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GINSENG – EIN STECKBRIEF DER PFLANZE UND IHRER WIRKSTOFFE


Erschienen im HanfBlatt 2002

GINSENG – STECKBRIEF

Die Pflanze

Wenn von Ginseng die Rede ist, ist meist der Koreanische Ginseng, botanisch Panax ginseng, gemeint. Dessen mitunter menschenähnlich aussehende Wurzel stellt das in Ostasien seit Jahrtausenden begehrte Heilmittel dar. Die Pflanze selbst ist ein bescheidener kleiner mehrjähriger Strauch, der sich nur sehr langsam entwickelt, im Winter seine wenigen Blätter verliert, erst ab dem dritten Jahr seiner Existenz blüht und dann meist nur einen Stand mit roten Früchten entwickelt, deren Samen wiederum Monate zum Keimen benötigen.

Vorkommen

Wild wächst Ginseng im Unterholz schattiger Wälder in den Bergen Koreas und in der Mandschurei. Mittlerweile sind wilde oder aus früherem Anbau verwilderte Ginsengpflanzen so selten geworden, daß besonders für Wurzeln alter Pflanzen sehr hohe Preise bezahlt werden.

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Grower Area

Growing Area

Growing Area

Und es wart Licht

Und anschliessend Trocknen

Aufbau einer kleinen Grow-Location: Insider-Tipps für Aktivisten

 

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Drogenpolitik Psychoaktive Substanzen Specials

Das Dilemma mit den neuen „Designerdrogen“

AM RANDE DER LEGALITÄT

Der Begriff „Designerdrogen“ ist ja schon an sich fragwürdig. Man versteht darunter gemeinhin psychoaktiv wirksame noch legale chemische Substanzen, die von „Underground-Chemikern“ in der Absicht entwickelt, „designed“ wurden, bestehende Drogenverbote, bei uns also das Betäubungsmittelgesetz, zu umgehen und sich damit einer effektiven Strafverfolgung zu entziehen. Nun wurden aber die meisten der sogenannten „Designerdrogen“ zuerst im Rahmen ganz legaler Forschung in Laboren der pharmazeutischen Industrie oder von Wissenschaftlern an Universitäten entwickelt. „Underground-Chemiker“ brauchen nur in der einschlägigen Fachliteratur nachzuschlagen, um auf die Synthesewege potentiell psychoaktiver Substanzen zu stossen. Zugegeben, nicht zuletzt inspiriert durch die beiden von dem amerikanischen Chemiker Alexander Shulgin und seiner Frau Ann vorgelegten Meilensteine „Pihkal“ und „Tihkal“, Bücher, in denen Synthese und Wirkungen zahlreicher Phenyläthylamine und Tryptamine detailliert beschrieben werden, machen sich vermehrt Chemiekundige an die Synthese und Entwicklung noch rarer oder gar neuer „Psychodelikatessen“.

In grossem Masstab wird aber vor allem das produziert, was der Markt bereits verlangt, und das sind in erster Linie Amphetamin („Speed“), LSD („Acid“) und MDMA („XTC“). Die dem MDMA in Chemismus und Wirkung nahestehenden aber nicht so beliebten Substanzen (MDA, MDE, MDOH, MBDB, BDB), die am ehesten der Vorstellung von „Designerdrogen“ entsprechen, da sie in grossen Mengen als „Ecstasy“ verkauft wurden und zum Teil noch werden, sind mittlerweile alle dem deutschen Betäubungsmittelgesetz (BtmG) unterstellt.

Zwei Substanzen, die 1998 in holländischen Smart-Shops auftauchten, wurden noch im selben Jahr in die strengste Stufe Anlage 1 (nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel) des BtmG aufgenommen.

2-CT-2 trat an die Stelle des 1997 in den Niederlanden verbotenen Sinnesverstärkers 2-CB. Der Amsterdamer Avantgarde-Smart-Shop „Conscious Dreams“ brachte, mutig wie immer, 2-CT-2 in weissen Tabletten zu 8 Milligramm, je zwei zu 25 Gulden, 3 zu 35 Gulden auf den Markt. Es handelt sich dabei um ein recht lang wirkendes leicht psychedelisches Phenyläthylamin, das bei den meisten Konsumenten keine allzugrosse Begeisterung auslöste, weil eine stärker stimulierende Komponente fehlte und oft Schwummrigkeit und eine gewisse Übelkeit besonders zu Beginn der Wirkung das Erleben beeinträchtigen.

2-CT-2
2-CT-2

Der Arnhemer Konkurrent „The Shamen“ schickte 4-MTA ins Rennen, ein Amphetamin-Derivat, dessen Wirkung an „Ecstasy“ erinnern sollte. Die Substanz fand deshalb schnell ihren Weg in die britische Club- und Rave-Szene. Viele Konsumenten beklagten allerdings einen fehlenden „Peak“ und legten nach, was zu mehreren Todesfällen geführt haben soll. Die Substanz entpuppte sich als voreilig auf den Markt geschmissen und im Vergleich zur Wirkung mit einem hohen gesundheitlichen Risiko behaftet.

Nicht gerade neu, aber dafür bei uns nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt, ist Dextrometorphan, kurz DXM, ein Opiat, dass in rezeptfrei in der Apotheke käuflichen Hustenmitteln enthalten ist. In entsprechender „Überdosis“ (100 bis 250 Milligramm) wirkt es enthemmend und wahrnehmungsverändernd. Höhere Dosierungen wirken zunehmend halluzinogen-delirös bis narkotisch. Schon Rosa von Praunheim („50 Jahre pervers“) nahm es in den Sechziger Jahren als noch „Romilar“-Tabletten (die reines DXMHydrobromid enthielten) in Apotheken freiverkäuflich waren. Der „Missbrauch“ führte dazu, dass dieses Präparat in der BRD vom Markt genommen wurde. Manche holländischen Smart-Shops verkaufen die reine Substanz in psychoaktiver Dosis als „Robo“.

Es tut sich ausserdem etwas im nicht ganz so leicht zugänglichen Chemikalienhandel: Einige kleinere Schweizer und Deutsche Chemikalienhändler führen in ihrem Sortiment neuerdings psychoaktive Substanzen aus der Reihe der Tryptamine, die nicht den jeweiligen Betäubungsmittelgesetzen unterstehen. Ähnlich wie zuvor die Händler ethnobotanischer Spezialitäten versuchen sie bestehende Gesetzeslücken zu nutzen und die Zugänglichkeit psychoaktiver Spezereien zu erhöhen. Selbstverständlich werden die entsprechenden Substanzen in keiner Weise zum Konsum angeboten. Im Gegenteil: Vor dem Konsum wird entweder ausdrücklich gewarnt, oder die Kundschaft muss sich gar schriftlich verpflichten, die bestellte Ware nicht in unerlaubter Weise anzuwenden.

5-Meo-DIPT (5-Methoxy-N,N-Diisopropyl-Tryptamin) ist eine dieser Substanzen. In geringen Dosierungen zwischen 6 und 12 Milligramm oral eingenommen wirkt es vier bis acht Stunden lang leicht psychedelisch und emotional öffnend. Ein gewisser Ruf als sinnlichkeits- und hingabeverstärkendes Aphrodisiakum eilt ihm (im Internet) voraus. Jedoch wissen Konsumenten auch von eher umangenehmen Wirkungen wie Übelkeit und Schweissausbrüchen zu berichten. Schon leichte Überdosierungen können zu als ausgesprochen anstrengend empfundenen Rauschzuständen führen. In Form der freien Base kann 5-Meo-DIPT in Dosen von wenigen Milligramm auch geraucht werden. Das „High“ ist dann lediglich ein bis drei Stunden spürbar. 5-Meo-DIPT lässt sich unter Umständen auch psychotherapeutisch einsetzen, z.B. im Rahmen einer psycholytischen Therapie.

DPT
DPT

DPT (N,N-Dipropyl-Tryptamin) zählt zu den besonders eifrig im Internet diskutierten psychedelischen Substanzen. Es wird sowohl oral eingenommen, als auch geschnupft, geraucht und intramuskulär injiziert. Obwohl es schon seit den 60er Jahren bekannt ist und die chemisch nahe verwandten Substanzen DMT und DET seit dieser Zeit dem BtmG unterstehen, blieb DPT bislang von dieser Einschränkung verschont. Dennoch ist kaum etwas über seinen Gebrauch in den letzten drei Jahrzehnten bekannt geworden. Eine obskure New Yorker Sekte „The Temple of the True Inner Light“ benutzt seit Jahren in den U.S.A. unbehelligt DPT als Sakrament. In psychotherapeutischen Kontexten wurde DPT gelegentlich auch bei uns eingesetzt.

Kompliziert wird es für Chemikalienhändler und ihre Kundschaft, wenn eine Substanz beispielsweise in der Schweiz (noch) gehandelt werden kann, während sie in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz untersteht und nicht verkehrsfähig ist, wie dies bei Alpha-Methyl-Tryptamin der Fall ist, das in den 60er Jahren in der UdSSR als langwirkendes Antidepressivum „Indopan“ in Tabletten zu 5 und 10 Milligramm auf dem Markt war und in Dosierungen von 5 bis 20 Milligramm geraucht stimulierende und leicht psychedelische Effekte induzieren soll.

Einige der gehandelten und dem BtmG entgangenen Substanzen sind noch weniger „Designerdrogen“ im obigen Sinne, sondern Naturstoffe in reiner Form, die allerdings meist nicht extrahiert, sondern vollsynthetisch hergestellt werden.

Dazu gehört 5-Meo-DMT (5-Methoxy-N,N-Dimethyl-Tryptamin), das in Dosierungen von 5 bis 20 Milligramm geraucht wird, um auf einen sehr schnell einsetzenden, aber nur zehn bis zwanzig Minuten anhaltenden, ins Innere gerichteten stark energetischen Trip, in der Regel ohne ausgeprägte Farbvisionen, zu gehen. Bekannt geworden ist 5-Meo-DMT als Hauptwirkstoff im rauchbaren getrockneten Sekret der Bufo alvarius-Sonora-Wüsten-Kröte. In zahlreichen Pflanzen wurde es nachgewiesen. Einige von Ihnen werden vermutlich seit Jahrtausenden von südamerikanischen Schamanen als bewusstseinsverändernde Schnupfpulver eingenommen. Andere haben erst in den letzten Jahren als Bestandteil von Ayahuasca-Analogen Bedeutung erlangt. 5-Meo-DMT ist kurzfristig mit der 13. BtmG-Änderungsverordnung, unterschrieben von der Grünen Gesundheitsministerin Andrea Fischer, zunächst befristet für den Zeitraum eines Jahes und wirksam ab Oktober 1999, dem deutschen Betäubungsmittelgesetz unterstellt worden, allerdings unter der Bezeichnung 3-Methoxy-DMT (2-(5-Methoxy-indol-3-yl)-ethyl)-dimethyl-azan).

Harmalin ist ein interessanter antidepressiver, innerhalb von einer halben Stunde und nur vier bis fünf Stunden lang wirkender reversibler Monoaminoxidase (MAO)-Hemmer, der gemeinsam mit dem sehr ähnlich wirkenden Harmin und weiteren verwandten Alkaloiden in hoher Konzentration in Steppenrautensamen (botanisch Peganum harmala), in niedrigerer Konzentration in der Ayahuasca-Liane (bot. Banisteriopsis Caapi) vorkommt. Die Pflanzenprodukte sind viel preiswerter als die Reinsubstanzen und werden seit Jahrtausenden genutzt. Allerdings lässt sich reines Harmalin oder Harmin effektiver dosieren. Üblich ist die Einnahme von z.B. 150 Milligram des Harmalin-Hydrochloridsalzes eine halbe Stunde vor Einnahme anderer Substanzen, um diese erst oral psychoaktiv wirksam zu machen, wie dies bei DMT und DMT-haltigen Pflanzenextrakten der Fall ist, oder aber deren psychedelische Wirkungen zu verstärken, wie dies beispielsweise bei Meskalin und meskalinhaltigen Kakteen oder psiloc(yb)inhaltigen Pilzen der Fall ist.

Die Reinsubstanzen DMT, Meskalin, Psilocybin und Psilocin unterstehen allerdings dem deutschen BtmG, die diese Substanzen enthaltenden Pflanzen und Pflanzenteile seit dem 1.2.1998 mit Hilfe von SPD- und SPD/Grünen-regierten Ländern auch, „wenn sie als Betäubungsmittel mißbräuchlich verwendet werden sollen“, wie es so schön heisst.

Wer allen möglichen, insbesondere den weitgehend unbekannten gesundheitlichen Risiken zum Trotz, den Umgang mit den oben erwähnten (noch) „legalen“ Substanzen beabsichtigt, sollte vorher alle verfügbaren Informationen einholen und sich mit den auf dem aktuellsten Stand befindlichen Gesetzestexten (BtmG, Arzneimittelgesetz, Gefahrstoff-Verordnung, Chemikalien-Verbotsverordnung) vertraut machen und wissen, dass er auf eigenes Risiko handelt. Im Falle des beabsichtigten Handels sollte vorher ein kompetenter Rechtsanwalt zu Rate gezogen werden.

Die Händler lehnen sich in jeder Hinsicht am weitesten aus dem Fenster und begeben sich aufs drogenpolitische Glatteis. Einerseits sind sie Pioniere, die ernsthaft Interessierten die Zugänglichkeit zu psychedelischen und psychotherapeutisch einsetzbaren Sakramenten erleichtern, andererseits leiten sie vielleicht durch eine mögliche Popularisierung das Auge des Gesetzes beschleunigt auf die entsprechenden Substanzen. Letzten Endes lässt sich aber der fatale Antidrogenkrieg eh nicht gewinnen, selbst wenn am Ende alle Chemikalien der Welt in den Anlagen des BtmG erfasst würden.

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Historische Texte

Historische Texte

Cannabis und andere Rauschmittel im Spiegel der Jahrhunderte. Eine Sammlung seltener oder gar bislang verschollener Berichte.

