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Gastronomie Tip Restaurant Cuore Mio

Prinz Top Guide 2004

Restaurant „Cuore Mio“ CUORE MIO
Rothestraße 38
22765 Hamburg
Telefon 040 – 39 90 60 29

Dienstags bis Sonntags 18:00-24:00
Hauptgerichte 12-20 Euro
Karten: Keine
Bus 187, 250, Grosse Brunnenstraße

Der Weidenkorb mit den gesammelten Korken steht am kleinen Tresen, die Buntstiftzeichnungen der Enkelkinder hängen an der Wand, dazwischen wieselt Manuela de Bilio durch ihr Weltenreich. Von ihr wird jeder Gast konsequent geduzt, dazu wandert die Schiefer-Speisekarte ständig durch die pastellfarbigen Räume. „Gut gewählt“, sagt sie mit milder Strenge lächelnd, kurz darauf bestätigen das Kaninchenragout auf Fusilli ihr Lob. Die Miesmuscheln duften nach Meer, die Entenbrust meiner Begleiterin ist feurig scharf aufs Gratin gebettet, der Mangold knackig frisch. Manuela reibt derweil parlierend den Parmesan persönlich über die Pasta am Nachbartisch, ein Sänger erscheint und summt italienische Weisen. Wir sind glücklich, denn so muss ein Kurztrip ins Land der Freude sein.
FAZIT: Alles wie bei Mama: Temperamentvolles Ambiente, redliche Speisen. An diesem fairgepreisten Busen darf man labend sich ergehen.

Jörg Auf dem Hövel

 

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Rezension Jürgen Wolsch – Drogen. Ein Wissenscomic

HanfBlatt Nr. 109

Ein Gewissenscomic

Der Chemie- und Biologielehrer Jürgen Wolsch unternimmt den bemerkenswerten Versuch, die Wirkung allerlei Drogen in einem Comic zu erklären. Neben Alkohol und Tabak geht er Cannabis, die Amphetamine, Ecstasy, Kokain und Heroin an. Macht er das gut? Ja und Nein. Ja, weil Wolsch die physiologischen Hintergründe und Wirkmechanismen der einzelnen Drogen probat und akribisch bis hinunter auf die Ebene der Neurotransmitter beschreibt. Der naturwissenschaftliche Bildung des Autors wurde auf 150 Seiten komprimiert, auf denen ein Strichmännchen sich mit den verschiedensten Substanzen rumschlagen müssen. Künstlerisch wertvoll ist das nicht, darum geht es Wolsch aber auch gar nicht: die Männchen sollen primär den Text illustrieren und erläutern und eher sekundär als humorige Leitfiguren durch das Buch führen. Die Info-Grafiken wiegen für das Werk viel mehr und stehen im Vordergrund.

Leider führt Wolsch den naturwissenschaftliche Ansatz zu weit. Sicher haben Drogen verallgemeinerbare Wirkmechanismen, aber ihre Effekte hängen halt sehr von der psychischen Verfasstheit des Konsumenten ab. Menschen sind halt keine Maschinen, die nach determinierten Regeln funktionieren. Wenn Wolsch also beispielsweise das „Amotivationssyndrom“ bei Cannabis-Langzeitkonsum zu beschreiben versucht, suggeriert er, dass jedermann und jede Frau bei regelmäßigem (einmal die Woche?) Cannabis-Konsum eine „Gleichgültigkeit gegen das soziale Umfeld und die Anforderungen des Alltags“ herausbildet. Aber es lassen sich viele Gegenbeispiele finden, denn es gibt tausende von 18-Jährigen, die am Wochenende zwei Joints durchziehen und am Montag ihren Mann am Ausbildungsplatz stehen. Sicher ist doch nur: Mit Cannabis ist es nicht anders wie mit anderen, stoffungebundenen Substanzen auch: Wer meint sein gesamtes Freizeitverhalten einer Sache widmen zu müssen, wie beispielsweise der täglich mehrständigen Konsolenattacken, der vernachlässigt logischerweise andere Dinge.

