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Cannabis Gesundheitssystem

Das Ying und Yang der Cannabis-Psychose

HanfBlatt Nr. 115, Juli 2008

Die Mischung macht’s

Das Ying und Yang der Cannabis-Psychose

Mittlerweile gilt in Wissenschaftskreisen als gesichert, dass Cannabis-Konsum eine latent vorhandene Psychose zum Ausbruch bringen kann. Zwar ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung anfällig für diese Krankheit, wer allerdings in dieser Gruppe kifft, erhöht sein Risiko, dass eine Psychose tatsächlich ausbricht. Nun finden sich unter Psychosepatienten häufig Cannabiskonsumenten. Dies wurde bislang als Beweis für die schlechte Eigenschaft von Cannabis angesehen. Andererseits wurde zugleich darauf hingewiesen, dass viele Patienten die Substanz als Selbstmedikation nehmen, weil die beruhigende und sedierende Wirkung von Cannabis schätzen. Zwei britischen Wissenschaftler haben sich in einer neuen Untersuchung (British Journal of Psychiatry, 192/2008, S. 306-307) auf die Spur dieses widersprüchlichen Phänomens gemacht.

Ihre Ausgangsvermutung: Je höher der Anteil des sogenannten Cannabidiol in dem Gras, desto geringer die Chance ein unangenehmes Erlebnis beim Kiffen zu haben. Neben dem bekannten, psychoaktiv wirkenden THC gilt Cannabidiol als ein nicht psychoaktives und daher vernachlässigbares Cannabinoid. Celia Morgan und Valerie Curran analysierten die Haare von Cannabiskonsumenten. Danach teilten sie die Gruppe in drei Subgruppen auf: Diejenigen, die nur THC im Haar hatten (N=20, 7 Frauen, 13 Männer, Durchschnittsalter=26), diejenigen, bei denen sowohl THC als auch Cannabidiol im Haar gefunden wurde (N=27, 21 Männer, 6 Frauen, Durchschnittsalter=27) und solche, die keine Cannabinoide im Haar hatten (N=85, 27 Frauen, 58 Männer, Durchschnittsalter=26). Die Konsumneigung in den beiden Subgruppen mit Cannabinoiden im Haar war etwa gleich stark ausgeprägt. Mit einer psychologischen Testbatterie überprüften die Autoren sodann die Neigung der Probanden zu unangenehmen Erlebnissen währen des Rausches. Und siehe da: Die Subgruppe, die nur Spuren von THC und keine Cannabidiole im Haar sitzen hatten, berichteten eher von unschönen Sinnestäuschungen sowie Freud- und Lustlosigkeit. Anders herum formuliert: Ein hoher Anteil von Cannabidiol im Cannabis lässt den Rausch sicherer werden.

Die Autoren sehen in ihrer Studie einen Beweise dafür, dass der „Konsum unterschiedlicher Sorten von Cannabis zu unterschiedlichen psychologischen Erlebnissymptomen führt.“ Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Seit Jahren beschweren sich einige Cannabis-Connaisseure über Gras mit zu hohem THC-Gehalt, gemeinhin als „Psycho-Gras“ bezeichnet. Zeitgleich wurde immer deutlicher, dass zum einem neben dem THC andere Cannabinoide zur ausgewogenen Gesamtwirkung von Cannabis beitragen, zum anderen das Cannabidiol höchstwahrscheinlich antipsychotische Eigenschaft besitzt. Wer den Bogen noch weiter spannen will, der kann sogar darauf hinweisen, dass Morgan und Curran kaum Unterschiede in der Psychose-Empfänglichkeit zwischen den THC-Cannabidiol- und den Ganz-Ohne-Was-im-Haar-Probanden fanden.

Eine wichtige Einschränkung der Studie existiert allerdings: Die Studienteilnehmer wurden alle aus einer Langzeitstudie von aktueller und ehemaliger Ketamin-Konsumenten rekrutiert. Um die Ergebnisse zu erhärten soll die Studie daher mit Personen wiederholt werden, die nur Cannabis konsumiert haben. Ansonsten gilt weiterhin: Es existiert ein Beziehung zwischen Cannabis und dem Ausbruch einer Psychose, aber eben keine kausaler Zusammenhang. Das Eintrittsalter und die genetische Veranlagung spielen eine wichtige Rolle. Eine Studie mit 3500 Jugendlichen zeigte 2005, dass die Personen, die Cannabis bereits im Alter von unter 16 Jahren konsumierten, ein signifikant höheres Psychoserisiko auswiesen als Jugendliche, die erst später kifften. Eine weitere Studie konnte zeigen, dass die Menschen, die eine bestimmte Variante des COMT (Catechol-O-Methyl-Transferase)-Gens besitzen,ebenfalls ein höheres Risiko tragen, an einer Psychose zu erkranken, wenn sie in ihrer frühen Jugend Cannabis konsumieren.

 

 

 

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Ein Vergleich der giftigen Inhaltsstoffe von Tabak und Marihuana

Hanfblatt Nr. 114, Mai 2008

Zieh durch!

Ein Vergleich der giftigen Inhaltsstoffe von Tabak und Marihuana

In der Diskussion um die Gefährlichkeit des Cannabiskonsums ist ein Argument immer wieder zu hören: Marihuana-Rauch sei mit erheblich mehr giftigen Inhaltsstoffen belastet als Tabakqualm. Eine Studie im Auftrag des kanadischen Gesundheitsministeriums fand nun heraus: Das stimmt so nicht.

Für den Versuch nutzte man getrocknete Cannabisbuds der Firma Prairie Plant Systems, die ihm kanadischen Saskatoon für das Gesundheitsministerium Cannabis anbaut. Sowohl der Marihuana-Spliff als auch die Tabak-Zigarette wurden von standardisierten Rauchmaschinen eingeatmet, die den menschlichen Lungenzug recht gut imitieren.

Zieht man normal an einer Zigarette oder an einem Spliff fluten etwa 40 mg Teer in die Lunge, dies ist bei beiden Rauschdrogen ähnlich. Zieht man stark, strömen rund 80 mg Teer bei der Zigarette und rund 100 mg Teer beim Spliff ein. Dieser Unterschied in der Menge hängt wahrscheinlich mit dem unterschiedlichen Abbrennprozess der Pflanzenteile zusammen. Ein deutlicher Unterschied ergab sich bei Ammoniak. Dieses wurde in einer etwa 20-mal so hohen Konzentration im Cannabis gefunden. Das ist wahrscheinlich durch die sehr nitrathaltigen Düngemittel bedingt. Aber auch die Höhe der Verbrennungstemperatur spielt eine Rolle bei der Ammoniakbildung.

Auch andere Verbindungen wurden im Cannabisrauch verstärkt nachgewiesen: Blausäure (HCN) kam rund 2,5 mal so oft vor, Stickstoffmonooxid (NO) in etwa 4-mal so hoher Konzentration. Dazu waren einige aromatische Amine in 3- bis 5-mal so hoher Konzentration wie im Tabakrauch vorhanden. Schwermetalle wie Kadmium, Quecksilber und Blei wurden dagegen im Marihuanaqualm im Vergleich in deutlich niedrigeren Konzentrationen gefunden. Auch dies hängt vermutlich mit den Anbaumethoden zusammen. Wird Tabak wird nämlich auf Böden angebaut, der mit Schwermetalle kontaminiert ist, nimmt die Pflanze diese Stoffe auf. Die Spliffs enthielten im Vergleich zu den Zigaretten zudem geringere Konzentrationen an niedrigmolekularen Carbonyl-Verbindungen wie Formaldehyd und Azetaldehyd, sowie an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen.

Die kanadische Studie um ihren Autor David Moir bestätigt frühere Experimente, die im Cannabisrauch viele der gleichen Chemikalien wie im Tabakrauch gefunden haben. Eine Bewertung der vorhandenen Unterschiede ist daher nicht einfach. Zunächst muss festgestellt werden, dass die Verbrennung von Tabak- oder Marihuana-Pflanzenmaterial eine komplexe Mischung von Chemikalien hervorbringt, deren Zusammenspiel noch nicht vollständig verstanden ist. Sodann ist zu konstatieren, dass es darunter Substanzen gibt, die aufgrund ihrer krebserzeugenden Eigenschaften in besonders schlechtem Ruf stehen. Neben Teer sind das vor allem die Schwermetalle und die Nitrosamine. Letztere kommen im Marihuanaqualm nicht vor. Das nicht als krebserregend, sondern als „krebserregend-verdächtig“ beschriebe Formaldehyd kommt in beiden Zigarettenarten vor, allerdings etwas niedrigeren Werten im Gras. Dagegen ist das erhöhte Vorkommen der giftigen Blausäure im Cannabisrauch beunruhigend. Die kanadischen Forscher wollen nun in einem neuen Experiment die Toxizität von Tabak- und Marihuana Rauchkondensaten in drei verschiedenen biologischen Systemen testen.

Eine Verbindung zwischen Krebs und dem Rauchen von reinem Marihuana ist bislang nicht bewiesen. Aufatmen kann da kein Kiffer, denn die westeuropäische Konsumkultur mischt ja bekannterweise zumeist Marihuana oder Haschisch mit Tabak zu den beliebten Joints. Die kanadische Studie zeigt erneut, dass diese Sitte der Gesundheit abträglich ist, denn so mischen sich auch die gesundheitsschädlichen Inhaltsstoffe der beiden Pflanzen.

 

 

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Vor zehn Jahren kam das Potenzmittel Viagra auf den Markt

Welt am Sonntag v. 25. März 2008

Dem Manne kann geholfen werden

Vor zehn Jahren kam das Potenzmittel Viagra auf den Markt

Jörg Auf dem Hövel
(in der Welt am Sonntag erschien eine gekürzte Version. Am Ende des Beitrags habe ich einen Leserbrief von Günther Steinmetz von der Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion angefügt)

Das Medikament wurde schnell zur erfolgreichen Stütze für den unter Erektionsstörungen leidenden Mann und geriet zugleich in den Ruf einer Lifestyle-Droge. Ein Jahrzehnt später ist die große Aufregung zwar vorbei, Wirkstoffe für den unbeschwerten Sex haben aber weiterhin Konjunktur.

Jack Nicholson soll gesagt haben: „Viagra? Das nehme ich nur, wenn ich mit mehr als einer Frau zusammen bin.“ Dies beschreibt die Vor- und Nachteile der Potenzpille recht gut, denn Männern mit Erektionsstörungen hilft sie dabei den Schwellkörper zu aktivieren – Männer ohne solche Probleme beschreiben das Phänomen des nicht nachlassende Dauerhochs als eher lästig. Vor zehn Jahren kam Viagra auf den Markt. Es folgte eine pharmakologisch-sexuelle Revolution, wie es sie seit der empfängnisverhütenden „Pille“ nicht mehr gegeben hatte.

Die Angst vor Impotenz bringt Männer seit jeher um den Schlaf, gilt Sex doch als Kit oder gar Grundlage jeder Beziehung. Mit Viagra scheinen sich solche Probleme erledigt zu haben. Das Medikament soll in manches erschlaffte Verhältnis die Spannung zurück bringen. Das zeigt schon der Verkaufserfolg. Im April 1998 kam das Mittel in den USA auf den Markt, innerhalb der nächsten vier Wochen unterschrieben Ärzte mehr als 300.000 Viagra-Rezepte. Schnell entwickelte sich die Arznei zum sogenannten „Blockbuster“, einem jener Medikamente, die mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr umsetzen. In der Dekade seit der Einführung 1998 haben sich mehr als 30 Millionen Menschen in 120 Ländern Viagra verschreiben lassen. Millionen haben es sich über das Internet oder auf dem Schwarzmarkt besorgt.

Ein Milliardengeschäft für den Hersteller, den Pharma-Konzern Pfizer, der das Patent auf den Viagra-Wirkstoff Sildenafil bis 2011 besitzt. Denn obwohl sich die ganz große Aufregung um Viagra gelegt hat, wächst der Markt für die Firma weiterhin. 2007 gab das Unternehmen an, im vorangegangen Jahr weltweit blaue Pillen im Wert von 1,7 Milliarden Dollar verkauft zu haben. Sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Viagra schien von Anfang an das Bedürfnis eines riesigen Marktes zu befriedigen, Pfizers Mitbewerber wollten partizipieren. Wer über Viagra spricht muss daher heute auch über Cialis reden. Eli Lilly brachte 2003 ebenfalls ein Erektionshelfer in die Apotheken. Wie Viagra wirkt auch Cialis als PDE-5 Hemmer. Das Enzym PDE-5 ist dafür verantwortlich, dass eine Erektion wieder abgebaut wird. Durch die Hemmung von PDE-5 kommt das männliche Glied daher bei einer sexuellen Stimulation leichter in Wallung. Und: Dieser Zustand hält auch länger an. 2006, so Lilly, nahm man mit dem Cialis 971 Millionen Dollar ein. Mit Levitra, einem Gemeinschaftsprodukt von Bayer und GlaxoSmithKline, ist ein weiteres Erektionsmedikament auf dem Markt. Die Konzerne wollten ebenfalls Blockbuster-Spitzenumsätze generieren. Man setzte weltweit 2004 aber nur 200 Millionen Euro um.

Obwohl immer von Viagra die Rede ist, führt im deutschen Erektionsmarkt Cialis vor Viagra und Levitra. Dies liegt vor allem an der längeren Wirkungsdauer von Cialis, das den Mann bis zu 36 Stunden lang in Bereitschaft hält. Insgesamt, so der der Pharma-Dienst IMS Health, wurden 2007 rund zwei Millionen Packungen der Erektionshelfer in deutschen Apotheken verkauft, der Umsatz betrug knapp 117 Millionen Euro. Die Marktanalysten mokieren sich über den seit ein paar Jahren stagnierenden Markt.

