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Rezension Pinchbek – 2012: Die Rückkehr der gefiederten Schlange

HanfBlatt Nr. 116

Kopf aufgebrochen für 2012

Wintersonnenwende 2012 ist Stichtag für Apokalyptiker, erlösungshungrige Esoteriker und paranoide Psychotiker. Großartiges werde geschehen. Darauf deute schon der alte Maya-Kalender hin, so sagt man. In der durch Empathogen- und Psychedelika-Konsum weichgespülten Rave-Szene ging einst der rhetorisch begnadete Psilo- und DMT-Apostel Terence McKenna mit seinen Visionen von anstehenden Transformationen hausieren. Die Verifizierung blieb ihm in Folge eines tödlichen Hirntumors erspart. Nun versucht der amerikanische Journalist Daniel Pinchbek noch rechtzeitig auf diesen Wagen aufzuspringen. Mit „Breaking open the Head“ (2002) hatte er als teilnehmender Beobachter interessante Einblicke in die damalige psychedelische Szene geboten. Sein Nachfolgewerk ist dagegen ein mit Zitaten und Gedankensalat aufgeblähtes langatmiges und ermüdendes Dokument eines von esoterischem Input überladenen Suchenden der sich individuellen Impulsen folgend relativ ziel- und orientierungslos durch die Ödnis der längst noch nicht ausgestorbenen New Age-Szene treiben lässt.

Von Quantensprüngen über Ufos, Avalon und Kornkreisen bis zum heiligen Gral und den Hopis, nichts bleibt dem Leser erspart. Über seinen anstrengenden Ego-Trip vernachlässigt der Autor Frau und Kind und entdeckt die Freuden des spontanen Fremdgehens, und muss daraus gleich den Versuch der Kreation einer neuen globalen Sexualitätsphilosphie von kosmischen Dimensionen machen. Da schmunzelt selbst der Bonobo. Nun gut, die Verzettelung in esoterischem Mindfuck war schon immer eine der bedauerlichen Degenerationserscheinungen gegenkultureller Bewegungen. Am Ende landet der Autor bei der Sekte der Ayahuasca schlürfenden Daimistas in Brasilien und erhält eine Prophezeiung, die wohl der Garant für Einladungen zu kommenden Vorträgen in der Eso-Szene sein soll, direkt von der gefiederten Schlange natürlich, der alten Maya-Gottheit Quetzalcoatl, in Form einer knappen wenig originellen aber gefälligen New Age-Fusionsschau. Immerhin gibt Pinchbek zu bedenken, dass das Ganze auch einfach nur seinem aufgebrochenen Kopf entsprungen sein könnte.

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Daniel Pinchbek
„2012. Die Rückkehr der gefiederten Schlange.“
Sphinx bei Hugendubel Verlag,
Kreuzlingen/München 2007
Geb. mit Su., 480 S.
ISBN 978-3-7205-9000-6

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Rezension: Grice Scott – Die schönen Blödmacher

HanfBlatt Nr. 109

Schön ist, wenn bereits der Titel eines Buches so viel über dessen Inhalt aussagt, dass ein unsinniger Kauf vermieden werden kann. Im englischen Original heißt das Buch von Trevor Grice und Tom Scott „The Great Brain Robbery“, die deutsche Übersetzung „Die schönen Blödmacher“. Beide Titel weisen auf die einseitige und vereinfachte Darstellung eines an sich komplexen Sachverhalts hin. Tom Scott behauptet schon in der Einleitung: „Tatsächlich konnte man bis vor Kurzem Cannabis verteidigen – weil das endgültige Urteil noch ausstand. Aber das hat sich geändert. Wissenschaftler aus aller Welt sind in den Gerichtssaal zurückgekehrt, und das Urteil lautet: schuldig!“.

Dieser Tenor durchzieht das gesamte Werk, welches sich als „Lese- und Arbeitsbuch für Jugendliche und Erwachsene“ bezeichnet: Cannabis und die anderen Drogen sitzen auf der Anklagebank, aber von einem fairen Prozess kann nicht die Rede sein. Längst überholte Behauptungen aus der Mottenkiste der Reefer-Madness-Ära (verminderter Sexualtrieb durch Kiffen), veraltete Informationslage (Marihuana sei „in keiner Weise ein wirksames, sicheres Medikament“) oder schlicht falsche Beschreibungen der Wirkung einer Droge (LSD führe zu „starker Müdigkeit“). Dazu kommt noch simple Angstschürung („die Methoden der Drogendealer sind raffinierter geworden“) und fadenscheinige Bilder („Marihuana ist ein Einbrecher. Er arbeitet heimlich und hinterlässt keine Spur. Am Morgen danach sieht es so aus, als ob alles in Ordnung wäre, doch nichts funktioniert mehr richtig.“). Und ausgerechnet im Kapitel „Die harten Fakten“ werden wissenschaftliche Scheingenauigkeit und christliches Weltbild vermengt („Die Synapse, der Treffpunkt von Elektrizität und Chemie, ist der Ort, wo stimmungsverändernde Substanzen (…) ihre schwarze Magie entfalten.“).

Im Kapitel über Marihuana wollen Scott und Grice den „schlagendsten Beweis für die anhaltende Negativwirkung von Marihuana auf das Gedächtnis“ an einem Versuch festmachen, den Forscher um V.O. Leirer mit Piloten im Jahre 1991 durchführten. Diese sollten 24 Stunden nach einem Joint im Flugsimulator brillieren, schnitten dabei aber schlechter ab als die nüchterne Kontrollgruppe. Hätten Scott und Grice den Bericht wirklich gelesen, hätten sie bemerken müssen, dass Leirer und seine Kollegen von „sehr feinen“ und „sehr marginalen“ Unterschieden in der Performance sprachen, die weniger ausgeprägt waren, als die durch das Alter der Piloten verursachten Unterschiede.

