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Interview mit Jonathan Ott

HanfBlatt, 2000

„Unglücklicherweise wissen wir nicht genug über Cannabis, dabei wäre es einfach heraus zu finden.“

Interview mit Jonathan Ott, Autor von „Pharmacotheon“, einem Standardwerk über psychoaktive, visionäre Pflanzen und deren Anwendungen, über den Kokain-Handel, die Wirkung von Marihuana, den Schamanismus und den Gebrauch von psychoaktiven Drogen.

In Zusammenarbeit mit Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, entwarf Ott das Wort „Entheogene“, das Substanzen beschreibt, welche „Spirit“ oder den persönlichen Gott in uns wecken. Wir besuchen Jonathan Ott an einem milden Spätsommerabend in der Wohnung des Ethnopharmakologen Christian Rätsch und der Kulturwissenschaftlerin Claudia Müller-Ebeling. Das Forscherpaar hat einen kleinen Empfang für Ott organisiert – das gibt uns Zeit ein Interview mit dem Ottilie zu führen.
HanfBlatt
Ich möchte mit einer witzigen Einleitung beginnen. Ein Geschenk von mir, welches du wahrscheinlich noch nicht kennst. Manche Zeitgenossen sagen es wäre die schrecklichste Droge auf Erden… was sagst du? Es ist eine Flasche Mariacron, die „Droge der Tanten“.

Ott
Ahh, Weinbrand, genial. Sind da Cannabinole drin?

HanfBlatt
Nein, es ist nur das Kaffee-Kränzchen Getränk unserer Tanten. Wir nennen es „Sprit“, aber es hat keinen Spirit.

J. Ott (i.d.M.), mit C. Müller Ebeling (l.) und C. Rätsch (r.)
J. Ott (i.d.M.), mit C. Müller Ebeling (l.) und C. Rätsch (r.)

Ott
Nun, es hat ein schönes Etikett. Und es scheint vollmundig zu sein. Danke.

HanfBlatt
Mit Pharmacotheon hast du einen Meilenstein der wissenschaftlichen Literatur über psychoaktive Pflanzen und deren Inhaltsstoffe verfasst. Das Buch ist äußerst präzise und gibt einen klaren Blick darauf, was wir über diese Pflanzen tatsächlich wissen. In „Ayahuasca Analoge“ gibst du allerhand nützliche Informationen über eine Anzahl von Ingredienzien, welche zu einem hoch potenten oral aktiven Trunk verarbeitet werden können. Nebenbei führst du die Absurdität und Unmöglichkeit der Kriminalisierung des Natürlichen vor. So sind deine Publikationen so wichtig wie „Thikal“ und „Phikal“ von den Shulgins. Was hat sich seit der Veröffentlichung von „Pharmacotheon“ für dich verändert?

Ott
„Pharmacotheon“ wurde 1993 veröffentlicht, eine zweite Ausgabe und eine spanische Übersetzung 1996. Aber insgesamt hat sich nichts geändert, ich gehe nur immer weiter in die Einzelheiten. Als Beispiel: Das Ayahusca-Buch war zunächst ein Kapitel in „Pharmacotheon“ und wuchs später zu einem vollständigen Buch. Ich wollte dann die gleichen Methoden -Bio-Proben und Analysen- auf die südamerikanischen Schnupfdrogen anwenden. Just habe ich eine weiteres Buch fertig geschrieben, „Schamanische Schnupfdrogen“, welches in Kürze in der Schweiz erscheinen wird. Die deutsche Ausgabe folgt später. Dort habe ich die psychonautische Anwendung von 5-MeO-DMT und Bufotenin beschrieben. Das Buch handelt weniger von DMT, mehr von den drei Hauptbestandteilen der großen Schnupffamilie: Bufotenin, 5-MeO-DMT und Nikotin. Statt Pharmahuasca hat man also Pharmaepena, welches das geschnupfte 5-MeO-DMT ist und Pharmayopo, welches das geschnupfte Bufotenin ist. Diese Arbeit ist komplett neu, weil bislang kein Forscher seine Aufmerksamkeit auf die Schnupfdrogen gerichtet hat. Als Homestead und Lindgren, die schwedischen Chemiker, zum ersten Mal die Idee des „Ayahuasca-Effekts“ beschrieben, den Zusammenhang zwischen MAO-Hemmern und Tryptaminen, sprachen sich eigentlich von den Schnupfdrogen und erst später wurde dies auf Ayahuasca übertragen – nämlich dann als DMT in nachträglich in Ayahuasca gefunden wurde. Ich wollte schon immer zurück zu den Schnupfdrogen kommen. Geschnupft sind die Inhaltsstoffe tatsächlich sehr viel potenter als oral eingenommen. Dies war schon eine Überraschung. Ich analysierte und probierte über sechzig Kombinationen. Dazu musste ich zunächst die Ingredienzien isolieren, weil Bufotenin eine illegale Droge ist…

HanfBlatt
… in den USA…

Ott
Ja, nur in den USA, glaube ich. Aber aus praktischen Gesichtspunkten ist es einfacher es zu isolieren, nicht zuletzt weil ich mein eigenes Labor in Mexiko habe. Es wurde viel über Bufotenin geschrieben, meistens Unsinn, über den Mangel an Psychoaktivität, visionäre Kraft und so weiter. Aber durch die Zusammenarbeit mit Christian Rätsch und mit Manuel Torres, einem Kollege aus Cuba, welcher die Schnupfdrogen seit mehr als zwanzig Jahren studiert, werden wir mehr Informationen erhalten. Torres trug den Wunsch der Kooperation an uns heran – Christian übernahm die Feldforschung und arbeitete mit den Schamanen in Nord-Argentinien zusammen und ich analysierte die Schnupfdrogen. Zunächst studierten wir die Samen und -wie in der Literatur beschrieben- fanden wir hohe Mengen an Bufotenin – bis zu 12,4mg- und fast keine anderen Tryptamine. Wir fanden zudem heraus, dass die Samen geschnupft wie geraucht sehr aktiv waren. Daraufhin war ich natürlich daran interessiert das Bufotenin zu isolieren.
Wie sich herausstellte ist Bufotenin tatsächlich visionär und zudem ebenso psychoaktiv wie 5-MeO-DMT, wenn es geraucht beziehungsweise als freebase konsumiert wird. Aber seine Psychoaktivität als Schnupfdroge ist ähnlich wie DMT, welches erheblich weniger psychoaktiv ist. 5-MeO-DMT ist also oral aktive, auch ohne MAO-Hemmer, obwohl eine höhere Dosis nötig ist. Momentan schreibe ich zusammen mit Christian Rätsch an einem Buch mit dem Titel: „Just say Blow. Coca and Cocaine, a scientific Blowjob“. Dieses wird nächstes Jahr auf deutsch im AT-Verlag erscheinen.

 

HanfBlatt
Bevor wir fortfahren: Prost.

Ott
Prost.

HanfBlatt
Die Thema Bufotenin wirft einen komplett neues Licht auf die Frage der Kröten.

Ott
Vielleicht. Ich denke nicht, dass in irgendeiner dieser Kröten genug Bufotenin ist, um psychoaktive Effekte zu erzielen. Tatsächlich finden sich nur kleine Mengen von Bufotenin in den Kröten, sie beinhalten dafür sehr hohe Mengen anderer giftiger Substanzen, unter anderem Phenylethylamine. Zum Teil haben wir es auch mit sehr gefährlichen Stereoiden zu tun. Ich habe zu wenig Erfahrung mit ihnen, sieht man einmal von der „Bufo Alvarius“ Kröte ab. Dies ist die einzige Kröte von der man weiß, dass sie 5-MeO-DMT enthält. Zwischen 10 und 15 Prozent im „Gift“, dem Drüsen-Sekret dieser Kröte. Dieses ist geraucht äußerst potent. Der Effekt ist aber nicht nur wie bei 5-MeO-DMT, es müssen noch andere Substanzen eine Rolle spielen, die man bisher noch nicht gefunden hat. Bufotenin ist definitiv oral aktiv: Es gibt Beweise, dass die Kröten dem „Chicka“ zugeführt wurden, einem tropischen amerikanischen Wein, in Anteilen über die wir noch keine Theorie haben. Ich denke nicht das es das Bufotenin ist, es muss etwas anderes sein, was für die Psychoaktivität zuständig ist.

HanfBlatt
Vielleicht wird es auch durch die Haut absorbiert, wie bei den Hexensalben?

Ott
Ja, das ist möglich, aber dafür liegen mir keine Beweise vor. Bei Nikotin stimmt dies. Momentan fokussiere ich mich auf Nikotin, weil es eine wichtiges Thema ist. Mein Schnupfdrogenbuch hat ein Kapitel über Epena, diverse Schnupfdrogen, welche 5-MeO-DMT und andere Tryptamine enthalten. Ein anderes Kapitel handelt von Sebil und Nopo, welches Bufotenin enthält. Ein weiteres Kapitel behandelt Tabak und nikotin-basierte Schnupfdrogen. Schon seit längerer Zeit erforsche ich Nikotin, obwohl ich normalerweise keinen Tabak konsumiere. Lieber nehme ich eigentlich pures Nikotin, beispielsweise als nasales Spray. Tatsache ist, dass in normalen kommerziellen Zigaretten nicht genügend Nikotin ist, um irgendeinen Effekt zu erzielen. Nikotin an sich ist wie Kokain keine Substanz die Sucht erzeugt – legt man eine rationale Definition an. Es gibt keine Entzugserscheinungen und es passiert gar nichts, wenn man viel davon über einen längeren Zeitraum konsumiert und dann plötzlich aufhört. Kommerzielle Zigaretten beinhalten vielleicht ein Milligramm Nikotin pro Stück und man absorbiert rund die Hälfte davon in einem Zeitraum von zehn Minuten. Ich nehme normalerweise zehn Milligramm als einzelne Dosis und das entspricht der Mengen einer ganzen Packung Zigaretten.

HanfBlatt
Und deine momentane Arbeit?

Ott
Ich schreibe an eher praktischen Beiträgen für das Journal of Psychoactive Drugs. Der erste ist bereits unter dem Titel „Pharmahuasca“ erschienen, demnächst erscheinen „Pharmaepena“ und „Pharmayopo“. Just schreibe ich an einem Artikel mit dem Namen „Pharmanubil“, der sich mit den tabakhaltigen Schnupfdrogen beschäftigt. Es gibt noch so viele unbekannte Pflanzen die wir identifizieren müssen. Wie man in der exzellenten „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ von Christian Rätsch gut sehen kann, existieren buchstäblich hunderte, vielleicht tausende von visionären Pflanzen und wir kennen erst die Wichtigsten. Seit dreizehn Jahren lebe ich in Mittelamerika und in meinem Garten wachsen sechs sehr bekannten mittelamerikanische Entheogene, die chemisch wie pharmakologisch noch komplett unerforscht sind. Ich hatte bisher nur keine Zeit sie zu prüfen oder auszuprobieren und genau das muss man tun, wenn man sie studieren will. Man braucht keine Labortiere, man braucht keine großartige Forschungsfinanzierung, man braucht keine Unmengen von Universitätspersonal, man muss nur die Aktivität der Pflanzen verstehen und man muss sie halt kosten. Aber sei´s drum.
Diese Pflanzen sind auch in ihrem historischen Kontext wohl bekannt und es besteht keine Gefahr, dass sie in nächster Zeit verschwinden werden. Die meisten werden momentan kaum genutzt und somit ist es kein Problem, welches auf eine schnelle Lösung drängt. Ich fokussiere mich nun auf Südamerika, nicht zuletzt weil es dort -beispielsweise in Brasilien- eine alte, aber akut vom Aussterben bedrohte Gebrauchskultur gibt. Zudem existiert kein oder nur wenig historisches Hintergrundwissen wie in Mittelamerika. Aus diesem Grund werde ich demnächst nach Südamerika ziehen, vielleicht Kolumbien, um das Studium dieser Pflanzen und ihres Gebrauchs zu vereinfachen.

 

Chocolate-Addict
Confessions of a chocolate addict. J. Ott mit seinem Schokoladenkuchen.

HanfBlatt
Die US-Regierung lässt eine Menge Geld nach Kolumbien fließen.

Ott
Ja, sie nennen das den „Plan Columbia“ und der sieht folgendes vor: Die US-Regierung kontrolliert momentan den Kokain-Handel nach Europa und die Alte Welt über Bolivien. Die USA haben großen Einfluss in Bolivien und das Land so gut wie übernommen – weniger militärisch, als vielmehr ökonomisch, indem sie die Politiker und viel Land gekauft haben. Der Kokain-Handel läuft dabei über die US-Botschaft. Sie haben ihren eigenen Air-Force Hangar im Hauptflughafen in Santa Cruz. U.S.-Militär-Transporte fliegen hier fast täglich ein und aus und niemand weiß was dort verladen wird. Offiziell sind es Arzneimittel für die Bevölkerung, de facto sind sie es aber, die damit den Kokain-Handel kontrollieren. Die USA versuchen seit längerem Kolumbien aus dem Kokain-Handel auszuschließen. Schon in der Präsidentsschaftszeit von Jimmy Carter wurden darum Kontakte nach Bolivien geknüpft. Später, im Jahre 1979, wurde ein Staatsstreich protegiert und die USA setzten diesen Typ namens Luis Garcia Meza, der als Staatspräsident das Land regierte. Kurz nach seiner Amtseinsetzung wurde in Bolivien massiv Koka gepflanzt und in riesigen Laboratorien zu Kokain weiter verarbeitet. All das Koka wurde bis dahin von Bolivien und Peru nach Kolumbien transportiert, dort raffiniert und die Kolumbianer kontrollierten den Zugang zum US-Markt. Man muss wissen, dass in den USA 70 Prozent des weltweit hergestellten Kokains konsumiert wird. Und natürlich ist das US-Militär in den Transport involviert, speziell während der Reagan-Zeit. Das war doch die Geldquelle für den illegalen Krieg gegen die Sandinistas in Nicaragua. Im Grunde ging es immer darum Kolumbien aus dem Geschäft zu treiben. Heute ist die kolumbische Regierung in schlechter Verfassung: die Rebellen kontrollieren die Hälfte des Landes und sie kontrollieren vor allem die Koka-Zone. Damit war die Regierung letztlich gezwungen die militärische Hilfe der USA zu akzeptieren. Angeblich um den Drogenkrieg zu bekämpfen, in Wahrheit aber um die Kokain-Produktion in Kolumbien zu kontrollieren. Sollte dies den USA tatsächlich gelingen, wäre die gesamte Kokain-Produktion der Region in ihren Händen, denn in Peru besitzt die US-Regierung ebenfalls großen Einfluss.
Dies ist der Hauptgrund weshalb ich seit 13 Jahren nicht mehr in den USA wohne. In diesem Land ist der Puritanismus Grundlage jeden Handelns und dieser Schwindel, der sich „War on Drugs“ nennt, ist nur eine Entschuldigung dafür Menschen die ihnen missfallen ins Gefängnis zu stecken.

