Der Ignorant. Oder auch: Der Kiffer, dem man nichts anmerkt

Kiffer-Typen XII

Erschienen im Highway Magazin

Der Ignorant. Oder auch: Der Kiffer, dem man nichts anmerkt

In den alten weisen Schriften wird die Gelassenheit gelobt. Und auch die moderne psychologische Ratgeberliteratur sieht in der inneren Ruhe den Quell der Kraft, aus der sich die geglückte Existenz speist. In der umsetzbaren Realität ist man dadurch zu mindestens zweierlei gezwungen. Zum einen gilt es, den Müllhaufen des eigenen, eventuell verpfuschten Lebens zu akzeptieren, zum anderen der neo-liberalen Logik zu folgen, dass immer wir selbst es sind, die sich ändern müssen, nicht das System. Auf unheilvolle Weise arbeiten hier Vulgär-Buddhismus und Kapitalismus Hand in Hand. Allerdings hat der Kiffer, den wir heute betrachten, einen dritten Weg gefunden: Er merkt nichts oder man merkt ihm nichts an. Es ist ein Wunder, wie eng beieinander Stoizismus und Abgestumpftheit liegen können. Um das Ende vorweg zu nehmen – es bleibt die Grundlage der Cannabisignoranz oft offen: Nimmt die Körpergeisteinheit etwas unbewusst oder absichtlich nicht zur Kenntnis?

Die Party läuft gut. Kein Gin-Basil oder ähnlicher Schnickschnack, es gibt Bier und Hasch. Unser Kiffertyp sitzt auf dem Küchenstuhl und rollt mittlerweile die dritte Tüte ein. Dabei ist es erst 20:30 Uhr. Er parliert mit der Gastgeberin, ordnet den Käseigel neu und holt sich ein frisches Bier vom Balkon. Die vorherigen zwei Joints hat er mit Partygästen geteilt, er gibt gerne, nicht zuletzt, weil er es liebt, andere Leute stoned zu sehen. Ihm selber scheint das Dauerfeuer auf seine Synapsen nichts auszumachen, und dieses Phänomen begleitet ihn schon seit Leben lang. Früher, ja früher, in den Anfängen seiner Kifferkarriere, da hat er vorsichtig am Bong gezogen und sich später gewundert, dass die Leute reihum ins temporäre Nirvana eingetaucht sind. Er dagegen verspürte ein Jucken der rechten Fußsohle. Seither ist dies für ihn selbst und auch für andere, aufmerksame Beobachter das einzige Zeichen dafür, dass er bekifft ist. Er kratzt sich kurz die Fußsohle.

„Und nun Einen zum Aufklaren!“, sagt er gegen 4:00 Uhr. Gegen 5:00 Uhr verlässt unser Freund als einer der letzten Gäste die Party. Tanzen war und ist nicht so sein Ding, er unterhält sich lieber angeregt über Gott und die Welt. Die Interessen sind vielfältig, meist spiegeln sie die Interessen den Gegenübers wieder. Auf dem Nachhauseweg kommt er kurz ins Denken und wünscht sich den Kontrollverlust, der sich nicht einstellen will. Er hat es schon mit einer Überdosierung versucht. Aber das führte nur zur Stasis, einer Art Schockstarre, die sich aber durch keine Blässe oder andere körperlich sichtbare Merkmale Bahn brach.

Grundsätzlich lassen sich zwei Sub-Kiffertypen unterscheiden, Hybride sind möglich. Der, dem man nichts anmerkt, bei dem aber innerlich die Post abgeht und der, der tatsächlich selbst nichts merkt. Letzterer ist oftmals der oben beschriebene Dauerkiffer. Durch Jahre währende Übung ist er zu einem Typ geworden, bei dem man nicht mehr unterscheiden kann, ob er abgehärtet oder gefühlsarm ist. Bei ihm ist es dann oftmals anders herum: Im nüchternen Zustand wirkt er fahrig und sucht nach Worten, total breit wirkt er normal. Man sieht, die Typologisierung dieses Kiffertyp hängt auch an der Außenwahrnehmung. Seine Freunde kennen ihn nur THC-geschwängert und fragen sich manchmal, wenn sie da kennen.

Die Freundin dieses Kiffers hat ihn im Grunde auch nie in das Wesen geschaut, das er ohne stete Intoxinierung ist. Einmal, nach einer schweren Lungenentzündung, setzte der gute Mann mit dem Kiffen aus. Seine Freundin war so verwundert über den lebhaften Typen, der da neben ihr durch den Biomarkt hetzte und mit Kommentararien die abendlichen Netflix-Session belegte, dass sie ihn nach einer Woche bat wieder mit dem Kiffen anzufangen. Wie man macht ist verkehrt.

Der andere Kiffertyp ist noch spezieller. Seine Reaktionen auf THC sind äußerst sensibel, aber das freie Assoziieren will nicht herausbrechen, oft steigert das soziale Umfeld noch die Unsicherheit. Dann doch lieber nichts sagen. Hier droht das Abdriften in den Horrortrip, denn wie wir wissen sind die unbewussten Pferdekräfte im Zweifelsfall stärker als der Wille, sie im Zaum zu halten. Es sind meist die Kontrollfreaks, die Probleme mit der Abfahrt vom Hanfhügel haben. Von Außen sieht das ruhig aus, wenn ihn nicht die Schweißperlen auf der Stirn verraten würden. So mummelt sich dieser Kiffertyp lieber zu Hause in die Decke ein und wartet, bis es vorbei ist. Die Möglichkeiten, das Leben zu genießen sind vielfältig.

 

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Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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