So spielt das Buch mit den Ängsten von Eltern, Lehrern und Kindern und ist zu keiner Zeit in der Lage den Zeigefinger runter zu nehmen. Das im Kern für jede Droge eine Dosis-Wirkungsbeziehung herrscht scheint die Autoren nicht klar zu sein. Es stellt sich zudem die Frage, ob sie tatsächlich daran glauben, dass sie auf Basis ihres Abstinenzparadigmas einen Zugang zur Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen erhalten.

Harsch gesagt: Es ist nahezu unvorstellbar, dass irgendeinem, der deutschen Sprache mächtigen Jugendliche oder Erwachsenen männlichen oder weiblichen Geschlechts, dieses Buch eine Hilfestellung sein könnte.

Tom Scott, Trevor Grice:
Die schönen Blödmacher – Was man über Drogen wissen muss
Verlag An der Ruhr
Mülheim an der Ruhr 2007
Broschiert: 179 Seiten
ISBN-10: 3834602302
EUR 16,50

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Rezension Broeckers/Liggenstorfer: Albert Hofmann und die Entdecktung des LSD

HanfBlatt Nr. 101

Auf dem Weg nach Eleusis. Albert Hofmann und das LSD.

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann durfte am 11. Januar 2006 in Basel seinen 100. Geburtstag feiern. Weltberühmt ist er für seine zufällige Entdeckung der erstaunlichen Wirkungen des LSD (LysergSäure-Diäthylamid) im Jahre 1943. Er arbeitete damals für den Pharmakonzern Sandoz (heute Novartis) und hat später immer wieder ausgiebig von diesem Ereignis erzählt. In seinen Augen kam das LSD zu ihm. 1958 isolierte er aus den mexikanischen Zauberpilzen erstmals die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin und synthetisierte diese. 1960 fand er in den Samen der mexikanischen Zauberwinde Ololiuqui psychoaktive Lysergsäure-Alkaloide. Eine Sensation, hatte man derartige Alkaloide doch zuvor nur aus dem Mutterkorn-Pilz gewonnen. Die Entdeckung des Wirkstoffes des mexikanischen Wahrsagesalbeis, Salvia divinorum, den er auch untersuchte, blieb Anderen vorbehalten.

1963 fand er in den kleinen in Europa überall spriessenden Spitzkegeligen Kahlköpfen, Psilocybe semilanceata, ebenfalls den Wirkstoff der „Magic Mushrooms“ und öffnete damit die Pforten für den import- und zuchtunabhängigen Gebrauch hierzulande. Hofmann selbst nahm gelegentlich und gut vorbereitet gemeinsam mit anderen bürgerlichen Intellektuellen aus seinem Freundeskreis (u.a. dem Autoren Ernst Jünger, „Annäherungen“, und dem Orientalisten Rudolf Gelpke, „Der Rausch im Orient und Okzident“) LSD und Psilocybin und hat davon in seinem Standardwerk „LSD-Mein Sorgenkind“, dessen Titel Jünger übrigens zu mütterlich fand, berichtet. Ungewollt war er ein Wegbereiter der psychedelischen Welle der Sechziger. Von den messianischen Psychedelika-Aposteln vom Typus eines Timothy Leary hat er sich immer distanziert, ohne einen Dialog mit ihnen zu verweigern. Von einem massenhaften Gebrauch, der automatisch zu einer irgendwie besseren Welt führen würde, wie er in dieser Zeit propagiert wurde, hielt er nichts, sah er doch auch die psychischen Risiken, die derart potente Hilfsmittel unter falschen Voraussetzungen eingenommen, bergen.

Sympathisch war ihm dagegen ein sozial integrierter Gebrauch ähnlich dem des Kykeons der eleusinischen Mysterien. Fast 2000 Jahre lang wurde im antiken Griechenland im Tempel von Eleusis ein Gebräu serviert, dass den Adepten in diesem Rahmen eine Erfahrung der Einheit mit der Schöpfung und der Auflösung der Grenzen zwischen Leben und Tod bot, die prägende Wirkung auf das alltägliche Leben hatte. Gemeinsam mit dem Mykologen Gordon Wasson und dem Religionsgeschichtler Carl Ruck spekulierte Hofmann 1978 darüber („Der Weg nach Eleusis“), ob es sich bei dem Kykeon nicht um eine spezielle Zubereitung aus Mutterkörnern gehandelt habe, die LSD-ähnlich gewirkt haben könne. Sein naturmystisches Weltbild fand in der psychedelischen Erfahrung, die ihn an eine ähnliche Kindheitserfahrung in der Natur erinnerte, Bestätigung. Mystische Erfahrung und Naturwissenschaft schließen sich nicht einander aus, sondern ergänzen sich. Das Wunder der Schöpfung wird in Anbetracht naturwissenschaftlicher Beschreibung keineswegs kleiner, sondern größer. Und letztlich ist jeder Einzelne Schöpfer eines eigenen Universums, erwacht doch in ihm erst in einzigartiger Weise das ganze Wunder dessen, was ist. In Anbetracht der teilweisen