HanfBlatt
Der „Krieg gegen die Drogen“ geht weiter. Gibt es eine Chance ihn zu beenden?

Ott
Es existiert definitiv eine Chance – er liegt schon in den letzten Zügen. Noch treibt er zwar weiter seine unsäglichen Blüten, aber die Kräfte gegen ihn wachsen. Dieser Krieg ist gegen die Geschichte, gegen die Ökologie, gegen die Ethik, den gesunden Menschenverstand und die Realität. Ich sehe ihn mehr oder weniger als historisches Ereignis – maximal noch zehn Jahre. Die Drogenpolitik der USA ist in zunehmenden Maße unpopulär auf der Welt. Ich denke schon, dass die Situation so wie in Holland oder Spanien enden wird. In Spanien herrscht zwar ein Verbot, man kann aber bis zu drei Marihuana-Pfllanzen besitzen, bis zu fünfzig Gramm Haschisch, bis zu zehn Gramm Heroin oder Kokain und bis zu 100 LSD-Tripps. Das wird als Eigenbedarf angesehen. Meistens gibt es eine Geldbuße, aber es ist kein Verbrechen für welches man eingesperrt wird.
Nebenbei: Ich bin nicht für die Legalisierung oder irgendeinen anderen Deal mit dem Staat, denn das bedeutet nur mehr Steuern. Legalisiert man Cannabis, würden die großen Tabak-Konzerne den Markt beherrschen. In alten Zeiten war Tabak eine sehr potente, visionäre Droge, später wurde es zu einem Laster: Gerade gut genug um Menschen zu verletzten, aber nicht high zu machen. Ich befürworte daher eher die Dekriminalisierung des Drogenmarktes. Ich versuche mehr und mehr die Verwicklung der Staatsorgane in den Drogenhandel aufzudecken. Es gab und gibt Drogen-Skandale in Europa und in anderen Ländern, während deren Aufklärung nachgewiesen wurde, dass die offiziellen Leute aus den Drogendezernaten in den Handel involviert waren. Mehr und mehr Menschen dämmert es, dass der eigenen Staat mit seinen ausführenden Organen in den Handel verwickelt ist. Für die Regierung ist es eine großartige Möglichkeit viel Geld zu verdienen und nebenbei auch noch die Menschen, die sie nicht mögen, ins Gefängnis zu schicken.

Mein Ziel ist daher nicht ein neues Kontrollsystem für Substanzen, welches von irgendeiner Regierung kontrolliert wird. Momentan haben wir doch eine sehr gute Marktsituation – die Preise fallen und die Reinheit steigt an. Die Prohibition gibt unseren Leuten die Chance auf ein recht gutes Leben im Drogenproduktions- und verteilungsgeschäft. Ansonsten müssten sie mit den Tabak- und Alkohol-Firmen konkurrieren. Ich würde gerne eine Art von Waffenstillstand sehen, indem es unmöglich ist jemanden wegen dieser Art von Geschäften ins Gefängnis zu stecken. Und dann sagt man halt: „O.k., ihr Typen von der CIA, der DEA und dem US-Militär, ihr könnt ja gerne mit den Drogen handeln, aber wir wollen mit euch konkurrieren und dann wird man sehen wer gewinnt.“ Dies wird, denke ich, nicht durch irgendeine Art von öffentlichen Entscheidungsprozess geschehen, eher durch Zermübungstaktik. Früher oder später wird der politische Wille sterben, immer mehr Menschen ins Gefängnis zu werfen. Sie nennen die USA „The Land of the Free“, aber in dem Land sitzen 25 Prozent aller Gefängnisinsassen der Welt! Es besitzt die höchste Gefangenenrate in bezug auf die Bevölkerung der Welt, sieht man einmal von China ab. Momentan sitzen zwei Millionen Gefangene in den USA, die meisten von ihnen wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Das ist fast Einer in 100 Leuten. Das ist teuer, es kostet mehr als die Leute auf eine private Universität zu schicken. Es gibt kaum irgendeine Familie im Land, die nicht jemanden kennten der im Knast sitzt, zum Teil ein Familienmitglied oder ein naher Freund. Diese Menschen verstehen all die Lügen des „War on Drugs“. Es geht darin nicht um Gerechtigkeit oder darum gefährliche Leute hinter Gitter zu bringen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus, denn mittlerweile werden die wirklich gefährlichen Verbrecher wegen Platzmangel entlassen. Umso mehr Menschen ins Gefängnis müssen, umso mehr begreifen die Menschen das es in diesem System nicht um Gerechtigkeit geht.

HanfBlatt
Das System wird sich selbst auflösen?

Ott
So läuft es immer. Jeder glaubte an die langlebige Existenz der Sowietunion. Diese Dinge sind wie ein Szenenaufbau in Hollywood, nach außen stark, aber das Gerüst ist dünn und es vergammelt schnell.

HanfBlatt
Potemkinsche Dörfer.

Ott
Richtig. Die Nazis raffte die Zeit dahin und das selbe wird mit der US-Regierung geschehen. In weniger als fünfzig Jahren werden die Präsidenten, Premierminister und Regierungschefs das sein, was die Könige heute sind. Sie durchschneiden Bänder um Autobahnen und Fabriken einzuweihen und am Unabhängigkeitstag treten sie auf um eine Rede zu halten. Die wahre Macht halten sie aber nicht mehr in den Händen, weil diese in die Hände der großen, multinationalen Konzerne übergegangen ist. Gore, Schröder und all die anderen sind dann Marionetten, die die Interessen dieser Unternehmen vertreten. Die großen Firmen sind das kleinere Übel als die Regierungen, denn sie operieren in vielen Ländern der Welt. Und weil dies so ist, wollen sie Probleme mit diesen Ländern vermeiden. Zudem sind sie demokratischer; es ist leichter einen Chef einer Firma als den Chef eines Landes zu stürzen. Alles was man tun muss ist Aktien kaufen und ihn rauswählen.

Vielen Leuten ist diese Idee nicht sehr sympathisch, speziell den Sozialisten, aber ich denke es ist besser wenn man Macht offen und ehrlich so betrachtet. Die Waffenindustrie wird eingehen, denn nur der Nationalismus speist diesen Industriezweig. In Wirklichkeit ist dies der Motor des globalen Welthandels: Waffen und Drogen. Aber wenn es keine nationalistischen Politiker mehr gibt – wer will diese Waffen noch haben?

HanfBlatt
Ein Themensprung. Welche Rolle spielt Cannabis für dich?

Ott
Cannabis spielt keine Rolle in meiner täglichen Arbeit, es ist mehr ein soziales Genussmittel. Natürlich ist es die am weitesten verbreitete Droge in der Welt, zehnmal häufiger als Kokain, welches wohl auf Nummer zwei der Liste steht. Allein in den USA konsumieren laut Regierung 25 Millionen Menschen Cannabis und eventuell sind es doppelt so viele. In Europa gibt es noch mehr Genießer. Zudem ist Cannabis eine Kernthema beim politischen Paradigmenwechsel, welcher durch die Bürgerbewegung für den Medizinalhanf angeschoben wurde. Selbst die US-Regierung war gezwungen THC wieder auf die Liste der verschreibungsfähigen Mittel zu setzen, bis dahin war es auf der Liste der gänzlich illegalen Substanzen, wo die Pflanze selbst heute noch steht. Und ich denke sie werden gezwungen sein auch die Pflanze verschreibungsfähig zu machen, nicht zuletzt weil zu viele Patienten bezeugen, dass THC (Marinol) nicht so gut wirkt wie das Rauchen von Cannabis. Das Rauchen von Marihuana hilft ihnen und es ist preiswerter. Elf Staaten haben es für den medizinischen Gebrauch legalisiert und eine Art von Verschreibungssystem aufgebaut. Aber einige Politiker bekämpfen dies bis auf Teufel komm raus. Sie weigern sich die Marihuana-Gesetze zu ändern, nicht zuletzt deswegen, weil die DEA (Drug Enforcement Administration) dann ihre Daseinsberechtigung verlieren würde. 75 Prozent der Inhaftierung wegen Drogenbesitz in den USA geschehen im Zusammenhang mit Marihuana.

Eine andere Kraft zur Änderung der bestehende Gesetze ist die Faserhandindustrie. In Ländern wie Kanada und Finnland war Hanf ein wichtiges landwirtschaftliches Erzeugnis und langsam kommt es zurück. Dies sind die beiden maßgeblichen verbindenden Elemente, die weit über das hinaus gehen, was früher „Hippie versus Alki“ genannt wurde oder dieses andere dumme Zeug, welches im Zusammenhang mit Marihuana immer wieder auftaucht. Die Leute sehen das heutzutage in Begriffen wie „landwirtschaftlich“ oder “ ökologisch. Es geht dann nicht mehr nur darum, von was du high wirst, es ist eine politische Frage. Aber natürlich ist Hanf Cannabis. Und das sieht man ganz klar in Mexiko, wo ich lebe. In Mexiko kümmert sich keiner um den Kokainkonsum – das ganze Land lebt unter Kokaineinfluss. Es ist die Droge der politischen Klasse, der Konservativen, der Börsenmakler, es wird in Firmen genauso genutzt wie im Weißen Haus und der Drogenszene. Marihuana allerdings wird als gefährliche Droge behandelt, weil es mit den linksorientierten Intellektuellen in Zusammenhang gebracht wird, mit Studenten und der Gegenkultur. Es ist ein politisches Thema, welches man mit Kokain nicht hat, denn Koks ist das Herzblut der Politiker in Mexiko, genauso wie in vielen anderen Ländern auch.

HanfBlatt
Hast du eine Übersicht über das Thema Marihuana in den spanisch sprechenden Ländern?

Ott
Spanien hat eine enorm hohe Rate an Cannabis-Konsumenten und das Haschisch kommt traditionell aus Marokko. Es ist wirklich schlechtes Haschisch, mit meistens nicht einmal zwei Prozent THC. Canamo, das spanische HanfBlatt wenn man so will, hat chemische Analysen von marokkanischen Haschisch durchführen lassen and es ist wirklich schlecht, eher wie wild wachsendes Marihuana. Mehr und mehr Leute züchten darum ihr Cannabis selbst, dass kann man gut auf einigen Stadtbalkonen beobachten. In Zukunft wird die Situation also besser werden, allerdings nicht für das korrupten Regime in Marokko und den korrupten Zoll in Spanien.

HanfBlatt
Wenn ich unterbrechen darf: Was ist der aktuelle Wissensstand über Cannabis? Was ist für die Psychoaktivität verantwortlich?

Ott
O.k., seht, dass ist nicht meine Fachgebiet. Ich besitze zwar eine Menge Literatur darüber, aber das ist ein weites Feld. Fest steht: Irgend jemand muss psychonautische Studien mit Cannabis durchführen; das heißt, man muss all die potentiell aktiven Bestandteile isolieren – und das sind viele. Es scheint momentan klar, dass es zwei Klassen von psychoaktiven Verbindungen gibt: Die Cannabidiole, welche eine eher beruhigende, körperliche Wirkung haben und die THC-Isomere, besonders das Delta-1 THC, welche eine sehr stimulierende und visionäre Wirkung haben. Und es existiert mindestens noch ein weiteres aktives Isomer des THC, das Delta-8 THC. Schaut man aber in die wissenschaftliche Literatur, um die für einen Menschen wirksame Dosis von Delta-1 THC zu erfragen, steht dort: „Nun, drei bis dreißig Milligramm.“ Das ist nicht gut genug, um nicht zu sagen, dass ist ziemlich ungenau. Ein weiterer Punkt ist die Anwendung – oral, geraucht, geschnupft oder injiziert? Es hängt natürlich von der Art der Einnahme ab. Vor einiger Zeit, während eines Seminars in Palenque, Mexiko, gab mir ein Typ der Krebs hatte ein paar Pillen Marinol. Er gab mir eine 45 Milligramm Dosis, ich nahm alles und wartete. Nach einer Weile vergaß ic, dass ich überhaupt was genommen hatte. Es passierte gar nichts! Geraucht wäre ein Zehntel davon eine starke Dosis gewesen.

Jemanden der in der Cannabis-Forschung tätig ist würde ich vorschlagen: Nimm ein bekannte Probe, beispielsweise von Sensi-Seed, lass das Gras wachsen und erstelle ein chemisches Profil. Isoliere all die unterschiedlichen Isomere der Cannabinoide und teste um die zehn verschiedenen Verbindungen in dem Verhältnis wie vorgefunden, alleine und in Kombination. Ich vermute, dass es mehr aktive Verbindungen gibt.

Die kurze Antwort auf eure Frage ist, dass wir es nicht genau wissen und das Wissen was wir haben ist sehr  ungenau. Aber wir haben die Chance es genauer zu wissen, nun, wo die Anandamid-Verbindungen isoliert und der sogenannte „Cannabis-Rezeptor“ im Gehirn gefunden wurde. Alles was wir brauchen ist Human-Pharmakologie und zur Zeit geschieht dies nur in den Keller-Laboratorien der Gegenkultur. Zumindest in den USA ist es nicht möglich so etwas in einer offenen Forschung zu betreiben. In einem Land, in dem sie seit 30 Jahren jährlich Milliarden von Dollar ausgeben und immer noch sagen drei bis dreißig Milligramm sei die aktive Dosis, während sie eine Medikament produzieren, welches nicht wirkt, nur um Leute zu nerven die Marihuana rauchen. Unglücklicherweise wissen wir nicht genug über Cannabis, dabei wäre es einfach heraus zu finden.

HanfBlatt
Was sind deine bevorzugten Strategien zur Risikominimierung bei dem Gebrauch von Entheogenen?