Fazit: Es gibt schlechtere Bücher zur Drogen-Aufklärung. Das „Wissenscomic“ von Wolsch vermittelt einen guten Überblick über einige der wichtigen psychoaktive Substanzen und deren Wirkung. Insgesamt dominiert allerdings die pathologische Sicht auf die legalen und illegalen Präparate. Das Werk ist zu großen Teilen wissenschaftlich korrekt, auf die von Wolsch zitierten „Cannabis-Flashbacks“ warten allerdings Generationen von preisbewussten Kiffern sehnsüchtig.

Jürgen Wolsch
Drogen. Ein Wissenscomic
Eichborn Berlin 2007
ISBN-10: 3821856564
160 Seiten, broschürt
12,95 EUR

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Rezension Robert Levine Die grosse Verfuehrung

Financial Times Deutschland, 09. Januar 2003

Willfährigkeit und Widerstand

Robert Levine untersucht in „Die große Verführung“ die Psychologie der Manipulation

Es ist erschreckend und doch gut zu wissen: Die Prinzipien, mit denen Menschen beeinflusst und überredet werden können, gleichen sich für ganz unterschiedliche Bereiche. Ein kluger Lehrer, eine wohlmeinende Mutter, ein guter Freund, ein gewiefter Autoverkäufer, ein Sektenführer; sie alle wenden keine geheimnisvollen esoterischen Methoden der Beeinflussung und Manipulation an. Das Ziel ihrer Bemühungen mag unterschiedlich sein, die Formen gleichen sich in frappanter Weise. Robert Levine, Professor für Psychologie, hat diese Formen in seinem neuen Buch „Die große Verführung“ analysiert.
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Dazu prüften Levine und seine Studenten die Strukturen der Tupperware-Parties, ließen sich zu Autoverkäufern ausbilden und nahmen an Verkaufsschulungen teil. Das Fazit: Zu Kauf oder Beitritt verführt werden wir nicht durch Aufdringlichkeit, sondern durch das, was uns ehrlich und sympathisch erscheint. Der Pädagoge oder Verkäufer kann dabei gewisse Regeln berücksichtigen: Die Illusion von Wahlfreiheit schaffen, geringstmöglichen Druck bei einem schrittweisen Vorgehen ausüben, die Grenze der Privat- und Berufssphäre aufweichen („oh, meine Söhne sind im gleichen Alter wir ihre“) und Fragen vermeiden, die mit einem einfachen „Nein“ beantwortet werden können. Die Möglichkeiten der Willenslenkung sind variabel und Levine bemüht sich sehr Ordnung in die Vielzahl der Methoden zu bringen. Ohne Scham benennt er dabei auch immer wieder Situationen, in denen er (kursiv) sich unter Fremdeinfluss für etwas entschieden hat, dessen Nutzen ihm bis dahin (und auch danach noch) nicht klar war. Diese Selbstironie, gepaart mit der gründlichen Durchleuchtung der erfolgreichen Methoden der Lob- und Anpreisung, liest sich durchgehend gut. Werber, geschulte Verkäufer und Freigeister, die mit dem Gedanken spielen demnächst eine Sekte zu gründen, dürften aus dem Buch nicht viel neues lernen, dafür greift Levine zu oft in die Kiste alter Wissenschaftsliteratur. Die komprimierte Form, der lockere Stil und die alltäglichen Beispiele bilden dagegen für den bis dahin unkundigen Leser ein Quell des Vergnügens und der Aufhellung. Zwei Beispiele. Levine stellt folgende zwei Fragen:

„1. Ist die Bevölkerung der Türkei größer als 30 Millionen
2. Wie groß ist Ihrer Schätzung nach die Bevölkerung der Türkei?“

