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Dope auf dem Schulhof

HanfBlatt, Nr. 77, 2003

Dope auf dem Schulhof

Wie beliebt ist Cannabis unter Schülern? Und welche Folgen hat der Genuss?

Das Blech und die Scheiben von Philips roten Golf erzitterten unter den Klängen von Prince. Es war 1984 in irgendeiner Schule in einer Großstadt. In der großen Pause, ich glaube sie ging von halb bis um 11 Uhr, hatten wir es uns seit einem viertel Jahr zur Angewohnheit gemacht in der rostigen Karre zu verschwinden und eine Riesentüte zu rauchen. „Let´s go crazy“ dröhnte dann so laut aus den Magnat-Boxen, dass Passanten stehen blieben. Unsere Mitschüler, welche die Pause nutzen um aus dem nahe liegenden Penny-Markt Bier zu holen, die grienten nur wissend. Es war die Zeit in der uns endgültig klar wurde, dass Schule keinen Sinn macht, obwohl die Abiturprüfungen nahten. Cannabis stand dabei nie in dem Verdacht das Bewusstsein zu erweitern, wozu auch, wir wussten es ja eh schon besser. Die fetten Joints, die wir uns Tag für Tag reinzogen dienten keinem Ziel, sondern nur dem puren Amüsement. Wir wollten schnell und schmutzig leben, Mutti würde schon weiter zahlen.

Zeitsprung ins Jahr 2002: Eine Gesamtschule in Hamburg. Auf dem Schulhof tummeln sich die Racker, die älteren Schüler ziehen sich mit behördlicher Genehmigung eine seltsame Droge mit Namen „Tabak“ in der eigens dafür geschaffenen „Raucherecke“ rein. „Kiffer suchst Du?“, wiederholt einer der langen Kerls spöttisch und schaut mich von oben bis unten an. „Dann schau mal hinter das Gebäude dahinten. Vielleicht hast du Glück.“ Ich folge seinem Finger. Als mich die kleine Gruppe von Jungmännern sieht, nesteln sie in ihren Taschen rum. „Vom HanfBlatt, coool.“ Ja, sagen sie, „klar kiffen wir in den Pausen“. Jeden Tag? „Ooch ja, eigentlich ja.“ Nein, auf die Leistungen würden sich das nicht auswirken. „Der Unterricht ist sowieso völlig beschissen. Ob ich da breit bin oder nicht, dass macht keinen Unterschied.“ Die Hände in den Taschen, die Hosen in den Kniekehlen stehen sie da. Neuntklässler, die jedwedes Unrechtsbewusstsein beim Cannabisgenuss in die Tonne getreten haben. Für sie ist Kiffen Entspannungskultur, breit sein, high sein.

Das war 1984 nicht viel anders: Die Generation der Anti-Atomkraft-Bewegung mit ihren olivgrünen Parkern und ihren moralinsauren Eiertänzen hatte vor zwei Jahren die Schule verlassen, nun waren wir an der Macht. Wir, dass waren wilde Söhne und Töcher aus Beamtenhaushalten, welche die reduzierte Sprache von Albert Camus genossen und Jean Paul Satre lasen und ihn nicht verstanden. Es entwickelte sich eine Mischung aus krudem Existenzialismus und dem unbedingen Willen, dass Leben in vollen Zügen zu genießen. Techno war noch nicht erfunden, Acid-House war State of the Art und damit dämmerte langsam das Zeitalter des Hedonismus heran. Ohne es zu wissen waren wir die Vorläufer der heutigen Spaßgesellschaft. Wenn wir bekifft aus dem Auto zurück in den Unterricht flatterten, dann war Spaß garantiert – oder stumpfes rumdröhnen. Einmal kippte Philipp vom Stuhl vor Lachen, unser Biologielehrer (Typ: „Ich bin euer Kumpel“) schickte ihn entnervt zur Schulleiterin. Aber die Lehrer waren meist zu blauäugig, um unsere Zustände einzuordnen – oder sie wollten sie nicht sehen, weil wir seit der 11. Klasse den Unterricht eh nur noch für unser Privatscherzchen nutzten, mithin störende Elemente waren.

Tja, und nun die Preisfrage: Was hat das Cannabis mit uns getan? Um es mal mit den Maßstäben der Leistungsgesellschaft zu messen: Der eine Kiffer von damals kauft heute Fussballrechte in ganze Europa ein, der andere hat eine kleine Firma für Marktforschung gegründet, der dritte verdummt die Leute (er ist Angestellter in einer Werbeagentur), der vierte tut das ebenfalls, er schreibt diesen Artikel. Aber es gibt auch andere Wege: Einer aus unserem Kreise fand das Kiffen so großartig, dass er jeden Abend bedröhnt vor der Glotze hing, wir verloren ihn aus den Augen, Jahre später traf ich ihn wieder, er war ziemlich runtergekommen. Kaum jemand kommt auf die Idee, berufliche und private Erfolge am Graskonsum festzumachen, umgekehrt fällt das seit jeher einfacher. Und kaum jemand kommt auf die Idee die Fragestellung einmal umzukehren und eine Untersuchung darüber anzuschieben, welche Vorteile Jugendliche aus dem ja meist gemeinsam praktizierten Rauchritualen ziehen. Die Kiffen ein Problem sein muss, dies ist unausgesprochene Gedanken- und Finanzierungsgrundlage vieler Sucht- und Präventionsbüros.

