a vice – just enough to hurt people but not get them high. What I am in favour of is to decriminalizing the drug market. I am trying more and more to expose the extent of official involvement in drug-trafficking. There have been scandals throughout Europe and many other countries when the drug-war people exposed as beeing involved in trafficking and corruption. More people are realizing that their own governments are doing this. For the governments it is a great opportunity to get a lot of money and put people they don´t like into prison. My hope is not a new control system for substances controlled by any government. Now we have a really good offering – the prices are going down the purity is going up. Prohibition gives our people a cahnce to make a good living in the drug business, otherwise they´d have to compete with tobacco and alcohol companies. I would like a kind of a truce were there is no possibility of putting anyone in prison for this kind of business. And then just say: „O.k. you guys, the CIA, the DEA and the US-military, you can traffic with drugs but we wish to compete with you, and then see who will win“. I think this will not evolve by any kind of public agreement but just by attrition. Sooner or later there won´t be a political will to put more people into prison. They call the USA „The Land of the Free“ but the country has 25 % of all the prisoners in the entire world, it has the highest prison rate per population, except for China. They are now over 2 million prisoners in the USA, most of them for drug offences, nearly one in every hundred people. It is very expensive, it costs more than to send people to a private university. There is hardly any family in the country that doesn´t know someone in prison, sometimes a family member or a close friend. These people understand all the lies about the war on drugs. It is not about justice or sending dangerous people to jail. The opposite is true, because meanwhile dangerous people are being released to make room in the prisons. The more people they put into jail the more people will know that this system is not about justice.

HanfBlatt

So the system will liquidize itself?

Ott

It always does. Everyone thought that the Soviet Union would last longer than it did. These things are like a Hollywood set, really strong ont thes outside but behind it is all flimsy scaffolding, rotting away. HanfBlatt Potemkinsche Dörfer. Ott Richtig. The Nazis fell down quickly and the same will happen with the US-government. In less than fifty years the Presidents and Prime Ministers of the world will be like the royals are now. They cut ribbons to open highways and factories and on independence day they come out to give a speech. But they don´t have real power because the real power is in the hands of the multinational cooperations. Gore, Schröder and so on will be seen as puppets that are representing these interests. The big companies are at least much better than national governments because they have a more global vision, operating as they do in many countries. They prefer to avoid problems with any countries. They are also more democratic; it is easier to bring down the director of a company than to change the leader of a country. All it takes is buying up stocks and voting him out. Soon these will be recognized as the real leaders of the world. A lot of people don´t like this idea, especially the socialists, but I think it is better if the power is frankly seen in this way. The weapons-industry will dry up and blow away because what feeds this industry is nationalism. In fact, this is the motor of the whole world economy, guns for drugs. When there are no national politicans up there who is going to make the guns?

Christian Rätsch and Jonathan Ott.
Christian Rätsch and Jonathan Ott.

HanfBlatt

Let´s make a jump. What kind of role does cannabis play for you?

Ott

It is not a thing I use day to day in my work, more a social indulgence. It is clearly the most widely used illegal drug in the world, by a factor of ten, even compared to Cocaine which is perhaps second on the list. Only in the USA the government counts 25 million users, perhaps there are twice as many. In Europe there are even more users. It is also a really important wedge-issue in the political transition which is going on because of the medical marijuana movement. Even the US-government has been forced to reschedule THC as Schedule II, it was on Schedule I were the marijuana-plant still is. And I think they will be forced to reschedule cannabis as well because to many people testify that pure THC (Marinol) doesn´t work as well as smoking dope. Smoking Marijuana does help them and it is cheaper. Eleven states have legalized it for medical use and they set up a sort of prescription system. But some politicians fight this to the very end. They resist to changing the laws on Marijuana because if they do the DEA loses its mission. 75 % of the US drug-arrests are for Cannabis. Also industrial hemp is another Force for changing the laws. In countries like Canada and Finnland Hemp was an important crop and it is starting to come back. These are major bridging issues that go beyond this whole „Hippie versus Alki“ or whatever crap dogging Marijuana. It goes beyond that and the people can see it in other terms like „agricultural“ and „ecological“. It is not an issue on what you prefer for getting high, it is a political issue. But of course Hemp is Cannabis. You see this really clearly in Mexico where I live. In Mexico they don´t care about cocaine, the whole country runs on cocaine. It is the drug of the political class, the right wing classes, the stock markets, in companies, in the White House, as it is in the drug scene. But Marijuana is treated as this really heavy thing because it is identify with the left wing intellectuals, students, university people and counter-culture and so it is a very much political issue which they don´t have with Cocaine, which is the very life-blood of politicans in Mexico, as in many countries.

