Kiffer Typen: Der Experte

Kiffer-Typen V

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Experte

Während die andere Kinder auf dem Bolzplatz rumrannten, saß er über seinem Mikroskop und drang in den Mikrokosmos ein. Er hatte die Schularbeiten immer gemacht und war im Sport die Null. Sein Weg schien vorgezeichnet: Mit Glück würde er an der Universität als Dozent landen, mit Pech als höherer Beamter im Katasteramt. Doch es kam anders, denn irgendwann zog er vorsichtig an einer Pfeife, inhalierte, zog noch mal und viel grinsend nach Hinten. In diesem Moment war klar, dass sein zukünftiges Leben anders laufen würde, als Mami und Papi sich das vorgestellt hatten. Er konnte selbst nicht genau beschreiben, was mit ihm geschah, aber es war etwas Großes, Wichtiges. Fest stand: Ab nun würde er sein Leben in den Dienst der Wissenschaft um das Kraut stellen, welches ihm die erste gute Abfahrt jenseits von Muttis Kartoffelpüree und Vatis Modellbausatz beschert hatte. Er wurde zum Kiff-Experten.

Schnell stellte er fest, dass die meisten seiner Freunde vom Fahrzeug ihres Rausches keinen blassen Schimmer hatten. Kein Wunder, waren sie doch die indoktrinierten Kinder der Anti-Genuss-Propaganda, dem “Keine Macht den Drogen” Schwachsinn. Drum wühlte er sich durch aufklärende Wälzer, sprach mit Leuten und probierte vor allem die verbotenen Früchte aus. Kurzum: Er fing an, selbst zu denken. Und er sammelte Kräuter, Wurzeln, Pflanzen, auch Pillen, Pulver und Flüssigkeiten, die alle nur eine Bedingung erfüllen mussten: Sie mussten geistbewegend sein. Seine größte Liebe aber galt weiterhin dem Cannabis. Ob Haschisch in Marokko, Charras in Indien, Marihuana auf Jamaika oder Natrium-Lampen im Wandschrank. Dieser Typ wußte bald alles, kannte jeden und hatte alles schon probiert. Über ph-Wert im Anbauboden konnte er genauso schwadronieren wie über die Heilkraft der Cannabinoide, Jack Herer hatte er schon die Hand geschüttelt und Matthias Bröckers noch was ganz anderes. Urlaub gab es für ihn nicht, höchstens Bildungsreisen, und die machte er nur in Länder, wo garantiert Hanf angebaut wurde. Unterhielt man sich mit ihm, bekam er nach spätestens zwei Minuten die Kurve zum Hasch, alltägliche Themen wie Sex mit Tieren oder Platinenlayout interessierten ihn nicht. Vielleicht hätte er sogar gern mal über was anderes gesprochen, aber er lebte und dachte halt nur in substanzbezogenen Kategorien. Nachts, wenn er in seinem Schlafanzug aus Hanffasern im Bett schlummerte, träumte er von riesigen Cannabis-Kongressen mit zwei Millionen Teilnehmern. Da war der Kalte Bauer garantiert.

Aber was nützen Wissen und Erkenntnis, wenn luftleer im Raum sie schweben? Wenn ohne Bodenhaftung und Bezug zur Welt sie nur um ihrer selbst willen vermehrt? Der Mensch der studiert, dreht sich im Kreise. Weich fällt sein Bart auf dicke Bücher, die er zu lesen sich verschrieben. Ihr Betreff ist immer eines, die heil´ge Pflanze, Hanf genannt. Und so werfen wir dem Experten ein Zitat von Goethe (dem komischerweise noch kein Cannabis-Genuss nachgewiesen wurde) zu: “Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.”

Aber nicht jeder Kiff-Experte fristet sein Dasein als Mauerblümchen des wissenschaftlichen Randbetriebs. Durchaus gibt es Vertreter dieser Spezies, welche nach Jahren der Forschung ihren Elfenbeinturm verlassen um Gutes zu tun. Gutes? Ja, Gutes. Denn nachdem die ständige Meditation über den Hanf den Kiff-Experten zunächst in die ausgedorrte Wüste jenseits von Gut und Böse gebeamt hatte, wurde ihm in Zeiten der Ernüchterung zunehmend klarer, dass Leben immer Handeln ist. Und in der weisen Abwägung von Gefühl und Verstand leuchtete diesem Experten schließlich ein, dass er künftig Entscheidungen treffen wird, die andere näher zu sich selbst bringen. Welch´ eine liebenswerte Konstruktion des Lebens.

In der Tat haben wir es bei dem Kiff-Experten mit einem äußerst possierlichen Humanoiden zu tun, der sein Spiel des Lebens darin sieht, Mithilfe des heiligen Krauts und anderer Mittelchen sich und seine Umwelt stetig besser zu begreifen. Dass er dabei manchmal die Scheuklappen des Fachidioten trägt, sei ihm verziehen, er ist schließlich Forscher. In seiner seltenen Idealform ist der Experte der Mensch des nächsten Jahrtausend, denn er hat die tiefsten Abgründe und höchsten Höhen geschaut und lacht erst recht.

 

 

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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