Um es nicht falsch zu verstehen: Unser Konsum von Haschisch während der Schulzeiten hat die Leistungen in der Schule wahrlich nicht gefördert, im Gegenteil. Ab dem Moment der cannabioniden Intoxination waren wir bei körperlicher Anwesenheit freiwillig vom Unterricht ausgeschlossen. Letzlich waren wir das vorher zwar auch schon, aber nun gab es absolut keine Möglichkeiten für Lehrer und Lehrninhalte durch unseren Nebel aus Selbstgefälligkeit und Frohsinn durchzudringen. Nur hatten wir halt das Glück zu begreifen, dass man die Regeln des Systems irgendwann doch wieder befolgen muss, zumindest soweit, dass man nicht rausgeworfen wird. Die Eskapaden führten nie dazu den ideellen Reigen aus Eltern und sozialem Umfeld ganz zugunsten der hanfinduzierten Glückseeligkeit zu verlassen. Zudem hatten wir Glück, denn ein Lehrer stand dem Hanf nicht abgeneigt gegenüber. Wir teilten ein paar Züge lang unsere Erfahrungen. Der Mann hatte unser Vertrauen und war einer der wenigen Großgewachsenen, den man sich bei Problemen innerhalb und außerhalb der Schule offenbaren wollte.

Und was treibt der Hanfrauch heute aus dem Bewusstsein der SchülerInnen? Die sonore Stimme eines Hamburger Schulpsychologen dringt durch den Telefonhörer: „Ein großer Teil der Jugendlichen kann mit dem Cannabiskonsum umgehen, aber es gibt welche, die das nicht können. Wer zum Frühstück seine ersten Köpfe raucht, der hat schnell ein Problem.“ Der Mann kämpft mit mehreren Aufgaben: Ein Problem sei, dass keine aktuellen Zahlen vorliegen, ob sich der Konsum unter den Menschen unter 18 Jahren tatsächlich erhöht hat. „Wir erhalten schon immer öfter Meldung von Schulen und Eltern, dass die Cannabis konsumierenden Schüler jünger geworden sind.“

Ob Eltern, Lehrer oder Schüler: Die Erfahrungen mit akut gedopten Mitschülern sind schlecht, darum ist man sich einig, dass der Genuss von Hanfkraut in der Schule nichts zu suchen hat.

Wo früher erst die 17-jährigen rauchen, kiffen heute zum Teil schon die 15-jährigen. Dieser subjektive Eindruck wird durch die letzten Erhebungen in Hamburg bestätigt. 1990 hatten insgesamt 27,9 Prozent und 1997 26,5 Prozent der 15 bis 39-jährigen jemals in ihrem Leben Cannabis probiert. Diese sogenannten „Lebenszeitprävalenz“ hat sich über die Jahre also kaum geändert. Aber: Deutliche Veränderungen zeigen sich bei der Gruppe der jungen Konsumenten. 1990 gaben nur 8,4 Prozent der 15-17-jährigen an, im letzten Jahr Hanf geraucht zu haben, 1997 waren das schon 17,9 Prozent. Und so wie es aussieht hat sich dieser Trend eher noch verstärkt.

Kenner beobachten die Verjüngung der Szene schon seit längerem. Ein Head-Shop Besitzer erzählt: „Erst gestern kam hier ein maximal 15-jähriger rein, der einen Bong für die Tasche haben wollte. Der Typ war komplett sediert und fragt auch noch nach einem Gerät, dass er mit in die Schule nehmen kann. Damit ist er jetzt wahrscheinlich der Held in der Klasse.“ Insgesamt sei zu beobachten, dass die Käufer von Paraphenalia über die Jahre jünger geworden sind.

Die spannende Frage ist nun, welche Auswirkungen der Genuss von Cannabis hat. Darüber gehen die Meinungen auseinander, die empirischen Erhebungen im Bundesgebiet unterstützen die These vom kranken Kiffer allerdings nicht. Ein paar Zahlen: Im Jahr 2000 lag der Anteil der aktuellen THC-Liebhaber in Deutschland zwischen fünf und sechs Prozent. Hochgerechnet auf die Wohnbevölkerung sind das in Ostdeutschland 26.000 Personen und in Westdeutschland 214.000 Personen, die regelmäßig Cannabis konsumierten. Glaubt man den Erhebungen weiter haben nur wenige Kiffer Probleme mit ihrem Inhalationssport.

Die größte Studie zu dem Thema von Kleiber und Kovar kommt in feinstem Wissenschaftsdeutsch zu dem Schluss: „Was die Auswirkungen von Cannabis auf die psychische Gesundheit anbelangt, muss aufgrund der vorliegenden Ergebnisse die Annahme, dass der Konsum von Cannabis eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit nach sich zieht, zurückgewiesen werden.“ Fest steht auf der anderen Seite, dass diejenigen Menschen, die heute Dauerkiffer sind ihre ersten Erfahrungen relativ früh gemacht haben. Mit anderen Worten: Je früher man anfängt zu knastern, desto größer ist später die Chance dauerstoned durch die Gegend zu eiern.

Wie geht man nun mit dem jugendlichen Fans von Cannabis, Alkohol, anderen Genussmitteln und sogenannten Drogen um? Im Kern stoßen dabei zwei Auffassungen aufeinander. Die eine: Weil alle Rauschmittel das Potential zur Verstärkung und Wiederholung in sich tragen, muss das Ziel die Erziehung zur Abstinenz sein. Die Gefahr, die von der Integration des Drogenkonsums in die Gesellschaft ausgeht, zeigt sich deutlich am Alkohol. Die andere: Eine drogenfreie Gesellschaft ist nicht nur unmöglich, sondern durch ihre prohibitiven Zwangsmaßnahmen zugleich ein teilweise totalitärer Staat. Ziel muss daher die Erziehung zur selbstverantwortlichen Haltung und Handlung sein. Aus der Diskussion ausgespart bleibt meist die betroffene Gruppe, nämlich die, die ab und zu Cannabis zur Entspannung und zur Rekreation nutzt und eigentlich nur ein Problem hat: Dass die Produkte der Pflanze auf dem Markt erscheinen ohne auf Qualität geprüft worden zu sein.