Ott
Nun, wissen was man nimmt ist der erste Schritt. Zweitens sollte man die Situation kontrollieren, in welcher man es nimmt. Ich bin kein wahrer Freund davon, visionäre Drogen in der Stadt, auf einem Rave oder einem Rock-Konzert zu nehmen, außer es ist eine geringe Menge mit etwas was man bereits kennt und von dem man auch weiß, wie es zu dosieren ist. Aber es hängt auch von der Erfahrung der Person ab. Übergeordnet ist aber für mich die Kontrolle des Setting – am besten in einer komfortablen und sicherer Umgebung, in der man nicht Gefahr läuft jemanden Unangenehmen zu begegnen. Oder Leute die man nicht kennt und mit denen man plötzlich umgehen muss. Schön ist es zu Hause oder auf dem Land. Natürlich ist es wichtig die Substanz und ihre Dosierung zu kennen und der Schwarzmarkt macht dies nahezu unmöglich. Darum ist das alles einfach für mich zu sagen, weil ich im allgemeinen die Substanzen gut kennen die ich nehmen. Normalerweise nehme ich keine Pillen vom Schwarzmarkt, obwohl dies in der Vergangenheit durchaus vorkam.

Diese Substanzen sind nicht für jeden bestimmt, einige Menschen sind keine gute Kandidaten für etwas wie LSD, Pilze oder Ayahuasca. Wirklich nervöse Menschen, Menschen, die nicht leicht entspannen können, sind keine Kandidaten. Diese Substanzen sind nicht für jedermann – für viele Menschen können sie wundervoll sein und ihr Leben verändern, aber sie können Menschen auch schaden.

HanfBlatt
Siehst du einen Unterschied zwischen Konsum und einem Ritual?

Ott
Das sehe ich auf meine Weise. Viele Leute denken sie brauchen Kontakt zu Schamanen vom Amazonas, aus Mittelamerika oder von sonstwo her. Das halte ich für nicht richtig. Zum einen ist es nicht gut für die Schamanen, weil sie meistens diesen Kontakt nicht wollen, zum anderen kommen die falschen Leute, die das Tor zum Massentourismus öffnen. Ich möchte den Grund für die Existenz des Schamanismus in der heutigen Welt zeigen und ich denke nicht, dass der Tourismus das leisten kann. Es fördert eher den Hollywood-artigen Schamanismus. Zudem ist es keine feste Einnahmequelle, denn plötzlich sagen die Fans: „Oh, es ist nicht der Amazonas, es gibt das etwas neues woanders“. Die Pilze haben so eine Zeit des Hypes erlebt, Ayahuasca ist es nun und vielleicht wird es demnächst Iboga werden. Es schadet den Leuten die davon abhängig sind, wenn plötzlich das Geschäft woanders hinrennt.

Ein Ritual muss nicht etwas aus einer anderen Kultur sein, geschweige denn etwas archaisches. Die Menschen sollten eigenen Rituale entwickeln, die Bedeutung für sie und das eigene Leben haben. Das würde ich bevorzugen. Es ist halt eine Frage von Ernsthaftigkeit und Respekt für die althergebrachte Umwelt und die heilige Natur. Wenn man diesen richtigen Respekt und etwas Wissen über die Natur mit einbringt, dann ändert das die Einstellung und der Genuss der Droge atmet etwas von einem Ritual. Für mich macht es beispielsweise für Leute in Hamburg mehr Sinn zu sagen: „Nun, wir nehmen es im Freundeskreis“ und so weiter, statt zum Amazonas zu schielen und die Riten dort zu imitieren. Es macht mehr Sinn auf deutsche Traditionen zurückzugreifen, auf Strukturen und Methoden des alten Schamanismus und des Heidentums aus der Gegend in der man lebt, in der heimischen Sprache und dem heimischen Kontext. Dies gilt auch dann, wenn die Substanz ganz woanders her kommt. Um eure Frage zu beantworten: Es ist eine Frage der Einstellung und Ernsthaftigkeit. Wenn jemand es wirklich respektiert und es aufrichtig und bestimmt nimmt, dann ist das ein ritueller Akt an sich. Und das ist viel wichtiger als Trommeln, Federn und Gürtel. Und es reicht für den rituellen Kontext vollends aus. Das heißt nun nicht, dass es falsch ist diese Dingen nur aus Spaß zu nehmen – daran ist nichts modernes oder neues, Schamanen tun das und haben es immer getan.

HanfBlatt
Aber Wunder dich nicht, wenn du das Licht siehst.

Ott
In Mittelamerika existieren exzellente historische Aufzeichnungen des Pilzkonsums der Einwohner. Daraus wird deutlich, dass sie für Heil- genauso wie für Staatszeremonien genutzt wurden, aber auch um ein erfolgreiches Geschäft zu feiern. Ganz genau so, wie man hier einen Cocktail trinkt, eine Nase Kokain schnupft oder einen Joint raucht. Und auch für fette Party-Settings wurden Pilze genutzt.

Christian Rätsch (betritt den Raum)
Es ist Party-Stimmung! Und zwar jetzt!

Ott
Ja?

Rätsch
Ja, es wartet ein nette kleine Runde von Leuten draußen auf dich. Oh, was ist das?

Ott
Eine Flasche Mariacron.

Rätsch

Uhh, das ist der schlechteste Schnaps den du kriegen kannst.

HanfBlatt
Ich sagte dir, dass es eine der übelsten Drogen der Welt ist.

Ott
Nur zum Haare waschen zu gebrauchen? Danke.

HanfBlatt
Wir danken.

adh und az

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Drogenpolitik

Durchatmen für Europas Kiffer

Mehr oder weniger stabil

Die EU legt Cannabis-Zahlen für 1999 vor

Eine wahre Zahlenflut veröffentliche jetzt die Behörde mit dem schönen Namen „EU-Drogenbeobachtungsstelle“ (EBBD). Um mit der beeindruckensten Zahl anzufangen: Von den 375 Millionen Einwohnern der Europäischen Gemeinschaft haben wahrscheinlich über 40 Millionen schon einmal Cannabis probiert. Durchschnittlich jeder Fünfte aus der Gruppe der 15- bis 16jährigen und mindestens jeder Vierte aus der Gruppe der 15- bis 34-Jährigen inhalierte. In den meisten Ländern der EU haben nur fünf Prozent der über 15-Jährigen in den letzten 12 Monaten Cannabis genossen. Nur in Großbritannien (über acht Prozent) und Spanien (sechs Prozent) kiffen die Leute häufiger im Jahr, so der Bericht. In fast allen Ländern habe der Konsum von Cannabis aber unter Jugendlichen und Erwachsenen zugenommen.

Die in der EU sichergestellten Mengen an Cannabis sind seit 1994 relativ stabil, obwohl die Anzahl der Sicherstellungen stetig zunimmt. Die Preise auf dem Markt, so der Bericht, seinen über die Jahre ebenfalls stabil geblieben. Das in der EU sichergestellte Haschisch komme meist aus Marokko, in kleineren Mengen aus Afghanistan, Libanon und Pakistan. Marihuana stamme dagegen zum größten Teil aus Kolumbien, Nigeria, Südafrika und Thailand.

Der THC-Gehalt der in Europa verköstigten Cannabismengen lässt sich schwer eruieren und schwankt zwischen zwei und 20 Prozent. Für Deutschland nennt der Bericht Wirkstoffgehalte zwischen fünf und elf Prozent, für die Niederlande 6 bis neun Prozent, für Großbritannien zwei bis 14 Prozent.

Noch zwei interessante Anmerkungen zum Schluss: Der EU-Bericht bemerkt, dass nicht nur in fast allen Ländern Europas mittlerweile eine Diskussion darüber geführt wird, ob Marihuana als Medikament zugelassen werden soll. Zunehmend gingen, so der Report, die Regierungen der Ländern auch dazu über, die Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums in Erwägung zu ziehen. Zum anderen hat die EU- Drogenbeobachtungsstelle die vorhandenen Studien über Cannabis im Straßenverkehr ausgewertet und dabei feststellen müssen, dass die Frage, „ob Cannabis die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt und das Unfallrisiko im Straßenverkehr erhöht, bisher nicht eindeutig beantwortet werden kann.“

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Kiffer aller Länder

Der kluge Mann baut vor

Der kluge Mann baut vor – diese Binsenweisheit gilt im brasilianischen Dschungel genauso wie auf den Phillipinen, in Paris ebenso wie in Mombasa. Urlaubsreisen in ferne Ländern erhalten für manchen Kiffer ihren wahren Reiz doch erst dann, wenn er oder sie am Urlaubsort ungehemmt einen durchziehen können. In aller Damen Länder gehört Cannabis zur Alltags- oder Feiertagsdroge, gerade unter Jugendlichen und jung gebliebenen ist das Kraut in den meisten Gebieten der Welt weit verbreitet. Vom Staat nicht gern gesehen, genießt ein Teil der Gesellschaft den gepflegten Hanfrausch – immer munter an den Gesetzen vorbei. Der von den USA initiierte „War on Drugs“ mit den unterstützenden Resolutionen der Vereinten Nationen ist in der westlichen Hemissphäre ein brüchiger Rahmen für den Konsum, ausgefüllt wird dieser Rahmen oft durch Rauschkulturen, die ihre eigenen Vorstellungen von der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der „Droge Hanf“ entwickelt haben. Ein Vergleich wissenschaftlicher Befragungen und Erhebungen zeigt, daß der Konsum von Haschisch und Marihuana in den meisten Staaten des Globus´ über die Jahre und Jahrzehnte angestiegen ist. „Legal, illegal, scheißegal“, dieser Satz von Hans-Georg Behr hält einer empirischen Überprüfung tatsächlich statt. Denn gleich, ob in einem Staat der Genuß von Cannabisprodukten hart bestraft wird oder eher locker mit dem Kiffen umgegangen wird: Vor allem die Jugend raucht sich ab und zu in die Sphären der Entspannung und Belustigung, nimmt Abstand vom Alltag.

Um eine Übersicht über die Kultur des Kiffens zu erhalten, haben wir einige Ländern herausgegriffen und die verfügbaren Daten über den Cannabis-Konsum grafisch aufbereitet. Die Frage, die in allen Analysen gestellt wurde, ist die nach der sogenannten „Lifetime-Prevalence“, daß heißt, ob jemand in seinem Leben jemals Cannabis probiert hat. Ansonsten zeichnen sich die den Grafiken zu Grunde liegenden Forschungen durch ihre Uneinheitlichkeit aus: Es existiert leider keine Untersuchung, die den Cannabis-Konsum in allen Ländern mit einem standardisierten Instrument gemessen hat. Bei einem Vergleich der Zahlen sollte man also äußerst vorsichtig sein. Ein weiteres Problem: Für den gesamten asiatischen Raum liegen uns keine repräsentativen Zahlen vor.

Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, daß die Untersuchungsgruppe groß war und nicht nur 30 Schüler einer Kleinstadt befragt wurden. Die verschiedenen Erhebungen beziehen sich auf unterschiedlichste Altersgruppen; um den Überblick zu behalten, wählten wir immer die Bereiche aus, die eine relativ junge Altersgruppe untersuchte. Wichtig war uns auch, eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum nachvollziehen zu können. Im Idealfall wurde ein Forschungsprojekt jährlich wiederholt.

Dies ist beispielsweise in den USA der Fall, wo das NIDA (National Institute on Drug Abuse) seit 1971 Befragungen der Bevölkerung durchführt. Auch in Australien führt man regelmäßig Interviews durch, um die Einstellung der Bürger zum Drogenkonsum zu erforschen. Der „Krieg gegen die Drogen“ zeigt hier deutlich keine Wirkung: In den USA steigt die Rate derjenigen, die schon mal geraucht haben, seit den 90er Jahren wieder kontinuierlich an.

In Frankreich, einem Land mit restriktiven Drogengesetzen, ringt man sich erst seit ein paar Jahren dazu durch, die kiffende Jugend genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Anteil der Probierer ist hier ähnlich wie in anderen Staaten Europas. In „Good Old Germany“ beäugen Wissenschaftler seit den 70er Jahren das Verhalten ihrer freilaufenden humanen Versuchsobjekte. Relativ stabil raucht sich das junge Volk um die 20 Prozent ein. Eine neuere Studie von Dieter Kleiber und seinen Kollegen zeigt zudem, daß Hanfkonsum in Deutschland mithin ein „transistorisches“ Konsum ist, soll heißen, in der Jugend wird (viel) gekifft, ab dreißig kaum noch, auf jeden Fall aber weniger. Es wäre auf jeden Fall interessant zu wissen, ob dies ein globales Phänomen ist.

Auf dem australischen Kontinent gedeiht der Hanf anscheinend unter prächtigen klimatischen wie kulturellen Bedingungen. Seit zehn Jahren gibt fast die Hälfte der 14 bis 29jährigen zu, schon mindestens einmal Cannabis genossen zu haben. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum offiziell dekriminalisiert, hier landet kein Klein-Kiffer mehr vor Gericht. Trotz dieses Umstand ist die Rate der Probierer in diesen Bundesstaaten nicht angestiegen.

Für uns überraschend hoch ist der Anteil der KifferInnen in Norwegens Hauptstadt Oslo. Es ist wohl davon auszugehen, daß auf dem Land weniger Cannabis geraucht wird. Die jüngeren Bewohner der „Kiffer-Hauptstadt“ der Welt, Amsterdam, zeigen sich offen für den THC-Rausch. 1994 gab genau die Hälfte der Befragten zu, schon mal Haschisch oder Marihuana konsumiert zu haben.