Die Antwort der meisten Menschen auf die zweite Frage wird stark von der Zahl „30 Millionen“ beeinflusst, die eine rein willkürlich gewählte Zahl ist. Das ist ein Beispiel für die „Ankerfalle“, die gerne genutzt wird, um einen hohen Preis niedrig erscheinen zu lassen. Nicht allein das Niveau eines Ankerpunktes kann Gegenstand einer Manipulation sein, bei der Täuschung über die Basisrate benutzt man von vorneherein den falschen Anker. Levine stellt zur Verdeutlichung diese Frage: „Benjamin Harper läßt sich am besten als fügsamer, bescheidener Mensch charakterisieren. Er ist entweder Verkäufer oder Bibliothekar. Was glauben Sie, was er ist?“ Zumeist wird auf das Klischee des Bibliothekars getippt, aber die Anzahl der Verkäufer in den USA und auch Deutschland übertrifft die Anzahl der Bibliothekare um ungefähr hundert zu eins. Selbst wenn das Klischee der Fügsamkeit und Bescheidenheit stimmt, kommen immer noch zehn fügsame Verkäufer auf nur einen fügsamen Bibliothekar. Dass jeder sich selbst für relativ unbeeinflussbar durch Werbung hält, auch das ist normal – dabei können die meisten wohl mehr Biersorten als Baumgattungen aufzählen. Levine führt vor Augen, wo die Schlüsselreize in unterschiedlichen Kulturen liegen und wie Werbung und Anwerbung auf die jeweilige Gesellschaft abgestimmt werden. Bevor aber Ermuntern und Überreden in einem Topf geschmissen werden, stellt Levine klar, dass fast alle soziale Interaktion in einem gewissen Sinne Beeinflussung und damit letztlich manipulativ ist. Es kommt halt auf den Inhalt der Verlockung an, darauf, wofür geschickt geworben wird. Während der erste Teil von der Verführung zum Kauf oder zur Spende handelt, geht es im zweiten Teil um den Schritt von der rein äußerlichen Willfährigkeit zur dauerhaften inneren Akzeptanz einer Botschaft. Anhand der Methoden der „dunklen Seite der Beeinflussung“ durch Sekten wird verständlich, dass nicht nur psychisch labile Personen für eine geistige Vereinnahmung offen sind. Abwehr dagegen und gegen andere ungewollte Manipulation ist möglich und so benennt Levine die Prinzipien, deren Beachtung vor Fallen schützen und das Widerstehen zur Kunst erheben sollen.

Robert Levine: Die große Verführung
Piper 2003
381 S., gebunden
22,90 Euro
ISBN 3492045391

 

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Dieter Bohlen seine Wahrheit

Telepolis v. 29.11.2002

Nichts, auch nicht die Wahrheit

Wenn man das Buch von unserem Dieter nicht als *.pdf saugt, dann würdigt man zugleich Heinz von Foerster.

An der „Wahrheit“ hat sich schon so mancher Philosoph den Zeh verrenkt. Nach Jahrtausende lang schwelender Diskussion fand sich nun ein diplomierter Betriebswirt diese Kernfrage der Menschheit ihrer endgültigen Lösung zuzuführen. Die Wahrheit, so sein Credo, ist das was Dieter sagt.

Wir erinnern uns: Kulturpessimisten sahen schon durch das Geträller der Pop-Engel von „Modern Talking“ den Untergang des Abendlandes bevorstehen. Sie mutmaßten, dass es tiefer nicht mehr gehen könne, aber sie mussten sich eines besseren belehren lassen. Nun diagnostizieren sie einen neuen Tiefstand auf der nach unten offenen Verblödungsskala. Von Dieter Bohlens Erinnerungen an „Nichts als die Wahrheit“ sind bereits 500.000 Tausend Exemplare verkauft und auf KaZaA kursiert die Biografie als pdf-Dokument. Der Bohlen-Virus hat die Republik erfasst, die Symptome: zunächst schwach-schüchternes Hüsteln, später vehementes Gekicher, begleitet von akuter Bestürzung.

Der Virus lässt die Rezipienten taumeln, sie sind hin- und hergeworfen zwischen peinlicher Berührung und der Begeisterung über die Courage, von Penisbrüchen und Teppichludern zu klönen. Lange Zeit herrschte pures Entsetzen über den vulgären Dummbatz, der alle seine Peinlichkeiten zu Markte trägt – bis bemerkt wurde, dass er uns damit alle erleichtert. Da war er, ein Sündenbock, der sich nicht einmal daran störte, dass die Republik ihren Hohn auf ihn lädt, mehr noch, der sich sichtlich wohl im kollektiven Tratsch-Gedächtnis der Gesellschaft fühlte.