Die Garde der Therapeuten, Suchtberater und Schulpsychologen steht vor dringenderen Problemen. Ihrer Meinung nach setzt das Betäubungsmittelgesetz der Beratungs- und Aufklärungstätigkeit enge Grenzen, zum anderen ist die Unkenntnis über Wirkungen und Auswirkungen von Gras und Hasch unter Lehrern, Eltern und Schülern riesengroß. In den Worten des Psychologen am Telefon: „Die Schule kann bei der momentanen Gesetzeslage keine Anleitung zum regelgeleiteten Konsum geben, und das kann auch nicht Auftrag der Schule sein.“ In der persönlichen Beratung von Schülern allerdings würde nicht nur auf Abstinenz abgestellt, „das wäre völlig unrealistisch“. Auf Veranstaltungen zum Thema Drogenkonsum würde immer wieder die Unsicherheit deutlich werden, die allenthalben unter Eltern, Lehrern und Schülern herrsche. „Zumeist wird der Cannabiskonsum total dramatisiert, andere spielen ihn vollständig runter.“ So oder so sei das Thema enorm emotional besetzt. Fazit des Psychologen: „Versachlichung und Aufklärung tuen Not.“

Bei der Veranstaltung „Jugend im Parlament“ berichteten Hamburger Schüler den Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft im Jahr 2000 von ihren Erfahrungen mit kiffenden Mitschülern. Die Überraschung: Die meisten Jugendlichen teilten mit, sie hätten bisher bei keinem ihrer Mitschüler Verhaltensauffälligkeiten oder Beeinträchtigungen der Leistung durch die Einatmung von geschwängerten Rauch festgestellt.

Im Regelfall würde Cannabis ohnehin in der Freizeit konsumiert, weiß Gert Herweg, der in Frankfurt als Fachberater tätig ist. In der Metropole haben seiner Einschätzung nach bis zu 20 Prozent der Schüler über 14 Jahren Erfahrungen mit Cannabis. Die meisten davon würden den Hanf aber nur probieren, wenige würden zu Gewohnheitsrauchern. Im gesamten Bundesgebiet ist zu beobachten, dass vor allem Schulen in sozial schwachen Wohngebieten von Problemen mit dauerkiffenden Jugendlichen berichten.

Misst man nicht mit ökonomischen Maßstäben, stellt sich die Frage nach den Vor- und Nachteilen des Drogenkonsums noch einmal anders. Was kaum einer der Therapeuten und „Drogenexperten“ auszusprechen wagt, ist doch, dass Cannabis und andere Rauschmittel bei vernünftiger Anwendung eben durchaus zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit beitragen können und nicht nur wie ein unablässig wachsendes Geschwür dieselbe zerfressen. Sicher, die Gefahren eines allzu frühen Konsums liegen auf der Hand: Sie bestehen in einer, bildlich gesprochen, Aufweichung einer Plattform, die man sich ja gerade erst -unabhängig von den Eltern- schaffen will. Gleichwohl gilt: Fatal ist doch die zeitweise Ausrichtung des jungen, sich entwickelnden Wertesystems an einer Droge nur dann, wenn der Mensch sich dadurch entweder unglücklich macht oder seine Verantwortung für das natürliche und soziale Umfeld auf längere Zeit negiert. Diese Gefahren bestehen, sind aber nach überwiegender Meinung eher vom Elternhaus und dem Freundeskreis abhängig als von Pflanzenextrakten.

Neugierde und Entdeckerdrang, Abgrenzung zu Autoritäten und das Erleben von Freiheit sind notwendige Bedingungen des Erwachsenwerdens. Sicher tut man der gedeihenden menschlichen Natur nicht zu sehr Gewalt an, wenn man einige Genussmittel per Gesetz kategorisch aus ihrem Erlebnishorizont streicht. Auf der anderen Seite lauern die Gefahren der blinden Konsumwut überall und in der propagierten „offenen Gesellschaft“ sollte es eben auch darum gehen, den Umgang mit diesen zu lernen. Aber wer lehrt diesen, angesichts überforderter Eltern, nicht legitimierter Schulen, die zudem ihren Ruf im Viertel nicht verlieren wollen und einem Freundeskreis, der zur Verharmlosung neigt?

Jörg Auf dem Hövel

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Gesundheitssystem

Etwas schief ins Leben gebaut

Hamburger Abendblatt vom 8. Dezember 1999
Neu bearbeitet in: „Die neue Sonderschule“, Heft 4/2002
Online erschienen in FORUM. Das Online-Magazin für Behinderte Etwas schief ins Leben gebaut

Die Methode des Ungarn Andras Petö hilft behinderten Kindern

Maja braucht für den Weg vom Vorraum ins Spielzimmer eine Viertelstunde. Langsam und bedächtig geht sie die nur 15 Meter lange Wegstrecke, hält sich dabei am Sprossenstuhl fest und schiebt diesen Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Hinter ihr achtet Edit Beke, 26, auf ihre Schritte. Sie unterstützt die spastisch gelähmte Maja nur wenig auf ihrem Weg, greift nur stabilisierend ein. Schliesslich erreicht das vierjährige Mädchen das Zimmer, wo es von den anderen begrüsst wird. Maja ist eines von neun hirnverletzten Kindern, welche im Institut „Schritt für Schritt“ in Hamburg-Rotherbaum nach der Methode des Ungarn Andras Petö sechs Wochen lang ein selbständiges Leben trainieren sollen.