Achille Zo: Le Reve du Croyant

 

Der Riambakultus
Aus einem Vortrag von Franz von Winckel (1890)

Junggesellen und Haschisch
Graf von Baudissin plaudert drauf los (1925)

Die Mysterien des Haschisch
Eine Ode des Ägypten-Reisenden M. Grohe aus dem Jahre 1863

Haschisch und Haschaschin
Ägyptische Skizzen von Ernst Klippel aus dem Jahre 1910

Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
Erfahrungen des Bremer Afrikaforschers Gerhard Rohlfs aus dem Jahre 1866

Das Haschischschmuggel-Museum in Alexandrien
Ein Sittenbild von E. Koller aus dem Jahre 1899

Herba Cannabis
Aus dem „Lehrbuch der Pharmacologie“ (1. Auflage 1856) des Wiener Pharmakologen Carl Damian Ritter von Schroff

Schach matt! mit dem Höllenkraut Haschisch
Eine Skizze von Amand Freiherr von Schweiger-Lerchenfeld (1879)

Ein Haschischrausch im Sommerloch
Artikel von Philipp Berges (ca. 1895)

Haschisch und Unsterblichkeit
Ideen des Königlich Sächsischen Bezirksarztes Dr. Emil Richard Pfaff (1864)

 

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Cannabis Psychoaktive Substanzen

Was Drogentests leisten

HanfBlatt, Juni/Juli 2004

Testlabor: Urin, Schweiß und Tränen

Wie gut weisen Chemo-Schnüffler den Konsum von Drogen nach? Wir wollten es genauer wissen und prüften drei handelsübliche Tests.

So recht will es keiner zugeben, aber der Genuss illegaler Drogen ist in Deutschland weit verbreitet. Haschisch und Marihuana werden von den meisten Menschen unter 30 schon gar nicht mehr zu den Drogen gezählt, mehr noch, in einigen Großstädten ist Marokk so normal wie Becks-Bier. Das Lebensgefühl der 90er, mit der symbolträchtigen Love Parade, ist ohne das Berücksichtigen von Ecstasy nur unzureichend beschreibbar, und wer nur ein wenig Erfahrung hat, der sieht aus den gegerbten Party-Fressen, die uns aus Society-Magazinen entgegen lachen, das starre Lachen des Kokain sprechen. Trotz der Mühen der Prohibitions-Armee aus Therapeuten und Politikern ist Deutschland im Dauerrausch.
Das große Tabu heißt: Drogen machen Spaß. Da sind die Spaßbremsen nicht weit, und Betriebe, Polizei und besorgte Eltern suchen nach Möglichkeiten der Substanzrecherche. So erleben Drogentests eine Konjunktur. Wo diese Tests früher aufwendig und kostspielig waren, drängen nun immer mehr Hersteller auf den Markt, die mit erschwingbaren Produkten auf den Endverbraucher zielen. In wie weit sind diese Tests in der Lage Cannabis- oder Ecstasy nachzuweisen? Wir haben den heroischen Praxis-Test durchgeführt und zwei Produkte genauer angeschaut.

Die Firma Diagnostik-Nord hatten wir auch getestet, man bat uns aber, den Test nicht zu veröffentlichten.

Pot-Parcour

Um es den Fabrikaten nicht zu einfach zu machen und eine alltagsnahe Umgebung zu schaffen hatte unser sehr freiwillige Proband genau 72 Stunden (drei Tage) vor dem Test einen Tabakjoint mit rund einem halben Gramm Haschisch geraucht. Der Mann war kein Abstinenzler, aber auch kein Dauerkiffer, damit wollten wir ausschließen, dass sich aufgrund seines Fulltime-Hobbys ohnehin dauerhaft Cannabis-Abbauprodukte im Urin rumtreiben. Er hatte mindestens eine Woche vor dem Versuch kein Cannabis konsumiert. Um die deutschen Behörden nicht zu erregen, führten wir den Test in den Schweizer Alpen durch.
Bei einmaliger Kifferei ist diese von professionellen Labors 2-4 Tage im Urin nachweisbar, bei täglichem Konsum bis zu drei Monate lang. Danach fällt der Wert unter 50 Nanogramm pro Milliliter und ist von den meisten Tests nicht mehr aufzuspüren. Auch die vorliegenden Tests geben 50ng/ml als sogenannten cut-off an. Um diesen niedrigen Wert das zu Verbildlichen: Das enstpricht einem Stück Würfelzucker, aufgelöst in 60000 Litern Flüssigkeit (rund 1,5 Benzin-Tankwagen).

Drogendetektive

Der „Drogendetektiv“ musste sich zuerst beweisen. Die Packung wirbt mit dem Satz „Schlüssel zum Dialog“. Auf telefonische Nachfrage bestätigte Jörg Engler von der Firma „Drogendetektive“, dass das Produkt primär als unterstützende Maßnahme in der problematischen Kommunikation zwischen Eltern und Kind dienen soll. „Ich plädiere eher für eine Erziehung zum vernünftigen Drogengenuss als dazu, den Hammer zu schwingen“, sagte Engler. Aha. Der Detektiv ist ein Schwestersystem der „DrugWipe“ der Firma Securetec, die seit einigen Jahren erfolgreich von der Polizei eingesetzt wird und immer mehr Verbreitung in Streifenwagen findet. Der kleine Schnüffler ist tatsächlich so narrensicher zu bedienen wie beschrieben: Zunächst trennt man den stiftartigen Tester in zwei Teile, dann wischt man einen verdächtigen Gegenstand mit dem integrierten Wischvlies ab. Das schafft auch Mutti. Wir nahmen das Handy unseres Propanden, welches dieser regelmäßig nach dem kurzen Jointfestival genutzt hatte, um seiner Freundin in Deutschland mitzutielen, dass er noch lebt. Dann drückten wir das Flies zurück ins Gehäuse, etwas Wasser dazu und nach 10 Minuten waren die Kontrolllinien rot, wir hatten den Test also korrekt ausgeführt, nur stand bei „CA“ (für Cannabis) kein Ergebnis auf der Skala.
Drogendetektiv Test
In einem zweiten Anlauf wurden wir direkter: Wir wischten erneut das Handy, dazu noch die Computer-Tastatur und den Haustürschlüssel des Probanden ab. Und siehe da: Der Drogendetektiv schlug an und zeigte eine rote Linie bei CA. Weil wir gerade so eifrig bei der Sache waren, hantierten mit ein wenig Ecstasy (MDMA aus Zürich) und telefonierten danach wieder mit dem bereits mit THC kontamierten Handy. Der Drogendetektiv machte auch dieses mal „Wuff“ und zeigte neben CA nun auch einen roten Streifen bei „AM“ an. „AM“ steht hier für Amphetamine und Methamphetamine und dessen Derivate wie MDMA. Um endlich klare Ergebisse zu erhalten führten wir einen dritten Testlauf durch. Wir wischten ein Feuerzeug, das unser Proband am Vorabend (17 Stunden später) für eine Haschisch-Bröselaktion genutzt hatte, gründlich ab. Aber der Schnüffler zeigte kein THC an, der Detektiv blieb stumm. Obwohl das Feuerzeug nicht mehr benutzt und auch nicht gesäubert wurde, war die Nachweisgrenze für den Test offenbar erreicht.

Gecko-Pharma

Gecko Drogentest
Gecko Drogentest

Als zweiter im Feld startete das Produkt der Firma Gecko-Pharma. Der Vorteil des Gecko ist, dass sowohl Gegenstände als auch Urin untersucht werden können. Der Packung sind Handschuhe und Fließmittel für das Abtupfen von Gegenständen beigelegt. Krankenhaus-Atmosphäre machte sich breit, nur befand sich leider die angekündigte Pipette nicht nicht in der Packung. Nach dem Tränken des Teststreifens mit Kifferurin zeigte keines der Anzeigenfenster eine Reaktion. Entweder ist der Test zu unsensibel oder die Cannabis-Abbauprodukte hatten sich bereits nach drei Tagen unter die Nachweisgrenze verkrümelt. In der Gebrauchsanweisung fand sich kein Hinweis darauf, innerhalb welches Zeitraums Test überhaupt positiv anschlagen kann – ein unbedingtes Manko des Gecko. Ebenfalls fehlte ein Hinweis auf die Nachweisgrenzen, selbst auf der Website der Firma war hierzu nichts zu finden. Erst in einem pdf-Dokument auf der Internetseite des „Schwesterprodukts“ der Firma Gabmed wurden wir fündig. Im Urin soll der cut-off Wert bei 50 ng/ml THC-Metaboliten (den Abbauprodukten des Rauschhanfs) liegen und zwischen 3-5 Tagen, „nach Langzeitkonsum mehrer Wochen“ nachweisbar sein. Unser Elchtest konnte dieses optimistischen Angaben nicht bestätigen. Ein zweiter Durchlauf sollte dem Gecko eine bessere Chance geben. Diese Mal genoss unser Proband eine Purpfeife mit rund einem halben Gramm hochwertigen, afghanischen Haschisch. Der anschließende Kino-Besuch verlief für alle Beteiligten gut, nicht aber der Test am nächsten Abend, genau 24 Stunden nach dem Konsum. Das Urin des Probanden zeigte nach Aussage des Gecko-Test keine Spuren von THC. Nach den Statuten des Gecko war er also ein sauberer Kandidat.

Freundlicherweise hatte uns die Firma weitere Geckos zur Verfügung gestellt, so das wir noch einen Oberflächentest durchführen konnten. Die Nachweisgrenze ist auch hier in der beiliegenden Broschüre nicht erwähnt, sie liegt für THC laut pdf-Dokument bei 15000 ng/ml. Dies ist wahrscheinlich zu unsensibel, um THC auf Gegenständen von Kiffern nachzuweisen, deren Konsum mehr als fünf Tage zurück liegt, in unserem Fall reichte es aus. Wir wischten das Feuerzeug, mit dem am Vorabend die Flamme des Bröselns entfacht worden war, mit dem beigefügten Tupfer ab. Nun noch etwas Gefriemel mit der Fließmittelflasche und siehe da: Der Gecko-Drogennachweis schlug an und zeigte THC an.

Schlussstriche

Die Chemo-Schnüffler hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Geht man davon aus, dass die von den Herstellern angegebenen Spezifikation korrekt sind, dann sind die THC-Metaboliten unseres Probanden anscheinend innerhalb von drei Tagen unter die Nachweisgrenze zersetzt worden. Wer also am Freitag kifft und kein Dauerkiffer ist, der wird weder von Vati noch vom Chef am Montag überführt werden können. Das von uns gewählte Testschema war für die Urintests zu diffizil. Im direkten Kontakt mit der Substanz schneiden die Detektive auch nicht glorreich ab. Aber wer will sich auf deren Versagen verlassen? Besser ist es natürlich gar nicht erst zu Kiffen, aber sollen wir nun wirklich alle meditieren lernen, um zu entspannen?

 

Nachweis von Rauschhanf im Körper
Die Nachweisbarkeit von Cannabis im menschlichen Körper hängt nicht nur von der Höhe und Dauer des Konsums ab, sondern auch von Körperfett und Stoffwechsel der Person ab. So speichert beispielsweise ein dicker Mensch mehr Cannabis-Abbauprodukte (Metaboliten) in seinem Körper als ein dünner Mensch. Im Blut kann die THC-Carbonsäure im Extremfall bis zu 25 Tage nachgewiesen werden, im Urin werden die Metaboliten bei einmaligen Konsum bis vier Tage, bei chronischem Konsum mehrere Wochen bis hin zu Monaten gefunden. Der Urintest kann einen zurückliegenden nicht von einem kurzfristigen Konsum unterscheiden. Wenn THC jedoch im Blut gefunden wird, kann von einem kurz vorher (5-12 Std.) erfolgten Joint-Genuss gesprochen werden. In den Haaren lässt sich Hanf bis zu sechs Monate lang verfolgen.
Ein THC-Rechner unter http://www.erowid.org/plants/cannabis/ zeigt grafisch an, wie lange es braucht, damit Hanfkonsum im Urin nicht mehr nachweisbar ist. Das Programm ist unzuverlässig, weil jeder Körper anders reagiert, einen Richtwert kann man damit aber erhalten.

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Drogenpolitik Psychoaktive Substanzen

Mal wieder schafft eine Ecstasy Studie mehr Verwirrung als Aufklärung

telepolis, 18.04.2012

Ecstasy und seine Kinder

Jörg Auf dem Hövel

Mal wieder schafft eine Drogenstudie mehr Verwirrung als Aufklärung

Die Zeiten des weit verbreiteten Ecstasykonsums sind vorbei. Gleichwohl eignet sich die psychoaktive Substanz noch immer für Überschriften, um auf die Gefahren des Drogenkonsums hinzuweisen. Unlängst berichtete Der Spiegel (15/2012) unter der Headline „Ecstasy schädigt Babys“ über eine Studie, die erstmals die Auswirkungen der Droge auf den Fötus und die spätere Entwicklung des Babys untersucht hat. Man will „gehäuft motorische Entwicklungsdefizite“ durch der Studie bewiesen sehen. Eine genauere Analyse der erhobenen Daten wirft ein differenzierteres Bild.

Für die Studie (Neurotoxicology and Teratology, Volume 34, Issue 3) wurden 96 britische Frauen nach ihrem Drogenkonsum vor und während der Schwangerschaft befragt und in diejenigen unterteilt, die dabei auf Ecstasy (in der Studie als MDMA bezeichnet) verzichtet hatten und solche, die trotz Schwangerschaft weiterhin die Droge konsumiert hatten. In Großbritannien, so schätzen Experten, werden jedes Wochenende rund eine halbe Millionen Pillen geschluckt, die unter dem Label „Ecstasy“ verkauft werden.

Schon hier fällt die erste Besonderheit auf: Alle diese Frauen waren extrem drogenaffin, sie genossen meist mehrere, legale wie illegale Substanzen während des Austragens ihres Kindes. Unter den Ecstasy-Userinnen rauchten 86%, fast alle hatten mehr oder minder viel Alkohol getrunken, satte 82% gekifft und sogar 71% mindestens einmal Kokain geschnupft. Diese imposanten Werte wurden von den 68 Ecstasy-Verweigerinnen zwar unterboten, aber auch diese Damen waren wahrlich keine Abstinenzlerinnen. 62% hatten Tabak geraucht, 91% Alkohol getrunken, 54% gekifft, 16% Kokain geschnupft.

Die Erkenntnisse beziehen sich also auf eine kleine, polytoxisch agierende Untersuchungseinheit. Die kleine Gruppe der Ecstasy-Nutzerinnen (N=28) war zum Zeitpunkt der Geburt durchschnittlich 30 Jahre alt, hatte 171 Mal in ihrem Leben die Partydroge zu sich genommen, wobei sie bei einer solchen Gelegenheit meist um die drei Pillen eingeworfen hatte.

Dies Vorweg geschickt kann man sich vorstellen, dass die Autoren der Studie sich bemüht haben, die Störvariablen herauszufiltern, was allerdings bei dem Umfang des Drogenkonsums beider Gruppen schwer gewesen sein dürfte.