Ikonen

Hat Viagra die Welt verändert? Gestützt durch eine massive Werbekampagne herrschte in den ersten Jahren nach Einführung von Viagra ein medialer Rummel um die Substanz. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Bob Dole warb für Viagra, andere Prominente stellten sich ihm an die Seite, Playboy-Urgestein Hugh Hefner sprach von einem Lebenselixier. Morgan Stanley prophezeite einen Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar in 2000, Gruntal & Company gingen noch weiter, die Börsenexperten sprachen von 4,5 Milliarden Dollar in 2004. Die Welt war für kurze Zeit im Viagra-Fieber. Impotenz war plötzlich aus der gesellschaftlichen Schattenecke heraus geholt. Potenzprobleme, vor allem aber ihre schnelle Beseitigung, waren probates Party-Gespräch. Zwar sprach sich schnell herum, dass das Medikament nicht luststeigernd war, sondern nur eine eh schon vorhandene Libido in harte Fakten umsetzen kann. Aber das schien den meisten Männern zunächst egal. Denn, so die einfach- funktionale Schlussfolgerung, steht erst einmal der Kolben ergibt sich der Rest wie von selbst.

Nicht alle waren begeistert. Einige Krankenversicherungen weigerten sich umgehend, die Kosten für eine Viagra-Behandlung zu übernehmen. Man mutmaßte, dass hier nur Männer im besten alten ihren Spaß haben wollten ohne wirklich unter erektiler Dysfunktion zu leiden. Die auf den Plan gerufenen Kulturkritiker wiesen auf Krankheitserfindung und das Problem hin, dass ein Medikament zur Lifestyle-Droge werden könne. Aber zu spät, Viagra war bereits in die Kultur eingedrungen. Die Auswirkung des Viagra-Hypes lassen sich bis heute nicht zuletzt daran ablesen, dass eine ganze Spam-Generation auf den Durchblutungs-Versprechungen basiert. Jeder hat schon einmal Mails mit Verhärtungsversprechungen erhalten. Auch dieser Text musste aus dem Spam-Ordner der Redaktion gefischt werden. Die Substanz ist innerhalb des letzten Jahrzehnts zum weltweit bekannteste Medikament geworden. Es ist aber nicht das am häufigsten verkaufte. Zum Vergleich: In den USA werden Potenzmittel jährlich an die 20 Millionen mal verschrieben, Knochenschwundmittel schon 40 Millionen mal und Antidepressiva über 100 Millionen mal.

Gleichwohl verändert Viagra die Verhaltensmuster der Gesellschaft. Durch das Arzneimittel gestärkt fühlen sich manche Männer berufen ihren zweiten Frühling einzuläuten, jüngere Frauen sind dann das Ziel des Begehrs. Das pharmazeutisch induzierte Selbstbewusstsein führt zu geschürter Krisenstimmung in der Ehe oder gar zu Untreue. So wird berichtet, dass es in den USA immer wieder zu Scheidungen kommen soll, weil graumelierte Herren sich durch Viagra noch einmal zu höherem berufen fühlen. In Floridas Altersheimen sollen Geschlechtskrankheiten zugenommen haben, weil rüstige Rentner sich nach Viagra-Konsum mit Prostituierten vergnügen.

Nach einer Studie der Universität Köln haben in Deutschland vier bis fünf Millionen Männer Probleme mit der Erektion. Warum bleibt oft unklar. Einige Ärzte sehen eher organische Ursachen, andere verweisen auf psychologische Hintergründe. Dabei ist es wahrscheinlich wie so oft: Richtig eingesetzt kann Viagra oder eine anderes Liebesmittel die sexuelle Beziehung eines Langzeitpaares durchaus stimulieren; eine schlechte Ehe wird es indes nicht retten können. In anderer Hinsicht hat Viagra sicher dafür gesorgt, dass Männer das Gefühl haben immer und überall können zu müssen.

Es wurde angenommen, dass der demographischer Wandel den Markt für Potenzmittel weiter beflügeln wird. Noch steht aber nicht fest, ob die Generation 60 Plus ein ausgewiesenes Interesse an der Beibehaltung oder Wiederbelebung ihrer sexuellen Aktivität hat. Viele ältere Paare sind mit penetrationslosen Zärtlichkeiten durchaus zufrieden. Weiterhin ist unklar, welche zukünftige Rolle Viagra & Co. als Lifestyle-Droge bei den unter 50-Jährigen spielen werden. Zum einen sind Potenzpillen fast überall verschreibungspflichtig, zum anderen muss der Patient sie aus eigener Tasche bezahlen, denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Mit der Gesundheitsreform vom Januar 2004 hat der Gesetzgeber festgelegt, dass Medikamente zur Behandlung von Erektionsstörungen nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden dürfen. Manche Ärzte behaupten gegenüber ihren Patienten, dass auch die Diagnostik der ED nicht mehr von der Krankenversicherung übernommen wird. Dies ist allerdings nicht richtig.

Für den gesunden Mann ändert sich im praktischen Liebesverkehr wenig, er weiß, dass dessen Qualität nicht in Härtegraden gemessen werden sollte. Oder, wie der amerikanische Sexualpsychologe Michael A. Perelman es einmal ausdrückte: „Ob man nun einen vollen Tank oder nur einen halb vollen Tank hat – das Auto fährt gleich gut.“

 

Wie Viagra & Co. wirken

Die für eine Erektion nötige Blutzufuhr in den Penis wird durch kleine Muskeln gesteuert. Im nicht erigierten Zustand sind diese Muskeln angespannt und verschließen die Blutgefäße des männlichen Schwellkörpers. Eine sexuelle Stimulation führt beim Mann innerhalb dieser Muskelzellen zur Ausschüttung einer chemischer Substanz mit der Abkürzung cGMP (cyklisches Guanosinmonophosphat). Dadurch entspannt sich der Muskel, Blut fließt ein und das männliche Glied richtet sich auf. Damit dieser Zustand nicht ewig anhält muss das cGMP wieder abgebaut werden. Dies übernimmt eine Enzym mit Namen PDE-5 (Phosphodiesterase-5).

An dieser Stelle setzen Medikamente wie Viagra an. Sie hemmen den Abbauprozess, indem sie die Wirkung des Enzyms PDE-5 blockieren. Dies gelingt ihnen, in dem sie an das Enzym binden und dieses dadurch nicht mehr zur Aufspaltung an cGMP andocken kann. Das Ergebnis: In den Zellen steht mehr muskelentspannende Substanz zur Verfügung, dadurch fließt mehr Blut in den Schwellkörper ein. Alle drei der zugelassenen Arzneimittel gegen krankhafte Erektionsstörungen (so genannte „erektile Dysfunktion“) wirken auf diese Weise. Die Krankheit beschreibt die Unfähigkeit, über lange Zeiträume hinweg trotz sexueller Erregung eine Erektion zu bekommen. Oft sind die Ursachen organischer Natur, Lecks in den Schwellkörpern können ebenso dafür verantwortlich sein wie Verkalkung der Blutgefäße.

Die Geschichte der Potenzmittel auf Basis der Hemmung des Enzyms PDE-5 beginnt 1985. In den Forschungslabors der Firma Pfizer im britischen Sandwich war man auf der Suche nach einem neuen Wirkstoff für die Behandlung von Brustengegefühl (Angina Pectoris) und der damit zusammen hängenden Herz-Durchblutungsstörung. Nach vielen Versuchen synthetisierte man eine Substanz, die sehr zielgerichtet PDE-5 blockierte und nannte sie Sildenafil. Die Halbwertszeit im menschlichen Körper war mit vier Stunden allerdings zu gering, um als Mittel gegen Angina Pectoris eingesetzt zu werden, zudem waren die durchblutungsfördernden Eigenschaften nicht so ausgeprägt wie erhofft. Einige der Testpersonen berichteten allerdings von einer starken Nebenwirkung: Sie hatten schon nach geringfügigen erotischen Reizen eine Erektion bekommen. Analysen ergaben, dass PDE-5 vor allem im Penisschwellkörper des Mannes vorkommt und Sildenafil daher in erster Linie hier wirkt. Die Marketingabteilung schlug den Namen „Viagra“ vor, das Potenzmittel des neuen Jahrhunderts war gefunden. Bis dahin beruhte die Behandlung der organischen Impotenz auf umstrittenen Naturmitteln oder dem Einsatz von Implantaten und Vakuumpumpen.

Die pharmakologische PDE-5-Hemmung ist so effektiv und mit relativ wenigen Nebenwirkungen verbunden, dass nach der Jahrtausendwende zwei weitere Medikamente auf den Markt kommen: 2002 zunächst Cialis mit dem Wirkstoff Tadalafil, 2003 Levitra mit dem Wirkstoff Vardenafil. Wie die Wirkstoffbezeichnungen schon andeuten ist die chemische Struktur der Medikamente ähnlich. Sie alle blockieren PDE-5, wirken aber unterschiedlich lang. Über weitergehende Unterschiede wie beispielsweise dem Härtegrad der Erektion herrscht Uneinigkeit. Viele der wissenschaftlichen Studien werden durch einen der drei Hersteller finanziert.

Levitra ist für den eiligen Patienten geeignet. Es wirkt bereits nach 40 Minuten, eine Studie unter Alltagsbedingungen will sogar eine Anfluten innerhalb von 10 Minuten bei einigen Männern nachgewiesen haben. Viagra-Nutzer brauchen mit rund einer Stunde etwas länger, dafür soll anekdotischen Berichten zufolge die Erektion auch kräftiger ausfallen als bei den anderen Mitteln. Cialis benötigt zwar etwas mehr Zeit bei der Entfaltung im Körper des Mannes, wirkt dafür aber länger. Während die gedeihliche Wirkung bei Viagra vier bis sechs Stunden und bei Levitra acht bis 12 Stunden anhält, kann sie bei Cialis bis zu 36 Stunden betragen. Aus diesem Grund ist das Arzneimittel in Deutschland mittlerweile beliebter als Viagra. Morgens genommen besteht den ganzen Tag die Möglichkeit zum Koitus, dosisabhängig sogar noch am nächsten Morgen.

 


Online-Leserbrieg v. 28.03.2008 von Günther Steinmetz von der Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion:

Dieser Artikel hebt sich wohltuend von vielen Artikeln ab, die am 27.3. in fast allen Tageszeitungen zu lesen waren. Inhaltlich fehlt mir, dass zu wenig darauf eingegangen wird, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Viagra und Co. einem Paar wieder zu einer erfüllten Sexualität
verhelfen können. Kurz gesagt, geht es dabei um folgende Punkte:

1. Die Medikamente müssen wirken, was längst nicht bei allen Männern der Fall ist. Besonders nach Operationen im kleinen Becken ist die Erfolgsrate gering.
2. Es dürfen keine Kontraindikationen vorliegen. Das ist allerdings entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass Viagra für alle Herz-Kreislauf-Patienten gefährlich ist, nur selten der Fall.
3. Die Nebenwirkungen müssen erträglich sein. Zum Glück lassen oft die Nebenwirkungen nach mehrmaliger Einnahme nach.
4. „Mann“ hat sich über die Voraussetzungen für die Wirkung dieser Medikamente informiert. Bei der Einnahme kann man einige Fehler machen: zu kurze Zeit zwischen Einnahme und Beginn der sexuellen Aktivität, ein vorangegangenes fettreiches Essen (nur bei Viagra und Levitra), fehlende oder unzureichende sexuelle Stimulierung, zu geringe Dosis. Oft führen auch die ersten Versuchen zu keinem Erfolg, weil die ersten Tests auch viel Stress und Angst erzeugen können.
5. Die Partnerin muss damit einverstanden sein, was längst nicht immer der Fall ist. Der heimliche Einsatz dieser Mittel ist besonders konfliktträchtig: er wird irgendwann einmal auffliegen und dann mit Recht von der Partnerin als Vertrauensbruch aufgefasst.
6. „Mann“ kann sich diese Medikamente auch finanziell leisten

Für alle Männer, für die Viagra und Co. nicht in Frage kommen, gibt es aber auch noch andere Möglichkeiten. Manchmal ist die Einnahme von Viagra auch mit der Hoffnung verbunden, dass damit die Beziehung wieder aufblüht. Das ist in aller Regel ein Trugschluss, ein Medikament kann keine Beziehung beleben.

Günther Steinmetz
Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion (Impotenz)

 


 

 

 

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Cognitive Enhancement Übermensch

Einleitung zum Telepolis Übermensch Blog – Projekt Übermensch: Upgrade ins Nirvana

Einleitung zu einem neuen Telepolis-Blog am 21.11.2007

Projekt Übermensch: Upgrade ins Nirvana

Jörg Auf dem Hövel

Robotik, Neuro-Implantate, Hirn-Enhancement, Gentechnik: Wohin führt das?

Zwang und Lust an Vervollkommnung der eigenen Person sind uralt, evolutionär zunächst dem Überleben dienend wurde Erkenntnis zum Kulturgut. Schon die frühen Werkzeuge erweiterten den allgemeinen Handlungsraum des Menschen. Interessant wurde es immer dann, wenn die Werkzeuge inkorporiert wurden, denn dann stand Integrität und Wesensnatur auf dem Spiel.