Respekt wird „dem Dieda“ vor allem deshalb gezollt, weil es ihm egal zu sein scheint zum Gespött der Leute zu werden. Damit ist er vorläufiges Endprodukt einer Gesellschaft, in der jeder Vorstadt-Honk allein dafür Anerkennung erheischen will, dass er bereit ist, seine privaten Befindlichkeiten in einer Talkshow zur Schau zu stellen. Sicher, Bohlen, 48, ist erfolgreicher Produzent von Billig-Pop, aber seine musikalische Kunst stand schon vor Veröffentlichung des Buches völlig im Schatten seiner Lendenkunst. Denn, wenn man ehrlich ist, wirklich erlebt, etwas durchgemacht, von dem es sich zu erzählen lohnt, hat der Mann nicht.

Was auf den Inhalt seines Trieb-Werks deutet. Der Literat erzählt Anekdoten aus seinem Leben, auf der Strecke bleiben bei dieser Jagd nach Amüsement vor allem die „Pistenhühner“ und seine ehemaligen Weggefährtinnen. Ein Beispiel? Mit unverhüllter Häme lässt er sich über die vermeintliche Scheusslichkeit der Wohnung seiner Ex-Frau Verona Feldbusch aus, ausgerechnet er, dessen Inneneinrichtung seines Hauses in Tostedt bei Hamburg, ein um Ikea-Elemente bereichertes Gelsenkirchener-Barock, kaum mit makellosen Worten zu würdigen ist, ausgerechnet er, der ein paar Seiten vorher noch von seiner „megageilen Flicken-Jacke aus fünfundzwanzig verschiedenen Jeans-Stoffen“ schwärmt.

Noch ein Beispiel? En detail berichtet er vom -aus seiner Sicht- gefährlichen Umgang seiner anderen Ex, die auf den Namen „Naddel“ hört, mit Alkohol. So wollte er, sagte das Alpha-Männchen jetzt in einem Interview, sie dazu anregen, „darüber nachzudenken, ob man das nicht ändern“ könne. Klar, die Bild-Zeitung berichtet bekanntlich ja auch über die Homosexualität einer Tatort-Kommissarin, um sie von ihrem Irrweg abzubringen.

„Hallo McFly, jemand zu Hause?“

Das ist Bohlens Umgang mit der Wahrheit. Dass seine subjektive Wahrheit nicht die Wahrheit der anderen ist, nicht sein kann, das interessiert den Dieter nicht. Kognitionswissenschaftler und Kybernetik-Legenden, wie der kürzlich verstorbene Heinz von Foerster, weisen darauf hin, wie beobachterabhängig, wie subjektiv die wahr genommene Realität ist. „Wahrheit“, so gab von Foerster zu bedenken, „ist die Erfindung eines Lügners“. Wer von sich behauptet im Besitz der Wahrheit zu sein, der stempele damit andere zum Lügner ab.

Bohlen ist sicher Meister darin, seine ganz persönliche Wahrheit für sich so zu gestalten, dass er schmerzfrei – andere sagen merkbefreit – durch das Leben gleitet. Was er sich überhaupt nicht vorstellen kann, ist, dass gerade der intime Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen eben nicht von Wahrheit, sondern durch Wahrhaftigkeit lebt. Als ob es eine Wahrheit darüber geben würde, ob die von Dieter so heiß geliebten Kissen fürwahr, tatsächlich und faktisch richtig auf dem Sofa liegen.

Zugegeben: Fast jeder muss beim Überfliegen von Bohlens Schabernack-Machwerk lächeln, zugleich möchte man dem Fahrer von Geronimo´s-Cadillac einen Schirm leihen, damit es oben nicht rein regnet. Bohlens Geseier kann man als erfrischend schnoddrig, als proletarische Antwort auf die „political correctness“ abfeiern oder im gepflegten Ton als „Schnörkellosigkeit und Lakonie“ (FAZ) bezeichnen. Es bleibt die Einsicht, dass Typen wie Bohlen das Betriebssystem der Spaßgesellschaft sind. Die sollte ja eigentlich nach dem 11. September begraben werden, „aber Pustkuchen“, wie Dieter wohl sagen würde.