Die Babys der Studienteilnehmer wurden mehreren Tests unterzogen. Ein erstes, von den Medien nicht genannten Ergebnis, sei genannt: Die untersuchten Kinder der beiden Konsumentengruppen unterschieden sich nicht in Frühgeburtsrate, Geburtsgewicht, Kopfumfang und Größe. Ebenfalls ungenannt blieb das Ergebnis des NICU Network Neurobehavioral Scale (NNNS), eines Tests, der die Babys im Alter von rund 30 Tagen auf ihre motorischen Fähigkeiten, ihre Aufmerksamkeit und Reflexe untersuchte. Denn im Durchschnitt unterschieden sich die Kinder auch hier nicht. Erst bei der Analyse der Ergebnisse ergab sich eine Trend bei den Kindern der Ecstasy-Konsumentinnen zu lethargischem Verhalten. Dieser Trend war allerdings nicht signifikant, wie die Autoren selber schreiben.

Erst bei den 4 Monate alten Kindern wurden die Autoren fündig. Hier fand man zwar bei den einigen Tests weiterhin keine Unterschiede, wohl aber beim „BRS Motor Quality Scale“. Hier will man in der Gruppe der Ecstasy-Konsumentinnen signifikant schlechter agierende Babys gefunden haben.

Selbst wenn sich die Ergebnisse in neuen Studien erhärten sollten, sagt dies wenig über die Schädlichkeit von Ecstasy aus. Denn weder ist klar, ob die Konsumentinnen tatsächlich MDMA zu sich genommen haben oder nicht eine der vielen Derivate, die seit Jahren des Markt fluten. Noch sind die aufgenommen Dosierungen klar. Auf diese Umstand angesprochen, gibt die federführende Autorin der Studie, Lynn Singer, an, dass die Spätschäden durchaus auch auf andere toxische Substanzen zurück zu führen sein könnten. „It could be that the sequelae are the result of some other toxic substance.“ Ein anderer Studienautor, Andrew Parrot von der Universität von Wales Swansea, verweist gegenüber der Telepolis auf seine Tablettenanalyse aus den späten 90er Jahren, in der ein hoher Anteil von MDMA vorherrschend war. Die Europäische Drogenbeobachtungsstelle kommt in ihrem Jahresbericht von 2010 für Gesamteuropa allerdings zu einer anderen Aussage: „There are no clear trends in the MDMA content of ecstasy tablets.“ Mehr noch:

„Over the last few years, there has been a change in the content of illicit drug tablets in Europe, from a situation where most tablets analysed contained MDMA or another ecstasy-like substance (MDEA, MDA) as the only psychoactive substance, to one where the contents are more diverse, and MDMA-like substances less present. This shift has accelerated in 2009, to the extent that the only countries where MDMA-like substances continue to account for a large proportion of the tablets analysed are Italy (58%), the Netherlands (63%) and Malta (100%).“

In vielen anderen Ländern werden MDMA-Tabletten seit einigen Jahren verschiedene Piperazinderivate beigemischt, wobei zur Zeit mCPP besonders beliebt ist. Auch in Großbritannien fand der Forensic Science Service im Jahr 2010 Piperazine in Tabletten, die als Ecstasy verkauft wurden.

Was bleibt? Zum einen die altbekannte Tatsache, dass die mit dem Schwarzmarkt verbundene Reinheits- und Dosierungs-Unsicherheiten validen Aussagen über die Schädlichkeit von MDMA und anderen Drogen behindern. Wenn dann noch extrem drogenaffine Konsumentengruppen für die Untersuchung rekrutiert werden, dürfte der ursächliche Zusammenhang immer schwerer zu finden sein. Auf einem wieder anderem Blatt steht, dass bei unsicherer Faktenlage der umsichtige Umgang mit psychoaktiven Substanzen vor allem während der Schwangerschaft geboten ist.

 


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Bayerischer Haschisch – eine wahre Geschichte

HanfBlatt

Als die Bayern auszogen den Weltmarkt mit Haschisch zu überfluten

Eine wahre Geschichte

Es begab sich einst im Jahre 1925, daß die Versuchsstation für technischen und offizinellen Pflanzenbau GmbH Happing bei Rosenheim in Oberbayern (wo sonst?) in der Fachzeitschrift „Heil- und Gewürzpflanzen“ (VIII. Bd., S. 73-82) vollmundig verkündete: Cannabis indica kann „in Deutschland überall, wo guter Weizen gedeiht, mit Erfolg gebaut werden. Unser Anbau ist längst aus dem Versuchstadium herausgekommen und zum Anbau im Großen geworden. In den letzten Jahren lieferten wir dem deutschen Großdrogenhandel 3000 Kilo und sagen deshalb…für Cannabis indica: Das englische Welthandelsmonopol wird in Kurzem der Geschichte angehören. Voraussetzung ist der Anbau einer hochwertigen, akklimatisierten Saat. Daß von uns nach den acht Jahren Auslese und Dutzenden von Analysen die Hochhaltung im Auge behalten wird, ist selbstverständlich. Im Herbste werden wir an Interessenten Samen abgeben können.“

Diese glückverheissenden Zukunftsperspektiven konnten natürlich in der etablierten Fachwelt nicht unwidersprochen bleiben. Schon damals waren die medizinischen Wirkungen des Indischen Hanfes und seiner psychoaktiven Zubereitungen, die man ganz allgemein unter dem schwammig verwendeten Begriff Haschisch zusammenfasste, umstritten. Die praktische Anwendung beschränkte sich auf einige wenige Präparate. Die Firma „Fresenius“ in Frankfurt am Main stellte beispielsweise eine Kombination des Barbiturat-Schlafmittels „Veronal“ mit dem Extrakt des Indischen Hanfes her, das „Indonal“. Diese die notwendige Dosis und die unerwünschten Nebenwirkungen des Veronals angeblich senkende Kombination fand ihren Fürsprecher in einem Wissenschaftler namens Emil Bürgi (Dtsch. Med. Wschr. 7.11.1924), vielleicht einem Ahnen des bekannten Lochfraß-Experten der Gegenwart. Vor allem landete aber der Großteil des produzierten Hanfextraktes in Deutschland als Zusatz in Einpinselungen und Pflastern auf Salicylkollodium-Basis zur Entfernung von Hühneraugen, einem Leiden über das heutzutage nur noch hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird und das auch nicht durch engagierte Hühneraugenstiftungen oder Benefiz-Veranstaltungen vom Typ Life-Hühneraugen-Ball von sich Reden macht. Dr. Th Sabalitschka aus Berlin, der die Happinger Anbauversuche kontrollierte und die Ergebnisse publizierte, bemühte sich aber an weitere zurückliegende therapeutische Anwendungen zu erinnern. Die bereits erfolgreiche Verwendung von Cannabis bei Starrkrampf, bei Lyssa, Cholera, chronischen Rheumatismen, Delirium tremens, Husten, Strychninvergiftung und als wehenförderndes Mittel sei wissenschaftlich zu überprüfen. Es bestünde „in der Therapie für Cannabis eine vielseitige Anwendungsmöglichkeit, die aber erst richtig ausgenutzt werden kann, wenn Drogen und Präparate von bekannter und sicherer Wirksamkeit zur Verfügung stehen.“ Die Bewertung des medizinisch einzusetzenden Hanfkrautes war damals allerdings schwierig, da man die wirksamen Inhaltsstoffe noch nicht kannte. Man wußte lediglich, daß es sich bei den psychoaktiven Wirkstoffen um harzige Bestandteile handeln mußte.

Dieser Einschätzung der medizinischen Möglichkeiten widersprach Dr. Ernst Joel vom Gesundheitsamt des Bezirks Berlin-Tiergarten aufs Heftigste (Klin. Wschr. 26.2.1926). Alle genannten Indikationen seien praktisch obsolet. Er formulierte eine klassische Position der Rauschhanf-Prohibitionisten: „Wir sehen im indischen Hanf kein aussichtsreiches Heilmittel, sondern ein Rauschgift ersten Ranges, ein Genußmittel, dem im Orient Millionen von Menschen süchtig verfallen sind, ein Mittel, das nicht anders als das Opium und das Cocain seelische Alterationen bis zu psychotischen Krankheitsbildern hervorruft. Bis jetzt kennen wir in Deutschland noch keinen Haschischgenuß. Und zwar deshalb nicht, weil, wie die Geschichte der Rauschgifte lehrt, der genußsüchtige Mißbrauch an den therapeutischen Gebrauch anzuknüpfen pflegt. Es gab bei uns erst dann einen Cocainismus, als das Medikament Cocain eingeführt worden war, und es gibt weiter Cocainismus, nachdem schon das Cocain die Therapie fast verlassen hat. Es gibt keinen Haschischismus, weil der Hanf therapeutisch keine Rolle spielt. Wir werden ihn haben, wenn man den indischen Hanf popularisiert, und wir werden ihn haben, auch wenn er sich dabei therapeutisch nicht besser bewähren wird als bisher.“ Daraufhin fordert er Maßnahmen, „durch die das wissenschaftliche Arbeiten mit einheimisch wachsendem indischen Hanf unangetastet bleibt, aber sein Verkehr und seine Verbreitung schärfstens überwacht und nach Gesichtspunkten des medizinalen Bedarfs geregelt werden.“ Das „englische Welthandelsmonopol“ könnte man „leicht dadurch gegenstandslos machen, daß man – ohne Schaden – bei den Hühneraugenmitteln Cannabis indica fortläßt.“

Die so ins Rollen gebrachte Diskussion über die Notwendigkeit eines Anbaus von Indischem Hanf in Deutschland fand ihre Fortsetzung in der Antwort von Sabalitschka (Klin. Wschr. 9.7.1926), in der er einen totalen Rückzieher machte und die Versuche nur noch aus einer Bedarfssituation heraus verteidigte: Es „bestand und besteht heute noch in Deutschland ein Bedarf nach Herba Cannabis Indicae und dem daraus bereiteten Extrakt, wenn dieser Bedarf auch nicht erheblich ist. Der Bedarf Deutschlands konnte in der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht mehr durch Import gedeckt werden.““Es war somit wirtschaftlich angezeigt oder notwendig, die Erzeugung einer dem echten indischen Hanf nahekommenden Droge in Deutschland zu versuchen.“ „Selbstverständlich soll der Anbau sich nur in den Grenzen dieses Bedarfes halten, soweit nicht auch Ausfuhr möglich ist. Der Anbau muß auch so durchgeführt werden, daß er nicht zu einer Verwendung der Droge als Genußmittel in Deutschland führt.“ „Eine Popularisierung ist wegen der damit verbundenen Gefahr des Haschischismus und einer Überproduktion zu vermeiden.“ Und zaghaft: „Durch sachgemäße Kultur unter Kontrolle durch Pharmakologen und Chemiker erscheint es möglich, zu gleichmäßiger Droge und gleichmäßigen Präparaten zu kommen, wodurch die pharmakologischen und klinischen Versuche über die Wirkung dieser Pflanze und ihrer Inhaltsstoffe unterstützt würden. Von dem Ergebnis dieser Untersuchungen wird dann die Entscheidung abhängen, ob der indische Hanf weiterhin in der Therapie irgendwie verwendet werden oder ob er allgemein aus der Therapie und den Arzneibüchern verschwinden soll.“

Joel setzt in einer „Erwiderung“ noch einen drauf, indem er eine eigene Untersuchung vorlegt, die den Einsatz von Cannabis indica-Extrakt als lokalanästhetischen Zusatz bei der Behandlung von Hühneraugen, wie dies ein Mann namens Unna Ende des 19. Jahrhunderts empfohlen und eingeführt hatte, auf Grund einer mehrere Tage anhaltenden hautreizenden Wirkung sogar als kontraindiziert erscheinen läßt. „Man bemüht sich gegenwärtig vielfach, unnütze und verteuernde Ballastbestandteile aus der Therapie zu entfernen. Hier liegt ein geeigneter Fall vor. Wir brauchen weder Einfuhr noch Anbau von indischem Hanf und sollten froh sein, mit einem zwar wissenschaftlich interessanten, sonst aber ebenso überflüssigen wie gefährlichen Mittel nichts zu tun zu haben.“

Aber zurück zu den jahrelangen Anbauversuchen: Wie bereits erwähnt, begann man, als sich während und nach dem Ersten Weltkrieges Schwierigkeiten bei der Einfuhr von Herba Cannabis Indicae (Indischem Hanfkraut) ergaben, mit den besagten Versuchen, „in Deutschland indischen Hanf anzubauen und eine hochwertige Droge zu erzielen“. Der Versuchsstation in Happing war es „gelungen, die Samen der echten Cannabis indica „Gunjah“ nach Deutschland zu bringen, mit welchem die Versuche angestellt wurden. Bei der Selektion strebte die Versuchsstation nicht nur nach einer Pflanze von hohem Harzgehalt, sondern auch von einem typischen, von der gewöhnlichen Cannabis sativa möglichst verschiedenen Aussehen.“ Es war schließlich „tatsächlich eine typische Form erreicht worden; sie ist schwächer und graziöser als die gewöhnliche Form  und entspricht dem Habitus des indischen Hanfes. Sie unterscheidet sich von der gewöhnlichen Form noch charakteristisch durch die tiefdunkle Färbung der Stengel und Stiele…

Die Züchtung dieser Form bot den Vorteil, schon aus dem äußeren Habitus Rückschlüsse auf den Harzgehalt der Pflanze ziehen zu können, während man sonst den Harzgehalt nur aus der größeren oder kleineren Klebkraft der Pflanzen beim Anfassen schätzen kann.“ Es gelang auch den Harzgehalt des geernteten Hanfkrautes erheblich zu erhöhen. Liessen sich aus dem „Ersten Nachbau aus indischen Originalsamen“ im Jahre 1917 noch nur 8,7 % Extrakt gewinnen, waren es 1918 bereits 12,4 %, 1919 17,3 %, 1920 19,8 % und 1921 20 %. In den folgenden drei Jahren pendelte sich der Wert bei knapp 19 % ein. Es wird allerdings eingeräumt, daß es sich hierbei um Werte einer besonders guten hochwertigen Droge handle. „Für die durchschnittlich geerntete Droge lagen die Werte um 1-2 % niedriger.“ Zur Extraktion verwendete man 90 %igen  Alkohol. Das nach Verdampfung des Extraktionsmittels erhaltene Produkt würde man heute „Grasöl“ nennen. Interessant auch die Schlußfolgerung der Anbauversuche: „Daraus ergibt sich, daß auch in Deutschland die Gewinnung eines Hanfes mit hohem Harzgehalt möglich ist und daß der Harzgehalt weniger vom Klima abhängt, sondern vielmehr von der Hanfrasse. Der gewöhnliche Hanf erzeugt in Deutschland ebensowenig größere Harzmengen, wie in Indien.“ Damit erklärten sich auch die früheren gescheiterten Versuche aus dem gängigen Faserhanf ein psychoaktives Präparat zu gewinnen. Obendrein zeigte sich bei den Happinger Anbauversuchen noch, „daß der indische Hanf durchaus nicht so kälteempfindlich ist“. Dennoch sollte sich vor allem der Mythos, von der klimatischen Abhängigkeit der Hanfpotenz, von zahllosen Publikationen wiedergekäut, noch über Jahrzehnte halten, ganz im Sinne der Hanfprohibition, der eine unabhängige Selbstversorgung der Konsumenten durch einen einfachen und unproblematischen Anbau in Haus, Garten und weiter Flur natürlich ein Greuel ist, wie ja jüngst das absurde Hanfsamenverbot und die Hatz auf Homegrower deutlich belegen.