Krücke, Holzbein und Brille sind frühe Prothesen, ihre Linie verlängert sich bis zu den chipgesteuerten Hochleistungsprothesen bei den heutigen Paralympics. Früher waren Prothesen und Implantate schlechter Ersatz, nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Prothese oder ein Implantat zum Ausschluss eines Sportlers bei einem Wettbewerb führen wird (Wann ist ein Mann ein Mann?). Der rasante technische Fortschritt, Rechenkapazität gepaart mit Miniaturisierung, ermöglichen den Einzug der Technik in den Körper. Ein wunderbares Beispiel dafür, vor welchen Aufgaben die Sportethik zukünftig stehen wird.

baumkroneCochlea-Implantate übernehmen das Ohr, andere zentrale Funktionen des Körpers werden folgen. Teile der KI-Gemeinde träumen schon jetzt von der Übernahme höherer kognitiver Funktionen. Aber der Künstlichen Intelligenz sind über die Jahre die Grenzen ihres Ansatzes vor Augen geführt worden. Das hält die Apologeten des vollständigen Nachbaus des Menschen nicht davon ab, in unregelmäßigen Abständen den Durchbruch zu verkünden. In den letzten Jahren ist es still geworden um Minsky, Moravec und Kurzweil, dafür durfte Aubrey de Grey ran und die Heilung des Alterns voraussagen. Man kann sich über die Propheten lustig machen, sie sind allerdings nur die Randerscheinung einer umfassenden Geistesströmung, welche die Fähigkeiten des Menschen technisch erweitern will.

Die Rolle der in menschenähnlichen Maschinen verkörperten Künstlichen Intelligenz dürfte dabei klein bleiben. In eng umrissenen Welten wie beispielsweise Schachbrettern ist die KI stark, sobald sie in reale Unwägbarkeiten geworfen wird, zeigt sich die Schwäche der reinen Berechnung. Die Siliziumknechte tummeln sich zur Zeit auf Miniatur-Fußballplätzen oder auf vier Rädern in der Wüste und haben frappante Probleme, sich autonom zu orientieren, anzukommen, geschweige denn auch noch sinnig zu handeln.

Dort wo KI zum Posthumanismus wird, ist die Schwelle zum Erlösungsversprechen übertreten. Ob Reinraum des Cyberspace oder Upgrade eines Androiden mit kompletthumaner Software: Im Kern geht es um den Übergang des menschlichen Wesens in eine neue Seinsform. Logischerweise fließt in diesem Siliziumparadies nur klares Wasser die Flüsse hinunter und alle Frauen haben Körbchengröße G.

Neuro-Enhancement

Weitere Techniken weisen über den Menschen hinaus: Magnetisches und medikamentöses Enhancement der Denkvorgänge und natürlich die Gentechnik. Die Doping-Diskussion ist momentan noch primär an körperlich leistungssteigernden Substanzen wie EPO festgemacht, dabei leben Teile der Gesellschaft in einem dauergedopten Zustand. Morgens Koffein, Abends das Entspannungsbierchen, am Wochenende ein Näschen. Für die Verzweifelten Prozac, für die Willigen Viagra, für die Gestressten Diazepam.

Das spirituelle Doping des Geistes fristet ein Schattendasein in der Ecke der Drogenpolitik. Diese wird mittlerweile ohnehin von den Pharma-Konzernen effektiver betrieben. Indikationen lassen sich immer finden, das Geld kommt mit dem Off-Label-Use rein. Die Diskussion um Neuro-Enhancement mittels neuer, legaler Wirkstoffe ist bereits in Gang, aber in den Pipelines der pharmazeutischen Firmen ist kein Wundermittel mit Namen „Nürnberger Trichter“ in Sicht.

Allerdings werden die Grundlagen des Lernens immer besser ergründet, die Erforschung der Alzheimer Demenz zeigt die neuronalen Bedingungen des Denkens auf, hier lastet Leistungsdruck auf den Arzneimittelforschern. Weil zudem hohe Gewinne locken, ist damit zu rechnen, dass bessere Wirkstoffe entwickelt werden, die zumindest die Degeneration aufhalten. Ob dies in gesunden Menschen zu einer Leistungssteigerung des Denkorgans führt, steht auf einem anderen Blatt.

Genbasierte Designer-Medikamente

Rund zehn Prozent aller Medikamente auf dem Markt sind mit Hilfe gentechnischer Verfahren hergestellt worden – Tendenz steigend. Im Gegensatz zur grünen Gentechnik ist dieser Bereich der roten Gentechnik weithin akzeptiert. Das Einbringen eines fremden Gens in einen Organismus, um diesen zur Expression eines bestimmten Wirkstoffs zu bringen, ist die eine Sache, das Einbringen von fremden Genen in den menschlichen Organismus eine andere.

Aus Sicht einiger Mediziner ist diese „Gentherapie“ nur die logische Fortsetzung der Produktion von gentechnischen Arzneimitteln. Hierbei würde beispielsweise ein Patient mit einer Enzym-Mangelkrankheit keine Medikamente mehr einnehmen, sondern einige seiner Körperzellen würden gentechnisch so verändert werden, dass er das fehlende Enzym selbst bildet.

Bei der erblichen Immunschwäche SCID-X wurde das schon versucht, doch es trat als Nebenwirkung Leukämie auf. Die Mediziner hatten das Enzym-Gen an einer falschen Stelle ins Erbgut der schwerkranken Probanden eingefügt. Gentherapeutisch behandeln tat man auch zwei Männer in Frankfurt am Main. Dort wurde 2005 den zwei schwerkranken Patienten blutbildende, gentechnisch veränderte Stammzellen injiziert. Der Erfolg ist bis heute umstritten, die Langzeitwirkung auf die körpereigenen Zellen unklar.

Wissenschaftler wie der Humangenom-Pionier Francis Collins, der das „Human Genome Project“ zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms leitete, sehen gleichwohl optimistisch in die Zukunft. Er sagt voraus, dass bis 2020 genbasierte Designer-Medikamente für Bluthochdruck, Diabetes und andere der sogenannten „Volkskrankheiten“ verfügbar sein werden.

An dieser Stelle kann der Raum betreten werden, in dem die Zukunftsmusik spielt. Vorstellbar sind zukünftig beispielsweise Gentherapien, die auf die Nachkommen des Patienten vererbt werden. Noch verwehren sich die Mediziner gegen solche Ideen. Und noch geht es nur um ein Stück vom Leben für schwerkranke Menschen.

Der Übermensch des 21. Jahrhunderts

Schon immer gab es Bemühungen, sich mit Hilfe der Errungenschaften der Medizin nicht nur zu therapieren, sondern auch über den normalen Zustand hinaus zu optimieren. An dieser Stelle setzt Enhancement an, die Erweiterung der Basisfunktion.

Dieses Über-sich-Hinauswachsen, der Versuch der Vervollkommnung, die Lust, schier Übermenschliches zu leisten, ist Triebkraft der Menschheit bis heute; mit allen kreativen wie zerstörerischen Konsequenzen. Mit ironischer Konnotation kann man von einer sozialen Bewegung der „Übermenschen“ sprechen.

Aber der Übermensch ist nicht nur einer, der über sich hinaus wachsen will. Nach Friedrich Nietzsche will der Übermensch die Kräfte des heiligen Chaos in das Diesseits bringen. Alle Gefühlsspitzen und Erweckungen, aber auch die bis dato ins Jenseits gerichteten Ekstasen und Hoffnungen auf Erlösung sollen zurück auf die Erde gebracht werden.

Während Nietzsches Übermensch die Religion in sich wieder finden will, hat der Übermensch des 21. Jahrhunderts sie in den Raum technischer Potentiale zurück verfrachtet. Gründe dafür gibt es genug: Der Fortschritt wurschtelt sich in die letzten Fasern des molekularen Daseins hinein, alles scheint erklärbar, wenn nicht heute, so doch morgen. In diesem Sinne ist Wissenschaft zur Quasi-Religion geworden. Das über sich hinaus wachsen ist heute technisch banalisiert, die Aufgehobenheit im heiligen Chaos, dem geistigen Urgrund aller Religionen vor ihrer unheilvollen Institutionalisierung, ist heute eher durch den Cyberspace erwünscht als durch religiöse Praktiken.

Nietzsches Übermensch war ein entscheidendes Stück weiter gegangen. Erst in der Transzendierung des arbeitsorientierten, technisierten Welt findet der Mensch seine wahre Bestimmung: Ein hingebungsvolles Leben als Kunstwerk. Nicht nur am Rande sei hier erwähnt, dass der Übermensch eben auch Gefahr läuft sich einzubilden, über die aus seiner Sicht Zurückgebliebenen zu richten. Wo der Übermensch herrscht müssen die Untermenschen leiden.

Selbstvervollkommnung trägt immer auch die Gefahr der Egozentrik und des Größenwahns in sich. Durch das über sich hinauswachsen entfremdet der Mensch sich dann von sich selbst. Man merkt, hier schwingt im Hintergrund schon die Idee von der Raupe, die noch zum Schmetterling werden muss. Getrieben wird diese nur heute wohl weniger vom naturgegebenen Programm, als von den Anforderungen der Leistungs-, manche würden sagen kapitalistischen Gesellschaft.

Angesichts der ökologischen Lage kann der Übermensch heute nur noch bescheiden von seinem Gipfel aus hinab blicken. Zu lange hat er vergessen, auf welchem Grund und Boden er da eigentlich steht. Nun müssen Aufstreben und Genügsamkeit neu ausbalanciert werden.

Es gibt also viel zu tun, um die Chancen, Gefahren und Absurditäten des Projekts „Übermensch“ zu erläutern. In einem neuen Telepolis-Blog wird davon zukünftig die Rede sein.

 

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Cognitive Enhancement Übermensch

Modafinil, die Firma Cephalon und ein Selbstversuch

telepolis, 23.10.2007

Gehirn-Doping: Augen geradeaus

Wie die Pharmafirma Cephalon die vermeintliche Gehirndoping-Substanz Modafinil im psychoaktiven Markt etabliert. Dazu ein Selbstversuch

Im Jahre 1992 wunderte sich Frank Baldino. Die eigentlich nachtaktiven Mäuse in dem Versuchslabor der Pariser Firma Lafon blieben den ganzen Tag wach. Die Tiere standen unter dem Einfluss einer neu entwickelten Substanz, die gegen Depressionen helfen sollte. Die chemisch korrekte Bezeichnung für den Wachmacher lautete kryptisch 2-Diphenylmethyl-Sulfinyl-Acetamid, kurz „Modafinil“ genannt.

Baldino hatte 1987 in den USA die Pharma-Firma „Cephalon“ gegründet und war in Paris auf der Suche nach einem neuen, aufputschenden und vor allem verkaufsträchtigen Medikament mit wenig Nebenwirkungen. Er entschloss sich Modafinil zu lizensieren. 2006, genau 13 Jahre nach der Lizenzierung, nahm Baldinos Firma bereits jährlich 727 Millionen Dollar alleine mit Modafinil ein. Generika-Hersteller sind in ihre Schranken gewiesen worden, Cephalon kann Modafinil, das in den USA unter dem Namen Provigil (Deutschland: Vigil) über den Tresen geht, bis 2011 ungestört verkaufen.

Der Erfolg von Cephalon und Modafinil gilt als Blaupause für die Etablierung eines so genannten „cognitive enhancers“ im Markt, einer Hirnpille, die nicht nur aufmerksam, sondern auch schlauer machen soll. Ursprünglich gegen die plötzlichen Schlafattacken von Narkoleptikern zugelassen, mausert sich das Medikament seit einigen Jahren zum Alleskönner. Aber was kann die Substanz wirklich?

Erster Anlauf
27.7.2007, 16.00 Uhr
 Das Wochenende naht, aber es liegt Arbeit auf dem Schreibtisch. Schrecklich schwere Artikel für die Telepolis? Nein, wildes Geschreibsel für einen Newsletter. Ich nehme die erste 200mg Dosis Modafinil meines Lebens. Set und Setting sind hervorragend: Gut ernährt, drei Wochen Urlaub in Griechenland hinter mir, eine gesunde Frau, Familie und Freunde gut in Futter. Nun will ich leisten und dabei auch noch schlauer werden. Ich bemühe mich möglichst nicht auf die Wirkung zu achten, die muss schon von alleine kommen.
17.30 Uhr
 Leichte, subjektiv empfundene Temperaturerhöhung. Ich arbeite normal weiter. Zügig und gekonnt, wie immer. Weder bin ich schneller an der Tastatur, noch sprudeln besonders brillanten Sätze aus mir in den PC.
19.00 Uhr
 Nun ja, zwei Tassen Kaffee würden mich aufgeweckter, aber auch nervöser machen. Ein ganz subtile Wachheit ist da, gänzlich ohne Euphorie, ohne Schub, nichts, was sich nicht sofort wieder abschalten ließe.
20:30 Uhr
 Feierabend. Das Kino auf der Leinwand erlebt sich nicht anders. Und das bei dem Simpsons-Film. Behalte ich mehr als sonst? Vielleicht ist es auch das eine Duff-ähnliche Bier, das mich etwas träge macht. Alkohol scheint kontraproduktiv. Danach jedenfalls ist mir in der Helligkeit wohler.
22.00 Uhr
 Sozial voll verträglich. Ich plaudere ohne besonders eloquent zu sein. Aber manchmal schaue ich mich um und merke: irgendwas ist anders.
22.15 Uhr
 Plötzlich leichtes ziehen im Unterkiefer, eine Erinnerung an das MDMA der späten 80er Jahre. Allerdings ohne dessen aufwallende, schwitzende Gefühlsschübe. Wahrscheinlich jubeln jetzt die Vertreter der Flashback-Theorien auf. Tja, jede wirklich gute Erinnerung setzt sich halt fest und wird eventuell mal wieder rausgekitzelt.
22:45
 Ich beobachte schon etwas schärfer, oder bilde ich mir das nur ein? Ein Grundproblem von Modafinil. Vielleicht hätte ich keinen grünen Tee beim Asiaten trinken sollten. Aus dem Essen kommen keine Würmer, „Langweilig“, wie Homer Simpson sagen würde. Ich gähne zu dritten Mal. Ist es das Gefühl, bevor aus gleich richtig abgeht? Nein.
23 Uhr
 Ich schaue Ottis Schlachthof auf Bayern 3. Ein sicheres Zeichen, dass ich nicht normal bin. Oder lockt mich der intellektuelle Humor? Unklar.
23.30 Uhr
 Ich lese.
1:45 Uhr
 Immer noch wach. Wahrscheinlich könnte ich gut schlafen, aber warum? Ich dümpel zwischen GTR2-Online Racing und einem Buch über die Lebensgeschichte eines toskanischen Kaufmanns aus dem 15. Jahrhundert.. Leichtes Hangovergefühl im Gesicht macht sich breit. Kein guter Atemrhythmus.
2.30 Uhr
 Immer noch nicht richtig müde gehe ich trotzdem ins Bett und schlafe sofort ein. Kleiner Kater am nächsten Tag, eine gewisse Schwere im Körper.