Oft sind es Komplikationen bei der Geburt, die das Gehirn eines Säuglings schädigen. Sauerstoffmangel oder Hirnblutungen beeinträchtigen die Funktion des Denkorgans und führen später oft zu schweren Störungen der Koordination, zu Spastiken oder ständigen Muskelanspannungen. Betroffene Eltern stehen dann vor der Aufgabe, die richtigen Entscheidungen zu treffen; für viele Familien beginnt damit eine lange und kräftezehrende Suche nach einer geeigneten Methode zur Förderung ihres Kindes. In den meisten Fällen sind es technische Hilfsmittel wie Rollstühle und Schienen, welche die unkontrollierten Bewegungen des Kindes auffangen und so die Verletzungsgefahr mindern sollen. Klassische Krankengymnastik soll darüber hinaus helfen, den Bewegungsapparat geschmeidig zu halten. Allzu oft sind Eltern aber mit den Anforderungen, welches ein Leben mit einem behinderten Kind mit sich bringt überlastet. „Zum einen fehlt es an Kontakten zwischen den Eltern dieser Kindern, zum anderen führt eine zu umfassende technische Versorgung in der Regel zu Rückbildungen der Muskulatur beim Kind‘, erklärt Sigrid Hengvoß, 40, Ärztin am Institut „Schritt für Schritt“. Das grösste Problem allerdings sei, dass die unterschiedlichen Massnahmen untereinander nicht koordiniert werden.

Schon 1990 gründeten Eltern hirnverletzter und spastisch gelähmter Kinder deshalb den Verein „Schritt für Schritt“, aus dem später das Institut hervorging. „Um miteinander zu reden und sich gegenseitig den Rücken zu stärken‘, wie Wolfgang Vogt, 53, Gründungsmitglied der ersten Stunde, sich erinnert. Oft fehle bei Ärzten und im sozialen Umfeld der Glaube an deutliche Entwicklungsmöglichkeiten hirnverletzter Kinder. „Das wissenschaftliche Schrifttum in dem Bereich behauptet oft, dass es schon ein Erfolg sei, wenn der Status Quo gehalten wird“, ärgert sich Vogt. Kurz nach der Vereinsgründung hörten Vogt und seine Frau von den Erfolgen der Methode nach Andras Petö und reisten mit ihrer Tochter Victoria nach Budapest, wo das Petö-Institut seit 1984 staatlich geförderte Hochschule ist. Die Ausbildung ist gründlich: In einem vierjährigen Studium lernen die Studenten die Stränge der Bereiche der Physiotherapie, der Logopädie, der Ergo-Therapie und der Pädagogik zu verbinden und dürfen sich danach „Konduktoren‘ nennen. Für Familie Vogt stand nach kurzer Zeit der Entschluss fest, Konduktoren nach Hamburg zu holen, um die Petö-Methode in der Hansestadt zu etablieren.

Im Spielzimmer sitzt Maja mittlerweile am Tisch um zu frühstücken. Die drei anwesenden Konduktoren assistieren den Kindern bei der Mahlzeit. Die sechsjährige Merrit ist schon fertig, Edit Beke fordert sie zum Aufstehen auf, damit sie sich die Schuhe ausziehen kann. Wieder setzt ein Prozess ein, der viel Zeit braucht: Mit Mühe richtet sich das Kind auf, steht auf wackeligen Beinen, aber steht. Langsam bewegt sich Merrit vom Tisch weg, lässt sich auf die Erde nieder und öffnet die Schnürsenkel, zieht die Schuhe aus, dann die Socken. „Wir helfen so wenig wie möglich, so viel wie nötig“, bringt Beke ihre Arbeit auf den Punkt. Melanie hat mehr Mühe. Sie braucht den Sprossenstuhl um vom Tisch aufzustehen. „Kopf hoch, Popo nach vorne“, sagt Bela Mechtl, ein weiterer Konduktor, zu ihr, um im Anschluss zu fragen: „Wie gross bist Du?“. Das Kind ist deutlich angespornt, reckt sich, der Rücken ist gerade. Das Frühstück ist zu Ende, singend geht es nun weiter.

Im Gegensatz zu anderen Therapien geht Petös Ansatz von gänzlich anderen Voraussetzungen aus: Der Leitgedanke ist, dass es sich bei Hirnschädigungen nicht um eine Krankheit, sondern um eine Lernstörung handelt, die neben der Motorik die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Kindes beeinträchtigt. Nicht Fehler sollen korrigiert werden, sondern das Fehlende erlernt werden. In der Praxis bedeutet dies eine Orientierung an der Aneignung alltägliches Fertigkeiten, wie beispielsweise Anziehen und Essen. Ziel ist neben dem Erlernen motorischer Koordination die Integration ins gesellschaftliche Leben und vor allem die maximale Unabhängigkeit von Personen und Hilfsmitteln. Vogt legt den Ansatz in seinen Worten dar: „Jedes dieser Kinder will doch eigenaktiv am Leben teilnehmen. Und die konduktive Förderung nach Petö kommt und sagt: <Gut, Kind, ich zeige Dir, wie Du am Leben teilnehmen kannst. Auf deine ganz persönliche Art.>“

Auch Majas Mutter war zunächst über das Fehlen von Rollstühlen im Institut erschrocken. „Ich war skeptisch, weil Maja kaum Gleichgewichtssinn besass und zudem vor vielen Dingen einfach Angst hatte. Sie hat sich nichts alleine zugetraut“, erinnert sich Gabriele Münzer, 32*. Während der Wochen im Institut lernte Maja nicht nur das Gehen mit einer Vier-Punktstütze, sondern baute ein Selbstbewusstsein auf, welches sie heute Aufgaben positiver angehen lässt. Münzer: „Jahrelang war für mich klar, wie der Tag läuft. Ich hebe sie auf die Toilette, hebe sie wieder runter, ziehe sie an, trage sie zum Tisch. Auch ich habe hier gelernt, nämlich das ich Maja mehr zutrauen muss.“ Heute schiebt Maja ihren Kinderwagen alleine durch die Wohnung, sie geht alleine auf Toilette, das Essen geht ebenfalls leichter von der Hand. Münzer ist begeistert: „Das ist viel mehr, als ich mir erhofft habe.“