1920 kam das Deutsche Cannabis Indica-Kraut erstmals auf den Markt. Der Handel in Deutschland unterlag damals noch keinen Reglementierungen. Erst 1929 wurde der Indische Hanf durch Aufnahme in das internationalen Abmachungen von 1925 folgende Opiumgesetz verboten und verschwand aus dem freien Drogenhandel. Die Indische Ware wurde Mitte der Zwanziger Jahre teurer und schwerer erhältlich, und schließlich durch als weniger ergiebig geltendes Hanfkraut aus Zansibar (Ostafrika) verdrängt. (W. Wiechowski in Prag gewann mit Petroläther aus der Indischen Droge 20 %, aus der Afrikanischen 8 % und aus der Deutschen 5 % harzigen Extrakt, wobei hier nichts über den wahren Gehalt der damals noch unbekannten Wirkstoffe gesagt war. Arch. f. Exp. Path. u. Pharm. 119. Bd. 1927) So kostete beispielsweise bei dem Hamburger Drogen- und Chemikalienhändler „Krenzin & Seifert“ Indisches Hanfkraut 1924 noch pro Kilo 15 Mark. 100 Kilogramm waren für 1450 Mark zu haben. 1925 kostete es aber bereits 35 Mark pro Kilo. Die afrikanische Ware war dagegen für 12 Mark das Kilo erhältlich. Die Drogengroßhändler „Caesar und Loretz“ in Halle, die auch eigene Anbauversuche mit Cannabis indica unternahmen und sich der in Happing produzierten Ware annahmen, hielten diese „im allgemeinen noch für besser als die afrikanische, so daß man sich mit ihr als Ersatz für die nicht zu beschaffende, echte, indische voll begnügen könne.“

Um die psychoaktive Wirkung des oberbayrischen Hanfkrautes zu belegen, konnte man letztlich auf Menschenversuche nicht verzichten. Zunächst mußte ein starker Tabakraucher ran. Während die erste Pfeife mit 2 Kubikzentimeter Inhalt keine Wirkung zeigte, hatte er nach der zweiten Pfeife „ein merkwürdiges Gefühl von Frohsein, ohne es einer Berauschung vergleichen zu können. Es war ungefähr so, wie morgens 11 Uhr ein Glas guter Weißwein wirkt.“ „Eine dritte Pfeife erzeugte nach Ablauf von ungefähr einer Stunde Ermüdung und ich schlief häufig 4-5 Stunden länger als sonst.““Nachwehen des Hanfrauchens verspürte ich nie, obwohl ich schon in einer Woche viermal je drei bis vier Pfeifen rauchte. Der Rauch des Hanfes ist nicht angenehm und erzeugt im Anfang etwas Übelkeit.“

Mit soetwas und ein paar Versuchen an Kaninchen und Hunden konnten sich die Forscher nicht begnügen. So bildete das am Pharmakologischen Institut in München (Hermann Gayer, Arch. f. Exp. Path. u. Pharm., 129.Bd., 1928) mittels Petroläther zu 3 % aus dem „Herba Cannabis ind. Happings“ extrahierte Rohharz ab 1925 die Grundlage für Versuche am Menschen. Zum Vergleich wurde persisches Haschisch extrahiert, das einen Harzgehalt von 35 % aufwies. Das Happinger Harz erwies sich allerdings als gleichermaßen potent. Gayer stellte aus dem Extrakt Tabletten her und prüfte deren Wirkung zunächst „sowohl an mir selbst wie auch an mehreren Herren des Institutes, die sich freundlicherweise zu den Versuchen bereit erklärten. Dosen von 1 g Herba können als wirkungslos bezeichnet werden, auch bei 2 g Herba ist noch keine sichere Haschischwirkung zu bemerken, dagegen kann 3 g als bei allen sechs Versuchspersonen wirksam bezeichnet werden. Hier tritt nach etwa 1-2 Stunden jene oft beschriebene unüberwindliche lächerliche Heiterkeit ein, die anfallsweise sich wiederholt. Wehrlosigkeit gegen ideenflüchtige Assoziationen, aufmerksames Lesen ist nicht mehr möglich. In der 3. Stunde apathische Bewegungslosigkeit und Entschlußunfähigkeit, psychisch Halluzinationen und Illusionen, nach 5-6 Stunden übergroße Schläfrigkeit und Schlaf, aus dem man nach 2-4 Stunden in normalem Zustande aufwacht. Bei mehreren Versuchspersonen war auffallend ein in den ersten Stunden eintretender Heißhunger.“ „Dosen von 6 g Herba sind als sehr große zu bezeichnen, hier traten schon starke Rauscherscheinungen auf mit Exaltationen, so daß die Versuchspersonen unter dauernder Überwachung bleiben mußten.“

Von diesen Versuchen berichtete auch Professor Walther Straub („Bayerischer Haschisch“, M. Med. Wschr. 6.1.1928). Ihm zufolge bewirkten bereits 0,05 g des Extraktes oral eingenommen eine „charakteristische Ideenflucht“. „Eine sichere Haschischrauschwirkung“ wurde mit 0,1 Gramm, also entsprechend 3 Gramm des Krautes, erzielt. Es stellte sich ihm zufolge heraus, daß „die Gehirnwirkung, der Rausch nach Kulturherba“ „am Menschen der Qualität nach genau derselben Art“ ist „wie die „künstlichen Paradiese“ der Literatur über orientalischen Haschisch und am Mitteleuropäer wenigstens von derselben problematischen Güte.“ Die „Herren Dr. Kant und Dr. Krapf“, Assistenten der Psychiatrischen und Nervenklinik München wurden von Professor Straub schließlich gebeten, „eine methodische, psychopathologische Analyse der Haschischwirkung“, die „nur vom Fachmann geliefert werden“ könne, beizubringen. Die beiden unterzogen sich daraufhin heroischen Selbstversuchen (Arch, f. Exp. Path. u. Pharm. 129.Bd., 1928) mit dem „Bayerischen Haschisch“. „Der Selbstversuch mit Rauschgiften ist für den Psychiater deshalb von besonderer Bedeutung, weil er ihm am unmittelbarsten das Studium krankhafter seelischer Zustände ermöglicht.“ „Wir sind daher gern der Anregung von Prof. W. Straub gefolgt, die Wirkung von Haschisch am Menschen zu studieren, und haben aus den oben dargelegten Gründen die Form des Selbstversuches gewählt.“ Dabei wurden Dosen eingenommen, die 3 Gramm, 6 Gramm und 9 Gramm des Krautes entsprachen. Auch hier zeigte sich „daß der europäische Kulturhaschisch denselben Rausch erzeugen kann, den im Osten Millionen von Menschen als einzigen narkotischen Genuß des Daseins kennen, pflegen und schätzen.“ Der in Tablettenform eingenommene Extrakt hatte jedoch einen großen Nachteil: Da er nicht in Wasser löslich war, dauerte es Stunden, bis er seine volle Wirkung entfalten konnte und „das einigermaßen begehrenswerte Stadium des euphorischen Rausches eintrat, länger als ein beschäftigter Mitteleuropäer auf einen Genuß warten könnte.“ Mit einer massenhaften Verbreitung des Haschischkonsums in deutschen Landen infolge des Bayrischen Eigenanbaus rechnete Straub nicht. „In den Schilderungen der Europäer über ihren jeweiligen Haschischrausch ist eigentlich nichts enthalten, was so sehr begehrenswert erscheint, und wohl für alle Selbstversucher ist der Haschischrausch nur Episode geblieben.“

Eine interessante Anekdote handelt noch von einer Versuchsperson, die „ohne es zu wissen, eine leere Tablette bekam“ und sich wunderte, „daß die erwartete und bekannte Wirkung nicht auftrat.“ Sie wurde nun „aufgeklärt, daß nur ein Scheinversuch gemacht wurde“. Sie „billigte dies vom wissenschaftlichen Standpunkt völlig und bekam dann die Haschischtablette. Die nunmehrige Haschischwirkung stand nun völlig unter dem nachträglich aufgetretenen Aerger über die Täuschung mit der leeren Tablette, der Aerger steigerte sich bis zur Aggressivität, die Versuchsperson wurde direkt gefährlich!“ Aber war ja auch ne Gemeinheit!;)

Bemühungen , die „mit kleinen Dosen erzielbare Euphorie“ zu nutzen, um „vielleicht einen depressiven Melancholiker vergnügt“ zu „machen“ wurden „mit dem bayerischen Haschisch in Angriff genommen“, seien „aber noch nicht spruchreif.“

Kant verabreichte das „Bayerische Haschisch“ später auch noch einigen seiner Patientinnen, um deren Reaktionen zu beobachten (Arch. f. Psych. u. N, Bd.91, 1930). „Wir gaben in der Hälfte der Fälle die wirksamen Bestandteile von 6 g, in der anderen Hälfte von 9 g Herba cannabis indica. Unsere Versuchspersonen waren 9 manisch-depressive und 10 schizophrene Frauen, außerhalb einer Phase bzw. Schubes, jedenfalls frei von akuten psychotischen Erscheinungen.“ Man wollte mal sehen, welche Symptome sich durch die „exogene Noxe“ Haschisch auslösen lassen.

Und schliesslich geriet die ganze kuriose wissenschaftliche Episode in Folge des Opiumgesetzes von 1929 in Vergessenheit. Es war einmal in Bavaria…

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Drogenpolitik Psychoaktive Substanzen

Ayahuasca kommt vom brasilianischen in den Großstadtdschungel

Erschienen in der Telepolis

In gekürzter Form in
DU 755, Zeitschrift für Kultur, S.13

Droge oder Sakrament? Ayahuasca kommt vom brasilianischen in den Großstadt-Dschungel

Der rituelle Gebrauch eines psychoaktiven Tees mit Namen „Ayahuasca“ breitet sich weltweit aus. In den USA und den Niederlanden dürfen sich die Teilnehmerzirkel spirituell berauschen, nun sprach ein Gericht in Frankreich zwei der gläubigen Teetrinker von der Anklage frei eine verbotene Droge zu nutzen. In Deutschland ist das Fahrzeug zu Gott verboten. Ein Fall für die Sektenbeauftragten? Oder deckt gar die Religionsfreiheit den Konsum? Die Drogenpolitik zeigt sich ratlos.

Sind es nur modische Zyklen oder ist (mal wieder) ein Wassermann-Zeitalter gekommen? Genau hier fühlen sich Interessensgruppen wie Santo Daime (http://www.santodaime.org/) oder die Uniao de Vegetal (http://www.udv.org.br/) schon falsch verstanden. Sie wollen weder als „Drogenspinner“ noch als „Sekte“ bezeichnet, sondern als Glaubensgemeinschaften akzeptiert werden, bei deren Gottesdiensten statt dem symbolisierten Fleisch Christi der praktische Geist einer Pflanze gereicht wird.

Das Problem: Dieser Geist hat im deutschen Betäubungsmittelgesetz (BTMG) mit „DMT“ (Dimethyltryptamin) einen konkreten Namen. In Südamerika wird Ayahuasca aus zwei Hauptbestandteilen hergestellt: Zum einen wird die Chagropanga-Liane (Diplopterys cabrerana) oder die Blätter des Chacruna-Strauches verwendet. Sie enthalten DMT (Dimethytryptamin). Zum anderen aus einer harmin- und harmalinhaltigen Schlingpflanzen mit dem botanischen Namen Banisteriopsis. Die Schlingpflanze selbst wird wie das daraus gekochte Gebräu „Ayahuasca“ genannt. Andere Bezeichnungen sind Caapi oder Yage.(1)

Banisteriopsis_Caapi
Banisteriopsis_Caapi

Als bitteres Gebräu getrunken führt der Tee zunächst oft zu Erbrechen und danach – je nach Interpretation – zu Visionen, wilden Abfahrten durch die eigene Psyche und spiritueller Gipfelstürmerei sowie Übertritten in andere, als komplett real empfundener Gegenwelten. Dienen tut er im rituellen Kontext der Gruppen wie Santo Daime und UDV aber nicht als hedonistische Wellness-Kur, sondern der „umfassenden Heilung der Person“, wie Hans(2), ein Heute in die Niederlanden ausgewandertes Mitglied der Cefluris (http://www.idacefluris.org.br/), einer Untergruppe der Santo Daime, sagt. „Das Getränk wird bei uns im strengen rituellen Rahmen mit Liedern und Tanz eingenommen und verhilft zu persönlichen Einsichten und Klärungen. Was ist daran verwerflich?“, fragt er, wohl wissend, dass, wer in Deutschland heilen, zur Heilung oder gar zur Heiligkeit führen will, gleich mehrere Mitbewerber auf den Plan ruft.

Da sind zum einen die Mediziner, die vor der halluzinogenen Wirkung der Droge warnen. Ihre Befürchtung: Das Ritual endet nicht im Nirvana, sondern der Psychose. In Südamerika käme dies selten vor, aber in westlichen Gesellschaften herrschten gänzlich anderen soziale und mentale Strukturen. Zum anderen sind da Behörden und Gesundheits-Institutionen, die alternativen Heilmethoden gerne auf den Zahn fühlen, bevor die ersten Gläubigen Ayahuasca auf Krankenschein verlangen.

Fasziniert von dem Ritualgruppen-Phänomen sind naturgemäß auch die Sektenbeauftragten der inoffiziell zugelassenen Hüter der abendländischen „Leitkultur“: die staatlich anerkannten Kirchen. Seit die Kurie sich der Aufgabe verschrieben hat, ihre Schäfchen lieber nüchtern in die Irre, als berauscht in die Erkenntnis gelangen zu lassen, beäugen sie Mitbewerber auf dem Markt der Religionen mit Argwohn. So hat Michael Utsch, Leiter der Abteilung Psychologie und Religion bei der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (http://www.ekd.de/ezw/ezw_https://joergo.de/index-2/l) das Böse schnell geortet: den (Ayahuasca-) Rausch. Ein Kontrollverlust unter Drogen, so Utsch, führe zum Verlust der Menschenwürde. Und wo die Würde des Menschen bedroht sei, da höre auch die Religionsfreiheit auf.