Off-Label Erweiterung

Nach den klinischen Test genehmigte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA 1998 den Einsatz von Provigil bei Narkolepsie. Bei Narkoleptiker verringert Modafinil die Zahl der plötzlichen Schlafepisoden um ungefähr eine Attacke am Tag. Eine höhere Dosierung als 400 mg hilft nicht besser. Die Hälfte der Konsumenten leiden unter Kopfschmerzen, andere Störwirkungen können Übelkeit, Schwindel und Durchfall sein.

Schon vorher hatte Cephalon aber nicht nur Kontakt zu Neurologen aufgenommen, die das unbekannte Medikament zukünftig verschreiben sollten. Mit einer Marketingkampagne sorgte man für die Verbreitung auch bei Ärzten anderer Fachrichtungen. In einer Broschüre wurde auf die hervorragende Wirkung von Modafinil auch bei anderen Krankheiten hingewiesen. Lange Zeit hielt die FDA die Füße still, auch, weil die Substanz als relativ ungefährlich gilt und in dem Ruf steht, auch bei lang anhaltender Anwendung nicht abhängig zu machen.

2002 wurde es der Behörde zu bunt, man rügte die aggressiven Werbemethoden von Cephalon, Ende 2004 ermittelte sogar der Bundesstaatsanwalt. Das Problem: Die Gesetze verbieten Unternehmen die Anpreisung ihrer Mittelchen für andere Indikationen als die von der FDA genehmigten; man kann aber nicht verhindern, dass Ärzte auf eigene Faust experimentieren.

Zwar weiß bis heute keiner ganz genau wie die Droge im Körper funktioniert, das hindert aber gerade in den USA wenig Ärzte Provigil bei allerlei Wehwehchen zu verschreiben: Chronische Müdigkeit, Schläfrigkeit, Herzfehler, Jet-Lag.


Baldino weiß: Inzwischen erzielt Cephalon die Hälfte aller Provigil-Einnahmen aus diesem legalen, aber argwöhnisch beobachteten „Off-Label Use“. Und dieser ist nicht nur bei Modafinil das Einfallstor für den Einbruch in neue Märkte.

Zugeben darf das niemand. In der Cephalon-Niederlassung in Martinsried bei München zeigt man sich daher zugeknöpft, wenn es um Auskünfte rund um Modafinil geht. „Kein Kommentar“, heißt es.

Noch wandelt Baldino sicher durch das Minenfeld des amerikanischen Kontrollsystems. Einerseits will er die FDA dazu bringen die Liste der Indikationen für Provigil zu erweitern, andererseits will er deren Ängste zerstreuen, die Substanz könne sich zur Lifestyle-Droge mausern. Dass dies längst geschehen sei, suggerieren Medienberichte, aber solide Studien über die Verbreitung der Substanz zur reinen Optimierung der Lebensleistung liegen nicht vor.

Aufmerksamkeitsstörung

Bis heute ist Modafinil als Mittel gegen Schlafapnoe- und Schichtarbeit-Syndrom in den USA zugelassen, aber Baldino, der seine pharmakologische Karriere bei DuPont begann, hatte schon früh ein nächstes Marktsegment ausgeschaut. In den USA boomt bei Kindern seit den 90er Jahren die Zappelphilip-Diagnose, als Mittel der Wahl bei ADHS gilt trotz aller Diskussionen noch immer Ritalin (Methylphenidat). Novartis setzte 2006 über 330 Millionen Dollar allein mit diesem Medikament um. Studien hatten ergeben, dass auch Modafinil beim Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom helfen kann. Die Analysten freuten sich schon, als sich die Gerüchte verdichteten, die FDA würde Cephalon die Vermarktung als Anti-ADHS-Mittel unter dem Namen „Sparlon“ genehmigen. Im September 2006 kam die Ernüchterung: Die FDA erteilte den Plänen eine Abfuhr, es war zu einem Fall von arzneimittelallergisch bedingten Hauterkrankung gekommen bei einem Probanden gekommen.

Für Provigil gilt: Die Substanzgruppe ist wirklich neu und kein sonst wie geartetes Derivat der Amphetamine, Alkaloide oder gar serotoninverwandten Halluzinogene. Dieser Umstand schiebt es zunächst einmal aus den Fokus der Drogenkontrollinstitutionen. Und Langzeitwirkungen konnten noch nicht erforscht werden. So ist die Aufregung unter Experten und Off-Label-Usern groß, selbst nüchterne Wissenschaftler wie Danielle Turner von der Universität Cambridge sprechen von einer „vielversprechenden Substanz“.

Friendly Fire

Die Euphorie der ersten Modafinil-Studien zog schon früh das Interesse der Streitkräfte an. Aus militärischer Sicht ist der Mensch eines der schwächsten Instrumente der Kriegsführung. Er braucht Essen, Wundversorgung und den Glauben, dass sein möglicher Tod der guten Sache dient. Und er braucht Schlaf, zufiel Schlaf, denn ohne Schlaf macht er Fehler.

Die Untersuchung eines Zwischenfalls in Afghanistan im Jahre 2002 zeigte das deutlich. Zwei Amerikanische Piloten hatten damals vier kanadische Soldaten unbeabsichtigt getötet. Vor dem Kriegsgericht gaben die Anwälte der Piloten an, dass ihre Mandanten zur Zeit des Unfalls unter dem Einfluss von Dexedrin standen. Anders formuliert: Sie waren auf Speed, dem klassischen Amphetamin, ein beliebter Stoff seit den Schlachten des 2. Weltkriegs.

Für Normalbürger verboten, ist Speed für das Funktionieren der US-Streitkräfte elementar. Dr. Pete Demitry, Arzt bei der Luftwaffe und selber Pilot, sagte während einer Pressekonferenz zu dem Kriegsgerichtsverfahren: „Die Air Force nutzt Dexedrin seit 60 Jahren. Und wir wissen, dass es sicher ist, weil wir nie einen Zwischenfall hatten, der nachweislich in kausaler Beziehung zu dem Anregungsmittel stand.“

Speed

Es ist eine weitere Ironie der Drogenpolitik, dass 60 Jahre militärische Anwendung anscheinend nur fröhlich-konzentriert aufgeputschte Soldaten erlebt haben soll. Und das wo doch Amphetamin in den USA immer wieder als Horrordroge bezeichnet wird („Speed kills“).

Tatsächlich ist die häufige Einnahme von Amphetamin gesundheitsschädlich, das Militär sucht nach Alternativen – und Modafinil ist eine davon. Die DARPA (http://www.darpa.mil/) hat 100 Millionen Dollar für ein Forschungsprojekt bereit gestellt, das im Ergebnis die kognitiven Leistungsfähigkeit der Soldaten während lang andauernden Schlafentzug erhalten soll.

Air Force und Cephalon sponsorten eine Studie der Harvard Universität, in der 16 gesunde Probanden 28 Stunden ohne Schlaf auskommen mussten. Die Personen mit Modafinilbeigabe schnitten in den kognitiven Tests besser ab als die mit Zucker-Placebo. Weltweit waren die Generäle begeistert. 2004 gab das britische Verteidigungsministerium zu, seit 1998 über 24.000 Tabletten Modafinil eingekauft zu haben. Die Verwendung blieb im Dunklen, auffällig war allerdings laut Guardian die jeweilige Bestellung größerer Mengen vor dem britischen Engagement in Afghanistan und Irak.

Zweiter Anlauf
4.8.2007, 18.00 Uhr
 Eine Open Air Party in Norddeutschland, der Techno-Beat wummert seit 18 Stunden, es ist aber erst Samstag. Der Blister knackt, 200 mg rein damit. Heute geht es weniger um das Steigern von Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis, sondern um gute Unterhaltung im doppelten Sinne: Entertainment und Kommunikation. Zudem lässt sich das Wirkspektrum einer Substanz in der fiebrigen Atmosphäre einer vollelektronischen Goa-Party besser abtasten.
18.30 Uhr
 Wenn es denn was abzutasten gibt. Obwohl gut ernährt rumort der Magen und entleert sich in einem chemisch angehauchten Schiss im nahe gelegenen Maisfeld. Ist es die Pille oder die Aufregung?
19.45 Uhr
 Ich fuhrwerke auf der Tanzfläche rum, Musik und Erleben sind großartig, aber im Normalbereich. Nur mit sensiblen Antennen lässt sich ein Verschieben optischer Frequenzen ausmachen. Oder sind das die Haschischschwaden, die über das Feld wabern? Auch beim zweiten Versuch erweist sich die Mischung mit Alkohol in den ersten Stunden als unklug. In der polytoxomanen Gesellschaft hier vor Ort bin ich wahrscheinlich einer der nüchternsten Kandidaten.
21.00 Uhr
 Erst nur eine Andeutung wird klar: Modafinil fördert bei mir eine zackige Roboterhaftigkeit. Die Motorik ist kontrolliert, sehr kontrolliert. So aufmerksam will ich gar nicht sein, zumindest nicht heute. Das Körpergefühl ist nicht unangenehm, aber der Fluss der Bewegung wirkt abgehackt. Wie immer bei Modafinil aber nichts, was sich nicht durch Aufmerksamkeit, in diesem Fall das Besinnen auf Geschmeidigkeit, wieder in den Griff kriegen lässt.
23.30 Uhr
 Könnte „cognitive enhancement“ die Bewusstseinserweiterung des zweiten Jahrzehnts werden? Eine Art 60er- und 90er Revival? Nein. Dafür sind die Substanzen nicht einschneidend genug, ihnen geht die Kraft zur psychischen Ausgrabung völlig ab. Eher wirken Modafinil & Co. wie aus Silikon entsprungene Banalitäten. Droht die Menschheit zur einer Horde vigilant arbeitswütiger Spacken zu verkommen?
2.50 Uhr
 Gesteigerte Kommunikationsfähigkeit oder Zufall? Auf jeden Fall bleibe ich an jedem Getränke- und Essensstand auf einen Schnack hängen. Zurück auf der Tanzfläche brettert der Sound durch die Menschenmassen. Lichtblitze, feuerspeiende Schönheiten, Mutanten auf Stelzen, Laser-Shiva Animationen, der Rest ein wild gewordener Schweinekoben. Ein Raver wälzt sich horizontal im Gras, Konvulsionen, „break on trough to the other side“, nach Spaß sieht das nicht mehr aus. Vielleicht wäre eine Encounter-Gruppe in Freiburg der sicherer Ort für solch' eine Abfahrt gewesen.
4.30 Uhr
 Ich bin weder hellwach noch getrieben, sondern einfach nur nicht müde. Na dann, gute Nacht. Nach fünf Minuten bin ich tatsächlich schon eingeschlafen. Kaum Hangover am nächsten Morgen.

Schubvergleich

Greg Belenky vom „Walter Reed Army Institute of Research“ in Silver Spring, Maryland, wollte es genauer wissen. Er verglich die Wirkung von Modafinil, Speed und Koffein an Soldaten, die bis zu 85 Stunden wach gehalten wurden. Sein Fazit: „Kurz gesagt wirken sie alle ähnlich: Gibt man sie jemanden, der müde ist, dann fühlt er sich besser. Allerdings wirkt Modafinil länger als Amphetamin und beide wiederum länger als Koffein.“

Sicher, Modafinil wirkt bis zu 12 Stunden, aber sollte das der einzige Unterschied gegenüber Speed und Koffein sein? Die Schreiber in den weltweiten Drogenforen dürften widersprechen und auf die verschiedenen und dosisabhängigen Effekte auf die Psyche hinweisen. Und natürlich hat auch Modafinil seine Nebenwirkungen. Je nach Dosierung können Nervosität, Übelkeit, Reizbarkeit, Zittern, Schwindel, Mundtrockenheit und Kopfschmerzen auftreten.

Höhere Weihen

Soldaten, Studenten und nun sogar die Professoren. Philipp Harvey, Professor für Psychiatrie an der Emory Universität in Atlanta, erzählte der Times vor kurzem freimütig von seiner Modafinil-Affinität zum Überwinden des Jet-Lags. Seine Kollegin Barbara Sahakian, Professorin für Neuropsychologie in Cambridge, berichtet von mehreren ihr bekannten Wissenschaftlern, die die Droge verschrieben bekommen haben, weil sie öfters Zeitzonen überqueren.