Wissenschaftsfeindlichkeit in den alternativen Szenen der 60er ist es schon eigenartig, dass gerade Albert Hofmann und seine bedeutende Stimme alle Irrungen und Wirrungen überdauert hat. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass er nun mal nicht zu den radikalen Psychonauten gehört, die exzessiv und hochdosiert konsumierend, verständlicherweise dementsprechend bizarre Botschaften aus dem Jenseits ihrer Erfahrungen mitbrachten und bringen, aber das ist auch gut so. So steht Albert Hofmann für das, was Psychedelika vernünftig eingesetzt in einer ideal(isiert?)en Gesellschaft sein könnten: Wissenschaftliche, therapeutische und sakramentale Hilfsmittel um ein glücklicheres Leben in Einklang mit der Natur zu führen. Tatsache ist aber, auch wenn man sich den sozusagen von einer weisen Elite kontrollierten Gebrauch wünschen mag, dass der psychedelische Geist längst aus der Flasche ist. Er steht den Menschen überall wild, frei und ungezwungen zur Verfügung. Was man daraus macht, obliegt letztlich jedem Einzelnen. Wer nun neugierig auf Albert Hofmann geworden ist, oder als Fan von seinem philosophischen Werk, insbesondere von „Einsichten Ausblicke“, nicht genug von ihm kriegen kann, dem schenken Roger Liggenstorfer (Nachtschatten-Verlag) und der Journalist Mathias Broeckers („Hanf“) mit „Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD. Auf dem Weg nach Eleusis.“ einen schönen Band, der sieben Texte von Hofmann selbst enthält, obendrein ein aufschlussreiches Interview, das die Herausgeber im August 2005 mit ihm geführt haben, zahlreiche Fotos aus seinem Familienalbum, sowie Essays von Myron Stolaroff (Autor von dem Meisterwerk „Thanatos to Eros“!), Ralph Metzner (psychedelisches Urgestein), Günter Amendt (dem Erfrischenden), Wolf-Dieter Storl (dem Anregenden), Jonathan Ott (dem Visionären), Christian Rätsch (no comment;-) und Claudia Müller-Ebeling (über Künstler und LSD!) und der Herausgeber selbst. Ein Veröffentlichungsverzeichnis ergänzt das Ganze. Eine gelungene stimulierende und wertvolle Hommage.

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Mathias Broeckers/ Roger Liggenstorfer (Hrsg.)
„Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD.
Auf dem Weg nach Eleusis.“
Lizenzausgabe für AT Verlag, Baden
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2006
Geb.; 143 S., 18 SW-Foto-Seiten
ISBN 3-03800-276-3

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Rezension DJ Elbe – Sand Pauli

HanfBlatt Nr. 109

 

Kernige Hammond-Riffs treffen auf Electro-Pop, Sitar-Anmutungen auf fluffige Elektronica, satte Baselines auf die Wellenlänge eines Strandtages. Handfest-sphärisches aus der Hansestadt Hamburg. Der Mann der tausend Namen (Meyerman, Elfenmaschine, DJ Kekse), Sven Meyer vom Hamburger Hanffest, seine Bands und Projekte spülen den Sound des neuen Jahrtausends durch die Ohren. „Sand Pauli“ lässt uns im mühelos-anregendem Raum zwischen Retrospektive und Futuristik liegen lernen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Dahintreiben und trotzdem wach sein. Man kann es Mind-Elevating nennen, besser passt vielleicht „innerer Tidenhub“. Eine kuschelige Synthese aus den klassischen Instrumenten der analogen Ära und den charmantesten Sounds aus den Electro-Welten. Maritime Hamburger Contenance melangieren mit indischer Bollywood-Spiritualität und der Sanftheit eines sonnigen Gemüts. Die Scheibe klingt ein wenig so, als ob Udo Lindenberg schon in den 70er den Alkohol abgeschwört hätte und während seiner damaligen Reise nach Indien zusammen mit Hark Bohm und einem bekifften Horst Janssen für eine Jam-Session ins Studio in Bombay gegangen wäre.

 

 

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Rezension Bommi Baumann: Rausch und Terror

HanfBlatt Nr. 117

Bommis innerer Terror

Wer nur grünen Tee und ab und zu eine Sportzigarette gewöhnt ist, der sollte dieses Buch mit Vorsicht genießen. Nüchternheit sollte man nicht erwarten. Der heute 61-jährige Michael „Bommi“ Baumann führt den Leser auf einen schmalen Grad. Auf der einen Seite liegen die vehement beschriebenen Abgründe seiner Drogensucht und seines Persönlichkeitszerfalls, auf der anderen Seite faszinierenden Reiseberichte aus dem Afghanistan der 70er Jahre und die zeitweise erhellende Analysen der damals entstandenen und bis heute herrschenden Drogenökonomie. Baumann war einer der Mitbegründer des „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Der Name war eine Verballhornung von Mao’s Traktat „Über die Mentalität umherschweifender Rebellenhaufen“ und zugleich eine ironische Abgrenzung gegenüber der stark politisierten Studentenbewegung. Es folgten die befreienden 68er, später die Zeiten des Terrors. 1981 wurde er in London verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Mediales Interesse konnte Baumann mit seinem 1975 erschienenen und verbotenen Buch „Wie alles anfing“ auf sich ziehen. Nun hat er mit „Rausch und Terror“ die Fortsetzung geschrieben.