Fest steht nur: Die Domestizierung des Rausches scheint nur graduell möglich, ein gewisser Kontrollverlust gehört zum handfesten Rausch dazu, zum Teil wird er geradezu angestrebt. Die Begeisterung, mit der alljährlich Menschen auf dem Münchener Oktoberfest gegen (und auch in) die Zelte pinkeln, ist nur ein Beispiel unter vielen. Was an einem sabbernden, rumgrölenden Volltrunkenen so viel würdevoller sein soll, als an einem bekifften Rastafari oder einem unter Fliegenpilzeinfluss stehenden Steppenbewohner, ist unklar.

What goes up must come down

In der Santo Daime Kirche steht ohnehin nicht Rausch oder gar Kontrollverlust im Vordergrund, dazu sind die Rituale viel zu streng geregelt. In den brasilianischen und niederländischen psychoaktiven Gottesdiensten wird die Ernsthaftigkeit des Unterfangens in feierlicher Kleidung (Faltenröcke, weiße Hemden, Krawatte und Fliege) zum Ausdruck gebracht. Nach der Einnahme des Tees singt man über Stunden überlieferte Hymnen, in denen Werte wie Disziplin, Liebe und Festigkeit in der Ausrichtung auf die Liebe beschworen werden. Die Religion beinhaltet ein reiches Pantheon, in dem Gott, Jesus Christus, die Jungfrau Maria, König Salomon, Erzengel und christliche Heilige eine zentrale Rolle spielen, aber auch Dschungel-Entitäten und afrikanische Orixás. Die mantraartig wiederholten Hymnen (http://www.santodaime.org/archives/i_hymns.htm) strukturieren den durch das Gebräu herbeigeführten Bewusstseinzustand; zum einen durch ihren Rhythmus, zum anderen durch ihren sprachlichen Inhalt, in dem immer wieder von Liebe, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Freude die Rede ist. Aus Sicht der Praktizierenden wird damit keine Gegenwelt entworfen, sondern eine „vertiefte Erfahrung genau dieser Welt im Hier und Jetzt“, wie ein anonymes Mitglied sagt.

Mitglieder der Cefluris beim Gottesdienst
Mitlieder der Cefluris bei einem Gottesdienst

Wer heute Erfahrungen mit dem allumfassenden Einen (vulgo: Gott) oder einer „heilen Welt“ hat, ist leider eher ein Fall für die Klappse als für die Kanzel. Irgendeine Institution wird für ihn feststellen, ob das nur eine luftige Halluzination oder eine ernst zu nehmende „Erscheinung“ war. Spirituelle Jubelfahrten unterliegen seit jeher einer sozialen Kontrolle, früher war die Kirche dafür zuständig festzustellen, ob man es mit einem Mystiker oder einem Scharlatan zu tun hatte. Sie war es auch, die die „korrekte“ Deutung des Erlebten vornahm. Wer heute glaubt, tief ins spirituelle Gewebe vorgedrungen zu sein, für den gibt es mehrere Optionen: Entweder wird er oder sie von den Freunden sanft von der Tanzfläche in den Chill-Out Bereich geführt oder eine andere Art von Peergroup verordnet den beruhigten Verarbeitungszustand.

Das Wundersame: Auch der Religions- und Sektenexperten Michael Utsch nimmt an, dass Rauschmittel durchaus gottesnahe Erfahrungen verursachen können. „Es gibt in dieser Gesellschaft eine Sehnsucht nach spirituellen Erlebnissen, und die sind garantiert, wenn halluzinogene Drogen ins Spiel kommen.“ Das Problem sei, dass die Deutung dieser Erlebnisse die Ritual-Gruppe übernähme und so Einfluss auf Neugierige gewänne.

Wo die Deutungshoheit nicht mehr beim Individuum selbst, sondern bei einer anderen Institution liegt, ist schnell von „Sekten“ die Rede. Für die kollektiven Liebhaber von Ayahuasca trifft diese Bezeichnung aber wohl eher nicht zu. Weder expandieren die Clubs aggressiv, noch werden aus den Mitgliedern willenlose Zombies. „Die Frage ist doch, ob die Gesellschaft Angst vor dem Phänomen haben muss“, gibt Henrik Jungaberle von der Universität Heidelberg zu bedenken. „Und das kann man verneinen, denn die Santo Daime ist in Europa nicht nur sehr lose organisiert, sondern operiert auch nicht mit einem abgeschlossenen Weltbild, welches keine anderen Meinungen zulässt.“

Henrik Jungaberle, Universität Heidelberg
Henrik Jungaberle, Universität Heidelberg

Der Mediziner und ein Team erforschen in Rahmen der von der DFG (http://www.dfg.de) geförderten RISA-Studie (http://www.risa.uni-hd.de/) Ritualgruppen und den Gebrauch und Missbrauch von psychoaktiven Substanzen. Wo der Begriff „Ritual“ lange Zeit nur in religiösem Zusammenhang gebraucht wurde, ziehen die Heidelberger die Grenzen weiter: Es geht um regelhaft-inszeniertes Verhalten, das Rauscherlebnisse kultiviert. Neben der Intention und inneren Haltung zum Drogenkonsum, dem Einhalten von selbst auferlegten Regeln und dem Einhalten einer Form spielt nach den Ergebnissen der Forscher auch der Sinnhorizont eine maßgebliche Rolle beim „ja durchaus möglichen kontrollierten Umgang mit Drogen“, wie Jungaberle sagt. Genauer: Welche Strukturen und Prozesse sind vorhanden, die ein bizarres oder aufwühlenden Erlebnis unter Drogeneinfluss einordnen?

„Es war ein Fehler“, sagt Hans heute, „Anfang der 90er Jahre diese Sitzungen in Berlin anzubieten. Das würden wir nicht wieder tun.“ Damals, genauer im Jahr 1993, hatte ein Esoterik-Veranstalter zu einem quasi-schmamanistischen Ritual in kleinem Kreis geladen. Das Flugblatt versprach die „Sprengung der Grenzen des Ego“. Was für die Teilnehmer folgte, war ein va banque Spiel mit der Psyche, die aus Brasilien eingeflogenen Cefluris-Mitglieder hatten das Ritual auf europäische Verhältnisse zuschneiden wollen.

Carsten Balzer, Ethnologe an der FU Berlin und Kenner der der brasilianischen Ayahuasca-Religionen,(3) nahm im Rahmen seiner Feldforschungen an dem Seminar teil. Bei einigen Teilnehmern kam es damals zu einschneidenden Erlebnissen, die von Weinen, Schreien und Heulkrämpfen begleitet waren. Der Leiter des Rituals zeigte sich kaum imstande, die unerwarteten Einsichten der Menschen zu kanalisieren.

Nun ist die Einnahme von Ayahuasca auch im brasilianischen Kontext kein Zuckerschlecken, immer wieder kommt es auch dort zu sogenannten „Peias“, dem Aufkommen verdrängter Erlebnisse. Diese enden aber nicht im berühmt-berüchtigten „Horrortrip“, sondern werden durch gleich mehrere Prozesse aufgefangen. Zum einen wird das Ayahuasca-Ritual durch gemeinsames Singen und Beten zum Kollektiverlebnis. In keinem der über 30 von Balzer im brasilianischen Bundesstaat Acre und in brasilianischen Großstädten wie Manaus oder Rio de Janeiro besuchten Ritualen, „entstand eine Situation die der in Berlin erlebten Situation vergleichbar wäre“. Innere Einstellung und äußere Umgebung (set und setting), insbesondere der kulturelle oder subkulturelle Kontext spielen, so Balzer, eine maßgeblich Rolle beim Erleben starker Halluzinogene wie Ayahuasca.

Zudem, merkt der Ethnologe an, sind im brasilianischen Kontext gute und schlechte Geister fest im Weltbild verankert. „Und wenn man dann während der Ayahuasca-Erfahrung einem „Krankheitsgeist“ begegnet, dann ist das keine unbedingt erschreckende Erfahrung, da die Anhänger der Religion im Ritual die „guten Geister“ rufen, von denen sie spirituelle Hilfe erhalten.“ Balzer hat vor allem die Kultur der kleinsten der drei Ayahuasca-Religionen untersucht, die der Gemeinschaft der Barquinha (port.: „kleine Fähre“), die in der ruralen Zone Rio Brancos, der Hauptstadt des Bundesstaates Acre, tätig ist. Dort habe die Gemeinschaft schon in den 60er Jahren eine Schule gebaut und helfe mit ihrem ungewöhnlichen Sakrament bei der Gesundheitsfürsorge. Balzer scherzhaft: „Leute mit gebrochenem Bein werden aber durchaus weiterhin ins normale Krankenhaus geschickt.“

Die Bindung an die Gemeinschaft sei eng: im Durchschnitt sähen sich die Mitglieder vier Mal pro Woche, dazu kämen die zahlreichen christlichen Feiertage. Trotz der geistigen Kameradschaft ist die Gemeinschaft aus Sicht Balzers keine Sekte: „Die Ayahuasca-verwendenden Gruppen in Acre sind eng mit der Geschichte Acres verwoben und ein Teil der Kultur Acres. In Acre stellen sie lokale Religionen und keine Sekten dar.“ Die nur in Acre beheimatete Barquinha sei beispielsweise nicht auf eine Ausbreitung ihrer Religion bedacht. Ihre Missionierung fände vielmehr im spirituellen Raum statt und beziehe sich vor allem auf büßende Seelen und Krankheitsgeister.

Suchende Gesellschaft

In Rio Branco, dem Entstehungsort der verschiedenen Ayahuasca-Gruppen und der Santo Daime, besteht noch heute die Urkirche des Gründers Raimundo Irineu Serra, die „Alto Santo“. Heute leitet seine Witwe den spirituellen Verein, sie spricht sich eindeutig gegen jede messianische Tätigkeit aus. Die davon abgespaltene Cefluris findet dagegen seit den frühen 80er Jahren auch in den brasilianischen Großstädten Zulauf und gründete zugleich eine Dependance in Boston, USA. Derzeit soll sie um die 5000 Mitglieder haben.

Raimundo Irineu Serra
Raimundo Irineu Serra

 

Die Ausbreitung der Zeremonien in die Städte rief 1985 endgültig die brasilianische Rauschgiftbehörde (CONFEN) auf den Plan. Sie verbot den entheogenen Trank. Die daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission kam in ihrem Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass die Teilnahme am religiösen Leben der Gruppe deren Mitglieder aber durchaus „ruhiger und glücklicher“ mache und zu bei vielen zu einer „Reorganisation des eigenen Lebens“ geführt habe. 1987 hob die CONFEN daher das Verbot wieder auf.

Die öffentliche Diskussion um Santo Daime und die anderen Kirchen ebbte ab. Erst 1992, im Rahmen des ersten von der UNO organisierten Weltgipfels in Rio de Janeiro, geriet Santo Daime wieder in die Schlagzeilen: Der damalige Direktor der CONFEN, Domingo Bernardo Da Silva, besuchte mit Amtskollegen in Mapia ein Ayahuasca-Ritual und probte den kollektiven Trance-Zustand. Sein Fazit: „Veränderte Bewusstseinszustände müssen nicht unbedingt eine gefährliche Situation sein.“

Ist das Modell Ayahuasca also eine Variante zur Steigerung des Wohlbefindens ganzer Landstriche – auch im Westen? Ein Grundproblem der westlichen Gesellschaft scheint zu sein, dass sie aus allem und jedem ein Objekt der Begierde macht. Selbst wenn man den rituellen Ayahuasca-Gruppen guten Willen unterstellt: Sie stoßen hier auf eine permanent suchtgefährdetes Millieu, in dem TV-Abhängigkeit, Spielsucht und Kaufrausch herrschen. Unterfüttert wird diese Gemengelage noch von der Tendenz zur „Pharmakologisierung des Alltags“ (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18098/1.html), wie Günther Amendt dies genannt hat, in dem der Mensch „nicht mehr als soziales, sondern als manipulierbares und chemisch optimierbares Wesen“ wahrgenommen wird.

Unter den Bedingungen der entfesselten, unreflektierten Marktwirtschaft kann anscheinend Alles zur unkontrollierbaren Obsession führen, überall lauert die potentielle Suchtgefahr. Weniger wissenschaftlich als vielmehr historisch-soziologisch bedingt konzentriert sich dabei die allgemeine Aufmerksamkeit auf substanzbezogene Süchte. In einer weiteren Fokussierung orientiert sich dann die Drogenpolitik hauptsächlich an verelendeten Junkies.

So braucht nur das Stichwort der „Rauschmittel“ fallen und Oma fällt der (Kaffee-!) Löffel aus der Hand. Keine guten Karten für Gemeinschaften, die meinen, mit Hilfe eines speziellen Tees der allgemeinen und damit auch persönlichen Wahrheit näher zu kommen; mehr noch: sich in ihr zu wälzen und wie ein gut gezuckertes Weihnachtsplätzchen auf dem ewig-währenden Gabentisch zu liegen. Schnell wird vermutet, dass hier unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit nur wilde Drogenorgien gefeiert werden.

Ein weiteres Phänomen: In Kurse der Psycho-Szene kommen oft Menschen, die nach einer heilenden, aber milden Verführung zur Persönlichkeitsentwicklung suchen. Sie wünschen sich eine sanfte Reinigung ihrer ohnehin schon gläsernen Seele, während der Ayahuasca-Sitzung erhalten allerdings sie einen Vollwaschgang ohne Weichspüler – aber mit anschließendem Schleudern. Eine Reiki-Sitzung lässt sich jederzeit abbrechen, der individuelle Sicherungskasten ist stets in Griffnähe, bei hochdosierter Ayahuasca-Einfuhr weiß der Kunde eventuell nicht mal mehr wie er heißt.

Exportware

Wenn dann noch ein unqualifizierter Zeremonienmeister die Sitzung leitet, können die hochgespülten Psycho-Innereien den Teilnehmer überfordern. „Die Rituale stehen und fallen mit der Person, die sie leitet und die in der Geisteswelt des Ayahuasca mehr als nur ein Besucher sein sollte“, sagt Nana Nauwald, die ihre Erlebnisse mit den Schamanen im Amazonasgebiet in zwei Büchern beschrieben hat.(4) Der Geist dieser Droge, so Nauwald, sei kulturgebunden und ließe sich nicht „als Instant-Geist am anderen Ende der Welt wieder zu dem ihm eigenen wirkungsvollen Einsatz bringen“.