Sahakians Mitarbeiterin, Danielle Turner, testete die Substanz 2003 an 60 gesunden Probanden. Gegenüber Placebo schnitten sie in einem Test des Kurzzeitgedächtnis signifikant besser ab.
Die genauere Analyse des Turner-Tests relativiert die Ergebnisse: So verbesserte sich beispielsweise die Werte bei der Mustererkennung und dem Zahlenerinnerungstest Digit-Span (hier online), nicht aber beim schnellen Erfassen visueller Informationen und dem CANTAB-SWM, einer klassischen Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung. Die Testpersonen waren auf Modafinil in der Bearbeitungsgeschwindigkeit beim Zahlen-Verbindungs-Test (ZVT) nicht besser als andere. Man vermutet daher, dass die Leistungssteigerungen auf einer verlangsamten Reaktion beruhen: „Es sieht so aus“, sagt Turner, „als ob die Probanden durch das Modafinil etwas länger nachdenken, bevor sie antworten.“

Ist das alles die Aufregung wert? Es existieren pharmakologische Studien mit vergleichbaren Design, die andere Substanzen nutzten. Das Arbeitsgedächtnis wird ebenfalls durch Noradrenalin- und Dopamin-Agonisten (link) positiv beeinflusst. Selbiges gilt für die bekannten Stimulanzien wie Methylphenidat, bekannt als Ritalin, und sogar Amphetamin (link).
In Leipzig erforschten die Universität Leipzig und das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaft die Substanz (link). Auch hier fand man in einer doppelblinden und randomisierten Studie eine leicht verbesserte Leistungsfähigkeit in Tests des Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis.

Wie das?

Der weltweite Wissenschafts-Hype um die Substanz steht auf schwachen Beinen, denn der Mechanismus, nach dem Modafinil im Körper funktioniert ist noch immer weitgehend ungeklärt. Obwohl millionenfach verschrieben bleibt der pharmakologische Grund für den stimulierenden Effekt der Droge im Dunklen. Während Forscher wie Luca Ferraro die steigernde auf den Glutamathaushalt und verringerte GABA-Ausschüttung verantwortlich sehen (link), wollen andere die Veränderung des Hypocretin-Levels als Ursache ausgemacht haben. Es gibt Hinweise, dass der Hypocretinhaushalt bei Narkolepsie gestört ist. Wieder andere Wissenschaftler weisen auf die indirekte Stimulation von Noradrenalin und anderen Neurotransmittern am Alpha-1 Rezeptor hin (link). Dafür spricht, dass bestimmte Alpha-1 Blocker wie Prazosin die Wirksamkeit von Modafinil beeinträchtigen.

Fest steht: In Internet-Foren (und link) äußern sich User nicht nur euphorisch über die Substanz. Narkoleptiker sprechen von erheblichen Nebenwirkungen, Off-Label- und illegale Tester von einer Beeinträchtigung des Sprachvermögens oder der Kreativität (link). Anderen gefiel das „medikamentöse Dauerhoch“ (link) nicht.

Dritter Anlauf
Dienstag, 21. April 2007, 11.00 Uhr
 Sollte denn die innere Einstellung zu einem Medikament eine Rolle bei dessen Wirkung spielen, dann hat Modafinil bei mir wenig Chancen. Die bisherigen Versuche zeigten mich zwar als vigilen, aber genauso töffeligen Menschen. Schachgroßmeister werde ich nicht mehr.
11.30 Uhr
 Gute Idee, ich spiele eine Runde Schach gegen den PC, der mich aber wie immer gekonnt abfiedelt.
13.35 Uhr
 Leicht fickerig, wie der Experte sagt. Dazu das inzwischen bekannte flaue Gefühl im Magen. Alles nur subtile Erscheinungen. Das Basteln an html- und css-code geht leicht von der Hand.
16.00 Uhr
 Mir schwant, dass Modafinil seinen Platz vor allem dort finden wird, wo wenig Kreativität und viel Arbeitsleistung gefragt ist.
19.00 Uhr
 Ein normaler Arbeitstag geht dem Ende zu. Wäre da nicht dieses zarte Ziehen in der Gesichtsmuskulatur, das eine Richtung hat: Nach vorne. Das physische Resultat der beharrlichen Fokussierung auf den Monitor, bilde ich mir ein.
23.00 Uhr
 Die Substanz fordert schon Aufgrund ihrer Schlichtheit zur simplen Kosten-Nutzen-Abwägung auf. Zunächst ein individueller Prozess: Modafinil ist stärker als Koffein und andere milde Pusher, die Fokussierung enger. Sieht man vom durchaus beeinträchtigten Körpergefühl ab, bleibt die Substanz in ihrer psychischen, vor allem aber emotionalen Wirkung subtil. Merkfähiger oder gar kreativer macht sie nicht, eher breitet sich Fließbandatmosphäre im geistigen Raum aus. Gut, wenn Narkoleptiker von einer Substanz mit wenig Nebenwirkungen profitieren können. Als gesunder Mensch werde ich mich weiterhin eher auf die seit Jahrhunderten erprobten, naturnahen Wirkstoffe verlassen.

Spiegelkabinett

Um weiterhin kräftige Gewinne zu garantieren griff Cephalon vor kurzem in die pharmakologische Trickkiste. Man spiegelte und drehte ein wenig am Modafinil-Molekül und schuf ein Isomer mit gleicher Struktur und Summenformel, aber unterschiedlicher Konfiguration der Atome. Fertig war Armodafinil, das unter dem Namen „Nuvigil“ im Juni diesen Jahres den Segen durch die FDA erhielt. Das Patent läuft bis 2023. CEO Frank Baldino ist zufrieden: „Die Zulassung von Nuvigil erlaubt es uns, die Spitzenposition im Bereich der Wachsamkeit zu halten.“ Die Substanz wirkt länger, Wissenschaftler testen schon den Einsatz bei weitere Krankheiten. Nun sollen sogar Menschen, die an Depression oder Schizophrenie leiden, von dem Mittel profitieren.

 

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Cannabis Gesundheitssystem

Cannabis und die Lunge

HanfBlatt, Nr. 98, November/Dezember 2005

Ergänzt im Juli 2007

Die Rauchzeichen sind deutlich: Cannabisrauch schadet der Lunge

In den letzten Jahren wurden eine Reihe von neuen, ernst zu nehmenden Studien zur Auswirkung des Kiffens auf die Lunge veröffentlicht. Schon in früheren Untersuchungen wurde darauf hingewiesen, dass regelmäßige Cannabis-Raucher, egal ob sie Cannabisprodukte nun mit oder ohne Tabak verbrennen und einatmen, statistisch gesehen eher an Husten und verschleimten Atemwegen leiden.

Genauer wollten es eine Forschergruppe um Michael Roth wissen. Sie untersuchten die Lunge von 40 Freiwilligen mit verschiedenen Konsummustern: (1) Nichtraucher, (2) Pur-Kiffer ohne Zigarettenkonsum, die rund fünf Spliffs in der Woche durchzogen, (3) Raucher, die eine halbe Schachtel Zigaretten täglich konsumierten und (4) Kombi-Kiffer, die sowohl kifften als auch Tabak rauchten. Jedes Mal wurden die Atemwege der Probanden per Endoskop videografiert und Lungenschleim untersucht (s. Foto). Das Ergebnis: Alle drei Rauchergruppen wiesen eine höhere Reizung der Bronchien auf als die Nichtraucher, wobei sich die Lungen der Pur-Kiffer und die der Tabak-Raucher kaum unterschieden. Am schlechtesten sah es bei den Kombi-Kiffern aus.

In Neuseeland untersuchten Robin Taylor und seine Kollegen über einen langen Zeitraum wiederholt den Atemtrakt von annähernd 1000 freiwilligen Kiffern, jeweils in deren 18ten, 21ten und 26ten Lebensjahr. Das Ergebnis: Sie litten im Vergleich zu Nichtrauchern eher an Husten, Schnupfen und Kurzatmigkeit. Dies galt unabhängig davon, so die Autoren, ob die Probanden zusätzlich auch noch Zigaretten rauchten. Wichtig: Es herrscht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Menge des in dem Zeiträumen gerauchten Cannabis und der Schwere der Schädigung der Lunge. Gerade die Dauerkiffer, so die Autoren, leiden eher an Husten, vermehrtem Auswurf und Atemnot bei Belastung.

Das über allen professionellen Rauchern hängende Damoklesschwert hört auf den Namen „Krebs“. Auch hier gab es in den letzten Jahren wichtige Erhebungen. Grundsätzlich wohnt auch dem reinen Cannabisrauch das Potenzial inne nsere Zellen mutieren zu lassen und zu Krebs zu führen. Die meisten Studien nutzen aber enorm hohe Dosen, um diesen Effekt an den Zellen nachzuweisen. Am saubersten ist daher formuliert: Cannabisrauch kann, muss aber nicht Krebs auslösen. Selbst ohne Tabak birgt der dauerhafte und über einen langen Zeitraum betriebene Konsum von Cannabis die Gefahr der Krebserkrankung.

1999 untersuchte Zuo-Feng Zhang und eine Gruppe von Forschern an der Universität von Kalifornien 173 Lungenkrebspatienten und Nichtraucher-Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Ein Krebsrisiko erhöht sich mit Dauer und Dosis des Marihuana-Konsums. Langzeit-Kiffer, so die Autoren, erkranken 2,6 Mal häufiger an Krebs als Nichtraucher. Und das Risiko auf Krebs steigt um das 10-36-fache, wenn man zudem noch regelmäßig Fluppen raucht.

Für Krebs wie für andere Krankheiten gilt: Oft ist es sehr problematisch einen Kausalzusammenhang zum Cannabis-Konsum nachzuweisen. Die meisten Kiffer rauchen parallel Tabak, viele kennen die Wirkung von Hanf nur aus Tabak-Joints. Es besteht zwar der starke Verdacht, noch ist aber nicht nachgewiesen, dass der pure Genuss von Cannabis zu Krebs führt.

Neuseeländische Forscher haben 2007 die Auswirkung von Cannabis- und Tabakrauch auf die Lunge erneut verglichen (Thorax, Juli 2007). Sie untersuchten vier Testgruppen: Erwachsene, die nur Cannabis rauchen, solche, die nur Tabak genossen, eine Gruppe, die beides konsumierte, und Nichtraucher. Die Cannabis-Pur-Raucher mussten mindestens 5 Jahre lang einen Joint pro Tag geraucht haben, die Raucher ein Jahr lang mindestens eine Schachtel Zigaretten pro Tag. Nach dem Durchlauf der Statistik brachten die Forscher die Durchschnittswerte auf eine prägnante Formel: ein Pur-Joint ist für die Lunge das Äquivalent von 2,5 bis fünf hintereinander gerauchten Zigaretten. Nach Ansicht der Wissenschaftler liegt das zum einen an der Tatsache, dass die Inhalation bei Pur-Rauchern viel tiefer und länger erfolgt.

Die schlimmsten Lungenschäden haben die Experten um Richard Beasley allerdings bei den Tabakrauchern und THC-Tabak-Kombinierern festgestellt. Sie litten öfter am sogenannten Lungenemphysem, einer Lungenkrankheit, die durch die Zerstörung der Lungenbläschen entsteht. Bei den Pur-Kiffern stellten die Forscher zwar kein Lungenemphysem fest, dafür aber leichtere Symptome wie pfeifenden Atem, Husten und „Schleimabsonderungen“, wie es in dem Bericht hieß.

Wohlgemerkt: Seit tausenden von Jahren verschafft Cannabis Asthmatikern Erleichterung, denn das Inhalieren des Rauches führt zu einer Erweiterung der Bronchien, die bis zu einer Stunde anhält. Und während so mancher Dauerkiffer fröhlich 85 Jahre alt wird, erwischt manchen sportlichen Veganer bereits mit 52 der Sensenmann. Wie so oft kommt es wohl auch auf die richtige Einstellung an. Und wer schon meint viel Gras und Hasch rauchen zu wollen, der sollte zumindest darauf achten seine kuschelige Körper-Geist-Einheit in Form zu halten. Das Motto „Viel hilft viel“ ist, egal, um was es nun geht, meist Raubbau am Körper, der sich früher oder später auf seine Weise rächen wird. Die junge Lunge kann sich erholen, ist sie aber erst einmal gründlich geteert wird es schwieriger mit dem Genuss der Riester-Rente.

Fazit: Die schädlichen Effekte von Tabak und Cannabis addieren sich, raucht man die beiden Kräuter zusammen, ist das weder aus Gründen eines kräftigen Highs noch aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll. Das klingt zwar puristisch, ist aber leider mittlerweile eine nachgewiesene Tatsache.

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Gesundheitssystem Psychoaktive Substanzen Specials

Alkohol Special: Der Geist aus der Flasche

hanfblatt nr.108, Juli 2007

Vom Geist aus der Flasche

Am Alkohol zeigt sich, wie eine Gesellschaft mit einer Droge lebt, mit der sie eigentlich nicht umgehen kann

Obwohl Alkohol eine stark psychoaktive Substanz ist, hat sich die flüssige Droge nicht nur weltweit verbreitet, sie ist auch in vielen Ländern legal zu erwerben. Der Reiz des Rausches ist hoch, die Lust auf Wein, Bier, Schnaps oder Alcopops ungebrochen. Der Alkohol nimmt eine zentrale Stellung unter der Rauschmitteln ein. Warum bloß?