HanfBlatt

 

Have you got an insight on the Marijuana issue in Spanish-speaking countries? Ott Spain has a very high cannabis-user rate and the Hashish has traditionally come from Marocco. It is really lousy Hashish, usually not even 2 % THC. Canamo, the Spanish HanfBlatt if you will, has done chemical analyses of Maroccan Hashish and it is really bad, it is like abd wild marijuana. But more and more people grow their own Cannabis. You can see this right now in the cities on balconies. And soon the situation will be better, but not for the corrupt regime in Marocco and the corrupt Customs system in Spain.

HanfBlatt

Let me interrupt you. What is the recent knowledge about what is responsible for the psychoactivity of cannabis?

Ott

O.k., see, that is not my speciality, I have a lot of literature about it but it is a big subject by itself. What needs to be done with that is that someone must do a psychonautic study on Cannabis, meaning you have to isolate all the potential active compounds, and there are many. It seems pretty clear that you have two classes of psychoactive compounds. You have the Cannabidiol-type of compounds which have a more sedative, physical effect, and thenyou have the THC-Isomeres, especially the Delta-1 (or Delta-9) which is very much stimulant and visionary. And there is at least one other active Isomere of THC, the Delta-8. But when you look in the scientific literature for the human active dose of Delta-1-THC you will find „Well, three to thirty milligram“. That is not good enough. That’s pretty imprecise. Another point is the application – orally, smoked, snuffed or injected? It depends on route, of course. One time at a seminar in Palenque, Mexico, a guy having cancer gave me a bunch of perles of Marinol. He gave me a 45 milligram dose. I took it all and I waited. After a while I even forgot that I had taken anything, it didn´t do anything at all! I feel that smoked, even a tenth of that would be a strong dose. I would suggest to someone who is doing the research on Cannabis: take a known sample grown from a Sensi-Seeds strain or whatever, grow it out and then do a chemical profile of it. Isolate all the different Isomers of the Cannabinoids and test something like ten different compounds in the proportions in which they are found, single and in combination. I suspect that there are more active compounds but the short answer to your question is we really don´t know and the knowledge we have is very imprecise. But we have a chance to know more about it now, that these Anandamide-type compound have been isolated and the so called Cannabinoid-Receptor has been found in the brain. All we need is human pharmacology and the only way to do that is in the basement labs of the counterculture. At least in the USA it is not possible to do this in a open research. In a land where they spend billions of Dollars yearly over 30 years, and still say that three to thirty milligrams is the active dose, while producing a medicine that doesn´t work, just to get around people smoking marijuana. Unfortunately we don’t know enough but it is easy to find out.

HanfBlatt

What are your preferred strategies of risk management when using entheogens and how is it possible to differ between just consuming and having something like a ritual act.

Ott

Well, basically, know what you are taking is the first thing. And second you have to control the situation where you are taking it. I am not a real friend of taking visionary drugs in the city or going to a disco or a rock concert, unless it is a very low dose with something you already know and know how to dose. But it also depends on the experience of the person. Paramount for me it is controlling the setting – it is best in a comfortable and safe environment where you are not going to be exposed to some unknown constingency, or people you don´t know and you suddenly have to deal with. It is good at home or a rural place. Of course the important thing is to know the substance and the dose and of course the black market doesn´t favour that at all. So it is easy to say for me because I generally know all the substances I take and normally I don´t take any pills from the black market although I have done that in my past quite a bit. These substances are not for everybody, some people are not good candidates for something like LSD or Mushrooms or Ayahuasca. People that tend to be really nervous, high strong and very relaxed usually are not good candidates. These substances are not for everybody. They can be wonderful and life changing for many people but they can also just hurt some people.

HanfBlatt

And the difference between consuming and the ritual act?

Ott

I have my own way of seeing that. A lot of people think that they need contact with shamans from the Amazon or Mesoamerica or wherever. I don´t think this is a good thing. It is not good for the shamans because in a lot of cases they don´t want this contact and you get phony people that become tourist-promotors. I try to foster a reason for shamanism to exist in the world today and I don´t think tourism gives that. It favors more a Hollywood movie type of shamanism. Additionally it is not a stable source of income because suddenly the fans will say „Oh, it is not the Amazon, there is something new elsewhere“. The mushrooms were big once, Ayahuasca is now and maybe it will be Iboga next. So that will hurt the people who depended on this, when suddenly this business goes elsewhere. A ritual does not have to be something from another culture or something archaic. What people need to do is to develop rituals that have meaning for them in their own lives. I am more in favour of that. It is just a question of seriousness and respect for the archaic nature and sacred nature. If you have that proper respect and a little bit of knowledge about it, well that will change your attitude towards it and that will breath more of a ritualistic attitude toward taking it. To me it makes much more sense for people in Hamburg to say: „Well, we take it in a circle“ and so on, instead of looking at the Amazon and imitating that. It makes more sense to draw on German traditions, old shamanism and paganism from the area where one lives, in one´s own language and own context. Even if the substance is imported from somewhere else. To answer your question: It is a question of attitude and seriousness. If someone really respects it and takes it seriously that is a ritual act by itself, and that is more important than drums and feathers and belts. And it is enough ritual context. Not that there is anything wrong with taking this things just for fun, there is nothing modern or new about that, shamans do the same thing and always have.