Ethnologen wie Christian Rätsch, Autor der „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“, äußern sich ebenfalls kritisch zum exportierten Schamanismus: „Schamanismus ist eine soziale Definition in traditionellen Gesellschaften. Man braucht ein Berufungserlebnis, man muss von einem amtierenden Schamanen geprüft werden, ob das Erlebnis echt ist, dann muss man in die Lehre und schließlich muss man öffentlich initiiert werden.“ Ab diesem Moment sei der Schamane nur noch für die Menschen da, er opfere sein angstfreies Leben dem Wohl der anderen. „Dies sind Eigenschaften, welche ich bei keinem der selbsternannten Schamanen in unseren Breiten jemals auch nur annähernd beobachten konnte“, behauptet Rätsch.

In den indigenen Gesellschaften des Amazonas-Gebiets führt ein Schamane durch den bewussten Einsatz vor allem musikalischer Elemente, wie Singen, Pfeifen und Trommelschlägen durch das Heil-Ritual und strukturiert die Visionen, die zugleich eine kulturelle Bedeutung erlangen. Für Schulmediziner nach wie vor ein Rätsel, heilen die Schamanen tatsächlich viele Krankheiten ihrer Patienten, in dem sie in der „anderen Welt“ der Ursache der Malade auf den Grund gehen. Die im letzten Jahrhundert daraus entstandenen Ayahuasca-Kirchen kopierten die Technik und vermischten sie mit christlichen und afrikanischen Elementen. Es evolvierten neue Ritualformen, die nun in Europa, Japan und den USA weiter modifiziert werden.

Ursprünge und Evolutionen

In den USA, wo Religionsgemeinschaften seit jeher größeren Schutz genießen, zugleich aber eine rigide Drogenpolitik herrscht, hat man mit substanzeuphorischen Gläubigen mehr Erfahrungen. Schon in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erkämpfte sich die seit 1870 bestehende „Native American Church“ die Nutzung eines meskalinhaltigen Kaktus. Für sie ist – wie für Santo Daime und die UDV das Ayahuasca – der Peyote-Kaktus weniger eine Droge, als vielmehr ein Sakrament. Heute hat die Konfession um die 250.000 praktizierende Anhänger.

Der rechtliche Status von Ayahuasca ist in den USA unklar, denn die beteiligten Pflanzen sind legal, nicht aber deren Inhaltsstoff DMT. Ein Gericht in New Mexico bestätigte der UDV im November 2004 ein Recht auf Ausübung ihrer Religion(5). Die US-Drogenbehörde DEA muss nicht nur die vor vier Jahren konfiszierten 113 Liter wieder aus der Aservatenkammer holen, sie darf den Trunk zukünftig auch nicht mehr beschlagnahmen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich uneuphorisch, es wird wohl zu weiteren Prozessen kommen.

In Kanada ist den Mitgliedern einer Ayahuasca-Gruppe die Ausübung ihrer Religion mithilfe der Droge seit 2001 gestattet; mehr noch, die kanadischen Behörden beantragten die Ausfuhrgenehmigung des Tees beim brasilianischen Staat – was dieser ablehnte.In Brasilien und Peru(6), wo der rituelle Gebrauch ebenfalls legal ist, haben mittlerweile Zehntausende von Menschen die bittere Medizin getrunken, die größte Vereinigung Brasiliens, die 1961 gegründete UDV, zählt an die 6000 Mitglieder. UDV und die Cefluris sind eher davon überzeugt, dass Ayahuasca in die Welt getragen werden darf – wenn auch nicht muss. „Wenn das Regelwerk genau eingehalten wird, dann kann die Ayahuasca-Erfahrung für jeden Menschen hilfreich sein“, sagt Hans. Gleichwohl biete die Gruppe in Deutschland weiterhin keine Kurse an, „was nicht mit dem Verbot von Ayahuasca zusammenhängt“, wie Hans betont.

Eine Berufung auf die Religionsfreiheit dürfte vor jedem deutschen Gericht scheitern, hat diese doch ihre Grenzen. Witwenverbrennungen sind ebenso verboten wie die Opferung von Tieren – und eben auch der Konsum illegaler Drogen. Diesem wohnt aus Sicht der Juristen eine Gefahr für die ganze Bevölkerung inne, der nur dadurch begegnet werden kann, dass von vornherein verhindert werde, das Drogen zum privaten Gebrauch in die Gesellschaft gelangen.

Wissenschaftliche Untersuchungen über die langfristigen Auswirkungen des Tee-Konsum sind selten. Zehn Jahre nach dem Bericht der CONFEN examinierte eine Gruppe Wissenschaftler in den späten 90er genau 15 Mitglieder der UDV, die den Tee seit zehn Jahren rund zwei Mal monatlich tranken: Die 15 Herren erfreuten sich bester psychischer und physischer Gesundheit.(7) Allerdings fordert die UDV-Kirche von den Mitgliedern eine strenge Abstinenz von allen anderen Rauschmitteln, einschließlich Tabak.(8)

Allein der harmlosen Chemie wollte man die Gesundheit der Probanden nicht zuschreiben. Die Autoren waren sich einig, dass die Ausrichtung auf ein Ritual, das Set und Setting und die Unterstützung der Gruppe essentiell für die positiven Wirkung der Substanz ist. Fazit: Man kann Ayahuasca nicht einfach verabreichen wie ein Medikament. Das dieser Drogenmedizin inne wohnende Potential ist vernachlässigbar gegenüber dem Einfluss der sozialen Umgebung. Der Medizinpsychologe Jungaberle geht noch einen Schritt weiter: „Jede Droge entfaltetet ihre positive oder negative Wirkung primär durch das kulturelle Umfeld, in der sie konsumiert wird.“ Gleichwohl hoffen Teile der psychedelischen Gemeinde mal wieder auf ein Mittel, das Diagnose und Therapie in einem Rutsch liefert.

Was passiert, wenn die urbane Generation Ayahuasca trotz Durchfall und Erbrechen als neuen Hype und Wochenend-Trip entdeckt? Ayahuasca würde dann das gleiche Schicksal teilen wie andere Psychedelika auch, die als hoffnungsvolle Medikamente starteten und später nur noch im Untergrund gehandelt wurden. Bisher ist das nicht in Sicht, die Berichte in den entsprechenden Internet-Drogenforen weisen nicht darauf hin, das die anarchischen Liebhaber psychedelischer Erfahrungen gesammelt in die Santo Daime eintreten wollen. Der Dschungeltrip ist durch das körperliche Unwohlsein nicht besonders reizvoll und wird – wenn überhaupt – lieber in kleinen, selbstorganisierten Gruppen genossen.

Das Dilemma ist deutlich, einerseits ist die konstruktive Wirkung einer Droge ohne Ritual und Gruppenzugehörigkeit stark erschwert, andererseits sind weder die schamanistischen Strukturen noch die Riten der Ayahuasca-Kirchen, mit ihrem Mix aus brasilianischem Zauber und neochristlichen Elementen, passgenau auf westliche Verhältnisse zu übertragen. Alternativen, die sich auf Wurzeln des hiesigen Kulturkreises beziehen könnten, sind entweder unter dem Müll nationaler und nationalsozialistischer Propaganda verschüttet oder wirken durch zwei Jahrtausende Christianisierung obskur. Die mythologische Ausgrabungsarbeit steckt in den Anfängen.(9)

Die nur lockere Kopplung an Weltanschauungs-Cliquen und fromme Kollektive, verbunden mit einer Götterspeise, könnte zwar durchaus dem Zeitgeist der hiesigen individualisierten Gesellschaft entsprechen. Davor stehen aber die Wesenszüge jeder wachsenden Organisation: Wieder in der Alltags-Realität angekommen, bilden sich nämlich gerne die typischen Muster sich institutionalisierender, klerikaler Organisationen: Aus lockeren Gebrauchsmuster werden feste Ordensregeln, im Netzwerk der Gleichgesinnten entsteht eine Hierarchie, später wird die „reine Lehre“ festgelegt, Ego-Freaks mit höheren Weihen bereichern sich psychisch und materiell. Schließlich kommt es zu Abspaltungen, Aussteigern und Neugründungen. Henrik Jungaberle: „Wo man sich hauptsächlich um eine Idee oder einen Führer gruppiert, stehen immer auch die Türen zu wirren Gedankenräumen offen, zudem fühlen sich Menschen mit Unterordnungsbedürfnis angezogen.“

Grüne Träume

Seit der Mythos von der magischen Wirkung des Dschungeltrunk Ayahuasca unter den Freaks und New-Age-Jüngern die Runde macht, sieht sich das Amazonas-Gebiet einem vermehrten Ritual-Tourismus gegenüber. Wie genau sich dies auf die dort lebenden indigenen Kulturen auswirkt ist noch gar nicht abzusehen. Nach den Jesuiten kamen die Kautschukpflanzer, dann die Pharma-Konzerne auf der Jagd nach patentierbaren Urwald-Mixturen, nun die Heilssucher.

Viele der Besucher kommen nur, um Dschungel-Kino zu genießen, müssen aber nach kurzer Zeit einsehen, dass der mächtige Trunk nicht nur den Magen, sondern auch den Geist auf den Kopf stellt. Andere beteiligen sich an den angegliederten Agrar-Projekten. Für die Neo-Hippies und Hobby-Ethnologen, die fernab der westlichen Zivilisation und abseits des christlichen Glaubens ihr Seelenheil suchen, wirkt es seltsam, dass sich aus den schamanistischen Ursprüngen Religionsgemeinschaften gebildet haben, die alle eines gemeinsam haben: Sie verquicken den Gebrauch des DMT-haltigen Seelenerfrischungsgetränks mit indigenen, christlichen und afrikanischen Komponenten. Die brasilianische Gesellschaft ist reich an synkretistischen Religionen, die afro-katholischen mit indianischen Elementen mixen. Die Santo Daime entstand auf diesem Nährboden, der Erzengel Michael wird ebenso angerufen wie die Pflanzengeister.

Marienbild Auch die europäischen Ableger beten zu christlichen Heiligen, ein Umstand, der die Strafverfolgungsbehörden nicht beeindruckte. In Italien kam es im Sommer 2004 zu Durchsuchungen bei einem Santo Daime Mitglied, in Frankreich stehen momentan vier Mitglieder der Vereinigung vor Gericht – wegen des Vergehens gegen das französische Betäubungsmittelrecht drohen bis zu 12 Monaten Haft auf Bewährung.

In den Niederlanden kam es im Frühjahr 2001 zu einem Gerichtsurteil, welches von den Daime-Liebhabern als Durchbruch im europäischen Raum gefeiert wurde. Die Polizei hatte zwei Santo-Daime Mitglieder verhaftet und im konfiszierten Tee DMT gefunden. Die Ritualbrüder beriefen sich auf ihre Glaubensfreiheit, medizinische, psychologische und Religions-Experten holländischer Universitäten sagten vor Gericht aus; der Richter sprach die Angeklagten auf Grundlage der europäischen Regelungen zur Religionsfreiheit frei. Seither ist die Einnahme von Ayahuasca im Rahmen religiöser Zeremonien erlaubt.(10) Im Januar 2005 folgte nun ein französisches Gericht dieser Linie. Da zwar DMT, nicht aber Ayahuasca im französischen Betäubungsmittelgesetz steht, wurden zwei Teetrinker freigesprochen.

In Deutschland herrscht zur Zeit eine – aus Sicht Hans trügerische – Ruhe. Bei ihm fand 1999 das Bundeskriminalamt 30 Liter des psychoaktiven Sakraments, Anklage ist aber nie erhoben worden. Für Hans ein unbefriedigender Zustand, er will den Fall durch die Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte tragen. Er und einige seiner Glaubensbrüder befinden sich im Exil in den Niederlanden.

Für sie steht fest, dass der Tee zu Einsichten in persönliches Fehlverhalten und zu einer mystischen Offenbarung der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde führt. Weiterhin würden Perspektiven für einen sinnvollen Beitrag eines Menschen zur Verbesserung der eigenen und kollektiven Lebensqualität eröffnet. Als einen kollektiven Rausch wollen die Teilnehmer ihren Gottesdienst nicht bezeichnet sehen. Ein Mitglied: „Wieviel Kontrolle über sich selbst ist dafür nötig, um bis zu 12 Stunden einen Tanzschritt auszuführen und dabei Hymnen zu singen, die unaufhörlich den Schöpfer preisen? Zwar können psychische (Bewußtwerdungs)-Prozesse und tonische Reinigungsprozesse ausgelöst werden, die aber dienen der Heilung und nicht dem Selbstzweck eines Rausches oder Kontrollverlustes.“ Tatsächlich werden die Ayahuasca-Sitzungen intern auch „trabalhos“ (Arbeiten) genannt, weil sie von ihren Teilnehmern Disziplin und einen gewissen Gleichmut angesichts der Höhen und Tiefen der psychoaktiven Gemütslage verlangen.

Seiner Gruppe ginge es nicht um einen Export von Ritualen, sondern um „eine Art spirituelle Entwicklungshilfe“, die durch kulturellen Austausch die Entwicklung zu einer weltumspannenden Familie von Menschen weiter antreibe. Durch „die unmittelbare Kommunikation mit Gott, dem höheren Selbst und der Natur“ würde, so das Mitglied, „der Entwicklung eines kollektiven Bewußseins gedient, dass sich sowohl seiner Verantwortung für den ökologischen Schutz von, sagen wir ruhig Gaia, der Mutter Erde, als auch für die geistig-spirituelle Bildung des Menschen bewusst ist.“

Das Falscheste wäre, so meint Jungaberle, die Ritualgruppen durch eine weitere Illegalisierung in den Untergrund zu drängen. „Zwar besteht auch bei so einer Gemeinschaft wie Santo Daime die Gefahr“, so Jungaberle, „dass sich rigide Strukturen und Führerkult herausbilden, aber das ist momentan überhaupt nicht zu beobachten. Es wäre hilfreicher den Dialog zu suchen“. Dies wird unter deutscher Gesellschafts- und Gesetzeslage vorerst ein frommer Wunsch bleiben, denn was für die einen ein Sakrament ist, bleibt für die anderen ein strafbewehrtes Sakrileg. Wer die göttlichen Urgründe des Seins erkunden will bleibt auf weltlich legale Praktiken angewiesen.

Der ewige Wunsch des Menschen nach geistig-spiritueller Bettung geht in bemerkenswerter Weise mit der (seit den 60er Jahren zu beobachtenden) Wiederaufnahme der Kommunikation mit der Natur und dem innersten Selbst zusammen. Protest- und spirituelle Drogenkultur gingen eine kurze Zeit Hand in Hand. Seither ahnen viele was gemeint ist, wenn von „kollektivem Bewusstsein“ die Rede ist – nur über den richtigen Weg in die bessere Welt ist man uneins. Das ausgerechnet die lange verteufelten „Drogen“ eine positive Rolle bei der Entwicklung hin zu einer neuen, ökologisch fundierten Spiritualität spielen könnten, dies ist das eigentliche Tabu, an dem nun die Ayahuasca-Religionen rütteln.