Eine Ursache für die Erfolge des Petö-Systems ist im zeitintensiven Programmaufbau zu sehen. Ein Blockkurs erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Wochen, wobei die Kindern täglich sechs Stunden im Institut verbringen. Das nachhaltige Training hat seinen Sinn, denn die Kinder sollen durchaus bis an ihre Grenzen gehen. Rita Mechtl, seit drei Jahren Konduktorin in Hamburg, erklärt ihr Ansinnen: „Wir verlangen viel, trauen den Kindern aber auch viel zu.“ Das gemeinsame Singen nach dem Frühstück gibt Rhythmus sowie gute Laune und hilft den Kindern das Tempo für die kommenden Bewegungsaufgaben zu finden. Das Ziel ist individuell unterschiedlich gesetzt, im Kern geht es aber darum brach liegende Körperfunktionen zu aktivieren. Nicht das Senken der Spastik, sondern der erleichterte Umgang mit ihr steht somit im Vordergrund des Lernens. Die These von Petö: Die noch gesunden Hirnpartien übernehmen die Funktionen der geschädigten Hirnteile am besten dann, wenn durch reproduzierte Bewegungsabläufe neue Muster im Gehirn geschaffen werden. „Die wichtigsten Routinen des Alltags können nur von einer aktiven Person erbracht werden“, sagt Mechtl und fügt hinzu: „Petö ist keine Wunderkur. Es muss über einen längeren Zeitraum konzentriert gearbeitet werden, um gesetzte Ziele zu erreichen.“

Einig sind sich Eltern und Ärzte darüber, dass ein Kind so früh wie möglich mit der Petö-Methode beginnen sollte. Während Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren über einen Zeitraum von einem Jahr ein bis zwei Mal die Woche im Institut erscheinen, erhalten Jungen und Mädchen im Kindergartenalter Blockkurse von fünf bis sechs Wochen. Institutsärztin Hengvoß bindet die Eltern in den Lernprozess mit ein, am Anfang werden Ziele definiert, am Ende klärt ein Abschlussgespräch mit den Konduktoren welche Anschlusstherapien helfen und welche Übungen zu Hause durchgeführt werden können. Wie Hengvoß feststellt, ist ein häufig geäusserter Wunsch seitens der Eltern, dass ihr Kind laufen lernt. „Viele Kindern können allerdings nicht einmal sitzen, wenn sie zu uns kommen. Unser Ziel ist es daher, das aufrechte Sitzen zu lehren, denn dann kann gegessen, gelesen und geschrieben werden.“ Und die Konduktorin Mechtl ergänzt: „Eltern kommen mit hohen Erwartungen. Das ist ja auch gut so, denn man muss ja Hoffnung haben, aber man braucht auch viel Geduld.“

Der Tag am Institut ist vorbei. Maja ist erschöpft, aber zufrieden. Gabriele Münzer hat für den sechswöchigen Aufenthalt in Hamburg eine Wohnung angemietet, denn eigentlich wohnt sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Bochum. „Das ist mir die Sache wert“, sagt sie, „denn Maja ist hier erheblich selbstsicherer geworden. Trotz ihrer Behinderung geht sie neuerdings Aufgaben ganz anders an. Sie versucht es, scheitert eventuell, aber versucht es dann halt noch mal.“

(* Name von der Redaktion geändert)

Weitere Informationen gibt das Institut „Schritt für Schritt“, Alsterterrasse 2, 20354 Hamburg, Telefon: 040 / 447262.

 

Die Petö-Methode

Das Prinzip der konduktiven Förderung nach Andras Petö geht davon aus, dass Bewegungsstörungen mit intensiven, die ganze Persönlichkeit des Kindes ansprechenden Fördermassnahmen gemildert und teilweise überwunden werden können. Das Konzept beinhaltet die tägliche Förderung der Kinder in der Gruppe unter Leitung von in Budapest ausgebildeten „Konduktoren“. Ziel ist die möglichst ausgeprägte Selbständigkeit des Kindes im Bewältigen alltäglicher Aufgaben. Dafür werden alltagsbezogene Aufgabenlösungen wiederholt durchgeführt. Dadurch lernen die Kinder eigene Problemlösungen zu erarbeiten, die eine weitere Entfaltung ihrer Persönlichkeit in motorischer, intellektueller und sozialer Hinsicht erlaubt.

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Gesundheitssystem

Ganz Ohr sein – Die Tomatis Hörkur

Hamburger Abendblatt vom 7. Januar 1998

Ganz Ohr sein

Mozart für das Ohr, dazu die Stimme der Mutter. Eine spezielle Hörkur kann psychische und physische Probleme lösen.

Jörg Auf dem Hövel

Joachim Kunze betrachtet die Hörkurve. „In diesem Frequenzbereich hören sie etwas schlechter“, sagt er und zeigt auf den nach unten laufenden Graphen, „hatten sie mal Probleme im Bereich der Lendenwirbel?“. Ich bin überrascht, denn in dieser Region meines Rückens plagte mich lange Zeit tatsächlich ein Bandscheibenvorfall. Der Leiter des Tomatis-Instituts in Hamburg fährt mit dem Finger auf dem Papier ein Stück weiter. In den hohen Frequenzen entdeckt er ebenfalls ein Abfallen der Kurve. „Haben sie mal Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht gehabt haben?“ fragt er weiter. Ich brauche nicht lange zu überlegen, denn es ist keine vier Monate her, daß mein linkes Gleichgewichtsorgan einen Totalausfall erlebte. An Aufstehen war für mehrere Tage kaum zu denken, nur torkelnd erreichte ich das WC. Unfreiwillig wurde mein Interesse an dem Organ „Ohr“ geweckt. Später erzählte mir ein Freund von der „Tomatis-Hörkur“, die seiner Schwester und ihrem legasthenischen Kind geholfen hätte.