„Mit Drogen wollten wir eine neue Sensibilität erreichen. Sie wurden als Vehikel zur Bewusstseinsveränderung gesehen und damit auch zur Veränderung der eigenen Persönlichkeit und der Umwelt. »Wenn Nixon auf LSD gewesen wäre, hätte er niemals den Vietnamkrieg geführt«, war eine weit verbreitete Haltung.“ Baumann beschreibt, wie er als Mitglied der fröhlichen Kiffer-Szene trotz Bewusstseinsveränderung und politischen Engagements den Weg der Selbstzerstörung einschlägt. Das aufgeklärte Denken vieler Menschen damals betraf die gesellschaftlichen Verhältnisse, umfasste aber nicht Wirkmächtigkeit verschiedener Drogen. So wurde damals kaum ein Unterschied gemacht, genommen wurde, was da war: Cannabis, LSD, Rohopium, Morphium, später Heroin. Stoned-Marxismus und Steine werfen auf LSD. Baumann weiß beredt vom Orientalisten Rudolf Gelpke, dem Knast, dem sagenumwobende Hippie-Treck nach Afghanistan und dem Haschisch-Schmuggel zu berichten. Profund analysiert er die verschiedenen Arten des Opiumkonsums und schildert Land und Leute. Das fesselt. Lange hielt er sich in der Region auf, die heute im Fokus militärischer Interessen steht, die Tribal Areas zwischen Afghanistan und Pakistan. Diese Insiderwissen ist wertvoll, Baumann zieht seine Schlüsse. Der „Krieg gegen den Terror“ ist aus seiner Sicht eine Verlängerung und Verschärfung des Ende der 60er begonnenen „Krieges gegen die Drogen“. Das Ergebnis ist ein System der Kontrolle, das politische und ökonomische Interessen unter dem Deckmantel humanistischer Aktionen versteckt. Indirekt bewachen die NATO-Truppen die Opiumplantagen in Afghanistan, denn die Karsai-Regierung ist nachweislich in den Handel verstrickt. Der Bruder des Präsidenten gilt als größter Dealer des Landes.

Sein Fazit daher: Alle Drogen legalisieren, denn sonst wird es nur noch schlimmer. Aber je länger man in dem Buch liest, umso erschreckender wird der mental-körperliche Abstieg Baumanns deutlich und umso mehr verwischen sich sein Erleben und seine Analysen. Irgendwann ist unklar, welcher Trip da geritten wird. Sollte es wirklich die Drogen und das „Turn On, Tune In, Drop Out“ statt der Revolutionäre gewesen sein, das den Westen der 60er Jahre umgekrempelt hat? Das ist doch eine arge Verkürzung der Geschichte. Baumanns Verdienst ist es gleichwohl, den Blick für die Zusammenhänge von Rausch und 68er-Bewegung neu geschärft zu haben. Von daher ist das berauschte Buch mehr zu empfehlen als viele der dicken Wälzer in politikwissenschaftlichen Seminaren, die nüchtern die Zeit der außerparlamentarischen Opposition abhandeln.

 

Bommi Baumann: Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht.
Berlin: Rotbuch 2008
ISBN: 3867890366
256 Seiten, Broschiert
EUR 17,90

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Rezension zu Fellner/Unterreiner: Morphium, Cannabis und Cocain

HanfBlatt Nr. 120

Sissy auf Koks

Um 1900 waren Präparate auf Basis der Bedeutendsten der heute als Rauschgift verteufelten Substanzen wie Cannabis indica, Cocain, Opium, Morphium, Codein und Heroin gebräuchliche Medikamente. Ein Opiumgesetz gab es noch nicht. Campher, Coffein und Strychnin kamen als Stimulanzien zum Einsatz. Mildere pflanzliche Beruhigungsmittel wie Hopfen und Baldrian gehörten ebenso zum Repertoire wie Nachtschattenalkaloide und schlichtweg toxische Mixturen auf Quecksilber- und Arsen-Basis. Selbstverständlich wurde in Adelskreisen fleissig konsumiert, litt man doch nicht nur unter allerlei psycho- und somatischen Wehwehchen, sondern unter schweren Erkrankungen wie der verbreiteten Tuberkulose (TBC) und diversen Geschlechtskrankheiten, insbesondere der Geißel Syphilis. Diese infektiösen Krankheiten waren in der Prä-Antibiotika-Zeit praktisch kaum heilbar und führten zu Siechtum und frühem Tod. Die Rezeptbücher der Apotheke des Wiener Hofes der K.u.K.-Monarchie der Habsburger geben einen Einblick in die Verschreibungspraxis der damaligen Zeit, zumindest was die Rezepturen der reichen Elite betrifft. Den Autorinnen Sabine Fellner und Katrin Unterreiner ist es gelungen an Hand von diesen ergänzt durch umfangreiche Recherchen ein spannend zu lesendes pharmaziehistorisches Sittenbild dieser Zeit zu zeichnen.

Fünf Prominenten sind dabei eigene Kapitel gewidmet: Erzherzog Otto, der Quecksilber gegen seine Syphilis einsetzte, aber auch homöopathisch Cannabis nahm; Kronprinz Rudolf, der Morphium zur Linderung seines Trippers bekam, aber auch Cocain (so wie Kronprinzessin Stephanie); Kaiser Franz Joseph, der das beliebte Hustenmittel Codein konsumierte und sonst Einiges mehr; der legendären Sissy, Kaiserin Elisabeth, die in ihrer Reiseapotheke über eine eigene Spritze verfügte, mit der sie sich Cocain gegen ihre Melancholie zu injizieren pflegte und auch Hustenpulver auf Cannabis indica-Basis nicht verschmähte; Erzherzog Franz Ferdinand der nicht nur Cocain nahm, sondern auch allerlei Opiate gegen seinen chronischen Husten, darunter Heroin.