Es ängstigt, aber es gibt kaum einen Lichtblick für ein Leben nach Bohlen: Er bedient den Kulturbetrieb einer Republik, in der schnöde Pop-Literaten wie Christian Kracht und Florian Illies („Generation Golf“) deutlich herausstellen, dass die richtige CD im Schrank wichtiger ist als soziale Schieflagen. Zugleich ist die Halbwertszeit von medial aufbereiteten und konstruierten Hypes noch nie so kurz gewesen. Vorgestern Essig-Diät, gestern Rinderwahnsinn, heute 80er Revival, morgen klaut der Strunz dem Effe die Frau zurück. Bohlen, die „gusseiserne Geldvisage“ (Wiglaf Droste), weiß von der Flüchtigkeit dieses Geschäfts, damit er weiterhin seine Kohle aus diesem Voyeurismus-Betrieb ziehen kann ist bereits eine Fortsetzung seiner Lebensbeichte angekündigt.

 

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Rezension Bernhard van Treeck: Drogen- und Sucht-Lexikon

HanfBlatt Nr. 94

Vorsicht, Falle!

Bei genauerer Sicht ist der Titel des Buches von Bernhard van Treeck falsch gewählt. Es sollte „Drogen=Sucht-Lexikon“ heißen, denn so einfach ist letztlich die Gleichung, die der Facharzt für Psychiatrie aufmacht. Drogenkonsum, dass ist der kriminelle Rand der Gesellschaft, eine Welt voller Süchtiger, ehemaliger Süchtiger und Noch-Nicht-Süchtiger, die alle geheilt werden müssen. Sicher, da fließt seine Berufserfahrung ein, aber es wundert schon, dass es van Treeck auf über 700 Seiten nicht schafft, dem Zauber, der von den pflanzlichen und chemischen Substanzen ausgeht, näher zu kommen. So bleibt das Gefühl, dass sich hier mal wieder ein Therapeut seiner Klientel (auch durch die Aufnahme von Szeneslang) anbiedern will, um sie dann fest in die Arme zu schließen. Man merkt: Weder liebt er die Menschen noch die Pflanzen, die er so wortreich beschreibt. Allem haftet etwas pathologisches an. Dazu kommen noch diverse Ungenauigkeiten und krasse Fehler im Text. Im Einzelnen:

(1) Auf Seite 80 („Ausstiegsmotiv“) versteift sich van Treeck tatsächlich zu der Annahme, dass die „vollzogenen Strafen bei Drogenkonsum möglicherweise nicht hoch genug sind, um abschreckend zu wirken.“ (2) Der Artikel zum Stichwort „Freundschaft“ beginnt mit dem bemerkenswerten Satz: „In der Drogenszene gibt es in der Regel nur Zweckegmeinschaften, kaum Freundschaften.“ (3) Unter dem Stichwort „Ayahuasca“ fehlt die Nennung von DMT als ein Hauptwirkstoff des Gebräus. (4) Die Seiten über „Cannabis“ vermengen wissenschaftliche umstrittene Ergebnisse mit Mythen aus dem literarischen Bereich. (5) Der für ein Lexikon dieser Art zentrale Begriff der „Entkriminalisierung“ fehlt völlig, nicht aber der Hinweis (6) auf den „Flashback“ nach Hanfkonsum, einer Theorie aus der Steinzeit der Cannabisforschung. (7) Der Begriff Neurose wurde bereits 1776 eingeführt, nicht 1977, wie van Treeck annimmt. Unter „Marihuana“ versteht das Lexikon „zerkleinerte Blätter der Cannabispflanze“, ein grober Faux pas. (8) Selbst bei so einem simplen Getränke wie dem „Radler“ (o.a. „Alsterwasser“) schreibt van Treeck ins Leere. Er würde Bier mit Orangen(!)-Limonade mischen, na, dann mal Prost, Bernhard.