Sollte die Theorie des französischen Hörforschers Alfred Tomatis wirklich stimmen? Ist das Ohr der Spiegel unserer geistigen und körperlichen Verfassung? Und reflektiert unsere Hörkurve den Zustand von Geist und Körper? Der erste Eindruck zumindest ist verblüffend, denn für Joachim Kunze ergeben sich offensichtlich nur aus dem Hörtest Hinweise auf meine gravierendsten somatischen Defizite. Nach der Bestandsaufnahme soll die Therapie folgen, für die nächsten zehn Tage werde ich mit Musik täglich zwei Stunden lang kuriert. Die Theorie der „Tomatis-Hörkur“ klingt simpel: Sie besagt, daß die geschwächten Frequenzen im Ohr wieder normalisiert werden müssen. Lösen sich danach die Probleme von selbst?

Im Kopfhörer schnarrt und zischelt es. Gut, daß ich Mozart genauso gerne mag wie Techno, denn ansonsten fiele die Entspannung schwer. Die Musik klingt hell und schrill, sämtliche Bässe sind entfernt. Dabei wechselt sie in unregelmäßigen Abständen die Frequenz, wird dann für ein paar Sekunden noch höher, kaum noch wahrnehmbar. Trotz der ungewöhnlichen Beschallung entspannt man schnell, viele Patienten schlafen während des Hörens. Auch ich mache ein Nickerchen und wache erst wieder auf, als die voluminösen Stimmen der gregorianischen Choräle in mein Gehör dringen. Die Kur schlägt an: Schon am zweiten Tag bemerke ich eine Veränderung an mir, denn ich wache ungewohnt früh auf und fühle mich trotzdem frisch und ausgeschlafen. Zudem stellt sich eine gewisse Gelassenheit, eine positive Gesamtstimmung ein, die ich mir nicht erklären kann.

Das Ohr ist ein Organ des Fötus´, welches sich im Mutterleib schon früh herausbildet. Lange Zeit bestand unter den Wissenschaftler Uneinigkeit darüber, ob der menschliche Fötus zum Hören in der Lage ist, mittlerweile steht fest, daß ein Kind schon im zarten Alter von viereinhalb Monaten durchaus Geräusche erkennen kann. Damit ist das Ohr das erste Organ, welches voll funktionsfähig ist. Tomatis behauptet nun, daß die Stimme der Mutter, vom Fötus im Bauch wahrgenommen, die erste auditive neurologische Matrize im Nervensystem ist. Die Hörkur bemüht sich um die musikalische Rückführung des Ohres in diesen natürlichen Status. „Wir schaffen keinen künstlichen neuen Zustand“, sagt Kunze, „sondern bauen nur vorhandene Barrieren ab“.

Für Tomatis beginnt mit dem ersten Schrei nach der Geburt das autonome Leben des Kindes, in diesem Moment versorgt sich das System Mensch selbst mit Energie. Eine selbstregulierender Kreis entsteht: Die vom eigenen Körper ausgesandten Schallwellen werden vom Ohr aufgenommen und stimulieren Hirn und Körper. Im Laufe der Entwicklung eines Kindes setzen sich die gemachten Erfahrungen und Erlebnisse in der Psyche fest und führen nach und nach zu einer Veränderung des Hörens. Jeder Individuum hört nun anders. Hier setzt die Arbeit des Tomatis-Instituts an, von der sich vor allem Mütter mit ihren Kindern Hilfe erhoffen. Sie kommen mit ihren Söhnen oder Töchtern, welche oft unkonzentriert oder nervös sind, Lernschwierigkeiten oder Sprachstörungen haben. Wie beispielsweise Uta Bremer und ihr Sohn Alexander. Den elfjährigen Junge plagten seit Jahren schlechte Schulnoten, er war hektisch und stotterte, sein geringes Selbstwertgefühl wollte er durch ständige Kaspereien und das Ärgern von Schulkameraden kompensieren. „Die Probleme waren massiv“, erinnert sich Bremer. Die konsultierten Kinderärzte und Psychologen wußten keinen Rat. Im Tomatis-Institut unterzogen sich Sohn und Mutter einer Kur, für beide wurde ein individuelles Hörprogramm entwickelt. Schon nach ein paar Tagen wurde Alexander ruhiger, konnte ruhig in der U-Bahn sitzen und nahm auch die Schulaufgaben mit mehr Elan an. Die Leistungen in der Schule stabilisierten sich. „Früher wollte er jeden Abend zum Einschlafen zu uns ins Bett“, erzählt Bremer, „heute schläft er gerne alleine.“ Aber auch die Mutter spürte Veränderungen: „Ich gewann Distanz zu meinem Sohn, viele meiner Ängste gingen verloren.“ Die Fixierung auf das jüngste ihrer drei Kinder ließ nach, auch sie entwickelte neues Selbstbewußtsein. In den über 200 Instituten auf der Welt behandelt man aus diesem Grund Mut ter und Kind immer zusammen, denn ändert sich beim geliebten Nachwuchs etwas, muß auch die Mutter ihrer Erfahrungen relativieren. Die ewige Sorge um den Sprößling weicht einem gesunden Zutrauen in die neu gewonnenen Fähigkeiten. Und dieses Vertrauen bemerkt das Kind – auch ohne sprachliche Kommunikation.