Lediglich ein paar besserwisserische Anmerkungen, die den hohen Unterhaltungswert des vorliegenden Werkes nicht schmälern können, seien hier erlaubt: Dass Cannabis indica im 19. Jahrhundert „in erster Linie zur Behandlung von Appetitlosigkeit“ (S.113) verwendet wurde, müsste belegt werden. (Maßgeblich ist hier Manfred Fankhauser mit seinem großartigen Meilenstein „Haschisch als Medikament“, der nicht auf diese Indikation gestossen ist.) Sigmund Freud empfahl oral (!) eingenommenes und daneben subkutan injiziertes Cocain. Die „intravenöse“ und die „intranasale“ Applikation waren zu seiner Zeit (1884) noch nicht etabliert (S.117).

Dass der karrieregeile „Wiener Quacksalber“ (so Han Israels) seiner damaligen Verlobten im Nachhinein vorwarf, sie sei Schuld, dass er nicht schon in jungen Jahren als Entdecker der Lokalanästhesie berühmt geworden wäre, wurde als Lüge entlarvt (Han Israels „Der Fall Freud“, sehr zu empfehlen). Demnach hatte Freud selbst die Verantwortung für sein damaliges Handeln zu tragen (S. 119). Aber vielleicht wäre der Menschheit so eine der großen Pseudo-Wissenschaften, die Psychoanalyse, erspart geblieben. Die Shen-Nung-Datierung ist fragwürdig wie eh und je (S. 174). Pemberton benutzte für die Ur-Coca Cola Cocablätter- und Colasamen-Extrakt und nicht Cocain (das damals verhältnismäßig teuer war) und Coffein als Reinsubstanzen (S. 176). Und der Name des Entdeckers des möglicherweise mit dem etwas später isolierten „Cocain“ identischen „Erythroxylin“s (1855), des Pharmazeuten Dr. Friedrich Gaedcke (1828-1890), wird verbreitet gerne falsch geschrieben (S. 175).

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Sabine Fellner/Katrin Unterreiner
„Morphium, Cannabis und Cocain.
Medizin und Rezepte des Kaiserhauses.“
Amalthea Signum Verlag, Wien 2008
Geb. mit Su., 192 S., 11 Abb.
ISBN 978-3-85002-636-9

 

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Rezension Jens Förster: Kleine Einführung in das Schubladendenken

HanfBlatt Nr. 113, März 2008

Schubladendenken

Mädchen rechnen schlechter als Jungen und Blondinen sind blöd. Das sind reine Vorurteile, aber sie wirken seit Jahren. Der Sozialpsychologe Jens Förster hat untersucht, wie solche Vorurteile unser Leben beeinflussen. Das Buch ist eine kleine Sensation: Anekdoten mischen sich mit wissenschaftlichen Fakten, Witze leiten über zu komplexen Analysen. Jeder kann sich angesprochen und ertappt fühlen. Das allzu menschliche wird gefeiert, beweint, auseinander genommen und wieder zusammengesetzt. Gleichzeitig kommt Förster nie oberlehrerhaft daher, vielmehr stellt er sich dem Leser – ausweislich seiner Biografie, beispielsweise singt der Professor nebenbei am Weimarer Nationaltheater – als gänzlich unprätentiösen Zeitgenossen an die Seite.
Vorurteile sind ein so umfassendes Phänomen, dass sie irgendeinen Sinn haben müssen. Förster fasst die Forschung zusammen und sagt: ohne Vorurteile können wir die Welt gar nicht erfassen und wir könnten uns selbst nicht als Mensch definieren. Warum? Weil wir die Welt sekundenschnell begreifen müssen, dabei helfen uns grobe Kategorisierungen. Ein Schwuler? Der hat Geschmack!

„Ein Vorurteil ist ein Urteil auf Grund einer vorgefertigten Einstellung gegenüber Mitgliedern einer Gruppe, die man nicht genügend kennt“, definiert Förster. Derartige Schubladen erlauben es, sich von bestimmten Gruppen abzugrenzen und damit eine eigene Identität zu entwickeln. Die Kehrseite der Medaille: Vorurteile begünstigen diskriminierendes Verhalten und neigen dazu, sich selbst zu bestätigen. Wenn beispielsweise Lehrer vorab die Information erhalten, dass Dieter klug und Elke dumm ist, wird Dieter plötzlich zu einem guten Schüler und Dieter bekommt schlechtere Noten – auch wenn es eigentlich Elke ist, die mehr auf dem Kasten hat. Fazit: Trotz der vielen Alltagsbezüge und munteren Sprache kein Buch, das man in einem Rutsch begreift. Aber die Mühe des zweimaligen Lesens lohnt sich.

Jens Förster: Kleine Einführung in das Schubladendenken. Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils.
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
2. Auflage, München 2007, DVA
ISBN-10: 3421042543
EUR 16,95

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Thomas L. Friedman will beschreiben, wie sich der Westen auf die Globalisierung einstellen muss

Achtung, Flachland!