HanfBlatt

But don´t wonder if you see the light.

Ott

In Mesoamerica we have very good historical documentation on the use of mushrooms, which describes using them for healing ceremonies, for state ceremonies, but also for celebrating a successful business, just like someone who drinks cocktails or snorts cocaine or smokes a joint. And also for big party-type settings the mushromms were used.

Christian Rätsch (comes in)

It is a party type setting now!

Ott

Yes?

Rätsch

Yes, there is a nice little crowd of people waiting for you. Oh, what is that?

 

Ott

A bottle of Mariacron.

Rätsch

Ahh, that´s the worst type of Schnaps you can get.

HanfBlatt

I told you that it is one of the most evil drugs on earth.

Ott

Only good for washing your hair? Thank you.

HanfBlatt

Thank you.

 

Claudia Müller-Ebeling, Jonathan Ott, Christian Raetsch
Claudia Müller-Ebeling, Jonathan Ott, Christian Raetsch
Kategorien
Mixed

Lahn-Wahn

HanfBlatt Nr. 71, Mai/Juni 2001

Netzwerkpartys sind nichts für Schwächlinge

Der Laden stinkt nach kaltem Rauch und Männerschweiß, das Publikum besticht durch seinen aschfahlen Teint und der Elektro-Smog-Pegel dürfte sensible Charaktere zum Kotzen anregen und. „Hier sind wir richtig“, ist denn auch der Kommentar eines Weggefährten. Gestalten hocken vor ihren Monitoren und ballern bis die virtuellen Rohre glühen, wir dringen selbstbewusst zu fünf allein stehenden Rechnern vor. Der braungebrannte Besitzer und sein bleicher Helfer haben bereits die Software unserer Träume installiert, jetzt heißt es nur noch die Lenkräder anschließen und los geht die wilde Fahrt. Wir wollen eines der letzten Abenteuer erleben, welches die Welt noch bereit hält – eine bekiffte Formel 1 Netzwerkparty.


Es wäre interessant zu hören, was der Chefredakteur einer dieser hochglänzenden Lebensart-Einrichtungs-Ich-kaufe-Alles-Zeitschriften zu dem Ambiente in diesem Tempel sagen würde. Eine kümmerliche Yucca-Palme sollte ursprünglich Leben antäuschen, hat sich aber mittlerweile dem Elektro-Smog ergeben, ansonsten herrscht Funktionalität in dem Laden: Neon-Röhren, gekachelten Boden, weiße Wände. Es erinnert an die 2001-Version des Aufenthaltsraums von „Einer flog übers Kuckucksnest“, der Vorhof zur digitalen Spielhölle, oder eben des Himmels.

Ennos Sporttasche hat seit Jahren keine Trainingsklamotten mehr gesehen, dafür hat es sein rotes Steuerinstrument warm und kuschelig. Man staunt nicht schlecht, als nicht nur er, sondern wir alle aus unseren Taschen und Tüten feinste Force-Feedback-Lenkräder zaubern. Merke (1): Gut konfiguriertes Equipment ist Voraussetzung für zügigen Spaß. Computer, Monitor und Zubehör müssen rund laufen, sonst wird aus der LAN schnell eine Lahm-Party.

„So was hatten wir hier noch nie“, erzählt der freundliche Fraggle uns. Er wird für den Rest des Abends und der Nacht um unsere Rechner herumschleichen – nicht weil er kontrollieren, sondern mit spielen will. „Ich bin selber Fan von Grand Prix 3 und gestern Nacht hier bis 2 Uhr gefahren.“ Viele Rennen hätte er dabei gewonnen, erzählt er. Wir lassen das unkommentiert, zum einen, weil wir ahnen, dass wir um 2 erst richtig heiß, zum anderen, weil wir mit der Installation der Software für die Lenkräder beschäftigt sind. Plug&Play ist eine der hartnäckigsten Lügen des Intel-Microsoft-Kartells. Der Aufbau eines lokalen Rechner-Netzwerks (LAN) über TCP/IP ist selbst unter Windows 98 eine Aufgabe für Tüftler, die Tastaturbelegung von Force-Feedback-Lenkrädern führt manche Menschen zu Nervenzusammenbrüchen. Merke (2): Eine LAN- ist immer auch eine Installations-Party.