Ohr

Trotz der Erfolge warnt der Leiter des Instituts vor zu hohen Erwartungen. „Wir stoßen zu Entwicklungsschritten an, fördern die Autonomie“, meint Kunze. Werden physische oder psychische Probleme durch die Hörkur erkannt, verweist Kunze die Patienten an Fachärzte aus den entsprechenden Gebieten. Bei den meisten Menschen reicht eine Hörkur von drei bis vier Wochen, spätestens nach fünf Wochen täglichen Hörens wurde das Ohr in seinen ursprünglichen Zustand der Hörfähigkeit zurückversetzt. Nach dieser Regulation gilt es, die neue Wahrnehmung mit neuem Handeln zu verbinden, motorische oder logopädische Übungen helfen, die Denkanstöße umzusetzen. Die soziale Umwelt reagiert nach einer Hörkur anders und auch daran muß sich gewöhnt werden. Mutter Bremer bemerkte erstaunt, daß plötzlich viel mehr Klassenkameraden von Alexander anriefen, um sich zum Spielen mit ihm zu verabreden.

Mittlerweile ist der sechste Tag meiner Kur vorüber, und das Hören klassischer, gefilterter Musik zeigt seine Wirkung auf faszinierende Weise. Vor fünf Jahren lädierte ein Skiunfall das rechte Knie, eine Verletzung, welche die Motorik des gesamten Bewegungsapparates nachhaltig beeinträchtigte. Ohne in meinen sportlichen Aktivitäten behindert zu sein, fiel einigen Freunden und auch mir mein schwach humpelnder Gang auf. Überraschenderweise fängt nun nach der Hälfte der Tomatis-Therapie -ausgehend von einer Bewegung im Knie- das rechte Bein an sich neu auszurichten. Gerade beim Fahrradfahren bemerke ich, daß Oberschenkel, Knie und Unterschenkel zusammen eine leichte Korrektur ihres Zusammenspiels vornehmen.

Das Ohr

Mit dem Ohr verbindet man das Hören. Dies ist zwar die naheliegenste Funktion, doch unser Hörorgan übernimmt weit mehr Aufgaben, als den Schall der Umgebung wahrzunehmen. Im Inneren des Ohres sitzt das Vestibular- oder auch Gleichgewichtssystem. Dieses kontrolliert die Balance, die Koordination des Körpers genauso wie die Spannkraft der Muskeln und die Muskeln unserer Augen. Durch den Gleichgewichtssinn sind wir in der Lage, ein Bild unseres Körpers im Raum zu fabrizieren. Das Vestibularsystem ist eine wichtige Relaisstation für alle sensorischen Informationen, die unser Gehirn erreichen wollen. Funktionieren die Gleichgewichtsorgane im rechten und linken Ohr korrekt, hält der Mensch die Balance.

Glaubt man Alfred Tomatis, spielt das Ohr aber noch andere, erheblich weitergehende Rollen im menschlichen Körper. Im Verlauf seiner Tätigkeit will der heute 77jährige Forscher entdeckt haben, daß hohe Frequenzen das Hirn aufladen, während niedrige Töne Energie uns zu einer motorischen Aktivität auffordern. So erklärt Tomatis die Neigung des Menschen, nach tiefen Rhythmen zu tanzen, während das Hören der Brandenburgischen Konzerte ein gänzlich anderes Verhalten produziert. Im Umkehrschluß bedeute dies, daß hyperaktive Kindern durch ständige Bewegung versuchen, ihr Gehirn mit mehr Energie zu versorgen und die Disbalance zwischen den beiden Ohren wiederherzustellen. Ist unser Hirn „gut geladen“, so Tomatis, fällt es einfach sich zu konzentrieren, organisieren, zu lernen und zu erinnern.

Rechts- und Linkshörer

Es hört sich komisch an, aber nach der Tomatis-Lehre besitzen alle Menschen ein dominantes Ohr. Wie Rechts- und Linkshänder gibt es bei Tomatis Rechts- und Linkshörer. Viele der jungen Patienten im Institut in Hamburg fallen durch eine Linkslastigkeit ihres Gehöres auf, sie verarbeiten einen Großteil der auditiven Stimulation mit dem linken Ohr. Das Team um Joachim Kunze bemüht sich um ein Ausbalancieren des aktiven Hörens, denn das rechte Ohr ist schneller bei der Verarbeitung von Informationen. Intensität, Frequenz, Timbre, Rhythmus und der Fluß der Sätze: Rechtshörer sind besser in der Lage, die Parameter ihrer Sprache zu kontrollieren und eine effektive Kontrolle der Stimme garantiert eine bessere Kommunikation, womit auch der Zusammenhang von Stimme und Ohr deutlich wird. Bereits 1953 postulierte der agile Franzose einen Satz, der heute als das „1. Tomatis-Gesetz“ bekannt ist: „Die Stimme enthält nur das, was das Ohr hört.“ Damit wollte er die untrennbare Verbindung zwischen Hörfähigkeit des Ohres und stimmlicher Äußerung verdeutlichen.