In der Tabelle „Cannabis-Konsum in der Welt“ sind die Ergebnisse aus Staaten zusammengefaßt, die nur eine Untersuchung aufweisen konnten. Dürftig ist die Datenlage in den Ländern Afrikas; hier lagen uns nur dünne Arbeiten aus Südafrika und Namibia vor. Nicht überraschen tut der hohe Anteil der Kiffer in Jamaica, dort ist Marihuana seit Jahrhunderten integriert. Es fällt auf, daß der Rauschhanf vor allem in westlichen Ländern weit, in den produzierenden Staaten aber eher weniger verbreitet ist. Daß in Mexiko oder Nordindien, Ländern mit einem traditionellen Hanfanbau, nur 3 Prozent der jungen Menschen kiffen sollen, mutet schon seltsam an. Leider konnte wir nicht eruieren, wie unsere britischen Nachbarn Cannabis genießen. Wenn wir richtig informiert wurden, dürfte das Leben unter Premierministerin Thatcher aber fast nur bekifft auszuhalten gewesen sein…

 

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Drogenpolitik

Ein paar Thesen zur Drogenpolitik

 Thesen zur Drogenpolitik

Drogenpolitik schliesst den Umgang mit legalen psychoaktiven Drogen, wie Alkohol, Nikotin, Medikamente, Coffein-haltige Getränke etc. ein. Jedoch sind die Konsumenten illegaler Drogen auf Grund der bestehenden Gesetzeslage durch Strafverfolgung bedroht. Diese schafft erst viele der Probleme, die sich heute als „Drogenproblematik“ darstellen.

Die Trennung zwischen legalen und illegalen Drogen ist willkürlich. Dies gilt es zu belegen. Ziel muss es sein, die durch die gegenwärtige Rechtslage und den eingefahrenen gesellschaftlichen Umgang stigmatisierten und zumindest teilweise ausgegrenzten Gebraucher der „verteufelten“ Drogen aus dieser Situation zu befreien und die Trennung aufzuheben.

Dabei geht es letztlich nicht darum, zu beweisen, welche Droge, wie gefährlich oder harmlos ist, sondern um ein grundlegendes Menschenrecht: Das Recht, selbst zu entscheiden, welche Genussmittel oder Drogen man sich zuführt.

Um hierbei frei und verantwortungsbewusst handeln zu können, ist eine ausgewogene und fundierte Aufklärung vonnöten, die nicht auf unglaubwürdiger „Panikmache“ oder übertriebener „Verherrlichung“ beruht.

„Suchtkrankheit“ ist nicht ein Problem, das an bestimmte Substanzen gekoppelt ist. Die Ursachen für die Entwicklung abhängigen oder süchtigen Drogengebrauchs sind vielschichtig. Die gesellschaftspolitisch beeinflussbaren sozialen Umstände spielen dabei eine erhebliche Rolle.

Von der Drogenverbotspolitik Betroffene sind nicht nur die nach Jahren der Strafverfolgung verelendeten „Junkies“, sondern auch eine erhebliche Anzahl von Menschen, die weitgehend kontrolliert, genuss- oder selbsterfahrungsorientiert und relativ unproblematisch auch mit den illegalen Drogen umzugehen in der Lage sind. Diesen gilt es gerecht zu werden. Den anderen muss geholfen werden.

Wenn bestehende oder neue Institutionen zu aktuellen drogenpolitischen Themen kompetent Stellung beziehen wollen, dann sollten sie sich um eine unüberlegte Instrumentalisierung zu vermeiden, zuvor ausführlich mit den verschiedenen Aspekten der entsprechenden Thematiken auseinandersetzen.

Wie widersprüchlich und scheinheilig Drogenpolitik gemacht wird, spiegelt sich zum Beispiel konkret in der BtMG-Gesetzesänderung vom Februar 1998 wieder, bei der für eine erleichterte Methadonsubstitutionspraxis, die Kriminaliserung weiterer Gebraucher psychoaktiver Pflanzen in Kauf genommen wurde (Stichworte: Hanfsamenverbot, Verbot psiloc(yb)inhaltiger Pilze und meskalinhaltiger Kakteen =  Kriminalisierung des Natürlichen). Insbesondere das Verbot der Einfuhr von Kath (Catha edulis-Zweigen), ein traditionelles Genussmittel somalischer und äthiopischer Flüchtlinge und Einwanderer, ohne Rücksprache mit den Betroffenen, muss sich den Vorwurf machen lassen, zumindest ausgesprochen ethnozentristisch zu sein, zumal es kaum deutsche Gebraucher dieser nur frisch geniessbaren Pflanze gibt. Die Folge ist ausserdem: Es blüht ein nunmehr illegaler Import aus unseren freundlichen kleinen Nachbarländern.

 

Achim Zubke und Jörg Auf dem Hövel, Dezember 1999

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Cannabis Drogenpolitik

Die Hand an der Knüppelschaltung

Hanfblatt, Juli 1999

Cannabiskonsumenten fahren gefährlich

Der laborärztliche Befund ist positiv. Während die werdende Mutter sich über solche Nachricht meist freut, ist dies für den Konsumenten von Cannabisprodukten oft der Beginn einer Odyssee durch die staatlichen Institutionen. Denn wer nicht nur Tabakrauch inhaliert und den Hütern der Ordnung in die Hände fällt, kann damit rechnen, in nächster Zeit freundliche Einladungen zum fröhlichen Zielpinkeln in Reagenzgläser zu erhalten. Aber der Reihe nach:

Wie fährt der Kiffer?

Es mangelt mittlerweile nicht an wissenschaftlichen Antwortversuchen auf die Frage, ob und wie sich das Fahrverhalten unter Cannabiseinfluß ändert. So legte Bernd Möller 1976 in seiner Dissertation über „Veränderungen der Fahrtauglichkeit unter Haschisch“ fest, daß „Kraftfahrer unter Haschischeinfluß grundsätzlich als fahruntauglich anzusehen sind.“ Dies sieht der US-Wissenschaftler A. Smiley anders. Nach Auswertung seiner Studien stellt er in Frage, ob Cannabis überhaupt verkehrsmedizinisch relevante Leistungseinbußen impliziere. Bei diesen konträren Ergebnissen stellt sich die Frage, wo die Wahrheit sich versteckt. Es gilt auch hier: Untersuchungsdesign, Auftraggeber und persönlicher Hintergrund der Forscher bestimmen maßgeblich das Resultat der Analyse – und natürlich die verabreichte Dosis. Dies gilt für die vielzitierte Studie von H.W.J. Robbe aus Maastricht ebenso. Ihr zufolge chauffieren leicht bekiffte Fahrer relativ sicher – jedenfalls im Vergleich zu angetrunkenen. Zudem erkennt der THC-Freund seine Ekstase und nimmt den Rausch länger wahr, als durch objektivierbaren Einbußen der Leistungsfähigkeit nachvollziehbar wäre.

Fest steht: Akuter Haschischeinfluß beeinträchtigt die Reaktionszeit; aber nicht in dem Maße wie Alkohol. Zugleich zeigen die Probanden aller bisherigen Untersuchungen eine reduzierte Risikobereitschaft. Innerhalb der ersten Stunde nach Genuß traten die Verschlechterungen der Leistung um so deutlicher hervor, je schwieriger die Aufgaben waren und je mehr Leistungen gleichzeitig erbracht werden mußten. Spätestens jenseits der zweiten Stunde nach Rauchbeginn wurden in allen Studien nur noch wenige Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit eruiert.

So weit, so gut. Doch

wie reagiert die Obrigkeit?

Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gab vor ein paar Jahren einem Autofahrer recht, welcher sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah, weil er sich nach dem kompletten Inhalieren eines Joints einem medizinisch-psychologischen Gutachten (MPU, kurz: Idiotentest) unterziehen mußte. Der Vorsitzende der Zweiten Kammer des Lübecker Landgerichts, Wolfgang Neskovic (später bekannt aus Funk und Fernsehen), vermutete daraufhin in der TAZ, daß die „allgemeine Hatz von Gerichten und Straßenverkehrsbehörden auf Haschischkonsumenten erheblich erschwert wird.“ Fehlurteil, Herr Richter! Auch nach dem Spruch des obersten Gerichts kam und kommt es in der Bundesrepublik zu massiven behördlichen Angriffen auf die Lizenz zum Karren.

Wer einen mobilen Untersatz steuert und dabei von der Polizei mit Cannabis in den Taschen überrascht wird, dem droht folgendes Szenario: Ob Urin-, Haar-, oder Blutprobe; die Meister der Wacht prüfen auf körperfremde Substanzen. Allen Berichten über „HaschoMaten“ oder sonstige „sichere Indikatoren“ zum trotz, gibt es allerdings bisher keinen Apparat, der Drogenkonsum sicher und exakt feststellen kann. Zwar kann Mithilfe moderner Meßtechniken angezeigt werden, daß der Mensch irgendwann in den vergangenen 30 Tagen Cannabis konsumiert hat – es kann aber nicht festgestellt werden, wann (Stunden, Tagen oder Wochen?) und in welchem Umfang. Und: Auch die kulinarische Verarbeitung von Hanfprodukten, wie etwa durch geröstete Hanfsamen oder durch den Einsatz von Hanföl, führt bei einem kommenden Test zum Nachweis von THC-Metaboliten. Unter Umständen wird also sogar der Zugriff auf nachweislich gesunde Nahrungsmittel bestraft. Nur am Rande sei hier erwähnt, daß selbst Labore, die nach ähnlichen Arbeitsweisen vorgehen, häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine merkwürdige Praxis spielt sich ein: Trotz der Tatsache, daß keine Testmethode existiert, die den Zeitpunkt des Konsums auch nur annähernd exakt bestimmt, führt der positive Laborbefund in den meisten Fällen zum Entzug der Fahrerlaubnis. Die Chancen hierzu steigen noch, wenn der überführte Bösewicht offen eingesteht, ein Liebhaber der verbotenen Pflanze zu sein. In der Praxis ist das Vorgehen gegen die Konsumenten von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Während in Bayern mit freistaatlicher Härte jeder sanktioniert wird, der jemals Marihuana oder Haschisch gekostet hat, kommen aus den Großstädten Hamburg und Berlin -Metropolen mit Problemstoffen härterer Natur- nur wenige Meldungen über restriktive Verfolgungen.

Bei der „Grünen Hilfe“ gehen in den Länderbüros zwischen zehn und 30 Anrufen täglich ein. Der Verein bemüht sich seit Jahren um Betroffene, deren Führerschein aufgrund von Haschischkonsum eingezogen wurde. Christiane Eisele bemerkt: „Es herrscht ein enormes Informationsdefizit bei den Kiffern.“ Einmal in eine Kontrolle geraten, im schlimmsten Falle eingeschüchtert durch die Uniformierten, schimmert bei vielen nur wenig Ahnung über ihre Rechte und Pflichten. Dabei tut Aufklärung dringend not, denn inzwischen lädt das Amt fast jeden, der auch nur einmal als Haschraucher aufgefallen ist, zur MPU. Wer hier nicht auf die Knie fällt und glaubhaft versichert, das Hanf ein Machwerk des Bösen ist, darf sich in den nächsten Jahren auf die Qualität seiner Schuhsohlen verlassen. Nicht genug damit: „Uns sind auch Fälle bekannt, wo das Arbeitsamt Drogenkontrollen durchführt und schon zugesagte Umschulungen storniert, das Arbeitslosengeld sperrt und den Menschen als dem Arbeitsmarkt nicht zumutbar deklariert“, berichtet Eisele.

So weit, so schlecht, doch

was ist zu tun?

Ein böser Verdacht verdichtet sich. Nicht nur, daß die Bonner Regierung bisher die Entscheidung des Verfassungsgerichts stillschweigend ignoriert; konservative Kräfte suchen allem Anschein nach einen Ausweg aus der Liberalisierungsfalle. Durch die Hintertür kann so der Haschischkonsum doch noch sanktioniert werden. Erste Schritte leitete die Verwaltung jüngst ein: Seit dem 1. Juli dieses Jahres eichen die amtlichen Prüfungsfragen den Fahrschüler auf Prohibitionskurs. Als Kraftfahrer sind danach alle Personen ungeeignet, die „regelmäßig Drogen, (wie z.B. Haschisch, Heroin, Kokain) nehmen, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Fahrt nicht fahruntüchtig sind.“ Andere, ähnliche Fragen und unstatthafte Behauptungen lassen den Fragebogen zu einem Instrument der Desinformation geraten, der jedweden wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Eine weitere flankierende Maßnahme, um Menschen den Genuß der Cannabis Pflanze zu versauern, ist die Hoffnung, daß wiederholte Urinkontrollen bei den sogenannten Drogendeliquenten ein Therapiemodell mit Zukunft sei.

Die „Grüne Hilfe“ fordert einen anderen Weg. „Haschisch muß aus dem Betäubungsmittelgesetz verschwinden“, sagt Eisele knapp. Ein Führerscheinentzug nur aufgrund des Nachweises von THC im Körper verstößt nach ihrer Ansicht ferner gegen das Gleichheitspostulat des Grundgesetzes (Art.3 GG), denn Alkoholtrinkern würde auch nicht generell der Führerschein entzogen. Daß die Behörde die Fahreignung von Kiffern strenger prüft als bei Konsumenten legaler Drogen, stellt nach Ansicht von Harald Hans Körner, Herausgeber des Standardkommentars über das Betäubungsmittelgesetz, jedoch keinen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz dar, „da im Sicherheitsrecht Gefahren ohne Rücksicht darauf begegnet werden muß, ob andere Gefahren mit gleichem Nachdruck begegnet werden kann.“ Knackpunkt der staatlichen Argumentation ist weiterhin die Chance auf den „Flash-Back“. Dieses umstrittene Phänomen soll den Raucher Tage nach Haschlabsal urplötzlich wieder in den Rauschzustand katapultieren. Da kann man wohl nur sagen: Schön wär´s. Eisele nimmt an: „Solange das Verfassungsgericht nicht feststellt, daß es den Echorausch nicht gibt, wird das Alles so weiterlaufen.“ Das Verkehrsministerium überholt die Wissenschaft rechts und brachte jüngst einen Entwurf ein, welcher der herrschenden Praxis rechsstaatliche Legalität verschafft. Danach soll der- oder diejenige, deren Blut mit THC belastet ist, mit einem bis zu drei Monaten währenden Fahrverbot und einem Bußgeld zur Besserung gebracht werden. Im Blut läßt sich die berauschende Substanz indes maximal zwei Tage lang nachweisen. Danach fällt der THC-Metabolitenwert im Blutplasma auf unter 1.0 ng/ml und nach geltender Rechtsprechung ist dann von keiner Wirkung mehr auszugehen.

Wie groß muß nun die Angst sein, mit THC im Leib erwischt zu werden? Dies hängt maßgeblich von der konsumierten Menge, dem Körpergewicht und den Konsumgewohnheiten ab. Wer Abends einen Joint raucht, der kann am nächsten Morgen immmer noch über 1,0 ng/ml im Blut haben. Wer sich dann aus Sicht der Polizei auch noch ungeschickt benimmt, der kann den Lappen durchaus verlieren. Besser ist es mindestens 24 Stunden zwischen Konsum und Fahrtantritt verstreichen zu lassen. Dauerkonsumenten sollten sich sogar noch mehr Zeit nehmen.