Startaufstellung

So langsam kommt der Wahnsinn in die Gänge: Charasi fährt die ersten Proberunden in Melbourne und fordert uns auf, endlich das Rennen zu starten. Alle hacken an ihren Rechner rum, die Stimmung ist nervös wie in der Boxengasse. Ennos Steuereinheit ist mittlerweile konfiguriert, aber jetzt ruckelt bei Rudolf plötzlich die Grafik. Der gebräunte Besitzer des Techno-Schuppens beäugt unsere Aktivitäten, die mittlerweile in den Eingeweiden des Betriebssystems wühlen, mit Sorge. „Vielleicht muss am BIOS was geändert werden“, tippt Enno ins Blaue. Die Schweißperlen auf der krausen Stirn des Inhabers zeigen deutlich, was er von diesem Vorschlag hält. Der Mann hat Glück, schließlich reicht es aus im Spiel selbst die Grafikfunktionen anzupassen. Damit ist das Werk vollbracht: Auf der virtuellen Start-Ziel-Geraden des Formel 1 Kurses in Melbourne stehen 18 Wagen, fünf davon gehören uns. Die Ampeln stehen auf Rot, die Motoren brüllen so laut durch den Laden, dass sogar die Jungs an den Nebenrechnern kurz von ihrem Ausflug in die Schmuddelecken des WWW zurückgeholt werden.

 

 

Aber halt! § 23 der FIA-Reglements schreibt die Inhalation von Cannabinoid-haltigen Abgasen vor dem Einstieg ins Cockpit vor! In der Hosentasche von Rudolfs feuerfesten Rennoverall findet sich das vorgeschriebene Balsam für unsere gespannten Nerven. „Aber nicht hier drinnen, das geht gar nicht, macht das Bitte vor der Tür“, sagt der bleiche Mann, als er unsere Medikamentenwahl entdeckt. Also verlassen wir im Gänsemarsch den Laden. Draußen herrscht Glatteis, denkbar schlechte Bedingungen für ein schnelles Rennen. Egal, wir füllen unseren Tank randvoll mit bestem Treibstoff. Das muss erst einmal für rund 18 der 62 Runden halten, darum Merke (3): Verrate der Konkurrenz nie deine Boxenstrategie.

In leichten Schlangenlinien eiern wir ins Cockpit zurück. Der Start ist eine äußerst brisante Situation, hier heißt es kühlen Kopf bewahren. Enno und Rudolf beschleunigen zwar etwas langsam vor mir, ich reihe mich aber brav in die Schlange vor der ersten Kurve ein. Neben mir rast Charasi in die Rabatten, „Neeiiiinnn !!!“ – sein Fluch hallt durch den kahlen Raum wieder und verliert sich in dem Ohr der manischen Half-Life-Spieler, die unsere Eskapaden mit stoischer Ruhe begegnen. Der Hanf wühlt mich auf, ich fühle die 790 PS meines Williams-BMW FW22, der heiße Vogel läuft in jeder engen Kurve Gefahr, mir unter´m Arsch wegzurutschen. Spät bremsen, früh raus beschleunigen, ich bin gut drauf, aber die Mistzecke von Rudolf fährt wie auf Schienen vor mir. Auf der Gerade geht meine Kiste auf 320 km/h hoch, mein Puls folgt, die Kardanwelle steht kurz vor der Verabschiedung ins Datennirwana. Beim Überfahren der Randsteine rüttelt das Lenkrad meinen gesamten Körper, „May the Force be with you“, raunt Bernie Ecclestone mir zu. Im Rückspiegel nähert sich mit mächtig Überschussgeschwindigkeit schon wieder Charasi. Er hat seine Flügel auf minimalen Anpressdruck gestellt, das gibt ihm auf der Geraden viel Speed, in den Kurven viel Ärger. Mit einer wahnwitzigen Aktion rauscht er rechts an mir vorbei, damit die Reifen nicht blockieren, trampelt er irrsinnig auf dem Bremspedal rum. Irgendwie bleibt er auf der Strecke, wird aber zu weit rausgetragen, so dass ich ihn kurz vor der nächsten Kurve wieder überholen kann. Das Rennen verläuft hochtourig, erst nach einiger Zeit bemerke ich einige Zuschauer hinter uns, die kopfschüttelnd, aber doch staunend dem Rennverlauf folgen.