In der Praxis bedeutet dies, daß die durch die Hörkur erreichte Änderung im Ohr sich auch auf die Stimme auswirkt. Die legendäre Sopranistin Maria Callas vertraute sich aus genau diesem Grund Professor Tomatis an: Ihr Gehör war nicht in der Lage die just produzierten Töne korrekt zu interpretieren. Um ihre und andere Stimmen zu korrigieren erdachte Tomatis das, was er heute als „elektronisches Ohr“ bezeichnet. Vereinfacht gesagt, besteht dieses Hilfsgerät aus einem speziellen Kopfhörer und einer Musikanlage. Dabei spielt es die gefilterte Musik so ab, wie ein intaktes Ohr hören würde; eben so gesund, wie der Fötus im Mutterleib einmal hörte. Dem Ohr des Patienten wird vorgeführt, wie es wieder richtig hört. Am Beispiel des „elektronischen Ohres“ wird auch deutlich, worin sich die Tomatis-Methode von der klassischen Theorie des Hörens unterscheidet. Diese nimmt nämlich an, daß allein Hammer, Steigbügel und Amboß die Schallüberträger vom Trommelfell zum Innenohr sind. Nach Tomatis überträgt sich der Schall aber vom Trommelfell auf den gesamten Schädel und bringt diesen leicht zum Schwingen. Deswegen ist auch der Kopfhörer in der Hörkur um eine zusätzliche Variante bereichert worden: Über einen kleinen Extra-Lautsprecher wird der verzerrte Mozart dem Patienten nicht nur über die Ohren, sondern auch über die Mitte der Schädeldecke zugeführt. Kunze erklärt: „Die Knochenleitung unterläuft den Filter im Ohr, der durch die Jahre währende Prägung entstanden ist.“ Der Test am Anfang jeder Therapie vergleicht die Luft- mit der Knochenleitungshörkurve, im Idealfall verlaufen beide parallel. Die Therapie unternimmt die behutsame Angleichung der beiden Kurven durch Training der winzigen Ohrmuskeln.

Neue Zugänge

Eine Kontrolle meiner Hörkurve am Ende der Kur zeigt die Unterschiede: Die beiden Hörkurven haben sich angenähert, auch sind einzelne „Ausreißer“ vom ersten Hörtest in ihren normalen Verlauf zurückgekehrt. Neben dem Verbessern der Feinmotorik des Bewegungsapparates bemerke ich eine andere, vielleicht sogar noch erstaunlichere Veränderung. Als eher rationaler Typus war ich bislang beim Zeigen von Gefühlen eher vorsichtig, der Zugang zur emotionalen Seite des Charakters fiel schwer. Schon während der Hörkur bemerkte ich eine Öffnung für die sensiblen, sich nicht allein durch logische Erwägungen ergebenen Seiten des Miteinanders. An einem Abend ergriff mich eine -rational betrachtet- ziemlich abgegriffene Soap-Opera im Fernsehen tief, im Gespräch mit Freunden und Bekannten zeigte ich öfter Emotionen. Ein Veränderung, die bis heute anhält. Für den Experten Kunze Kunze kein Wunder. Er erklärt mir, daß bei entsprechender Filterung die Veränderungen in der Struktur der Persönlichkeit durchaus gravierend sein können.

Für Tomatis endet die Reichweite seiner Theorie nicht in der Heilung von Kindern und der Stimmverbesserung bei Erwachsenen. Er ist sicher, daß durch seine Hörkur jeder Mensch mehr Bewußtsein für sein Selbst und damit mehr Selbständigkeit erlangen kann. „Zu-Hören“ bedeutet für ihn auch, den Gegenüber zu akzeptieren. Im Laufe seiner Forschung maß Tomatis die -wie er es nennt- „akustischen Millieus“ in unterschiedlichen Regionen auf dem Globus. Aus seiner Sicht deckt sich die Entstehung der verschiedenen Ethnien genau mit den diversen Hörmillieus. Liegen die Hörkurven gewisser Völker trotz ihrer räumlichen Nachbarschaft weit auseinander, haben diese erhebliche Verständigungsprobleme. Beispielhaft will er dies an den Hebräern und den Arabern nachgewiesen haben. Sein Ansatz zur Lösung: „Über die Hörkur öffnet sich eine Tür von Herz zu Herz“, sagt er und behauptet weiter, daß durch die verbesserte Kommunikation ein besserer Dialog entsteht. „Und damit auch weniger Dummheiten in der Welt.“

 

Die Hörkur

Eine akustische Entbindung

Während der Hörkur durchläuft der Kunde die fünf Phasen der Entwicklung seines Gehörs noch einmal neu. Die musikalische Rückführung (1. Phase) gewöhnt den Patienten an die ungewohnten hochfrequenten Töne. Schon in der zweiten Phase führen gefilterte Stücke von Mozart zurück in das vorgeburtliche Klangmillieu. Hier kommt auch gegebenenfalls die Stimme der Mutter zum Einsatz. Nun folgt die „zweite Geburt“, die akustische Entbindung, der Übergang von Flüssigkeit (Mutterleib) auf Luftübertragung (Welt) wird nachvollzogen. Der Mensch ist bereit, mit reinem Gehör neu in die Welt der Geräusche einzutreten (3. Phase). In der anschließenden vorsprachlichen Phase begegnet man gregorianischen Gesängen, Kinderliedern, aber auch der eigenen Stimme. Der fünfte und letzte Abschnitt ist der (Wieder-) Aufnahme der Kommunikation gewidmet. Mit lauten Sprachübungen schließt die Sprachentwicklung und damit die Hörkur ab.

Weiterführende Informationen bietet das Tomatis-Institut, Büschstraße 12, 20354 Hamburg, Tel: 040 / 547 48 106 . Hier nennt man Ihnen auch ein Institut in Ihrer Nähe.

Hörbereich

Hörbereich wird derjenige Frequenzbereich genannt, in dem die Frequenzen der elastischen Schwingungen von Materie(teilchen) liegen müssen, um vom menschlichen Ohr als Schall wahrgenommen werden zu können. Der Hörbereich des Menschen erstreckt sich von 16 Hz (untere Hörgrenze) bis zu 20000 Hz (obere Hörgrenze; für 60jährige 5000 Hz); er umfaßt also etwa 10 Oktaven.