Fußnoten

(1) Umfassend, aber bisher leider nur in portugiesischer Sprache: Beatriz Caiuby Labate and Wladimyr Sena Araújo: O Uso Ritual da Ayahuasca, 2002.
(2) Name von der Redaktion geändert.
(3) Carsten Balzer: Wege zum Heil: Die Barquinha. Ein religiöses Rettungsboot auf den unruhigen Wogen des kulturellen sozialen Chaosmos amazonischer Welten, Berlin 1999.
(4) Nana Nauwald: Bärenkraft und Jaguarmedizin. Die bewusstseinsöffnenden Techniken der Schamanen, 2002. Dieselbe: Der Gesang des Jaguars. Mein Leben bei den Schamanen des Amazonas, 2003.
(5) Fall UDV v. Ashcroft, nachzulesen unter
(6) Zu den indigenen Kulturen dort siehe die Habitulationsschrift von Barbara Keifenheim: Wege der Sinne. Wahrnehmung und Kunst bei den Kashinawa-Indianern Amazoniens. Frankfurt a.M. 2000. Für Kolumbien und die dortige amazonische Ayahuasca-Kultur siehe: Michael Taussig: Shamanism, Colonialism and the Wild Man, 1987.
(7) Charles S. Grob, u.a.: Human Psychopharmacology of Hoasca. A Plant Hallucinogen Used in Ritual Context in Brazil, in: Journal of Nervous and Mental Disease, Nr. 184, 1996, S. 86-94.
(8) Eine Übersicht über das mögliche therapeutische Potential von Ayahuasca gibt Dennis J. McKenna: Clinical investigations of the therapeutic potential of ayahuasca: rationale and regulatory challenges, in: Pharmacology & Therapeutics, Volume 102, Nr. 2, Mai 2004, S. 111-129.
(9) Zur druidischen Kultur siehe Wolf-Dieter Storl: Pflanzen der Kelten. 2000.
(10) Zur Situation in den Niederlanden siehe Govert Derix: Ayahuasca, eine Kritik der psychedelischen Vernunft, 2004. Zugleich ein guter Einblick in die Arbeit der UDV.

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Drogenpolitik Interviews Interviews

Der Medizin-Anthropologe Nicolas Langlitz über das Forschungs-Revival psychedelischer Substanzen

telepolis, 12.01.2012

Subjektiver Rausch und objektive Nüchternheit

Jörg Auf dem Hövel

Der Medizin-Anthropologe Nicolas Langlitz über das Forschungs-Revival psychedelischer Substanzen, die objektive Erkenntnis subjektiven Erlebens und kulturell beeinflusste Psychopharmakawirkung

Blickt man auf die mittlerweile 60-jährige Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung halluzinogener Drogen zurück, fallen mindestens zwei Eigenwilligkeiten auf. Zum einen ist es die bis heute hochemotional geführte Diskussion um Potential und Gefahren dieser Substanzen. Dies hängt sicherlich mit der mental aufwühlenden Kraft dieser Substanzen zusammen, die in der Lage sind, Weltbilder zu formen, einstürzen zu lassen und den Geist einen tiefen Einblick in das Gebiet der Psychose werfen zu lassen. Zum anderen ist es die unterschiedlicher Herangehensweise von europäischen und US-amerikanischen Wissenschaftler an das Phänomen.

Während die europäischen Forscher Drogen wie LSD und Psilocybin im Rahmen psycholytischer Therapien einsetzten, um das Unbewusste ihrer Patienten an die Oberfläche kommen zu lassen, sahen Forscher in den USA die Möglichkeiten viel weiter gesteckt. In Anlehnung an Aldous Huxley sollten sie die „Pforten der Wahrnehmung“ öffnen und den menschlichen Geist in die Lage versetzen, Teil eines größeren, kosmischen Bewusstseins zu werden. Psychische Transformation war aus dieser Sicht nur eine vorbereitenden Maßnahme für mentale Transzendenz. Die sich aus diesem Ansatz entwickelnde Gegenkultur der USA rüttelte damit am Gerüst der protestantisch-calvinistische Arbeitsethik, die größten Ängste evozierten die Substanzen bei denen, die sie nie genommen hatten. Es kam zum weitgehenden Verbot der Arbeit mit Halluzinogenen.

Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt diese Forschung nun ein Revival. Organisationen wie MAPS, das Heffter Research Institut und das Universitätshospital in Zürich experimentieren wieder mit psychedelischen Drogen.

Der Medizin-Anthropologe und Historiker Nicolas Langlitz hat die Arbeit in den Laboratorien der USA und der Schweiz teilnehmend beobachtet und eine Dissertation an der Universität von Kalifornien mit dem Titel „Neuropsychedelia. The Revival of Hallucinogen Research since the Decade of the Brain“ verfasst. Langlitz lehrt zur Zeit an der New School for Social Research in New York.

Frage: Welche Faktoren waren Anfang der 90er Jahre für das Revival der Forschung mit psychedelischen Substanzen ausschlaggebend?

Nicolas Langlitz: Das Revival der Halluzinogenforschung in den 90er Jahren hatte verschiedene Gründe. Zunächst einmal war einfach Gras über die sozialen Unruhen der Sechziger gewachsen, in denen psychedelische Drogen ja eine wichtige Rolle gespielt hatten. Selbst in der damals aufkommenden Technoszene haben die klassischen Halluzinogene im Vergleich mit Ecstasy eine untergeordnete Rolle gespielt und wurden nicht länger mit einer grundsätzlichen Infragestellung der Gesellschaftsordnung assoziiert. Zugleich waren diejenigen, die 1968 noch studierten – insofern sie nicht Learys Rat gefolgt und ausgestiegen waren – inzwischen Professoren, hatten eigene Labors und konnten so selbst bestimmen, worüber geforscht werden sollte.

Die Neurowissenschaften erlebten eine nie dagewesene öffentliche Anerkennung während dieser von US-Präsident George H. W. Bush ausgerufenen „Dekade des Gehirns“, was einige der Protagonisten des Revivals, insbesondere vom Heffter Research Institute, zu nutzen wussten. Man wollte die neuronalen Grundlagen des menschlichen Bewusstseins experimentell untersuchen. Was könnte es für einen besseren Weg geben als bewusstseinsverändernde Drogen?

An einer Wiederbelebung der Halluzinogenforschung waren aber nicht nur diese Wissenschaftler interessiert, sondern auch Leute in Kalifornien, die aus der Counterculture der Sechziger hinaus- und in die boomende Cyberculture der Achtziger hineingewachsen waren. Apples gerade verstorbener Steve Jobs war nicht der einzige, der nostalgisch seiner LSD-Erlebnisse gedachte, während er ein Vermögen machte. In den 90er Jahren wurde beispielsweise ein substantieller Teil der akademischen Forschung aus dem Privatvermögen von Bob Wallace, der Nr. 5 bei Microsoft, bezahlt.

In Deutschland und der Schweiz hat aber auch eine Relegitimierung der Modellpsychoseforschung mit Halluzinogenen eine wichtige Rolle gespielt. Dieser Prozess hatte nichts mit der Geschichte der Counterculture zu tun, sondern war eher eine wissenschaftsinterne Entwicklung in der Biopsychiatrie. Das sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Faktoren, die die gegenwärtige Renaissance der Halluzinogenforschung möglich gemacht haben.

Haben Sie einen Überblick, wie viele wissenschaftliche Projekte mit halluzinogenen beziehungsweise entaktogenen Substanzen zur Zeit weltweit laufen? Es ist interessant zu beobachten, wie vergleichsweise klein dieses Forschungsgebiet ist und zugleich hoch emotional diskutiert wird.

Nicolas Langlitz: Um wie viele Labore es sich genau handelt, lässt sich so allgemein schwer beziffern. Das kommt ganz darauf an, welche Substanzen man einbezieht. Die Zahl würde deutlich höher ausfallen, wenn man Cannabis als Halluzinogen kategorisieren oder Ketaminstudien einschließen würde. Mir würden spontan vielleicht 15-20 Arbeitsgruppen einfallen, aber gerade wenn man in den tierexperimentellen Bereich geht, sind es sicherlich deutlich mehr.

Bedenkt man, wie exponentiell die Neurowissenschaften und die Psychopharmakologie in den letzten 20 oder 30 Jahren gewachsen sind, dann hinkt die Zahl der Halluzinogen- und Entaktogenstudien relativ betrachtet vermutlich sehr hinterher. Andererseits hat es in der Zeit zwischen 1970 und 1990 fast überhaupt keine Studien am Menschen gegeben, sodass nicht so sehr die Quantität zählt, sondern der qualitative Sprung dahin gehend, dass überhaupt wieder mit diesen Substanzen gearbeitet wird. Durch ihre affektiv und politisch aufgeladene Geschichte bekommt die Forschung mit ihnen natürlich ein überproportionales Maß an medialer Aufmerksamkeit. Aber dieses Phänomen kann man auch in anderen Bereichen der Neurowissenschaften beobachten: die breitere Öffentlichkeit interessiert sich häufig für wissenschaftlich eher marginale Forschungsfelder. Denken Sie nur an die Debatte über den freien Willen. Da gibt es auch nicht viele Studien zu.

Die teilweisen spirituellen Erweckungserlebnisse, die Teilnehmer an Forschungsprojekten erfahren, scheinen sich oft in die eine oder andere Weise auf die Wissenschaftler zu übertragen.

Nicolas Langlitz: Ja, wobei die Übertragung auch anders herum stattfinden könnte. Je nachdem wie man die Studie designt, wird man mehr oder weniger mystische Erfahrungen zu sehen bekommen. Und das Studiendesign hängt wiederum unter anderem davon ab, welche Forschungsinteressen und Vorannahmen der Wissenschaftler an sein Studienobjekt heran trägt.

Man könnte natürlich auch argumentieren, dass die Bewertung der Halluzinogenerfahrungen von Forschern und Probanden deshalb konvergieren, weil beide – vor dem Hintergrund ähnlicher kultureller Deutungsmuster – dieselben Substanzen genommen haben. Wir sollten aber hinzufügen, dass bei weitem nicht alle Versuchspersonen „spirituelle Erweckungserlebnisse“ haben und ein Teil der Forscher zwar weiß, worüber die Probanden da sprechen, die Erfahrungen aber trotzdem auf Neurochemie reduziert. Wenn ich davon ausgehe, dass mir nur deshalb eine mystische Vereinigung mit Gott zuteil geworden ist, weil meine Serotoninrezeptoren verrückt gespielt haben, dann hat so ein Erlebnis natürlich nichts Erweckendes. Ich werde deshalb nicht gleich mein Leben ändern.

Tatsächlich ist es aber so, dass die Neurochemie nur ein Teil der Geschichte ist. Religiös musikalische Menschen, die einer spirituellen Praxis nachgehen, scheinen unter Psychedelika sehr viel häufiger mystische Erfahrungen zu machen als andere Probanden, insbesondere wenn sie die Drogen in einem geeigneten Setting unter entsprechender Anleitung verabreicht bekommen – wie es etwa in John Griffiths Labor an der Johns Hopkins University in jüngster Zeit der Fall gewesen ist. Den Einfluss solcher kulturellen Faktoren auf die pharmakologische Wirkung von Halluzinogenen hat man allerdings noch nicht systematisch erforscht.

Zumindest scheint es heute möglich zu sein, durch eine Auswahl von geeigneten Kandidaten und ein gutes, nicht allzu technisch-steriles Setting die Gefahren auch bei hochdosierten Halluzinogensitzungen zu minimieren. Das war beim Good-Friday-Experiment von Walter Pahnke im Jahre 1962 noch anders.

Nicolas Langlitz: Im Vergleich zu Timothy Learys Forschungen in den 60ern – und Pahnke war bekanntlich Learys Doktorand – sind die heutigen Studien in der Tat sehr viel kontrollierter. Es spricht auch nicht für Learys wissenschaftlichen Ethos, dass er die Öffentlichkeit nicht darüber informiert hat, dass einer der Probanden aus Pahnkes Experiment vorübergehend psychotisch geworden ist und aus der Kirche, in der die Versuchspersonen einem Karfreitagsgottesdienst beiwohnten, abgehauen ist. Damals war die Situation so polarisiert, dass keine Seite der anderen Material an die Hand liefern wollte, das propagandistisch ausgeschlachtet werden könnte.

Ich denke, es ist bezeichnend für das Revival der Halluzinogenforschung, dass dieser Vorfall im Good Friday-Experiment und anderes wissenschaftliches Fehlverhalten auf Learys Seite von einem der wichtigsten Aktivisten, Rick Doblin, aufgedeckt wurde. Natürlich war das auch ein strategischer Zug, Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, indem man sich von der Counterculture distanziert. Aber es spricht auch für ein nüchterneres Verhältnis zu diesen Substanzen, wenn man auch die Risiken bedenkt und ihnen vorzubeugen sucht. Diese neue Nüchternheit hat auch dazu beigetragen, dass – zumindest in Franz Vollenweiders Labor in Zürich, wo ich ein halbes Jahr lang zur Feldforschung war – im Laufe von 20 Jahren Hunderte von Probanden Halluzinogene verabreicht bekommen haben, ohne dass es je zu Zwischenfällen wie beim Good-Friday-Experiment gekommen wäre.

Ein Grundproblem der Forschung mit Probanden scheint noch immer die Diskrepanz zwischen deren subjektivem Erleben und den objektiven Messungen zu sein. Worüber genau macht man sich da eigentlich solches Kopfzerbrechen?

Nicolas Langlitz: Die Vision, die den philosophisch relevanten Teil des Neuroimaging – im Gegensatz etwa zu einer Bildgebung, die darauf abzielt, einen Hirntumor zu lokalisieren – antreibt, ist, statt eines introspektiven einen objektiven Zugang zum Geist zu erlangen – sozusagen dem Anderen beim Denken tatsächlich zusehen zu können. Dabei gibt es zwei Wege.

Zum einen kann man Versuchspersonen bestimmte messbare Leistungen erbringen lassen und diese mit den neurophysiologischen Messungen des Hirnstoffwechsels korrelieren. Testet man zum Beispiel die Wirkung eines Halluzinogens oder irgendeines anderen Psychopharmakons auf das Kurzzeitgedächtnis, dann fragt man den Probanden nicht, ob er meint, sich nun besser oder schlechter erinnern zu können, sondern schaut, wie gut er tatsächlich Informationen kurzzeitig abspeichern und wieder aufrufen kann. In diesem Fall können sowohl die mentale Funktion als auch ihr neuronales Pendant objektiviert werden.

Und der zweite Weg?