Thomas L. Friedman will beschreiben, wie sich der Westen auf die Globalisierung einstellen muss

Über ein Jahr lang stand ein Werk von Thomas L. Friedman auf der Bestsellerliste der New York Times, es wurde in 25 Sprachen übersetzt, jetzt ist es auf deutsch erschienen: „Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts.“ Die These: Durch die Kommunikationstechnologien ist die Welt eine Scheibe geworden, auf der heute jeder Mensch und jedes Unternehmen zu gleichen Bedingungen agieren kann. Die Frage sei nur, wer preiswerter ist. Friedman unterfüttert seine Beobachtung von der Einebnung der Weltwirtschaft mit zahlreichen Beispielen und Anekdoten, allesamt flüssig zu lesen, ein Plauderton durchzieht das Werk.

Für eine ganze Reihe von in diesem Jahr veröffentlichten Büchern ist die Rezeptvorlage folgende: Zunächst etwas Globalisierungsgemüse in ungeklärter Effektbutter anschwitzen, dann mit 20 Seiten Expertenbrühe anreichern. In diesem Saft das gut abgehangene Wesen eines menschlichen Individuums bei lauer Temperatur auf seinen ökonomische Zusammenhänge reduzieren. Schon während des Kochens kräftig mit Prozessorkraftbrühe und Internetkraut würzen. Zum Abschluss einen Viertelliter Bildungsreformsahne zugeben und möglichst heiß servieren.

Sein Ruf als Kolumnist der New York Times und Pulitzer-Preisträger öffnete Friedman Türen zu Bill Gates, Colin Powell, Google, Wal-Mart, der japanischen DoCoMo und indischen Callcentern, die Anrufe aus den USA abarbeiten. Friedmans Mentor ist der indische Software-Millionär Nandan Nilekani, Infosys, der seit Jahren darauf hinweist, dass eine Revolution läuft, von der die Europäer nichts merken.

Denn tatsächlich: Alle Dienstleistungen, die nicht an einen Raum gebunden sind und online verschickt werden können, lassen sich überall auf der Welt ausführen. Englische Steuererklärungen werden so immer öfter in Bangalore, fMRI-Aufnahmen in Bombay analysiert. Indien und China sind in dieser Hinsicht die großen Herausforderungen für die USA und Europa. Seit Mitte der 90er Jahre stehen, zählt man die geöffneten lateinamerikanischen Märkte dazu, nicht nur 3 Milliarden neue Konsumenten, sondern auch 1,5 Milliarden arbeitswillige und teilweise hochqualifizierte Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt.

Das alles ist so neu nicht und auch der notorische Optimismus der Autoren jenseits des Atlantiks ist bekannt. So wurde Friedman schon als „Cheerleader der Globalisierung“ bezeichnet. Interessanter ist das gewagte Manöver, das er, ausgehend von seinen vielfältigen Beobachtungen in allen Teilen der Welt (sieht man mal vom afrikanischen Kontinent ab), vollführt, um zu einer These zu gelangen, die höchst umstritten ist: Der Globalisierung ist mit Optimismus zu begegnen, denn sie bringt Wachstum, persönliche Freiheit, sie überwindet Armut und Krieg.

Wer von Globalisierung spricht, so viel sollte auch Friedman klar sein, ohne religiöse Phänomene und aufkeimenden Nationalismus zu erwähnen, der hat das Thema verfehlt. Interessanter als die Litaneien vom Ende des Sozialstaats wäre es, wenn Friedman das Konfliktpotential zumindest erwähnen würden, das im Aufstieg von China und Indien zu Großmächten des 21. Jahrhunderts liegt. Vielleicht wird die Welt flacher, aber wird sie damit automatisch friedlicher?

Aber Friedman ergeht sich lieber im Voraussagen einer rosigen Zukunft: „Wenn Indien und China sich weiterhin in Richtung freie Marktwirtschaft bewegen, wird die Welt nicht nur flacher, sondern meiner Überzeugung nach auch wohlhabender werden denn je.“

Die Kur für den maladen Westen hat Friedman ebenfalls parat: Zum einen muss „horizontales Denken“ geübt werden, was nichts anderes als die Wiederaufnahme des Slogans von den „flachen Hierarchien“ ist. So beginnt er auf S. 261: „Angenommen, ich bin als General im Irak eingesetzt und wünsche mir bessere Echtzeit-Aufklärung über Kampfvorgänge.“ Friedman hat keine Berührungsängste und legt den Militärs horizontal geeichte Handlungsoptionen zu Drohnensteuerung ans Herz.
Zum anderen müsse die Jugend durch bessere Bildung fit für den Kampf um globale Marktanteile gemacht werden. Anders formuliert: Sie muss sich stromlinienförmig in die Wertschöpfungskette einreihen.

Nur selten schimmert in dem Buch eine Idee vom Leben abseits ökonomischer Zwänge durch, beispielsweise, wenn er den ehemaligen IBM-Mitarbeiter John Swainson zitiert, der den Kontakt zur Open-Source Gruppe herstellte, die in den 90er Jahren den Apache Web-Server entwickelten. „An Geld waren die Leute von Apache nicht interessiert“, wunderte sich Swainson, „sie wollten den bestmöglichen Beitrag zu ihrem Projekt“.

Friedman hält sich lieber an Bill Gates, den er ein paar Seiten später zitiert: „Eine Bewegung, die den Standpunkt vertritt, Innovationen sollten keinen ökonomischen Gewinn abwerfen dürfen, steht im Widerspruch zur Entwicklung der Welt.“ Friedman umgeht durch das Buch hinweg die Beantwortung der Anschlussfrage: Von welcher Welt reden wir? Eine Antwort kann sein: Es ist eine Welt des Fressen oder gefressen werden.

Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Friedmans Beschreibung globaler Wirtschaftsphänomene wichtige Ansatzpunkte für die Diskussion liefert, wohin die Globalisierung führen kann. Bislang aber, und das will Friedman nicht sehen, sind vor allem die global agierenden Konzerne die Gewinner dieses Spiels mit Umweltressourcen und Arbeitskräften. Dass die sogenannten Entwicklungsländer über die Globalisierung am Reichtum des Westens partizipieren ist richtig. Die offene Frage ist aber, ob durch Globalisierung nicht nur der Wunsch, sondern auch die Möglichkeit einer gerechteren Verteilung von Reichtum entsteht.

Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach
Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts
720 Seiten, Gebunden
Suhrkamp Verlag
Euro 26,80

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Rezension Henrik Jungaberle/Peter Gasser/Jan Weinhold/Rolf Verres (Hrsg.) „Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA.

HanfBlatt Nr. 122

Psycholytische Therapie

Der Weg an die Pfründe von Staats-, Kranken- und Rentenkassen erfordert bürokratisches Engagement, einen Anstrich von wissenschaftlicher Seriosität, eine scheinbare Objektivierbarkeit der Ergebnisse mit dem zumindest langfristigen Versprechen relativer Kostenersparnis für den Kostenträger und die Bereitschaft zu Dokumentation nach internationalen Standards und bevormundender Kontrolle durch die Behörden.

Da hört für Viele der Spaß bereits auf. Dennoch ist es zahlreichen Therapeuten hierzulande (notgedrungen) gelungen unter dem Deckmantel „Psychotherapie“ ihre Finanzierung zu gewährleisten und auch irrationale und in ihrer Wirksamkeit durchaus fragwürdige Vorgehensweisen, Methoden und Richtungen (unter der Hand) beizubehalten, wenn nur vor den Behörden der Rahmen des Anerkannten und die Berichterstattung stimmen. Bei schwerwiegenden psychischen Krisen gilt ohnehin die psychiatrische Behandlung mit ärztlich verschriebenen Psychopharmaka als Lösung erster Wahl.

Bei der Psychotherapie mit Hilfe psychoaktiver Substanzen vom Typ des LSD/Psilocybin (der klassischen Psychedelika) und des MDMA (der Empathogene) tut man sich auf Grund deren Gebrauchsgeschichte besonders schwer. In Folge der Hippiewelle mit ihrer Fetischisierung des Psychedelika-Gebrauchs in den Sechzigern wurden diese weltweit geächtet und einer Prohibition unterworfen, die ihre wissenschaftliche Erforschung und therapeutische Nutzung erschwerte bis verunmöglichte. Ähnlich erging es den Empathogenen mit dem archetypischen MDMA, das als „Partydroge Ecstasy“ in den Achtzigern Furore machte.

Historisch gesehen, ist der Einsatz der Psychedelika durchaus kritisch zu betrachten: Sie wurden über die Jahrtausende sowohl im Rahmen heilender schamanischer Rituale und von Initiationsriten, wie auch profanisiert im Alltag und selbst bei Menschenopfern eingesetzt. Die moderne medizinische Wissenschaft interessierte sich für sie zunächst als Hilfsmittel zur Simulation und zum besseren Verständnis von Geisteskrankheiten, sowie zur Erforschung psychischer Prozesse, auf der Seite von KZ-Ärzten, Militärs und Geheimdiensten als Wahrheitsseren, Folterinstrumente und Psychokampfstoffe. Erst in den Fünfziger Jahren begann man den therapeutischen Nutzen von durch sie induzierten grenzüberschreitenden spirituellen Erfahrungen und des intensivierten Zugangs zum Unbewussten zu erkennen und systematisch zu untersuchen. Die ersten Ergebnisse waren durchaus vielversprechend. Dann kam die Forschung durch die Prohibition in Folge massenhaften unkontrollierten Gebrauchs abrupt zum Erliegen. Substanzunterstützte Therapieansätze wurden in den Untergrund gedrängt.

In der Schweiz war es von 1988 bis 1993 einer kleinen Gruppe psychiatrisch und psychotherapeutisch ausgebildeter Ärzte (im Rahmen der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie = SÄPT) erneut möglich, Substanz-unterstützte Psychotherapie, wie sie es nannten, vor allem mit MDMA und LSD zu leisten. Der vorliegende Band ist Output dieser Arbeit.

Wie schon in den Sechzigern beobachtet, scheint es auf Seiten der Therapeuten einen gewissen Ausflippfaktor in Richtung Guruismus zu geben. Die Intensität und vermeintliche Wahrhaftigkeit eigener Erfahrungen und die Suggestibilität für Interpretationen, die Manipulationswilligkeit und Verschmelzungswünsche auf Klientenseite scheinen dies zu begünstigen. Auch einer der Schweizer Therapeuten (Samuel Widmer) wandelte ab auf den esoterischen Pfad und gründete seine eigene Psychosekte. Dass er in seinen Büchern auch noch das Inzesttabu thematisierte, liess Kritiker aufhorchen. Vereinzelte Todesfälle in Folge unvorhergesehener Drogenwirkungen im Rahmen leichtfertig praktizierter „Psycholytischer Therapie“, wie zuletzt bei einem seiner Jünger im September 2009 in Berlin, sind nicht nur tragisch für die unmittelbar Betroffenen, sondern bringen die gesamten Anstrengungen, die gesundheitspolitischen Bedingungen zu schaffen, das mögliche Potential dieser Substanzen professionell zu nutzen öffentlich in Miskredit.