 

Nachtrag 2007: Mittlerweile existieren durchaus genaue Methoden zur Messung der THC-Werte im Blut. Einen Einblick in den akutellen Sachstand von Messbarkeit, juristischen Folgen und MPU gibt:

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Drogenpolitik Interviews Interviews Psychoaktive Substanzen

Interview mit dem Ethnobotaniker Christian Rätsch

HanfBlatt, 1999

„An mir hat sich die Eso-Szene schnell die Zähne ausgebissen.“

Es ist schon vier Jahre her, dass das HanfBlatt das letzte Mal mit dem Ethnobotaniker Christian Rätsch sprach. Inzwischen ist viel passiert, sei es in der Drogenpolitik, sei es auf dem Markt der psychoaktiven Pflanzen. Christian Rätsch reist zu Schamanen auf der ganzen Welt, hält Vorträge und leitet Seminare, die sich mit geistbewegenden Pflanzen beschäftigen und hat jüngst ein in der Erdgeschichte einmaliges und hochgelobtes Kompendium, die „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ veröffentlicht. Wir trafen den „Meister“ in leicht grummeliger, aber offener Stimmung in seinem Apartment in Hamburg an. Seine begehrenswerte Frau und nicht minder aktive Mitstreiterin, die Kunsthistorikerin Claudia Müller-Ebeling bereitete uns einen leckeren grünen Tee zu, während sich Christian mit einem Urbock in Wallung brachte.

Dr. Christian Rätsch

 

Christian Rätsch (Cr)
AZ (Az)
Jörg Auf dem Hövel (Jh)

Jh:

Was gibt es denn so Neues auf dem Markt der Genusserfahrungen?

Cr:

Ich habe jüngst ein paar Mal eine Methode der Indianer angewandt, die Wirkung des Ayahuasca-Trankes zu verlängern. Wenn die Wirkung des DMT nachlässt, trinken sie einen Schluck Whiskey oder ein Bier. Dann kommt nach fünf Minuten der DMT-Flash zurück.

Az:

Also schon mal ein Bierchen fürs nächste Mal bereitstellen, falls man sowas plant.

Cr:

Das würde ich niemandem empfehlen wollen. Dieser Art „Booster“ ist für manche Leute gefährlich. Die Witoto in Kolumbien sind ganz begeistert von der Kombination. Überhaupt war der Schnaps ja das, was die Schamanen auf der ganzen Welt an der westlichen Kultur am meisten geschätzt haben. Das entspricht ja ihrem Prinzip, die Zubereitung immer konzentrierter zu machen. Mich würde nicht wundern, wenn Schamanen irgendwann Labors haben, um DMT-Extrakte herzustellen. Schamanen sind vorzügliche Naturwissenschaftler.

Az:

Vor einiger Zeit hast du dich ja relativ kritisch gegenüber dem westlichen Schamanenkult geäussert.

Cr:

Das tue ich auch immer noch. Schamanismus ist eine soziale Definition in traditionellen Gesellschaften. Man braucht ein Berufungserlebnis, man muss von einem amtierenden Schamanen geprüft werden, ob das Erlebnis echt ist, dann muss man in die Lehre und schliesslich muss man öffentlich initiiert werden. In Korea beispielsweise muss die neue Schamanin über neun Stufen eine Leiter hochsteigen und dann mit nackten Füssen auf zwei rasierklingenscharfe Metallschneiden steigen. Wenn sie wirklich in schamanischer Trance ist dann passiert ihr nichts.

Az:

Unsere als Schamanen gepriesenen Techno-DJs würden also ohne Füsse rumrennen?!

Cr:

Wahrscheinlich. Der Schamane opfert sein Leben den Menschen. Er oder sie ist nur noch für sie da. Zudem darf man seine Leistungen nicht in Rechnung stellen und muss angstfrei und unkonditioniert leben. Dies sind Eigenschaften, welche ich bei keinem der selbsternannten Schamanen in unseren Breiten jemals auch nur annähernd beobachten konnte. Die hauen auf die Trommel und meinen das induziert die Trance. So ein Unsinn. Das kann zwar zu einem veränderten Bewusstseinszustand führen, dies ist aber nicht mit der schamanistischen Reise gleichzusetzen.

Jh:

Also sollte man den Begriff des Schamanismus im Westen nicht so ohne weiteres benutzen?!

Cr:

Richtig.

Az:

Bei uns wird immer schnell mit den grossen Begriffen gearbeitet.

Cr:

So ähnlich wie beim Begriff des Tantra. Das ist dann Ringelpietz mit Anfassen.

Jh:

Interessant ist ja dabei, dass dieser Markt nur entstanden ist, weil bei den Menschen der Wunsch nach Erlebnissen dieser Art vorhanden ist.

Cr:

Klar, das kann ich auch verstehen, dass dieser Wunsch da ist, nur wird er halt von Scharlatanen scheinbefriedigt. Leider sind die Suchenden oft zu leichtgläubig und fallen auf den marktschreierischen Unsinn rein.

Jh:

Bei den ganzen Angeboten des esoterischen Marktes ist die Trennung von Spreu und Weizen nicht einfach. Az:

Genau, zumal es soviel Spreu gibt, dass „Weizen“ in Deutschland eine Seltenheit ist.

Jh:

Aber nicht alle können doch sonstwohin fliegen. Es muss doch in Deutschland Möglichkeiten geben, die Suchenden zu befriedigen.

Cr:

Das grösste schamanistische Erlebnis, was man in unserer Kultur haben kann, ist, sich den „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner reinzuziehen.

Jh:

Aha.

Cr:

Das ist ein schamanisches Kunstwerk mit unglaublicher Tiefe. Die germanische Kultur war eine Schamanische. Die germanischen Völker lebten wie die Indianer Nord-West-Amerikas. Mythologie, heilige Tiere und Pflanzen weisen Parallelen auf. Wahrscheinlich kommt daher auch unsere Indianerfreundlichkeit.

Jh:

Ich dachte das wäre eine Konditionierung durch Karl May.

Cr:

Das geht tiefer. Bis ins Mittelalter existierten auch bei uns nur Wald und Wiesen. Der Wisent ist biologisch kaum unterscheidbar vom Bison. Das Leben der Germanen wurde wesentlich durch die Seherin, eine Frau, bestimmt. Die Germanen haben die Frauen noch als was besonderes verehrt und ihnen geglaubt. Das waren nicht solche Frauen wie bei uns heute die Politikerinnen, da ist ja nicht viel vom weiblichen übrig geblieben. Diese Seherinnen haben die heiligen Kräuter gekannt, das Bier gebraut, den Hanf, Bilsenkraut, Flachs und Leinen benutzt. Die Hanfernte war ein erotisches Ritual, der Hanf wurde zum Orakeln benutzt.

Jh:

Also kann es für die Suchenden auch heute noch Sinn machen, sich den Ritualen zuzuwenden, die dem eigenen Kulturkreis entstammen?

Cr:

Unbedingt. Wir haben drei Jahrzehnte Propaganda hinter uns, dass Hanf oder Cannabis, wie man sagte, eine kulturfremde Droge sei. Eine unfassbare Lüge. Hanf ist erst durch die imperialistische Drogenpolitik der USA dazu erklärt worden. Die Konsequenz: In der Zeit des Verbotes hat sich auch aus anthropologischer Sicht eine Hanfkultur entwickelt. Diese schliesst natürlich an alte kulturelle Wurzeln an, die nach und nach wieder freigelegt werden.

Jh:

Die Kirche verliert immer mehr an Bedeutung, aber was tritt an die spirituelle Stelle?

Cr:

Ich habe mit Schamanen auf der ganzen Welt zu tun und wenn ich denen vom „Ring der Nibelungen“, den Bruchstücken der nordischen Mythologie der Edda und den Berserkern erzähle, dann fragen die mich: „Was wollt ihr eigentlich von uns, ihr habt doch alles?“ Aber: Wir haben zwar diese Wurzeln, aber keine sozial definierte Rolle eines Schamanen. Zudem haben wir nur Texte und Musik, aber keine praktischen Rituale. Also ist meine Antwort an diese Schamanen: „Wir brauchen euch als Geburtshelfer!“ Momentan sehe ich tatsächlich einen Prozess der Globalisierung des Schamanismus und vielleicht passiert es ja, dass Schamanen hierher kommen und jemanden sehen, der ein Berufungserlebnis hatte, dieses aber nicht deuten kann. Diese Person müsste dann bei verschiedenen Schamanen in die Lehre gehen…

Az:

…. bevor sie in die Psychiatrie kommt!

Cr:

Ja, ja. In der Ethnologie wurden die Schamanen ja auch lange als psychiatrische Fälle betrachtet. Dabei sind Schamanen die gesündesten Menschen des Planeten.

Az:

Weil sie mehr in sich aufnehmen können und einen erweiterten Zugang zu den Dingen haben. Da haben wir viel mehr Mauern.

Jh:

Da steht eine Menge Angst davor.

Cr:

Klar, das hat immer mit Angst zu tun. Siegfried zog aus das Fürchten zu lernen. Weil er keine Angst hatte, konnte er sogar gegen Wotan antreten. Das ist die wichtigste Eigenschaft des Schamanen: Angstfrei zu sein. Daran kann ich immer die Pappmache-Schamanen erkennen – wenn ich denen einen Trank von mir vorsetze und sie den nicht anrühren, dann sind sie durchgefallen: Schamanen-Test nicht bestanden. Ein richtiger Schamane würde gar nicht fragen, sondern kippen.

Az:

Den nächsten Tag hat er dann aber auch frei.

Cr:

Schamanen haben nie frei.

Jh:

Nie Urlaub?

Az:

Sie sind frei, haben aber nie frei.

Cr:

Ja, genau.

Hamburg, 26. Juni 1999
Hamburg, 26. Juni 1999

Jh:

1995 unterhielten wir uns das letzte mal. Damals nahmst Du an, dass bei einer rot-grünen Regierung Cannabis legalisiert werden würde.

Cr:

So stand es damals auch im Programm. Es ist ein Jammertal mit den Grünen. Die dürften sich nicht mehr „Die Grünen“ nennen. Das Problem ist, dass viele der grünen Politiker intelligenter sind als ihre Kollegen, aber genauso bestechlich. Das gesamte politische System ist marode, die Gesellschaft wird in erster Linie durch die grossen Konzerne gesteuert. Von denen sind auch die Politiker abhängig. Es gibt keinen unbestechlichen Politiker mehr. Alleine 15 Tausend Mark Monatsgehalt und dann die Jobs in Aufsichtsräten und steuerlich absetzbaren Sonderaufwendungen, Unsere Politik ist bestimmt von den buddhistischen Grundgiften: Gier, Hass und Ignoranz.

Az:

Mehr „politricks“ als „politics“, wie man auf Jamaika sagt. Irgendwann setzt sich vielleicht die Einsicht durch, dass man die Kiffer bei einer Legalisierung des Hanfmarktes genauso aussaugen könnte wie andere Steuerzahler.

Cr:

Ich bin gar nicht sicher, ob ich das wirklich will. Ich weiss nicht, ob ich auf Haschisch Steuern zahlen will, zudem an eine Regierung, die sich als Kriegstreiber offenbart hat.

Az:

Wie bei Tabak und Alkohol wären die Steuern ja nicht an einen guten Zweck zum Wohle der Verbraucher gebunden. Wenn eine Abgabe so organisiert wäre, dass das Geld im Sinne der Konsumenten verwendet würde, wäre das vielleicht nicht verkehrt. Wenn die Steuern zu hoch sind, wird ja trotzdem geschmuggelt wie wild. Das sieht man ja bei Alkohol und Tabak.

Cr:

Die Politiker sollten die Verhaltensmuster von Parasiten studieren. Dann wüssten sie, dass dort der Wirt nie zu sehr ausgenutzt wird. Es gibt dort eine natürliche Schmerzgrenze und die ist bei uns längst überschritten. Niemand hat doch mehr Bock auf Politik. Die CDU wirbt inzwischen mit Plakaten, die man in den 80er Jahren bei den Grünen gesehen hat. Von politischer Aussage keine Spur, da geht es doch nur um Personalkult. Und gerade die CDU-Politiker und Politikerinnen gehören nicht zur schönen Seite der menschlichen Art.

Az:

Politik ist nichts für Ästheten.

Cr:

Und nichts für Menschen mit geistigem Feinsinn.

Jh:

So ist es leider. Darum sollten wir das Thema auch abschliessen.

Az:

Es gibt beim Hanf ja zwei Arten von Puritanern. Zum einen die Faserhanfpuritaner, die unbedingt eine Trennung zum Rauschhanf haben wollen, obwohl sich nur mit dem Image des berauschenden Hanfes vernünftige Verkaufszahlen erzielen lassen. Dann gibt es die Rauschhanfpuritaner, denen es nur um Cannabis geht. Ob man andere „Drogen“ Verboten lässt, ist ihnen egal oder sie befürworten es sogar.

Cr:

Puritanismus ist eine Krankheit. Puritaner sind arrogant und uneinsichtig und haben kein Interesse an der Welt ausserhalb ihrer Bedürfnisse. Und sie übernehmen weder für sich oder irgend etwas anderes Verantwortung. Bei den klassischen Puritanern wird alles Gott ueberlasse, dann ist man die eigene Verantwortung los. Puritanismus unter Kiffern ist erschreckend. Das sind letzlich genausolche Spiessbürger wie diejenigen, die jeden Kiffer am liebsten in die Anstalt einweisen wollen. Wenn man keine Toleranz im Leben walten lässt, dann wird man in der „Hölle“ brutzeln…

Jh:

….um eines ihrer christlichen Bilder zu benutzen.

Az:

Die Welt funktioniert halt nicht so, wie sie sich das vorstellen. Man sollte wohl ohnehin von der Konfrontation zwischen dem guten Hanf und dem bösen Alkohol wegkommen.

