Signal? Rauschen?
Jörg Auf dem Hövel
Die junge Disziplin der Neurowissenschaft kämpft mit statistischen Unzulänglichkeiten
Der Meldungsstrom aus den Neurowissenschaften reißt nicht ab. Bunte Bilder zeigen Gehirnaktivitäten, Träume scheinen greif-, Gedanken dekodier-, Gedächtnisbildung beeinflussbar. Die USA spendieren 100 Millionen Dollar, um allen Neuronen beim werkeln zuzusehen (BRAIN Initiative), die EU möchte das gesamte neuronale Spiel in Silizium gießen (Human Brain Project). Nun mehrt sich Kritik, Statistiker weisen auf die Unzulänglichkeiten vieler Studienergebnisse hin. Glaubt man diesen Stimmen, steht nicht nur die Neurowissenschaft, sondern das System der medizinisch-klinischen Studien auf dem Prüfstand. Optimierungsvorschläge werden diskutiert.
Im renommierten Fachblatt „Nature Reviews Neuroscience“ ist jetzt ein Beitrag erschienen, der die statistische Aussagekraft einer Reihe von neurowissenschaftlicher Studien analysiert. Die Autoren um den Psychologen Marcus R. Munafò nahmen sich dafür alle 49 in 2011 veröffentlichten Meta-Analysen zur Brust. Diese beinhalteten wiederum 730 Studien. Das Ergebnis war in dieser Form selbst für die Autoren überraschend: Die durchschnittliche (Median) Teststärke lag aufgrund der kleinen Studiengröße bei nur 21%. Gemeinhin wird eine Teststärke von rund 80% als adäquat angesehen. Eine solche findet in vier von fünf Fällen einen Effekt – wenn denn einer existiert. Bei einer so geringen Aussagekraft wie in den untersuchten Studien steigt nicht nur die Chance, dass ein Effekt gefunden wird wo keiner ist, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser überbewertet wird.