Fusel besitzt einen enormen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, 73 Prozent der Bundesbürger halten es für akzeptabel, wenn jemand „mal einen über den Durst trinkt“. Angesichts der jährlich rund 40.000 Toten und den volkswirtschaftlichen Schäden mutet es seltsam an, dass ausgerechnet diese Substanz einen so hohen Stellenwert in der Gesellschaft besitzt. Rund 1,7 Millionen Deutsche trinken mehr als Leber, Herz oder Hirn vertragen, weitere 1,7 Millionen gelten als klassische Alkoholiker.

Die Lösung für dieses Phänomen liegt auf mehreren Ebenen:
(1) Weingeist und seine Derivate sind über Jahrhunderte ins kollektive Bewusstsein gebrannt worden, die Droge ist voll etabliert. Ganze Institutionen und markante Zeitsteine im Jahresverlauf drehen sich um den Alkoholrausch. Das Oktoberfest, der Fasching, aber auch die „besinnliche Weihnachtszeit“ sind ohne die Unmengen an ausgeschenktem Bier, entkorkten Flaschen und gestürzten Kurzen nicht denkbar. Und: Alkohol ist ein wichtiger Schmierstoff persönlicher und geschäftlicher Beziehungen.
(2) Umsatz und Gewinn der Hersteller stimmen. Alkoholherstellung kann lukrativ sein, die deutschen Weinregionen sind dazu Touristenmagneten. Die Lobby besitzt politischen Einfluss.
(3) Der Droge selbst wohnt wenig revolutionäres Potential inne. Ihre bewusstseinsverändernde, transformatorische Spannkraft ist im Vergleich zu entheogenen Substanzen gering. Simpel gesprochen: Den Mächtigen droht vom Alkohol wenig Umstürzlerisches, auch deshalb wird er nicht verboten.
(4) Alkohol ist gut zu dosieren und für verschiedene Zwecke nutzbar. Niedrig dosiert wirkt er meist kommunikativ, in mittleren Dosen enthemmend, in hohen Dosen lässt er alles vergessen. Zudem ist er gut mit anderen psychoaktiven Substanzen wie Kaffee und Cannabis – um mal nur die harmlosesten zu nennen – mischbar.

Angesichts dieser Vorteile werden die erheblichen Nachteile als Kollateralschäden in Kauf genommen. Nicht nur, aber auch aus diesem Zynismus heraus lässt sich der Schluss erklären, den die Befürworter eines Verbots von Cannabis in die Diskussion führen: Man hat einfach Angst in dieser zur Sucht neigenden Gesellschaft ein weiteres Fass aufzumachen.

Zwei Problemgruppen hat man im Auge. Das sind zum einen die Jugendlichen, die, glaubt man den Zahlen, immer früher mit dem Alkoholkonsum anfangen und auch immer früher den Vollsuff praktizieren. Einige Zeit herrschte Aufregung um die sogenannten Alcopops, im Grunde recht biedere Zucker-Mischgetränke mit viel Alkohol, eine Art hässliche Nachgeburt der Techno-Generation. In Folge eines Alcopopgesetzes reduzierte sich der Konsum bei den unter 18-Jährigen auf 16 Prozent von vormals 28 Prozent im Jahr 2003.

Die Alkoholdealer halten seither dagegen: Kneipen bieten im herrlichsten Neusprech eine Alkohol-“Flatrate“ an, von 20-2 Uhr kann gesoffen werden was geht. „Binge Drinking“ ist Komasaufen, Ziel ist der möglichst schnelle Rausch inklusive Bewusstlosigkeit. Beliebt ist dieser Sport zurzeit in Großbritannien und einigen Ländern Skandinaviens, dort wird der Alkohol nicht nur unter Jüngeren ohnehin gerne zügig konsumiert. Ich erinnere mich an den Besuch einer Feier in Schweden, bei der alle Anwesenden binnen kürzester Zeit extrem betrunken waren, ohne Hemmung torkelten und auf die Straße kotzten.

Nur nebenbei: Seit Jahrzehnten dringt aus den teutonischen Schmieden keine Information über das Saufverhalten der Soldaten nach draußen. Aus guten Grund, denn jeder, der die Ehre hatte in dem Haufen zu dienen, weiß, dass hier der Grundstein für manche Alkoholikerkarriere gelegt wird. Die Anfälligsten bleiben gleich da.

Die andere Problemgruppe sind die stark trinkenden fast-schon oder tatsächlichen Alkoholiker. Alles in allem dümpelt der Pro-Kopf Verbrauch von reinem Alkohol in Deutschland seit über zehn Jahren bei rund 10 Litern jährlich, nur die Verhältnisse zwischen den Sorten verschieben sich. Wichtig bei der ganzen Zahlenspielerei um steigenden oder sinkenden Verbrauch von Bier und Wein ist: Ein Anteil von ungefähr acht Prozent der Bevölkerung konsumiert rund 40 Prozent des verkauften Alkohols.

Suchtvermeidend kann die alte Regel sein, nicht alleine zu trinken. Aber die Umgehungschancen sind groß, man braucht sich nur in den Dorf-und Großstadt-Kneipen umzusehen, in denen Abend für Abend die selben Kapeiken am Tresen hocken, sich gegenseitig die Welt erklären und Freundschaft fürs Leben schließen. Die deutsche Schlagerkultur („Sieben Fässer Wein“, „Einer geht noch“, ) und zahlreiche Alltagsweisheiten („Auf einem Bein kann man nicht stehen“) feuern den Alkoholkonsum noch an.

Es kann als weiterer Hinweis auf die Komplexität der Drogenwirkung im Spannungsfeld von Set und Setting interpretiert werden, dass trotz einem Jahrhundert intensiver Erforschung der Alkoholabhängigkeit die Therapie derselben weiter schwierig bleibt (s. Interview mit dem Suchtforscher Andreas Heinz).

Laaaaangweilig: Geschichtsstunde

Zurück in der Zeit. Der Alkohol schaffte es als Wein und damit „Blut Jesu“ in die christliche Mythologie, in den griechischen Mythen galt Dionysos nicht nur als Gott des Weines, sondern auch der der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Der Alkoholrausch galt als kleine Vorwegnahme der Unsterblichkeit, eine Vorahnung des ewigen Lebens. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurden dem Wein magische Kräfte zugesprochen, er wurde als Heilmittel gegen jedwede Wehwechen und ernsthafte Krankheiten eingesetzt. Die therapeutische Breite schien unerschöpflich. Bis in die 80er Jahre des letzten 20. Jahrhunderts hinein erhielt jeder Matrose in der englischen Marine täglich eine Portion Rum (rund 100 ml).

Im Mittelalter gehörte das maßlose Trinken zum Bürgeralltag, wer es sich leisten konnte, der soff. Mit der Rationalisierung des Lebens änderte sich ab dem 16. Jahrhundert auch die Einstellung zum Alkohol, die Obrigkeit setzte vermehrt auf Alkoholverbote, die immer auch im Zusammenhang mit den Luxusverboten standen, wie Kleiderordnungen, Verboten von bestimmtem Schmuck, teuren Kutschen und vergoldeten Möbeln. Religiöse Strenge und Abstinenz bedingen sich bei den christlich geprägten Religionen. Gleichwohl galten gerade die Mönche als Vorreiter des Suffs und der Völlerei.

Die Zwanghaftigkeit, die vom Alkoholismus ausgeht, wurde lange Zeit nicht gesehen, bis ins 18. Jahrhundert hinein galt es als freie Entscheidung des Trunkenboldes sich tagtäglich die Birne dichtzuknallen. In Amerika und Europa wurde der Alkohol im 19. und 20. Jahrhundert zum Sündenbock für alle möglichen schlechten Verhaltensweisen des Menschen. Die Mäßigkeitsbewegung radikalisierte zur Prohibition. In den USA gab es erste Verbote in einigen Bundestaaten bereits in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Nahezu alle wurden nach ein paar Jahren widerrufen. 1869 gründete sich dann die „Prohibition Party“ (die bis heute existiert!), es kam zu (heute noch üblichen) seltsamen Bibelauslegungen und schließlich zur berühmten Prohibition von 1919-1933.

Der Alkoholkonsum der Arbeiterklasse ging daraufhin tatsächlich zurück: sie konnten sich den teuren Schwarzmarktschnaps nicht leisten, zugleich tranken der Mittelstand und die Jugendlichen soviel wie nie zuvor; die Mafia entstand. Es war weniger der Aufstand der Massen, als vielmehr ökonomische und juristische Zwänge, die zur Aufhebung der Prohibition im Jahre 1933 führten. Viele Großunternehmen wie Cadillac, General Electric, Boeing und die Southern Pacific Eisenbahngesellschaft glaubten, dass durch die Wiedereinführung der Getränkesteuer ihre Einkommensteuer gesenkt werden könnte. Dazu kam eine um sich greifende Missachtung der Pohibitions-Gesetze, die langsam auf andere Bereiche übergriff. Der Respekt vor dem Recht sank.

Initiation

Will man den Wert einer Droge an den Initiationsriten festmachen zeigt sich in der westlichen Welt ein Phänomen: Die Einführung in den Alkoholrausch besteht meist aus einem dreiphasigen Lall-, Taumel- und Kotzereignis.

Wer dagegen von den guten Seiten des Alkohols sprechen will, der spricht vom Wein. Noch heute trinken in Frankreich die Menschen durchschnittlich sechs Gläser am Tag und leben trotzdem lang; diese Geschichte durchstreift die Weinstuben der deutschen Republik genauso häufig wie die von der niedrigen Herzinfarktquote unter den Franzosen. baccus

Wein, das bedeutet heute eine enorm diversifizierte Kultur, die sich zwischen den beiden Enden Genuss und Sucht entfaltet. Sie variiert vom Tetrapack bis zum Luxusgut. Weinkeller, Dekantierflaschen, Degustation, Weinführer, Weinzeitschriften: Das Brimborium rund um den gegärten Traubensaft könnte als gute Matrize für die Eingliederung des Rauschhanfs und seiner Produkte dienen. Es ist die eingehende Beschäftigung mit der psychoaktiven Substanz, die Liebe zum Objekt, die Kenntnis von Wirkung und Nebenwirkung, das liebevolle Stapeln von Flaschen im Weinregal oder später Weinkeller, die einem Missbrauch der Droge vorbeugt, besser gesagt: vorbeugen kann.

Neben den wichtigen sozialen und individuellen Faktoren steigt die Gefahr in ein Abgleiten in die Abhängigkeit mit der Radikalität der Dareichungsformen und Einnahmetechniken. Sicher, die Dosis macht das Gift und auch gebrannte Schnäpse können ebenso wohldosiert wie Wein werden, dies setzt aber mehr Erfahrung voraus. Die meisten älter werdenden Jugendlichen verstauen das 80 Zentimeter Bong aus gutem Grund irgendwann im Schrank und setzen auf mildere Formen der THC-Aufnahme.

Der Deutsche Brauer Bund weist in einem Gutachten auf die vielen positiven Eigenschaften hin, die der Alkohol hat. Für den Chef des Brauerbundes, Richard Weber, ist Bier ohnehin kein Sucht-, sondern ein Genussmittel. Er sagt: „Wir sind Bierbrauer, keine Drogendealer“. Genau in diesem Punkt irrt er.

Die Bayern pochen seit Jahrhunderten auf ihren Suff, für sie ist der niedliche Gerstensaft in erster Linie ein „Lebens-“ besser noch „Grundnahrungsmittel“. Sie haben es geschafft. Dazu argumentieren die Hersteller mit Zahlen: Man gebe im Jahr rund 562 Millionen Euro an Werbegeldern in Deutschland aus, von den 200.000 Arbeitsplätze mal ganz abgesehen. Es ist dem Druck dieser Lobby zu verdanken, dass bisher keine weitreichenden Verbotsmaßnahmen umgesetzt werden. Aber der Fall des Rauchverbots zeigt: der Alkoholindustrie könnten schwere Zeiten bevorstehen. Eine potentielle Fremdgefährdung in Folge von Alkoholkonsum, gegenüber der die Gefahren des Passivrauchens vergleichsweise harmlos erscheinen, ließe sich hier ob im Straßenverkehr oder durch alkoholbedingte Straftaten problemlos an Hand von Statistiken belegen.

Die vielen Varianten des Alkohols werden derzeit jedoch überwiegend als Nahrungs- und Genussmittel akzeptiert, die heil- oder unheilvolle Wirkungen im Kräftespiel von Dosis, Individuum und sozialem Umfeld entfalten. Dahin sollten es eigentlich auch mehr der anderen und viel diskutierten Drogenzubereitungen schaffen. Denn die Zunahme an Verboten führt immer tiefer in eine repressive Gesellschaftsform hinein; vielleicht werden die Tabaknutzer tatsächlich bald zu den „neuen Junkies“, wie Günther Amendt vermutet. Eine freiere Gesellschaft bräuchte für die vielen Verlockungen die Bereitschaft zur Entwicklung vernünftiger regelmäßig an die aktuellen Umstände angepasster Konsumregeln, die nicht pauschal in Ignoranz gesellschaftlicher Realitäten mit staatlicher Autorität durchgeprügelt werden, sondern ein breites Spektrum im Feld von spirituellen Ritualen wie bei Ayahuasca, über Weindegustationen an der Mosel, schicken Whiskyverkostungen in den Städten bis zu rammelnden Techno-Festen abdecken.