Cr:

Es gibt kein „Gut und Böse“. Das sind alles von Menschen erfundene und anerzogene Werte, an denen man sich festklammert, damit man ein Gerüst für sein eigenes Leben hat. Moralische Bewertungen sind Erfindungen. Wenn man es nicht schafft, das zu erkennen, dann hat anscheinend auch jahrelanges Kiffen nichts geholfen.

Jh:

Kiffen macht nicht klug?

Cr:

Manche Leute glauben, durch Kiffen würde man zum besseren Menschen werden. Bei einigen Individuen stimmt das, in der Masse ist das aber nicht ersichtlich.

Jh:

Wie hängt das mit der Legalisierung der Hanfpflanze zusammen?

Cr:

In der Legalisierungsfrage haben wir es nicht mit der Frage um die Wirkung einer Pflanze zu tun, sondern damit, dass eine bestimmte Gruppe eine andere Gruppe unterdrücken und kontrollieren will. Das ist das Phänomen der hierarchischen Kontrolle. Das Grundproblem ist die hierarchische Gesellschaft und der Glaube daran, dass manche Menschen über andere bestimmen sollen. Als dieser Gedanke das erste mal in der Geschichte der Menschheit auftrat, begannen die Probleme. Jede Form hierarchischer Kultur ist unglaublich zerstörerisch. Es zerstört das Individuum in seiner freien Entfaltung, weil es Denkmuster -meist per Gesetz- vorgibt. In allen hierarchischen Kulturen wurde sofort der Schamanismus verboten. Überall wurden Techniken und Substanzen verboten, die den Menschen befreien können. Dabei ist es völlig egal, was es ist. Überall gab es dann Substitute, die zentral vergeben oder selbst hergestellt wurden. Als in Russland der Schamanismus und die Fliegenpilzeinnahme verboten wurden, haben die Schamanen halt ein paar Liter Wodka getrunken, um in die schamanische Trance zu fallen. Mit Fliegenpilzen ist das aber einfacher und gesünder.

Jh:

Substanzen sind also nicht an sich gut oder schlecht?

Cr:

Das ist eine unfassbare Anmassung des Menschen. Nach zweitausend Jahren christlicher Gehirnwäsche ist die Annahme, dass es sowas wie „Gut und Böse“ gibt, weit verbreitet. Die hierarchische Gesellschaft hat als Prämisse, dass es bessere und schlechtere Menschen gibt.

Jh:

Nun geben sich Menschen in einem Verbund aber doch Regeln, wie man miteinander umgehen will.

Cr:

Ja sicher, aber das kann man auf anarchischer Ebene viel besser. Ein Arrangement, wie man miteinander lebt, ohne einander zu stören. Das lässt sich in Stammesgesellschaften gut beobachten.

Jh:

Und diese Fähigkeiten werden schon früh unterdrückt?

Cr:

Alle Formen des Denken und Handelns, die mit der Aufhebung hierarchischer Strukturen zu tun haben, werden unterdrückt und verboten. Das fängt in der Familie an, zieht sich durch den Kindergarten bis hin zur Schule. Die Schule ist doch heutzutage nichts weiteres als eine Gehirnwäschestation um Steuerzahler zu erzeugen: Eigenes Denken unerwünscht. Die Tendenz setzt sich an den Universitäten fort, die mittlerweile zu Grabesstätten der Wissenschaft geworden sind. In unserer Gesellschaft blüht eine Kultur der Unterdrückung der Befreiungsmöglichkeiten des Menschen, na sagen wir mal, von der Last des Seins.

Jh:

Womit wir wieder beim Buddhismus wären.

Cr:

Die buddhistischen Grundgifte werden durch unsere Kultur gefördert: Gier, Hass und Ignoranz. Ignoranz ist die Angst, ausserhalb der Schulmeinung zu stehen, Gier ist der Keim allen kapitalistischen Strebens, Hass wird durch Intermezzi wie Golf-Krieg, Jugoslawien-Einsatz oder den Krieg zwischen Indien und Pakistan geschürt. Man braucht in einer hierarchischen Gesellschaften immer einen Teufel, das „Böse“. Und der wird „gut gewindelt“ am Leben erhalten.

Az:

Da bieten sich ja „Drogen“ an. Erst recht jetzt wieder, wo das Gespenst des Kommunismus verschwunden ist. In Deutschland hat sich das über dreissig Jahre lang bewährt.

Cr:

Wir haben es nicht mit dem Verbot einer Pflanze, sondern dem Verbot einer Geisteshaltung und -entwicklung zu tun, ein Verbot der Psychoaktivität. Dabei ist beispielsweise die Hanfpflanze nur „perfekt“, d.h. wenn sie ein „Bueffel“ ist, also eine Pflanze ist, von der man jeden Teil nutzen kann. Man muss akzeptieren, dass es gerade das THC ist, mit dem sich die Pflanze gegen Ungeziefer schuetzt. Wenn man die Pflanze „kastriert“, d.h. ihr den THC-Gehalt nimmt, offenbart man damit auch die Aufspaltung des Geistes, die sich in der kulturellen Schizophrenie manifestiert.

Jh:

Wenn wir aber nun das Gute suchen, den Silberstreifen am Horizont? Was sagst du zum Internet? Information kann frei fliessen…

Cr:

Ich hoffe sehr, dass das Internet zur Verbreitung anarchischer Ideen beiträgt. Allein die Tatsache, dass es sowas gibt, ist köstlich und wichtig. Aber man muss die Informationen, die man im Internet findet, mit Vorsicht geniessen. Jeder Idiot kann Nachrichten in die Welt setzen: Ich habe da drin Rezepturen gefunden, die lebensgefährlich waren. Da man nicht weiss, was für einen Hintergrund die Leute haben, liegt da eine potentielle Gefahr. Überhaupt gibt es in der sogenannten psychedelischen Bewegung -was immer das auch ist- viele Idioten, die einer Entspannung der Lage nur im Wege stehen. Zugleich ist das Internet ein piratisches System, welches dazu beiträgt, dass freischaffende Autoren beklaut werden: Copyright-Verletzungen am laufenden Band. Ich als Autor kann damit nicht einverstanden sein.

Jh:

Das sehe ich für mich anders. Ich schreibe zwar bei weitem nicht so viel wie Du, aber wenn ich meine Texte einmal verkauft habe, stelle ich sie danach ins Netz, damit noch mehr Menschen was davon haben.

Cr:

Das ist was anderes. Da entscheidest Du Dich selbst dafür. Copyright auf Eigene Bücher ist nunmal da. Und bildende Künstler werden zum Beispiel durch das Internet noch mehr ausgebeutet.

Az:

Wie stehst Du eigentlich zu dem Boom, der auf dem Markt der psychoaktiven Pflanzen herrscht?

Cr:

Ein komplexes Gebiet. Zum einen ist es natürlich schön, wenn der Zugang zu psychoaktiven Pflanzen erleichtert wird. Ich kenne einige wirklich verantwortungsbewusste Unternehmer auf diesem Gebiet, die korrekte Infos weitergeben, beispielsweise Concious Dreams in Amsterdam. Zum anderen zweifle ich an der Kompetenz vieler Smart-Shop und Versandhandelbetreiber. Die Behauptungen über die Wirkung mancher Sachen sind haarsträubend. Oft kommt hinzu, dass der Inhalt der Tüten oft nicht mit dem Aufdruck übereinstimmt. Zudem finde ich die Überteuerung unangemessen. Manches von dem Kraut bekommt man schon in der Apotheke billiger. Es scheint, dass da mancher skrupellos auf ein kommerzielles Ross aufspringt, um die schnelle Mark zu machen.

Az:

Das Einzige was in Amsterdam in dieser Hinsicht wirklich wirkt, sind die Pilze, 2-CT-2 und DXM.

Cr:

In Holland nennen sich die Geschäfte „Smart-Shops“ und in den meisten Laeden sieht man nicht ein einziges Buch. Dabei muss die Information unbedingt mitgeliefert werden. Der Trost ist nur, dass man von dem meisten Zeug dort die ganze Packung fressen kann, ohne dass man Gefahr läuft, was zu merken. Diese „Herbal-Ecstasy“-Geschichte beispielsweise halte ich für Betrug.

Az:

Da wurde eine Idee in Pillenform verkauft. Der Konsument hat dann wieder den Horror einer Unterdosis.

Cr:

Terence McKenna hat mal gesagt: „Legal Highs means it doesn´t work.“ Natürlich gibt es legale, pflanzliche Substanzen die hochpotent sind, aber die Verkaufsbezeichnung „Legal High“ ist irreführend. Das Interessante ist: Die Käufer wollen die Illusion, denn echte Erfahrungen sind ihnen viel zu gefährlich!

Jh:

Wenn Du auf die letzten Jahre zurückblickst, wie hat sich die an deinen Büchern und Vorträgen interessierte Szene verändert?

Cr:

Früher wollte mich die Eso-Szene vereinnahmen. Aber wenn ich denen meinen Walkman-Kopfhörer mit Dark-Metal rübergereicht habe, ging bei denen der Rolladen runter. Wenn ich bei esoterischen Veranstaltungen bin, ziehe ich mir meist Totenkopfringe über die Finger, damit die gleich wissen, wo es langgeht. Wenn dann die weissgekleideten, schwebenden Lichtgestalten auf mich zukommen, werden sie durch diesen Schutzbann gegen die esoterische Leichtigkeit abgeschreckt. Wer nicht auf einen Totenkopf schauen kann, der braucht gar nicht erst von Spiritualität zu reden.

Az:

Der braucht auch gar nicht erst in den Spiegel zu gucken.

Cr:

An mir hat sich die Eso-Szene schnell die Zähne ausgebissen. Sie wollten natürlich auch nicht hören, was ich zum Schamanismus zu sagen habe. Die haben recht seltsame Vorstellungen von „sanfter Heilung“, dabei ist Schamanismus brutal, da geht es um Leben und Tod. Wenn man da nicht durchwill, braucht man sich mit dem Thema erst gar nicht zu beschäftigen. Neuerdings erreiche ich ein ganz anderes Publikum: Zum Beispiel habe ich beim Kongress der kardiologischen Gesellschaft den Eröffnungsvortrag über das Herzchakra im nepalesischen Tantra gehalten. Ich war beim Saechsischen Landesapothekertag und habe über geistbewegende Pflanzen in Peru gesprochen. Ich war sogar bei den Jesuiten eingeladen, um was über psychoaktive Pflanzen zu berichten. Es freut mich dass ich diese Leute erreiche, denn ich sehe mich als ernsthaften Forscher und Wissenschaftler mit interdisziplinärem Ansatz an. Für mich ist die Naturwissenschaft das universelle Erkenntnisstreben um die Geheimnisse unserer Natur, zu der wir ja gehören; das gilt es zu erkennen.

Jh:

Es besteht also ein Bedürfnis bei diesen Leuten nach einer anderen Perspektive.

Cr:

Unbedingt. Fast jedesmal nach solchen Vorträgen stehen sie mit offenen Mündern da und warten darauf, dass ich ihnen was reinträufel. Was ich natürlich nicht tue, weil ich auch nichts habe. Aufgrund der Tatsache, dass ich promovierter Wissenschaftler bin, besitze ich eine gewisse Power Dinge zu sagen, die sich die Leute auch anhören. Ich habe am Institut für Lehrerfortbildung mal ein Seminar über LSD gegeben. Nach dem Seminar wollte die eine Hälfte mal probieren, die andere Hälfte war schockiert, weil ich ihnen gesagt habe, sie sollen den Schülern den richtigen Gebrauch von LSD erklären und nicht verbieten.

Jh:

Und die jüngere Generation unter 25?

Cr:

Da scheint es wie immer zu sein: Da gibt es die Typen, die sich einfach nur volldröhnen lassen wollen und diejenigen, die mehr an Erkenntnissen interessiert sind. Als ich an der Uni gelehrt habe und in meiner Einführung für Ethnologie 120 Studenten sitzen hatte, war ich überrascht. Als ich die gefragt habe, was sie hier eigentlich wollen, sagten sie: „Wir brauchen den Schein!“ Diejenigen die den Schein brauchen, sagte ich da, die gehen am besten nach Hause.

Jh:

Scheinstudium ist Scheinstudium.

Cr:

Scheinstudenten. Die haben lange Gesichter gemacht, weil sie dachten, och, der Rätsch ist ein Freak, bei dem kriegen wir den Schein ohne was zu tun. Wenn man in sich nicht den Drang nach Erkenntniszuwachs spürt, ist man an der Universität verkehrt. Das Universitätswesen ist verkorkst. Viele Professoren beschäftigen sich nur damit, wie sie den Kollegen an der Nachbar-Uni in die Pfanne hauen können. Das ist schade, denn dadurch haben es die wahren Forscher um so schwerer. Bei meinem Seminar standen die Studenten Schlange, damit ich ihnen ein Thema für die Hausarbeit gebe, obwohl ich ihnen zuvor gesagt hatte, sie sollen sich selbst ein ethnologisches Thema ausdenken.

Az:

Gib mir etwas, wofür ich mich interessieren soll!

Cr:

Das ist furchtbar, das sind Zombis.

Jh:

Zum Abschluss: Kannst du dein Interesse am Thema „Drogen und Bewusstseinsveränderung“ in drei Sätze packen? Was ist das Credo deiner Erfahrung?

Cr:

Psychoaktive Pflanzen und Substanzen sind für mich lebenswichtig. Sie haben mir vielfältige Erkenntnisse, Einblicke in meine und die mich umgebene Natur gegeben und sie haben mein Leben unendlich bereichert. So in der Art meintest du?

Jh:

Ja, denn es ist doch wichtig, dass das mal deutlich gesagt wird! Az:

Denn das ist das eigentliche Tabu: „Drogen“ bringen auch Spass und können das Leben bereichern.

Cr:

Diese Pflanzen können das Leben verschönern, Perspektiven aufzeichnen, heilen, der Sexualität und Erotik eine neue, ungeahnte Tiefe verleihen und die wissenschaftliche Erkenntnis fördern.

JAdh und AZ:

Vielen Dank für das Interview.

 


 

Christian Rätsch hat eine Fülle von Büchern veröffentlicht. Sein Hauptwerk ist sicherlich die „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“, in der Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen der weltweit genutzten Pflanzen aufgeführt sind.
 