In fast voyeuristischer Weise beschreibt van Treeck die Schicksale von Musikern und anderen Künstlern, denen aus seiner Sicht allein die Droge (und eben nicht die Droge und der soziale Zusammenhang) zum Verhängnis wurde. Nie scheint der Arzt zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht trotz, sondern aufgrund ihres Drogengenusses kreativ sind. Unter dem Stichwort „Aggressivität“ bleibt denn auch nur das Schwarz-Weiß-Potential jedweder Droge übrig, die Agressivität entweder zu erhöhen oder zu vermindern.
Darüber könnte man lachen, wäre nicht zu vermuten, dass das Machwerk, vom Verlag als „überarbeitete und erweiterte Neuauflage“ gepriesen, in den Buchläden der Republik in den Händen besorgter Eltern landen wird, die glauben damit den Phänomenen „Pubertät“ (fehlt ebenfalls im Lexikon), „Entspannung“ (fehlt) „Glück“ (fehlt) oder gar „Liebe“ (fehlt) oder „Spiritualität“ (fehlt) näher zu kommen.

Treeck , Bernhard van: Drogen- und Sucht-Lexikon
Berlin, Neuaufl. 2004
345 S. m. Abb.
SCHWARZKOPF & SCHWARZKOPF
Kartoniert/Broschiert
ISBN 3896025422
EUR 14,90

 

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Rezension Zig Zag Zen – Buddhism and Psychedelics

HanfBlatt Nr. 100

Die Verbindung von westlicher Drogen- und östlicher Weisheitskultur ist alt. Von
Hermann Hesse bis zu den frühen Hippies zieht sich eine Begeisterung für die (Nicht-) Denkweisen des Buddha. Die Praxis der ozeanischen Versenkung und dem ekstatischen Aufgehen wird von beiden Kulturen praktiziert. Der Sammelband „Zig Zag Zen“ zeigt die Schnittstellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der buddhistischen Tradition und psychedelischen Drogen.

Fakt ist: Sehr viele, die heute nach buddhistischen Vorbild leben haben ihre erste Berührungen mit dem Gefühl der Meditation durch Psychedelika erhalten. Zwar beurteilen die buddhistischen Schulen heute diese Art von „Drogen“ nicht einheitlich. Für erfahrende Buddhisten waren Psychedelika der erste Schritt, sie erweckten (nur) einen kurzen Blick auf das absolut Schöne, Gute, Wahre.

Der Band vereinigt Interviews, unter anderem über mit Jack Kornfield, einem Meditationslehrer, und dem verstorbenen Terence McKenna. Es gibt erhellendes aus den 60ervon David Chadwick und eine kurzen Abriss der Geschichte des kalifornischen Esalen-Instituts, eine Art Mekka der psychedelischen Gemeinde. Myron Stolaroff klärt die Frage, ob wir Psychedelika immer noch brauchen. Seine Antwort: Ja, denn unbewusstes wird an die Oberfläche gebracht. Die Komplexität dieses Vorgangs läge aber nicht an der Droge, sondern an der Komplexität des Bewusstseins, sind hier doch die schlimmsten Höllenfahrten genauso abgespeichert wie die Zugänge zum dem, was man wohl universelle Liebe nennen darf. Ram Dass (früher: Richard Alpert) bringt in seinem Beitrag die buddhistische Perspektive auf den Punkt: Psychedelika sind Mittel um zu Erwachen, nicht aber um zur Erleuchtung zu gelangen.
Bilder diverser Künstler, nicht nur von der bekannten Grey-Klarwein-Venosa Connection, sondern auch von John W. Miles, Bernard Maisner, Robert Beer, und Ethel Le Rossignol runden das hochwertig gestaltete Werk ab.
Fazit: Eine absolut lohnende Anschaffung, ein Meilenstein in der Darstellung zweier verwandter Kulturen.
Zig Zag Zen – Buddhism and Psychedelics
Hardcover, 240 Seiten
Chronicle Books 2002
Sprache: Englisch
ISBN: 0811832864