 

 

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Interview mit dem Kognitionsforscher John-Dylan Haynes

Berliner Zeitung v. 24.03.2007

Der Gedankenleser

Interview mit dem Kognitionsforscher John-Dylan Haynes vom Berliner Bernstein-Center über die Möglichkeiten mittels Kernspintomografien dem Menschen beim Denken zuzusehen

Das bildgebende Verfahren der funktionalen Magnetresonanz-Tomographie (engl: fMRI) ermöglicht Einblicke in die Funktionsweise des aktiven Gehirns, Wissenschaftler aus den Bereichen Neurologie, Kognitionswissenschaft und Biotechnologie nutzen die Apparate, um dem Menschen beim Denken zuzusehen.
Die Bilder haben enorme Suggestivkraft, decken sie doch eine bisherige Intimsphäre des Menschen auf: Denken und Emotionen liegen nun scheinbar offen, um auf dem Seziertisch von Psychologen und Hirnforschern analysiert zu werden.

Die Technik der Kernspintomografie funktioniert vereinfacht dargestellt so: Zunächst wird ein starkes Magnetfeld von mindestens 1,5 Tesla auf den menschlichen Kopf ausgestrahlt. Die Veränderung diese Blutflusses beim Denken sowie die Sauerstoffsättigung des Blutes ziehen Veränderungen des lokalen Magnetfelds mit sich, die vom Gerät aufgezeichnet werden können. So kann prinzipiell jede mentale Aktivität gemessen werden.

Am Bernstein-Center hat nun der Kognitionsforscher John-Dylan Haynes die Professur für „Theorie und Analyse weiträumiger Hirnsignale“ angetreten. Er soll weiter in den Welten des Bewusstsein eindringen und klären, auf welchen neuronalen Grundlagen unsere Hirnleistungen beruhen.

Frage: Professor Haynes, in welchen Bereichen ist man schon heute sicher in der Lage aus fMRI-Scans abzuleiten was ein Proband wahrgenommen hat?

John-Dylan Haynes: Man kann schon sehr gut elementare Bilder, wie zum Beispiel Linienmuster oder aber auch komplexere Bilder erkennen. Unsere Forschung hat jetzt auch gezeigt, dass man sogar in der Lage ist, verborgene Absichten und Pläne aus der Hirnaktivität abzulesen.

Zum Beispiel?

John-Dylan Haynes: Wir haben einen Probanden gebeten, sich frei eine von zwei Aufgaben auszusuchen, dann aber vor der Ausführung ein paar Sekunden zu warten. Noch bevor der Proband mit der Bearbeitung der Aufgabe loslegte konnten wir aus dem Gehirn auslesen, welche Aufgabe sich der Proband insgeheim ausgewählt hatte. Wir konnten also quasi seine verdeckten „Absichten“ lesen.

Zur Verdeutlichung: Können sie als Versuchsleiter quasi live am Bildschirm verfolgen, welchen Kreis der Proband gerade betrachtete oder muss dazu erst ein computergestütztes Analyseverfahren bemüht werden?

John-Dylan Haynes: Prinzipiell wäre es schon möglich quasi-online zu rekonstruieren, was ein Proband gerade sieht. Allerdings wäre damit ein erheblicher Rechner-Aufwand verbunden, weshalb wir zur Zeit offline arbeiten und die Wahrnehmung im Nachhinein ermitteln. Die Mustererkennung einer 1-stündigen Kernspin Sitzung kann pro Proband schon mal 24 Stunden dauern. Es liesse sich jedoch ohne viel Aufwand auch ein quasi-realtime Erkennung realisieren.

Existieren theoretische Grenzen bei dem Auslesen von Vorgängen im Gehirn?

John-Dylan Haynes: Auf jeden Fall gibt es theoretische Grenzen. Selbst wenn man einen perfekten Hirnscanner hätte, der Hirnprozesse bis ins feinste Detail auflösen kann, müsste man noch wissen, welcher Hirnzustand zu jedem Gedanken gehört. Theoretisch müsste man also die Aktivierungsmuster zu jedem einzelnen denkbaren Gedanken aufgezeichnet haben, was natürlich unmöglich ist.

Sind nicht viele Hirnprozesse einmalige Aktivitäten, weil sich die Engramme ständig ändern? Was bedeutet das für die Aussagekraft der Experimente?

John-Dylan Haynes: Das Gehirn verändert sich in der Tat ständig, und das könnte auch für das Auslesen von Gedanken ein Problem sein, auch wenn wir hierüber zur Zeit noch nichts genaueres wissen. Es ist aber denkbar Verfahren zu entwickeln, die auch diese Lernprozesse in Betracht ziehen.

Existiert so etwas wie ein „guter Bewusstseinszustand“ (Thomas Metzinger), sollte man Kindern das weltanschaulich neutrale Meditieren beibringen?

John-Dylan Haynes: Sicherlich gibt es positive und weniger positive Bewusstseinszustände und Gedanken, und Meditation trägt sicherlich zu einem ausgeglicheneren und positiveren „Grundbewusstsein“ bei. Ich bin jedoch skeptisch inwiefern es möglich ist, durch „Nachdenken“, oder besser gesagt „Nicht-Nachdenken“, allein wirklich tiefgreifende Veränderungen der Persönlichkeit herbeizuführen. Ich halte die menschliche Persönlichkeit für weitgehend Veränderungsresistent.

Aber verändert sich das Gehirn und damit die Persönlichkeit nicht oft, sei es durch einschneidende Erlebnisse, sei es durch wiederholtes Übungen?

John-Dylan Haynes: Das Gehirn und somit auch die Persönlichkeit ändert sich ständig, mit jeder Erfahrung, die wir machen. Die entscheidende Frage ist jedoch, inwiefern wir diesen Veränderungsprozess in unserem Sinne steuern können. Wir können natürlich durch Training bestimmte motorische Fertigkeiten oder Denkabläufe optimieren. Wir können auch durch Verhaltenstherapie bestimmte Ängste in den Griff bekommen. Beides geht mit Veränderungen im Gehirn einher. Allerdings sind die Kerneigenschaften unserer Persönlichkeit weitgehend resistent gegenüber gezielten Veränderungen, was sich nicht zuletzt darin zeigt, wie schwierig eine psychotherapeutische Behandlung von Persönlichkeitsstörungen ist. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist auch, wie solche gezielten Veränderungen der „Neuropsyche“ am besten zu erreichen sind. Zur Zeit hat die Hirnforschung nur wenig Mittel, gezielte Veränderungen der Persönlichkeit herbeizuführen, weil wir keine gezielten „Inhalte“ in das Gehirn „schreiben“ können. Auf absehbare Zeit ist Psychotherapie dafür immer noch der beste Weg.

Durch die Erfolge des Brain-Readings stellen sich alte ethische Fragen neu. Welche halten sie für die dringensten?

John-Dylan Haynes: Die ethischen Probleme des Brain-Readings sind in den letzten Jahrzehnten schon oft im Zusammenhang mit Lügendetektion diskutiert worden. Die Frage war, inwiefern man die „mentale Privatsphäre“ des Menschen vor technischen Zugriffen schützen sollte. Diese Debatten waren allerdings eher theoretischer Natur, weil wir keine guten Techniken zum Auslesen von Gedanken hatten. In meinen Augen wird sich diese Frage in den nächsten Jahren völlig neu stellen, sobald wir tatsächlich über hocheffektive Techniken verfügen, menschliche Gedanken aus der Gehirnaktivität abzulesen. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sich Gerichte nicht ewig sperren können, Brain-Reading Beweise zuzulassen, denn die Beweise können ja auch zu einer Entlastung beitragen. Und im Bereich der Rehabilitation werden bereits heute sogenannte Brain-Computer-Interfaces entwickelt, mittels derer Gedanken ausgelesen werden, um künstliche Prothesen oder Joysticks zu steuern. Ein anderes Beispiel: In den USA gibt es den Employee Polygraph Protection Act, der regelt, dass bei Einstellungstests keine Polygraphen-Tests zum Einsatz kommen dürfen. Ausnahmen sind nur für Bundesbehörden mit hohem Sicherheitsbedarf gestattet. Oder nehmen Sie zum Bespiel die Flugsicherheit. Wenn es eine hypothetische Möglichkeit gäbe einen Terroristen an seiner Gehirnaktivität zu erkennen, können wir uns dann dagegen sperren, solche Verfahren einzusetzen? Wir brauchen also eine neue ethische Debatte darüber, in welchen Bereichen wir Brain-Reading zulassen wollen, und in welchen nicht.

 

 

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Der Trend zum functional food zeigt die Virtualisierung der Ernährung und birgt mehr Risiken als Vorteile

Das Essen der Zukunft

Das Geschäft mit Lebensmitteln mit einem beworbenen Zusatzwert boomt. Joghurts mit Bakterienkulturen, cholersterinsenkende Margarinen, ACE-Fruchsäfte, jodiertes Speisesalz. Die Regale in den Supermärkten sind voll mit Nahrung, denen gesundheitsfördernde Substanzen beigemengt wurden. Der Markt wird weiter wachsen, schon in 2005 lag das Umsatzwachstum bei probiotischen Joghurts bei knapp 17 Prozent, im ersten Halbjahr 2006 bei über 12 Prozent. Weltweit werden jährlich rund 590 Millionen Euro für diese Milchmixprodukte ausgegeben.

Für die USA prognostiziert das Natural Marketing Institute (NMI) weiterhin riesige Wachstumsraten. Bis 2009 sollen im Sektor der funktionalen und ergänzten Nahrungsmittel jährlich knapp 60 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden, Food-Design Experten wie Elizabeth Sloan propagieren den ungebrochenen Trend.

Noch ist der Anteil von „functional food“ an der täglichen Nahrung bei uns gering, er liegt bei unter drei Prozent. Heiko Dunstmann, Nahrungsergänzungsmittel-Experte an der Universität Weihenstephan, erwartet bis 2011 allerdings eine Verdoppelung. Beim Unilever-Konzern denkt man größer. Weil das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung weiter steige, würden auch Mehrwert-Produkte eine immer größere Bedeutung erlangen. Parallel dazu, so nimmt man an, stehe der Konsument künftig noch mehr in Eigenverantwortung für seine Gesundheit. Der Sprecher des Unternehmens, Rüdiger Ziegler, sagt: „Wir erwarten, dass der Anteil an functional food bis 2010 auf einen spürbaren Anteil vom weltweiten Lebensmittelmarkt wachsen wird.“

Die Industrie lebt vom Schaffen neuer Bedürfnisse, im sensiblen Bereich der Fütterung einer bewegungsarmen Gesellschaft gelingt dies besonders gut. Das Marktforschungsunternehmen ACNielsen hat gerade durch eine Umfrage herausgestellt, dass schon heute über 41 Prozent der Deutschen dem Satz zustimmen: „Lebensmittel mit gesundheitsförderndem Zusatznutzen halte ich für eine gute Sache“. Dabei ist die positive Wirkung der frisierten Speisen umstritten, mehr noch, von manchen Zusatzstoffen gehen gesundheitliche Risiken aus. Und: Die designte Nahrung ist eine weitere Etappe auf dem Weg zur völligen Denaturierung menschlicher Kost.

„Aus Sch… Geld zu machen“

Die wohl bekannteste Funktionsspeise auf dem deutschen Markt ist der probiotische Joghurt. Nestle („LC1“), Danone („Actimel“), Müller Milch („ProCult“) und mittlerweile auch die Discounter-Märkte bieten Joghurts an, die mit Bakterienstämmen ergänzt wurden. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, jeweils genau definierte, gezüchtete Stämme. Die Theorie: Diese Mikroorganismen sollen sich im Darm ansiedeln, das Immunsystem stimulieren und für eine bessere Verdauung sorgen. In der perestaltischen Praxis ist unsicher, wie viele der neuen Helfer tatsächlich im Darm ankommen.

Die Zeitschrift „Ökotest“ stellte bereits 1999 viel niedrigere Konzentrationen in Joghurts fest. Zudem überlebten nur zehn bis maximal 40 Prozent der Keime den Weg durch Magen und Galle, der größere Teil kam also gar nicht an.

Sind die probiotischen Joghurts also nur ein Marketing-Gag? Die Hersteller halten mit Expertisen dagegen. Im Nestle-Labor bei Lausanne hat man Jahre lang unterschiedlichste Bakterienarten überprüft und sich schließlich für die Sorte „Lactobacillus acidophilus“ entschieden. Eine Milchsäurebakterie, die im Darm heimisch ist und in dem Ruf steht das Immunsystem zu stärken.

Sie wurde von den Forschern ursprünglich aus menschlichen Fäkalien gewonnen wurde, ein Umstand, der den Lebensmittel-Experten Udo Pollmer („Lexikon der Ernährungsirrtümer) 1999 zu der Aussage brachte: „Womit es der Lebensmittelwirtschaft tatsächlich gelungen ist, aus Sch… Geld zu machen.“ Ob einige der aktuellen Keime noch immer aus Kot oder Vaginalabstrichen stammen oder künstlich hergestellt werden, vermag Pollmer heute nicht zu sagen, „auch wenn es naheliegen mag.“

Milchsäurebakterien wurden schon immer genutzt, um Joghurt herzustellen. Die heute zugefügten probiotischen Mikroben gehören verschiedenen Stämmen an, die Herstellern setzen auf eigene Entdeckungen, um dem „Innovationsprodukt 1995“ LC1 Marktanteile streitig zu machen. Müller arbeitet mit dem Bifidobakterium „longum BB 536“, die Firma Yakult mit dem „lactobacillus casei shirota“.

Noch fehlen Studien über die Langzeitwirkung, aber Nestle konnte nachweisen, dass beim tägliche Verzehr eines LC1-Joghurts über mehrere Wochen hinweg der Anteil dieser Bakterien um das Zehnfache wächst. Dadurch, so zeigten voneinander unabhängige Studien, können Durchfälle, die durch Rotaviren oder nach Antibiotikatherapie auftreten, kürzer dauern und seltener auftreten.