Boxenstopp

§ 24 des FIA-Reglements besagt, dass während eines Rennens der THC-Pegel im Blut des Piloten einen Wert von 4 Milligramm nicht unterschreiten darf. Also ran an die Boxen und nach den inneren Ludern Ausschau halten. Wieder raus aus dem Schuppen, die Luft ist frisch, aber definitiv zu kalt, also verpieseln wir uns ins Auto um die Ecke. Mittlerweile brauchen wir den Gestank von Benzin und Öl immer um uns. Die Atmosphäre im Fahrerlager ist rotz harter Konkurrenz auf der Strecke stimmig – der Joint vereinigt die erhitzten Gemüter. Ein kurzer Blick ins Regelbuch führt uns wieder einmal die harten Bedingungen des professionellen Rennsports vor Augen. § 34 besagt eindeutig, dass Dosenbier zwar während der Fahrt nicht aus dem Cockpit geworfen werden darf, in der Boxengasse aber zur Betankung herangezogen werden muss. Wir fügen uns widerwillig.

Rennstrecke
Wieder im Boliden wird die Stimmung hitzig. „Was bremst du denn da?“, pöbelt Charasi Rudolf an. „Ich bremse wo ich will, du Lappen.“ Beide amüsieren sich mit durchdrehenden Rädern im Kiesbett, während ich an ihnen vorbei ziehe – so macht Rennsport Laune. Mittlerweile hat der Laden-Fraggle eingesehen, dass wir eine andere Klasse sind als er. „Ach, ihr Fahrt ohne Bremshilfen?!“, ist sein leicht frustrierter Kommentar. In unserem Zustand brauchen wir keine Hilfe von niemanden mehr, mit roten Augen kriechen wir in den Monitor, leben den Cyborg, werden zur perfekten Man-Machine-Interface. Die rückhaltlose Beachtung des harten Regelwerk der FIA hat unsere Geist-Körper-Einheiten auf Hochleistungsmodus getunt, wir sind hart am Limit und fahren oft darüber hinaus. Merke (4): Auch in virtuellen Simulationen ist immer auf das besondere Regelwerk der FIA zu achten. Ob die Fahrtüchtigkeit dadurch erhöht oder verringert wird, ist noch nicht abschließend geklärt.

Turbo-Lader

Champagner rieselt auf mich und meinen Teamchef, da reißt mich plötzlich der Blue-Screen of Death aus meinen Siegerträumen. Eine der Transistor-Kisten ist offen sichtlich von unseren Fahrleistungen überfordert, das Rennen ist hinüber und wir fallen aus den Wolken in den Neustart. Sei´s wie es ist, denke ich, und schlage fürs Hochfahren der PCs einen erneuten Gang ins kalte Fahrerlager vor. Mittlerweile wird dem Hilfs-Chef unser Treiben zu bunt, er bittet uns, nicht unbedingt vor der Tür dem FIA-Regelwerk nachzukommen. „Kein Problem, Meister.“ Um ihn und unsere Synapsen bei Laune zu halten, erleichtern wir ihn um den gesamten Vorrat an Snickers und Mars und setzen auch dem Cola-Automaten schwer zu. Die freundlichen Türken am Nachbartisch haben sich inzwischen lange genug durch die dunklen Gängen der Quake III Arena gejagt, sie verlassen den Laden. Wir aber sind noch lange nicht am Ende.

 

LAN WAHN

Bei einem nem Mega-Event in Duisburg trafen sich 1999 über 1600 PC-Spieler um über ein LAN (Local Area Network) miteinander zu spielen. Das war die größte bis heute stattfindende LAN-Party – teilweise brach hier das Stromnetz der Fabrikhalle zusammen. Im Normalfall trifft man sich aber in kleinem Kreis und schließt mindestens zwei Rechner über ihre Netzwerkkarten zusammen. Die Hardware-Voraussetzungen sind hoch: Mindestens ein 500 Mhz Prozessor und eine schnittige Grafikkarte sollten es schon sein, um zügig im Netz fahren oder ballern zu können. Die First-Person-Shooter Unreal Tournament, Quake III Arena, Half-Life oder dem indizierten Counterstrike bieten die besten Voraussetzungen für Gruppen-Spielspaß, wer das Wochenende nicht nur in Blut baden möchte, wird von der Formel 1 Simulation Grand Prix 3 bestens bedient. In vielen Städten existieren mittlerweile Läden, in denen man Rechner stundenweise mieten und dort im Netzwerk spielen kann. Aktuelle Termine von LAN-Partys gibt’s unter www.lanparty.de.