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Cannabis Drogenpolitik

Drogenpolitik in Arizona

Bekiffte Kuhjungen im Sattel

In Arizona darf gekifft und gedealt werden – wenn man Steuern zahlt

Langsam steuert Jeff seinen Van durch den Vorort von Tucson. Aus dem Radio klingt die blecherne Stimme Willi Nelsons, der Aschenbecher ist randvoll und das geöffnete Seitenfenster bringt nur wenig Kühlung. Zu heiß ist die Luft, als daß die Haut von Jeff ihre Bewegung als erfrischend empfindet.

Das kurze Aufheulen einer Sirene reißt den jungen Mann jäh aus seinen Träumen, im Rückspiegel erkennt er die blinkenden Warnleuchten eines Polizeiautos – anhalten! Betont lässig schlurft einer der beiden Cops zu Jeffs Vehikel. „Kann ich mal Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen?“ Die Papiere sind in Ordnung, aber ein Blick auf die Ladefläche des Vans zeigt dem Cop, daß Jeff mit vier ausgewachsenen Marihuanapflanzen an Bord durch seinen Diskrikt fährt. „Und was ist das?“ fragt der Sheriff. „Vier Cannabispflanzen. Hier ist die nötige Lizenz, die dazugehörigen Steuermarken und eine Kopie vom Präzedenzfall des Amtsgerichts“, antwortet Jeff und überreicht die Dokumente. Nach kurzer Überprüfung wünscht der Cop „weiterhin eine gute Fahrt“.

Eine Fiktion? Eine nette gute-Nacht-Geschichte? Ein Kiffermythos? Nein, unlängst so geschehen in Arizona. Nach einer Entscheidung eines Gerichts in Phoenix, ist der Besitz und Verkauf von Marihuana legal, wenn die Bürgerin die staatliche Konzession sowie gültige Steuermarken ihr Eigen nennt. Und die erhält jedefrau beim Finanzamt. „Wir sind sicher, daß die Entscheidung des Gerichts wieder umgeworfen wird“, hofft Barnet Lotstein, Assistent des Staatsanwalts, welcher Berufung gegen das Urteil eingelegt hat. Das Gesetz sei nicht entworfen worden, um die Produkte der Cannabispflanze zu legalisieren, sondern um Drogenhändler zu bestrafen. Den Rechtshändel angezettelt hatte Peter Wilson, Vorsitzender des Ablegers der „National Organization for the Reform of the Marijuana Laws“ (NORML) in Arizona. Wilson war des Besitzes von Haschisch angeklagt, trotzdem er die staatlichen Lizenz besaß. Der Vorsitzende Richter, John Barclay, wollte nicht einsehen, warum Wilson auf der einen Seite Steuern für Rauschmittel zahlt, auf der anderen Seite für ihren Besitz bestraft werden soll.

Seit dem Urteilsspruch pilgern Scharen von Liebhabern der Hanfpflanze in den 48. Staat der Vereinigten Staaten von Amerika. Legalisierungsbefürworter verkaufen Cannabis direkt vor dem Regierungssitz und Rich Davis, Inhaber des mobilen Hanfmuseums, welches mit ihm seit Jahren durch die USA zieht, brachte Ein-Gramm Beutel unter den Augen von Polizeioffizieren an Frau und Mann. Verhaftet wurde niemand. Ron Kiczensky kündigt die Eröffnung einer Firma an, welche ausschließlich Cannabis vertreibt. „Das wird die erste legale Marihuana-Zigaretten-Company“, freut sich der bekannter Marihuana-Aktivist.

Wilson triumphiert: „Holt Euch eure Lizenz, die Marken und eine Kopie des Gerichtsentscheids“, fordert er seine Hänflinge auf. Die einzige Einschränkung bevor man als legaler Dealer aktiv wird: Die Steuern sind im voraus zu entrichten. 100 amerikanische Taler für die Lizenz und 500 für die Marken berechtigen somit beispielsweise zur Rücklage von annähernd 1,4 Kilo Cannabis. Der Staat verpflichtet den Interessenten, mindestens 50 Ein-Gramm-Marken zu erstehen; schon eine Investition von 117.50 Dollar dürfte damit den Eigenbedarf decken.

„Dieses Gesetz gibt den Anschein, daß wir Marihuana-Konsum in diesem Bundesstaat legalisiert hätten“, wütet Scott Bungaard. Mit einem jetzt in das lokale Parlament eingebrachten Änderungsantrag will der republikanische Abgeordnete das muntere Treiben im Wilden Westen beenden. Zur Verwunderung aller Cannabisfreunde unterließ der Gouverneur des Staates, Fife Symington, es bislang, den zuständigen Behörden per Exekutivorder die weitere Ausgabe von Lizenzen zu untersagen. Nicht ohne Grund, vermutet man bei NORML, denn offiziellen Statistiken zufolge beschlagnahmte die Grenzpolizei Arizonas im Jahre 1994 fast 57 Tonnen Marihuana. Wären die Steuern hierfür ins Staatssäckel geflossen, könnte Symington für seinen nächsten Wahlkampf 18 Millionen Dollar mehr ausgeben. Dazu kommt, daß der aufgegriffene Hanf nur einen verschwindend kleinen Teil der Menge ausmacht, die jedes Jahr über die Staatsgrenze geschmuggelt wird…- eine unversiegbare Quelle steht dem Wüstenstaat in Aussicht.

Inzwischen erfährt dem Richterspruch Unterstützung durch juristischen Kollegen. Die obersten Gerichte von Illinois und Indiana sprachen ebenfalls Personen frei, die -wie Wilson- trotz einer staatlichen Legitimiation des Besitzes von Marihuana angeklagt waren. „Um die Marihuanasteuer zu bezahlen, muß man ein Verbrechen begehen“, begründete Richter Harrison aus Illinois seine Entscheidung.

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Drogenpolitik

Der Kongreß tanzt im Geist von Wolfgang Neuss

Wenn die Universität Bremen zum Symposium „Cannabis-Politik, Strafrecht und Verfassung“ ruft, lockt dies nicht nur Experten aus aller Damen Länder, sondern auch die Vertreter vom HANFBLATT an. Richten wir doch einmal unsere Aufmerksamkeit auf die (ganz subjektiven, versteht sich) Impressionen der Beobachter.

Beobachter I: Am geilsten fand ich eigentlich den Quensel.

Beobachter II: Der Doktor Ambos war auch nicht schlecht.

Beobachter I: Wer war das noch? Hat der ´nen Vortrag gehalten?

Beobachter II: Let´s talk about Sex please. Aber ham die doch alle!

Beobachter I: Worum ging´s?

Beobachter II: Um ziemlich viel Recht. Für mich war irgendwie nichts richtig Neues dabei. Und für Dich?

Beobachter I: Nix Neues von der Front. Chirac ist ein Hard-Liner in Sachen Cannabis.

Beobachter II: Fuck Chirac!

Guck mal, der Schwarm deiner einsamen Nächte kommt da gerade aus der Tür. Eng geschnürt, kunstorientiert.

Beobachter I: Aber auch verspannt, angekrankt, künstlich.

Beobachter II: Professor Quensel meint ja, daß Cannabiskonsum längst in den Alltag integriert ist.

Beobachter I: Ohne größere Probleme.

Beobachter II: Und dann wunderten sich die Amis darüber, daß hier überhaupt noch der Flashback diskutiert wird. Für die war längst klar, daß es sowas bei Kiffern noch nie nachweislich gegeben hat.

Es geht eine Spaltung durch´s Land, laut Quensel, der liberale Norden und der reaktionäre Süden, was die Entkriminalisierung betrifft.

Beobachter I: Gedankengefängnisse und konservative politische Interessen behindern den Fortschritt.

Und dann kam noch dieser komische Typ aus Amsterdam, wenn man chronologisch vorgehen will, was wir nicht müssen.

Drogengebrauch ist ein öffentliches Gesundheitsproblem. Es ist kein moralisches oder kriminelles Problem. Das ist die Grundlage niederländischer Drogenpolitik.

Beobachter II: Nur einer mit Hanfmütze. Sah aus wie ein Klischeevertreter von NORML, den amerikanischen Legalisierungsheinzels. War aber wahrscheinlich der Oberstaatsanwalt.

Beobachter I: Es kommt einem immer sehr sehr lange vor: Stoned im Stehen pinkeln.

Beobachter II: Guten Bildschirmschoner hast du. Wie heißt der?

Beobachter I: Plasma!

Beobachter II: Und was hat der Verkehrskasper erzählt?

Beobachter I: Sein Vortragsstil war ermüdend.

Beobachter II: Es ging hier vielmehr um die zentrale Frage: „Warum haben Sie kein Hanf-Jackett an?“

Beobachter I: Die USA schnitten auch nicht so gut ab.

Beobachter II: Wie das Super-Skunk.

In Polen wird Besitz ja nicht bestraft, egal wieviel man hat.

Beobachter I: Soll sich bald ändern.

Beobachter II: Und in der Mensa gab´s nicht mal Arbeitslosenvergünstigung.

Beobachter I: Der Typ bei Udopea hatte mehr Ahnung.

Beobachter II: Das war Bremen. Voll im Pudding. Und jetzt noch mal von vorne, seriös.

Beobachter I: Auf einer Fachtagung, zu der das Institut für Kriminalpolitik eingeladen hatte, wurde kritisiert, daß die Bundesländer sich immer noch nicht auf einheitliche Richtlinien geeinigt haben.

Beobachter II: Die anwesenden Teilnehmer waren sich weitgehend darüber einig, daß Hanf eine ganz lockere Sache ist. X-pertN aus aller Herren Länder klopften sich gegenseitig auf die Schultern und waren sich wohlgesonnen.

Beobachter I: Archido, das Drogenarchiv, war gut.

Beobachter II: Ist aber noch im wachsen begriffen, wie ein Ei, daß seine Schale sprengt. Da müßten allerdings Fanatiker drin arbeiten, die sich bei jedem Buch die Hände reiben und ausrufen: „Ja, geil, das ist ja super!“

Beobachter I: 30 Kilometer Stau auf der Gegenfahrbahn.

Beobachter II: Gesundheit!

Und nächstes Mal:

Beobachter I: TEE – Die Superdroge!

Beobachter II: Hermes Phettberg kommt ja bald auf 3sat.

Beobachter I: Das ist doch auf jeden Fall mal ´nen Tip wert.

Beobachter II: Cannabis ist auch ein bisschen harntreibend.

Die 10 Gramm-Regel, die bringt einen doch wieder aus dem Koma raus, der Aufreger der Woche. Wie oft am Tag soll man denn nun zum Automaten runter?!

Am Neunundzwanzigsten ist doch in Berlin was über Cannabis als Medizin!

Beobachter I: Ja, da fahrn wir hin!!!

 

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Drogenpolitik Interviews Interviews Psychoaktive Substanzen

Gespräch mit Renate Soellner Autorin der Studie „Abhängig von Haschisch?“

Abhängig von Haschisch?

Eine Studie, die sich mit dem Phänomen „Abhängigkeit von Cannabis“ beschäftigt, liegt nun schwarz auf weisses Papier gedruckt vor. Olala, ein Buch! Anlass genug für das Hanfblatt mal bei der Autorin Frau Dr. Renate Soellner von der Freien Universität Berlin nachzuhaken.

az

Hanfblatt: Wie kam es dazu, dass Sie die Frage, ob man von Cannabis abhängig werden könnte, untersucht haben?

Soellner: Der Begriff Abhängigkeit wird sehr uneinheitlich verwendet. In den überwiegenden Fällen (siehe BtMG) dient er als Rechtfertigung für einen restriktiven Umgang mit Cannabis. Die Frage ob eine Abhängigkeit gleichzeitig als schädlich für das Individuum und/oder seine Umwelt angenommen werden muss, wird gar nicht mehr gestellt, vielmehr wird dieser Zusammenhang als gesichert angenommen. Dabei kommt es natürlich darauf an, was man unter Abhängigkeit versteht. Im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem vierjährigen Forschungsprojekt zu Konsummustern von Cannabis, beschäftigte ich mich eingehend mit dieser Thematik und fand die derzeitige Forschungslage unbefriedigend, so dass sich eine eigene Untersuchung hierzu geradezu aufdrängte.
Von 1993 bis 1996 wurden insgesamt 1458 Personen befragt und dabei jeweils 700 Einzelinformationen erfasst. Knapp 57 % der Befragten kamen aus Berlin, der Rest vor allem aus NRW und BW. Erreicht wurden die Cannabiskonsumenten besonders über die Medien, Universitäten, private und „Szene“-Kontakte sowie Hilfseinrichtungen für Jugendliche und junge Erwachsene. Lediglich 41 Konsumenten erfüllten die Diagnose „Abhängigkeit“ nach einem in der Psychiatrie gebräuchlichen Klassifikationssystem, den DSM-IV-Kriterien, kurz sie kifften mehr als sie eigentlich wollten.

Hanfblatt: Ist „Cannabis-Abhängigkeit“ aus Ihrer Sicht ein Problem?

Soellner: Dies ist davon abhängig wie man Cannabisabhängigkeit fasst. Entsprechend meiner Studien ist es nicht angebracht die Kriterien für Abhängigkeiten von anderen Stoffgruppen auf die Substanz Cannabis anzuwenden. Das heisst man müsste sich erst einmal darüber klar werden, was Abhängigkeit von Cannabis eigentlich bedeuten soll. Wendet man die offiziellen Abhängigkeitskriterien dennoch an, so zeigen unsere Ergebnisse, dass es nicht notwendigerweise ein Problem sein muss, von Cannabis abhängig zu sein. Allerdings gibt es eine Gruppe von Konsumenten, die über eine deutlich schlechtere psychosoziale Gesundheit verfügen als nicht abhängige Konsumenten.

Hanfblatt: Werden Sie sich auch weiterhin mit Fragen des Cannabiskonsums beschäftigen?

Soellner: Ja.

Hanfblatt: Wie sollte von Seiten der Politik mit Cannabiskonsumenten umgegangen werden?

Soellner: Nicht repressiv, sondern differenzierend hinsichtlich der Konsumform. Das heisst Hilfs- und Unterstützungsangebote für die, die sie brauchen.

Wer sich eingehender mit der Thematik beschäftigen will oder muss, dem sei die „Soellner-Studie“ empfohlen.