Nicolas Langlitz: Auf der anderen Seite stehen Versuchsdesigns, bei denen man den Probanden fragen muss, wie er eine experimentelle Situation erfährt. Ob jemand halluziniert, eine ekstatische Entgrenzung seiner selbst oder Angst erlebt, lässt sich objektiv nur schwer beurteilen. In diesen Fällen bitten die Forscher um eine introspektive Bewertung des Erlebens – und zwar anhand quantifizierbarer Skalen. Dieses Zahlenmaterial kann dann mathematisch mit den Messungen des Hirnstoffwechsels in Bezug gesetzt werden. Nur wenn man weiß, was jemand erlebt hat, lässt sich eine stärkere oder schwächere Aktivierung bestimmter Hirnregionen als Korrelat dieses Erlebens behaupten. Das heißt: auch wenn am Ende ein scheinbar objektives Hirnbild steht, so lebt die Subjektivität des Probanden darin doch fort, denn ohne dessen Angaben könnte man gar nicht sagen, was für einen mentalen Prozess oder Zustand das Bild eigentlich repräsentieren soll.

Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass sich subjektives Erleben nie vollkommen auf objektive Daten reduzieren lässt?

Nicolas Langlitz: Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Der finnische Philosoph und Neurowissenschaftler Antti Revonsuo hat ein Gedankenexperiment beschrieben, das er in stark vereinfachter Weise nun im Labor umzusetzen versucht. Demzufolge wäre eine solche Reduktion möglich. Er sagt: wenn man die Technik hätte, um die Hirnaktivität bis in den letzten Winkel ganz genau aufzuzeichnen, dann müsste es auch möglich sein, das Erlebte zu rekonstruieren – und zwar in Form einer Virtual-Reality-Simulation, die anderen Menschen ermöglichen würde, die Erfahrungen des Probanden nachzuerleben. Dann würden Subjektivität und Objektivität in eins fallen.

In Hegels Worten könnte man auch von einer Aufhebung sprechen, denn die Überwindung des Unterschieds würde auch zu einer Auflösung der unterschiedenen Konzepte selbst führen. Subjektivität ist ja durch radikale Privatheit und das Unvermögen, den Zustand einem anderen zu kommunizieren, definiert. Insofern stimmt es natürlich, dass subjektives Erleben sich schon per definitionem nie auf objektive Daten reduzieren lässt – es sei denn, es hört auf subjektiv zu sein, weil so eine Virtual-Reality-Simulation es intersubjektiv vermittelbar machen würde. Aber bislang ist das ein reines Gedankenexperiment. In der Praxis verzweifelt Revonsuo in seinem Schlaflabor schon darüber, auch nur festzustellen, ob ein Schläfer gerade träumt – also in einem bewussten Zustand ist – oder nicht. Von den Inhalten des Bewusstseins, also dem Traum selbst, ist da noch gar keine Rede. Ob es nun also in der Natur der Sache liegt oder nicht, bislang führt die Subjektivität ein höchst lebendiges Schattendasein in den Neurowissenschaften.

Placebo-Effekte werden mitunter als eine Form subjektiven Erlebens dargestellt. Welchen Beitrag kann die Forschung mit Halluzinogenen in diesem Zusammenhang in Bezug auf die placebo-kontrollierte Arzneimittelforschung leisten?

Nicolas Langlitz: Neben dieser Perspektive, die davon ausgeht, dass es sich um bloß eingebildete Effekte handelt, die sich objektiv nicht untermauern lassen, stehen zwei andere Konzeptionen. Die eine sieht darin ein reales und spezifisches biologisches Phänomen. Denn beispielsweise lassen sich als Schmerzmittel verabreichte Placebos durch Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon unwirksam machen. Die andere betrachtet den Placebo-Effekt als eine unspezifische Störvariable, die man durch placebo-kontrollierten Studien eliminieren muss. Letzteres ist seit den sechziger Jahren der methodologische Goldstandard der pharmakologischen Forschung.

Meiner Ansicht nach stellt die Arbeit mit Halluzinogenen jedoch einen interessanten Grenzfall dar, der dieses Paradigma infrage stellt. Wer schon einmal die Wirkung von psychedelischen Drogen am eigenen Leib erfahren hat, wird sicher nicht auf die Idee kommen, er hätte eine Zuckerpille genommen. Und doch kann deren Wirkung – nicht nur im Sinne der subjektiven Erfahrung, sondern auch was die physiologischen Korrelate dieses Erlebens angeht – ganz unterschiedlich sein, je nachdem in welchem psychischen Zustand sich der Konsument befindet und in welcher Umgebung die Substanz genommen wird. Das bedeutet, wenn ich ein Halluzinogen in dem einen Kontext gegenüber Placebo teste und das Ergebnis einer solchen Studie mit dem Ergebnis einer zweiten Studie vergleiche, in der dieselbe Substanz in einem anderen Kontext gegenüber Placebo getestet wurde, so könnte man denken, dass es sich um zwei ganz verschiedene Psychopharmaka gehandelt haben muss.

So hat man bei mit LSD behandelten Ratten zeigen können, dass diese in einer ihnen vertrauten Umgebung so aktiv sind wie sonst auch, ihr Umfeld zum Teil sogar noch munterer erkunden, während sie in einem neuen Umfeld ängstlicher als normal an der Wand kauern. Mit anderen Worten: die Effekte von Halluzinogenen – und möglicherweise auch von anderen Psychopharmaka, man denke etwa an Alkohol, sind umgebungsabhängig. Von placebo-kontrollierten Studien wird das aber systematisch verschleiert. Deshalb wäre es sinnvoll, einen alten Vorschlag des Anthropologen Anthony Wallace wieder aufzunehmen und placebo-kontrollierte Studien durch so genannte kultur- und situationskontrollierte Studien zu ergänzen. Aber dem stehen wohl zu viele Interessen entgegen.

Ist das Einbeziehen der diversen kulturellen und situationsabhängigen Parameter in placebokontrollierten Studien praktisch überhaupt möglich?

Nicolas Langlitz: Nein, nicht innerhalb von placebo-kontrollierten Studien: Entweder man vergleicht Placebo mit Verum und versucht, dabei alle anderen Bedingungen konstant zu halten, oder man hält das Psychopharmakon konstant und vergleicht zwei Kultur- oder Situationsbedingungen miteinander. Beides zusammen geht nicht, kontrollierte Experimente können immer nur auf einen Faktor schauen.

Inwiefern die Untersuchung kultureller und situationsabhängiger Parameter aber überhaupt möglich ist, kommt wohl darauf an, in welcher Form man diese einbezieht. Wallaces Strategie war, den Einfluss eines möglichst isolierten Kultur- oder Situationsfaktors auf die pharmakologische Wirkung einer Substanz zu untersuchen, indem man lediglich diesen einen Faktor experimentell variiert und dann die beiden Bedingungen miteinander vergleicht. Das ist aber nur dann Erfolg versprechend, wenn solche Faktoren sich überhaupt auseinander dividieren lassen und wenn der untersuchte Faktor alleine stark genug ist, um sichtbar zu werden.

In Tierexperimenten war das zum Beispiel der Fall, als man Ratten Kokain angeboten hat – auf der einen Seite alleine eingesperrten Tieren, auf der anderen Seite in Gruppen lebenden. Das Suchtpotenzial der Droge war bei den sozial nicht deprivierten Ratten deutlich geringer als bei den zu Einzelhaft verdammten. Aber ich würde vermuten, dass in menschlichen und anderen tierischen Lebenswelten eine Vielzahl für sich genommen relativ schwacher nichtpharmakologischer Faktoren zu starken Vektoren aufaddiert werden, ohne dass man dieses Geschehen im Labor kontrollieren könnte.

In der Gefängnispsychologie wird ja gerade mit pink angemalten Räumen experimentiert.

Nicolas Langlitz: Dabei entgeht einem, dass Erleben und Verhalten des Probanden auch von einem Streit mit der Freundin, sexueller Attraktion gegenüber der Versuchsleiterin oder – im Falle psychopharmakologischer Forschung – den kulturellen Vorannahmen über die verabreichte Substanz beeinflusst wird, die vielleicht alle miteinander interagieren. Ich denke, es gibt gute wissenschaftsphilosophische Gründe zu glauben, dass das Leben, und zwar nicht nur im mittlerweile etwas antiquierten Sinne der Lebensphilosophie, sondern auch in dem der life sciences, einfach zu komplex ist, um alleine durch Laborexperimente verstanden werden zu können. Sowohl placebo- als auch kultur- und situationskontrollierte Studien sind meiner Ansicht nach wichtig, aber für sich genommen nicht ausreichend. Die Psychopharmakologie müsste zumindest in Teilen eine field science wie die Kulturanthropologie und die Verhaltensbiologie werden.

Denken Sie, dass die im letzten Jahrzehnt sehr deutlich gewordenen Probleme der Arzneimittelforschung, wirklich neue Psychopharmaka zu entwickeln, damit zusammenhängen?

Nicolas Langlitz: Nein, die Krise in der Entwicklung neuer Psychopharmaka hat wohl andere Ursachen. Wenn man sich nicht auf das letzte Jahrzehnt beschränkt, dann dürfte die zunehmende Regulierung der Arzneimittelforschung viel damit zu tun haben. Wobei ich gar nicht sagen will, dass das schlecht ist: schließlich werden so ja die Interessen von Versuchspersonen und an Studien teilnehmenden Patienten geschützt. Die wilden Experimente der fünfziger Jahre haben uns nicht zuletzt den Contergan-Skandal beschert. Aber man lernt natürlich sehr viel mehr, wenn man früh mit Humanexperimenten beginnt – was, nebenbei bemerkt, auch im Interesse der Versuchstiere wäre.

Über die Schwierigkeiten, auf neue Psychopharmaka aufmerksam zu werden, wenn alle initialen Hinweise auf deren Wirksamkeit aus Tiermodellen stammen, gehe ich, anhand eines Modells, bei dem mit Nagetieren im Halluzinogenrausch nach neuen Antipsychotika gesucht wird, ausführlich in meinem nächsten Buch ein. Die zunehmende Regulierung hat auch dazu geführt, dass der wissenschaftliche Selbstversuch weitgehend aus der Psychopharmakologie verdrängt wurde.

Während das Innovationspotenzial der Pharmaindustrie in Sachen Psychopharmakologie in den letzten dreißig Jahren immer weiter nachgelassen hat, konnte ein Untergrund-Forscher wie Alexander Shulgin über 200 neue Psychedelica entwickeln, indem er jede einzelne Substanz – sehr vorsichtig und sehr kontrolliert – an sich selbst testete. Es wäre zumindest eine interessante Arbeitshypothese für einen Pharmakologiehistoriker, die Krise der Medikamentenentwicklung mit dem Niedergang des Selbstexperiments in Beziehung zu setzen.

Vielleicht beginnt die Psychopharmakologie aber auch ganz grundsätzlich, an ihre Grenzen zu stoßen?

Nicolas Langlitz: Ja, vielleicht. Jede Pille, die man schluckt, affiziert eine Vielzahl von Rezeptorsystemen, nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper: neuro-anatomisch betrachtet ein Schrotschuss. Manche dieser Systeme arbeiten in entgegengesetzte Richtungen. Verbessert ein cognitive enhancer zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis ein wenig, verschlechtert sich zugleich das Langzeitgedächtnis. Deshalb lassen sich Nebenwirkungen so schwer vermeiden.

In jüngster Zeit mehren sich außerdem die Hinweise, dass viele der langfristig einzunehmenden Psychopharmaka – inklusive Antidepressiva und Antipsychotika – Abhängigkeiten erzeugen und den Zustand der Patienten zwar kurzfristig verbessern, langfristig aber zu einer Chronifizierung beitragen. Vielleicht sind wir einfach dabei, auf neurobiologische Grenzen zu stoßen, die sich mit den Mitteln der Psychopharmakologie nicht überwinden lassen – egal wie viele Milliarden man in Forschung und Entwicklung steckt. Aber vielleicht bin ich auf diesem Gebiet auch nur ein geschichtsphilosophischer Pessimist. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn die Wissenschaftsgeschichte mich Lügen strafen würde.

 

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Viel THC, aber auch Pilze im Coffee-Shop Cannabis

Hanfblatt, Nr. 106

Viel THC, aber auch Pilze im Coffee-Shop Cannabis

Wissenschaftler der Universität Leiden in den Niederlanden haben Cannabiskraut aus zehn zufällig ausgewählten Coffee-Shops mit zwei Sorten verglichen, die in Apotheken auf Rezept zu erwerben sind.

Zusätzlich wurde eine Sorte einer nicht-offiziellen Initiative für medizinischen Cannabis untersucht. Bei allen elf „halblegalen“ Proben lag der THC-Gehalt in einer Spanne zwischen 11,7 und 19,1 % (Prozentgehalt des Trockengewichtes des Pflanzenmaterials). Der THC-Gehalt der Apotheken-Sorten fiel ebenfalls in diesen Bereich: die Sorte Bedrocan (16,5 % THC) fand sich im mittleren Bereich, während die Sorte Bedrobinol (12,2 % THC) am unteren Ende der Spanne lag.

Neben THC und THCA wurden während der Analyse der Cannabinoid-Zusammensetzung der Proben auch andere Cannabinoide berücksichtigt. Allerdings wurden keine größeren Unterschiede zwischen den Coffee-Shop-Proben beobachtet. Der Autor der Studie, Arno Hazekamp, vermutet, dass dies das Ergebnis von Jahrzehnten der Kreuzung und Selektion von viel THC produzierenden Cannabissorten ist. Hazekamp: „Dieser Prozess hat die Variabilität zwischen den Cannabissorten verringert, mit einer geringfügigen Ausnahme für ihren THC-Gehalt.“

Ein zweites wichtiges Ergebnis der Studie: Alle (sic!) Proben aus den Coffee-Shops enthielten Kontaminationskonzentrationen für Bakterien oder Schimmelpilze oberhalb der Grenzwerte, die im Europäischen Arzneibuches für Präparate zur Inhalation vorgegeben sind. Einige der gefundenen Mikroben können Gifte bilden, die beim Rauchen von Cannabis nicht vollständig zerstört werden. Vor allem Personen mit einem bereits beeinträchtigten Immunsystem, beispielsweise AIDS- oder Krebs-Patienten, können solche Mikroben und Gifte gefährlich werden. Das Vorkommen potenziell gefährlicher Pilze auf nicht legal gezüchteten Cannabis ist wiederholt beschrieben worden, einige diese Pilze gelten als Quelle für neurologische Toxizität oder Infektionen. Die zwei Apothekenprodukte wiesen eine konsistente Stärke auf, potenziell gesundheitsschädliche Verunreinigungen fehlten.