Was außerdem alte Psychedeliker ärgern mag: Obwohl die geistig-moralische Unterstützung für diese umstrittenen therapeutischen Hilfsmittel jahrzehntelang besonders aus eben diesen Althippie-Kreisen stammte, bemüht man sich derzeit (zumindest bei MAPS, Rick Doblins herausragend engagierter „Multidisciplinary Association of Psychedelic Studies“) um eine Distanzierung von dieser Szene und ihrer inoffiziellen Neigung zu selbstbestimmten Gebrauch unabhängig von der aktuellen Gesetzeslage. Man ist vor staatlichen Stellen auf Teufel komm raus und allen Unkenrufen zum Trotz um den Anschein von Seriosität bemüht und lockt mit dem Angebot einer schnell wirkenden preiswerten Instant-Therapie in ansonsten hoffnungslosen Fällen. So wundert es nicht, dass man kriegstraumatisierte US-amerikanische und israelische Soldaten als potentielles Klientel anpreist und sich über diese Schiene finanzielle Unterstützung, sowie wissenschaftliche und rechtliche Fortschritte verspricht.

In dem vorliegenden Werk jedenfalls kommen neben den Herausgebern eine ganze Reihe, der derzeit für die Erforschung der Substanz-unterstützten Psychotherapie wichtigen Personen zu Wort (Scharfetter, Vollenweider, Oehen, Hermle, Passie, Dürst, Mithoefer, Hämmig, Grob, Hess, Styk, Doblin, Davis und Grof). Es ist somit eine Fundgrube aktueller Kenntnisse und Ansichten und ein unverzichtbares Grundlagenwerk für jeden an dieser gegenwärtig unter kritischem Beschuss stehenden Therapierichtung Interessierten.

Henrik Jungaberle/Peter Gasser/Jan Weinhold/Rolf Verres (Hrsg.)
„Therapie mit psychoaktiven Substanzen.
Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA.“
Verlag Hans Huber, Bern 2008
Kart., 422 S., 15 Abb., 27 Tab.
ISBN 978-3-456-84606-4
36,95 Euro/ 62,- SFr

 

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Rezensionen

Rezension Andreas Rosenfelder- Digitale Paradiese

HanfBlatt Nr. 113, März 2008

Computerfreak

Computerspiele waren über Jahrzehnte der Inbegriff purer Zeitverschwendung: Wer sich in digitalen Labyrinthen und Katakomben herumtrieb, verabscheute Frischluft, hatte keine Freunde und verdarb sich mit Monsterjagd und Punktesammeln das Gehirn. Diese Sicht hat sich geändert.
Andreas Rosenfelder gräbt sich in die Matrix und nimmt den Leser mit auf seine Tunnelfahrt durch die junge Kulturgeschichte der Games und die wichtigsten Spieletitel der letzten 30 Jahre. Der belesene Autor besucht einige Spieleschmieden und Games-Conventions auf der Welt, führt in die Zusammenhänge von normaler und virtueller Welt ein und knüpft immer wieder an literarische Vorbilder an, zitiert die Griechen und Montesquieu. Entwicklerstudios in der Ukraine, E-Sport-Olympiaden auf italienischen Formel-1-Strecken und Gamer-Expeditionen an die historischen Strände der Normandie: Die Orte wechseln, der Gamer bleibt.

Rosenfelders Unterfangen wird schon nach ein paar Seiten deutlich: Er möchte die PC- und Konsolenspiele auf die gleiche Stufe wie die literarische und cineastische Hochkultur heben – und überspannt dabei teilweise den Bogen. Denn anstatt systemstabilisierenden Effekten den Grund zu gehen oder in der Tiefe zu erläutern, warum Gamer zocken, plaudert Rosenfelder über Spielszenen, Polygone und Texturen und feiert die teilweisen dünnen Storys als „vollkommenen Zusammenfall von Ästhetik und Politik“.

Der Buchtitel „Digitale Paradiese“ spielt natürlich auf Baudelaires „Künstliche Paradiese“ an. Aus Rosenfelders Sicht sind diese Paradiese „rauschhafte Inselwelten, Gegenwelten zum durchorganisierten Alltagsleben“, anders gesagt: Fluchtorte. Aber alles wovor man flieht, das arbeitet Rosenfelder schön heraus, ist in den Spielen in veränderter Form wieder da: Arbeit, Leistung, Druck, Konkurrenz. Nur halt in verzauberter Form, was die bekannten Alltagseigenschaften wieder spannend macht. In den Phasen, wo Rosenfelder diesen Phänomenen nachspürt, ist das Buch besonders stark. Schön wäre gewesen, wenn er Baudelaires Titelvorgabe noch ein Stück weiter gefolgt wäre. Denn der französische Dichter sah in den künstlichen Paradiesen ja eben nicht nur Fluchtorte, sondern eine geheimnisvolle, aufblitzende Gegenwart der Ewigkeit. Diesen rauschhaften Aspekt der Games vernachlässigt Rosenfelder. Trotzdem ist das Buch ein ansprechendes Protokoll einer einsichtsvollen Entdeckungsreise. Wer sich von der hochtrabenden Sprache, die das einfach oft kompliziert ausdrückt, nicht abschrecken lässt, der erhält einen farbgewaltigen Einblick in eine der wichtigsten Kulturindustrien des 20. und 21. Jahrhunderts.

Andreas Rosenfelder: Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele.
Broschiert: 192 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2008
ISBN-10: 3462039555
8,95 EUR