Renate Soellner
„Abhängig von Haschisch?
Cannabiskonsum und psychosoziale Gesundheit.“
Verlag Hans Huber, CH-Bern 2000
215 S., zahlreiche Grafiken
ISBN 3-456-83517-5
DM 49,80/Fr. 44.80/öS 364,-

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Interviews Interviews

Interview mit Lester Grinspoon

HanfBlatt 6/1998

Marihuana – Ein medizinisches Wunder

Interview mit dem Cannabis-Experten Lester Grinspoon

Die medizinische Anwendung von Cannabis erregt auf internationaler Ebene und auch in Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit. Unglücklicherweise beherrschen noch immer Angst und Desinformation die Diskussion, aber mehr und mehr Menschen entdecken die medizinischen Möglichkeiten der Pflanze. Einer der Pioniere der Erforschung des medizinischen Hanfs ist Lester Grinspoon, Professor an der Harvard Medical School in den USA. In den letzten 30 Jahren schrieb er über 140 Aufsätze und 12 Bücher über Cannabis und andere Drogen. In dem Interview berichtet Grinspoon über seine Arbeit, die neuesten Forschungsergebnisse und den „Krieg gegen die Drogen“.

HanfBlatt:
Was hat Ihr Interesse an Cannabis geweckt?

Grinspoon:
Es war 1967, als ich unerwarteter Weise etwas Zeit zur Verfügung hatte. Da dachte ich daran, mir einmal Marihuana näher anzuschauen, um zu sehen, warum es soviel Theater um die Pflanze gab. Ich war zu dieser Zeit sicher, daß Marihuana eine äußerst gefährliche Droge ist und ich verstand die jungen Leute nicht, die trotz aller Warnungen Cannabis rauchten. Die folgenden drei Jahre verbrachte ich mit Forschung und Sichtung der Literatur und ich mußte lernen, daß ich wie viele andere auch einer Gehirnwäsche unterzogen war. Marihuana ist zwar nicht harmlos, gleichwohl aber viel ungefährlicher als Alkohol oder Tabak. Und -um es vorweg zu nehmen- es ist deshalb der einzig vernünftige Weg damit umzugehen die legale Abgabe durch ein kontrolliertes System. Ich beschrieb das 1971 alles in dem Buch „Marihuana Reconsidered“. Damals wurde das Werk kontrovers diskutiert, heute ist es mit einer neuen Einleitung neu erschienen.

Ihre Forschung ergab, daß Cannabis im Vergleich zu Alkohol oder Tabak harmlos ist…

Ich denke Cannabis ist nicht harmlos. Es existiert keine an sich harmlose Droge. Aber Cannabis ist -egal welche Kriterien man heranzieht- weniger gefährlich als Alkohol und Tabak. Als Beispiel: Tabakkonsum kostet in den USA jährlich 425 Tausend Menschen das Leben, Alkohol vielleicht zwischen 100 und 150 Tausend, gar nicht zu sprechen von all den anderen Problemen, den Alkoholkonsum mit sich bringt. Mit Cannabis gab es keinen einzigen tödlichen Fall. Wenn Cannabis noch immer mit US-Pharmacopoeia1 stehen würde, wäre es unter den am wenigsten giftigen Substanzen aufgeführt.

Es stand noch im Pharmacopoeia am Anfang des Jahrhunderts.

Richtig. Cannabis war eine häufig genutzte Droge, bis es 1941 aus dem Pharmacopoeia entfernt wurde. Das war nachdem das erste drakonische Anti-Marihuana Gesetz im Jahre 1937 erlassen wurde, der „Marihuana Tax Act“. Dieses Gesetz macht es so schwer für Ärzte, Cannabis weiterhin zu verschreiben, daß sie einfach aufhörten es zu nutzen.

Grinspoon

Jüngst wurden Cannabinoid-Rezeptoren im menschlichen Hirn entdeckt. Welche Bedeutung haben diese Rezeptoren für die medizinische Anwendung von Cannabis?

Sehr große. Es ist einige Jahre her, als Solomon Snyder die körpereigenen Opiate entdeckte; sozusagen Substanzen wie Opium, die wir in unseren Körper produzieren. Daraufhin wurde geschlußfolgert, daß auch Opiat-Rezeptoren im Gehirn existieren müssen. Kurz darauf entdeckte eine Frau namens Candace Pert diese. Mit anderen Worten: Wenn man den Rezeptor als Schlüsselloch ansieht und den Neurotransmitter als Schlüssel, dann muß der Schlüssel zu dem Schlüsselloch passen, um die Tür zu öffnen.
Bei Cannabis war es andersherum: Der Rezeptor wurde zuerst gefunden, ich glaube 1990. Von diesem Moment an war klar, daß es ein körpereigenes Cannabinoid geben muß – ein Schlüssel, der den Rezeptor in Gang bringt. Und tatsächlich entdeckte eine Gruppe um W.A. Devane diesen Schlüssel und gaben ihm den Namen „Anandamide“, nach dem Sanskrit-Wort Ananda, was soviel wie Glück bedeutet. Nun wird viel rund um diese Rezeptoren und Anandamide geforscht, welche -und das ist wichtig- nicht nur im Gehirn, sondern ebenfalls in anderen Organen des Körpers entdeckt wurden.
In Zukunft werden wir sehen, daß diese Rezeptoren eine sehr wichtige Rolle bei der medizinischen Anwendung des Hanfs spielen. Schon jetzt ist der klinische Nutzen aber empirisch belegt und aus meiner Sicht Grund genug, um in eine Politik umgesetzt zu werden, die es Menschen erlaubt, Cannabis legal als Medizin zu nutzen.

Stehen diese Erkenntnisse nicht im Widerspruch zu der Behauptung, daß Cannabis Hirnschäden verursacht?

Aus meiner Sicht war diese Behauptung immer nur ein Mythos. Denken Sie doch einmal nach: Wenn der Körper seine eigenen, dem Cannabinoiden ähnliche Substanzen produziert, macht es einfach keinen Sinn das er eine damit einen Stoff herstellt, der sein Hirn zerstört. Schon lange bevor die körpereigenen Cannabinoide entdeckt wurde, gab es genug empirische Beweise dafür, daß Cannabis das Gehirn nicht angreift. Es gibt ein paar wenige methodisch zweifelhafte Studien zu diesem Thema von der NIDA3 und der DEA4.

Was können Sie über die DEA sagen?

Der Vorgänger dieser Organisation war das „Federal Bureau of Narcotics“ und es wurde 1930 von Harry Anslinger geleitet. Anslinger rief eine Kampagne ins Leben, die seiner Ansicht nach zur Aufklärung über die Gefährlichkeit von Marihuana beitragen sollte. In der Realität wurde es zu einer großen Desinformations-Propaganda. Das Flaggschiff dieser Kampagne symbolisiert hervorragend der Film „Reefer Madness“. Wer sich diesen Film heute anschaut, selbst wenn er keine Erfahrungen mit Marihuana hat, wird nur über die unglaublichen Übertreibungen lachen können.

Was denken Sie: Haben die großen pharmazeutischen Firmen etwas mit der prohibitiven Haltung der US-Regierung gegenüber medizinischen Cannabis zu tun?

Absolut. Die Organisation „The Partnership for a Drug Free America“ hat ein Budget von einer Million Dollar am Tag. Viel von diesem Geld kommt von den Pharma-Konzernen und Schnaps-Destillerien. Diese Firmen haben was zu verlieren. Die Pharma-Konzerne sind an Marihuana nicht interessiert, weil die Pflanze nicht patentiert werden kann. Und ohne Patent kann man kein Geld machen. Denken Sie beispielsweise an Krebs-Patienten in einer Chemo-Therapie, die unter ständiger Übelkeit leiden. Momentan können diese das beste der Medikamente gegen Übelkeit nehmen, Ondansetron. Normalerweise nimmt man das Oral, eine 8-Milligramm Pille kostet etwa 40 Dollar und für eine einmalige Behandlung braucht man drei oder vier Tabletten. Viele vertragen das Medikament aber oral nicht und sind auf eine intravenöse Injektion angewiesen. Die Kosten für eine solche Behandlung liegen bei 600 Dollar, denn der Patient muß ins Krankenhaus. Eine andere Möglichkeit: Der Patient raucht eine Marihuana-Zigarette und die Übelkeit wird ebenfalls gelindert. Zur Zeit ist Cannabis auf der Straße zwar sehr teuer. Für eine Unze5 zahlt man zwischen 200 und 600 Dollar. Das ist der Prohibitions-Tarif. Wenn Marihuana als Medizin verfügbar wäre, würde es erheblich weniger als andere Medikamente kosten, ich schätze zwischen 20 und 30 Dollar pro Unze. In den USA kann es nicht mit Steuern belegt werden, weil es ein Medikament ist. Ein Joint würde somit 30 Cents kosten. So könnte ein Chemotherapie-Patient für 30 Cent von seiner Übelkeit nahezu befreit werden. Man sieht also warum die Pharma-Konzerne wenig Interesse an Cannabis hegen.

Sehen Sie das als großes Hindernis in Richtung auf Veränderungen in der Drogenpolitik?

Das spielt zumindest eine Rolle.

In ihrem Buch „Marihuana, die verbotene Medizin“ führen sie viele Referenzen auf, die die heilende Eigenschaft von Hanf bestätigen. Können Sie uns einige der medizinischen Probleme nennen, bei denen Cannabis hilft?

Die am weitesten verbreiteten Erfolge wurden bei der Behandlung von Krebspatienten erreicht, die sich einer Chemotherapie unterziehen. Ein großes Problem bei der Chemotherapie ist, daß die eingesetzten Substanzen Übelkeit und Erbrechen verursachen. Das ist eine Form der Übelkeit, des Ekels, dem man sich kaum vorstellen kann. Es ist sehr wichtig diese Übelkeit zu bekämpfen, damit die Menschen ihr Körpergewicht halten. Wie schon vorhin bemerkt gibt es diverse Medikamente, nur ist Cannabis oft das effektivste. Ein weiteres Beispiel ist das Glaukom, eine krankhafte Steigerung des Augeninnendrucks. Vermindert man dieses Druck nicht, kann das Glaukom zur Erblindung führen. Es gibt hierfür einige Medikamente die gut wirken, aber bei vielen Menschen hilft Cannabis besser und mit weniger Nebeneffekten.

Bei Krämpfen hilft es ebenfalls?

Epilepsie wird seit Jahrhunderten mit Cannabis behandelt. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung in den USA die unter Epilepsie leiden, erhalten keine gute Linderung durch die konventionellen Arzneien. Bei vielen hilft da Cannabis besser. Ebenso bei der Multiplen Sklerose, einer sehr schmerzhaften Krankheit, unter der über zwei Millionen Menschen in den USA leiden. Jeder der einmal einen Krampf bei Schwimmen bekommen hat, ahnt die Schmerzen. Cannabis ist sehr effektiv bei Muskel-Spasmen, nicht nur bei Multipler Sklerose, sondern auch bei Lähmungen.
Es ist nicht lange her, als ich bei einer Diskussion im britischen Fernsehen zugegen war. Eine Frau aus dem Publikum meldete sich und erzählte, daß sie aus Leeds käme und die zweieinhalb Stunden Fahrt nach London auf sich genommen habe, obwohl sie aufgrund ihrer Multiplen Sklerose unter einer nicht zu kontrollierenden Blase leide. Cannabis würde ihr dagegen dabei helfen, die Kontrolle über ihre Blase zu halten.
Cannabis hilft bei leichten Schmerzen und wird auch seit Jahrhundert auf diesem Gebiet angewandt, genauso wie bei Migräne. Die Liste ist lang und ich glaube nicht, daß sie wollen, daß ich weiter mit der Aufzählung fortfahre. Kurzum: Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten, Cannabis hat einen erstaunlich niedrigen Grad an Giftigkeit und es ist preiswert. Meiner Meinung nach wird Cannabis die Wunderdroge des ausgehenden Jahrhunderts, genauso wie es Penicillin in der 40er Jahren war.

In ihrem ersten Buch über Cannabis, „Marihuana Reconsidered“, erwähnen Sie die Unsinnigkeit der Behauptung, daß die internationalen Konventionen, speziell die der UN, ein ernsthaftes Hindernis bei der Legalisierung von Cannabis sind. Stehen Sie noch heute auf diesem Standpunkt?

Keine Frage, ja. Übereinkünfte kann man ändern und ich denke, der Anschub hierfür wird von Europa ausgehen. Das Interesse wächst in Europa schneller als in den Vereinigten Staaten. Ende 1995 erhielten wir einen Brief des Deutschen Herausgebers des Buches „Marihuana, Die verbotenen Medizin“, der uns zur siebten Auflage gratulierte. Er sagte, daß das Buch eine „gesunde Debatte um das medizinische Cannabis in Deutschland“ angeschoben hätte. Die Europäer sind uns weit voraus und der Druck wird von ihnen kommen. Die momentane Situation ist aber auch wirklich furchtbar. Viele kranke Menschen kämpfen schon genug mit ihrer Krankheit, zusätzlich sind sie auch noch dem Druck der Illegalität ausgesetzt.

Denken Sie, daß die internationalen Abkommen den „Krieg gegen die Drogen“ am Leben erhalten?

Ich bin kein Experte, aber die Rechtsexperten mit denen ich sprach sagen, daß das nicht das Problem wäre. Der „Krieg gegen die Drogen“ hat eine erheblich größere Dimension als unsere Diskussion um den medizinischen Hanf. Der Weg könnte aber derselbe sein: Druck auf die Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft. Die Leute müssen aufgeklärt werden. Das gilt vor allem für die Ärzte. Sehen Sie, normalerweise erhalten Ärzte ihre Ausbildung über Drogen von den pharmazeutischen Konzernen, von Artikeln in Fachzeitschriften und Kampagnen. Viele dieser Institutionen haben aber -oft aus wirtschaftlichen Gründen- kein Interessen an einer Verbreitung von Cannabis. Seit einiger Zeit ändern sich aber was, denn vermehrt lernen nun die Ärzte von ihrer Patienten. Ein AIDS-Patient erzählt seinem Arzt, daß er Marihuana als Mittel gegen seinen Gewichtsverlust einsetzt. Und der Arzt sieht den Beweis auf der Meßskala seiner Waage. Das macht natürlich Eindruck und so ändern sich halt Einstellungen.

Aus dem Nexus Magazine 3/96
E-Mail: nexus@peg.apc.org
Übersetzt von Jörg Auf dem Hövel