Lohnt der Kauf der teureren Produkte also? Ansichtssache: Schon der konventionelle Joghurt reduzierte die Dauer von Diarrhöen von 8 auf 5 Tage, der probiotische auf 4 Tage. (1)

Dauereinsatz

Mittlerweile hat sich die Erforschung der Probiotika auf Erkältungen ausgedehnt. Auch bei Infektionen der oberen Atemwege scheinen Probiotika positive Effekte zu zeigen. In einer Doppelblindstudie verkürzte die Anwendung eines probiotischen Keimgemisches die Erkältungsdauer um knapp zwei Tage, auch die Symptomatik wurde reduziert.(2)

Aber: Um den immunsteigernden Effekt der Mikroorganismen aufrechtzuerhalten ist eine dauerhafte Zufuhr nötig. Noch ist unklar, wie lange die probiotischen Keime im Darm überleben und welche Dosen für eine eventuelle Kolonisierung nötig sind. Um überhaupt einen Einfluss auf die Darmflora ausüben zu können müssen wahrscheinlich täglich 108 (10 hoch 8) quicklebendige Zellen aufgenommen werden. Das probiotische Lebensmittel muss also mindestens 106 (10 hoch 6) solcher Zellen pro Gramm oder Milliliter enthalten, wenn die erforderliche Bakterienmenge mit üblichen Verzehrsmengen verpeist werden soll. Und noch ein Problem stellt sich: Schon nach ein paar Tagen ohne probiotischen Joghurt normalisieren sich die hohen Werte an gesunden Bakterien wieder.

Sind damit auch die Gefahren ausgeschlossen? Zumindest sind Probiotika bei hoher Dosierung nicht ungefährlich. Zumindest die Hersteller von Probiotika-Kapseln müssen auf ihren Beipackzetteln vor möglichen Risiken warnen, denn bei Menschen mit empfindlicher Bauchspeicheldrüse, Galle und Leber sind Komplikationen möglich. (3)

Noch weitgehend unbekannt sind Wirkmechanismus und Pharmakokinetik der Probiotika. Udo Pollmer sieht den Hype um die Bio-Kulturen kritisch: „Die Versuche, die Darmflora gezielt zu verändern, muten etwas seltsam an, wenn man bedenkt, daß deren genaue Zusammensetzung immer noch unbekannt ist.“ Eine generelle positive Bewertung von Probiotika ließe sich nicht vornehmen, die Effekte seien immer nur für einen oder wenige Bakterienstämme nachgewiesen.

Jürgen Schrezenmeir von der Bundesanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kiel beurteilt die Datenlage insgesamt dagegen als so überzeugend, daß er zu einer präventiven Einnahme von Probiotika rät: „Es spricht vieles für eine Empfehlung“, erklärte Schrezenmeir 2005, allerdings bei einer Veranstaltung des „Instituts Danone für Ernährung“ in Stuttgart.

So kompliziert wie möglich

Den nächsten Schritt Richtung weitgehender Denaturierung der Nahrung ging 2004 Benno Kunz an der Universität Bonn. Er und sein Team von Lebensmitteltechnologen verpackten Milchsäurebakterien in sogenannte Mikrokapseln. Darüber gelangen die Probiotika unbeschadet durch die Magensäure hindurch in den Darm, wo sie ihre Wirkung entfalten können. Mit der Erfindung können künftig auch andere Produkte mit Probiotika aufgepeppt werden, zum Beispiel Wurst oder Gummibärchen. Im baden-württembergischen Ellwangen steht beim Chemieunternehmen Rettenmaier & Söhne bereits eine Produktionsanlage, die das Verfahren zur Herstellung von mikroverkapselten „Lactobacillus reuteri“-Bakterien nutzt.

Die Diskussion um die probiotischen Zusätze lässt sich auf andere Substanzen übertragen, die ihren Weg vermehrt in die Lebensmittel finden. Die Idee, Nahrung pharmazeutisch aufzupeppen, ist zwar nicht neu, wurde aber in den letzten Jahren perfektioniert. Bis vor zehn Jahren ging es noch um einzelne Anreicherungen, beispielsweise reicherte man Orangensaft mit Calcium an. Heute landen eine Vielzahl von Vitaminen, Mineralien und Antioxidantien in allmöglichen Produkten. In den USA gibt es inzwischen kaum mehr ein industriell verarbeitetes Nahrungsmittel ohne diese „Zusätze“.

Für die industriell ausgefeilte Nahrungsmittelindustrie wird die unbehandelte Kartoffel vom Feld immer mehr zum Greuel, suggeriert sie doch, dass man auch ohne Zusatzstoffe gesund und preiswert leben kann. Aber genau dies ist möglich, nur wird es von den Apologeten der funktionellen Ernährung gerne verschwiegen. „Gute Nahrung“ muss für sie möglichst lange chemischen Prozessketten durchlaufen, nur dann wirkt sie „optimal“.

Soylent Green?

Damit stehen sie in zwei althergebrachten Traditionslinien, die zunehmend kritisch gesehen werden. Zum einen in der Tradition den Menschen als Maschine anzusehen, der nur etwas eingeworfen werden muss, um eine beliebige Funktion in Gang zu setzen. Zum anderen in der Tradition einer industrialisierten, pestizidkonformen Landwirtschaft, die in dem Ruf steht, die Grundlage ihrer Produkte, die Natur, durch unbedachten Umgang zu zerstören und zudem Nutztiere unter zumindest seltsamen, oft aber auch einfach erschreckenden Bedingungen hält. Selbst glückliche Bio-Kühe auf grünen Almen werden in kurzen Abständen neu geschwängert, um Milch zu geben.

Überzeichnet dargestellt sorgt eine hochtechnisierte Weiterverarbeitung in den Fabriken dafür, jeden verbliebenen, naturnahen Inhaltsstoff aus Milch, Frucht und Gemüse herauszuprügeln, um ein gleichförmiges Einheitsprodukt zu garantieren. Während in Halle 1 das Gut durch mechanische Behandlung und chemische Bäder gereinigt, separiert und purifiziert wird, soll in Halle 2 dem entleerten Produkt wieder eine Seele eingehaucht werden, indem allerlei Substanzen beigefügt werden.

Mancher Erdbeerjoghurt hat nur den Bruchteil einer Erdbeere gesehen und erhält seinen Geschmack durch australische Holzspäne und seine Konsistenz durch Emulgatoren. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Hinter allem steht der von Industrie und vielen Verbrauchern gleichermaßen getragene Irrglaube, man könne Nahrungsmittel immer billiger herstellen, ohne das sie dabei an Güte zu verlieren. Aber in die Einsicht dieses sauren Apfel will kaum einer beißen.

So wird es bei dem Trend bleiben „unser täglich Brot“ als Optimierungsspielwiese zu betrachten, um ungeahnte Konsumentenwünsche zu erzeugen. Pillenaffinität und Wissenschaftsgläubigkeit geben den Weg zur Durchdringung der alltäglichen Lebensmittel mit Zusätzen frei. Mit der Gesundheitsangaben-Verordnung der EU (siehe „Wucht und Wahrheit in Tüten„) ist es einem Hersteller bald erlaubt darauf hinzuweisen, dass sein Lebensmittel das Risiko an einem bestimmten Gebrechen zu erkranken senkt. Die Unterschiede werden fein: Es bleibt dem Hersteller weiterhin verboten, sein Produkt als Heilmittel von Krankheiten zu bewerben.

Zutat oder Marginalie?

Für das „functional food“ wird das eine neue Zeit einläuten. Ein durch EU-Experten bestätigter, gesundheitlicher Zusatznutzen, der offen beworben werden kann, wird Heerschaaren von Wissenschaftler im Auftrag der Konzerne auf die Suche nach immer neuen Lebensmittelzusätzen gehen lassen, die möglicherweise das Risiko senken, zu einer bestimmten Krankheit zu erkranken. Vorbild für die EU sind die Regularien der amerikanischen FDA (Food and Drug Administration). In den USA wird die Liste mit den angeblich gesunden Inhaltsergänzungsstoffen immer länger.

Angelika Michel-Drees vom Verbraucherzentrale Bundesverband ist daher besorgt, dass zukünftig Lebensmittel mit einem ungünstigen Nährstoffprofil zu functional food und somit als gesund ausgelobt werden können. „Süßigkeiten, Knabberartikel und zuckerhaltige Getränke sollten beispielsweise nicht durch Anreicherung und entsprechender Auslobung ein gesundes Image verliehen werden können.“ Die angereicherte Produkte würden auch „nicht automatisch gesünder machen“, so Michel-Drees, „denn sie können möglicherweise eher Ernährungsfehlverhalten und sonstige falsche Lebensgewohnheiten noch fördern.“

Neben den Probiotika sind es vor allem Vitamine, die Produkten beigemengt werden. Sie werden von Pharma-Konzernen wie BASF und DSM hergestellt und vertrieben. Der beliebte ACE-Vitaminmischung landet in Fruchsäften. In Deutschland hat das Bundesinstitut für Risikobewertung zwei Publikationen herausgegeben, in denen die toxikologischen und ernährungsphysiologischen Aspekte der Verwendung von Vitaminen und Mineralstoffen in Lebensmitteln erläutert werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht den chemischen Zauber nicht gerne, ihr Fazit: Wer sich vernünftig ernährt (und natürlich an die Richtlinien der DGE hält) braucht nur in Ausnahmezeiten wie der Schwangerschaft eine Extra-Portion irgendwelcher Vitamine.

Gehen Nahrungsergänzungsmittel und „functional food“ also weithin am tatsächlichen Bedürfnis der Menschen vorbei und tragen eher zur degenerierten Esskultur bei anstatt sie zu verbessern? Einige Ernährungsexperten äußern die Vermutung, dass die angereicherte Nahrung ohnehin nur der Gewissensberuhigung dienen. Mit einem probiotischen Joghurt pro Tag und ein paar Vitaminpillen würde versucht, den ansonsten ungesunden Lebenswandel wett zu machen. Dabei ist die Lösung aus dem Dilemma von schlechter Ernährung und Verfettung vergleichsweise einfach: Regelmäßige Bewegung und naturnahe Produkte, maßvoll genossen. Und am Ende der Diskussion um Probiotika und andere Zusätze in „funktionellen“ Lebensmitteln stellt sich heikle Frage: Wenn mit solchen Zutaten tatsächlich Krankheiten behandelt werden können, handelt es sich dann nicht doch um Medikamente?

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Endnoten:

(1) Ärzte Zeitung v. 30.08.2005.
(2) M. de Vrese u.a. (2005): Effect of Lactobacillus gasseri PA 16/8, Bifidobacterium longum SP 07/3, B. bifidum MF 20/5 on common cold episodes: a double blind, randomized, controlled trial, in: Clinical Nutrition, Nr. 24, S. 481-491.
(3) Catanzaro, J.A.; L. Green (1997): Microbial ecology and probiotics in human medicine (part II). Alt. Med. Rev. 2: S. 296-305.

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Werbeslogans und Verpackungsangaben werden sich radikal ändern

telepolis, 09.12.2006

Wucht und Wahrheit in Tüten

Nach einem Beschluss der EU werden sich die Werbeslogans und Verpackungsangaben der Lebensmittelbranche radikal ändern müssen

Künftig sollen sich Verbraucher darauf verlassen können, dass die vollmundig-kryptische Werbung für Lebensmittel zutrifft. Die Verordnung über gesundheits- und nährwertbezogene Angaben der Europäischen Union legt fest, welche Substanz-Mengen ein Produkt enthalten muss oder darf, um mit bestimmten Slogans werben zu dürfen. Bislang war gesetzlich nicht geregelt was mit unscharfen Begriffen wie „zuckerarm“ oder „hoher Ballaststoffgehalt“ gemeint war. Zukünftig dürfen sie nur benutzt werden, wenn festgelegte Werte erfüllt sind. So muss ein Lebensmittel mindestens sechs Gramm Ballaststoffe pro 100 g enthalten, um mit der Angabe „hoher Ballaststoffgehalt” werben zu dürfen. Um als natrium- bzw. kochsalzarm zu gelten, muss ein Produkt weniger als 0,12 g pro 100 g oder 100 ml enthalten.

Das auf Packungen beliebte „fettarm“ wird ebenfalls genauer definiert: Erst bei weniger als drei Gramm Fett in 100 g und 1,5 Gramm Fett in 100 ml gilt Nahrung als fettarm. „Fettfrei“ darf sie sich schon nennen, wenn sie weniger als ein halbes Gramm pro 100 g enthält. Auch die für Diabetiker wichtige Bezeichnung „zuckerfrei“ operiert nicht mit dem Nullwert, sondern mit einem halben Gramm pro 100 g.

In der vom EU-Parlament genehmigten Fassung blieb der Artikel 4 über die umstrittenen sogenannten „Nährwertprofile“ erhalten. Danach darf eine nährwertbezogene Angabe nur gemacht werden, wenn das betreffende Lebensmittel ein bestimmtes Profil, beispielsweise einen geringen Gehalt an Salz, Fett oder Zucker aufweist. Diese Profile werden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in den kommenden zwei Jahren festgelegt.

Die deutsche Ernährungs-Industrie wird die Erarbeitung dieser Nährwertprofile kritisch begleiten. Aus ihrer Sicht herrscht nun erst einmal Rechtsunsicherheit, denn bis zur Festlegung der Nährwertprofile – so meinen die deutschen Hersteller – kann man nicht sicher sein, ob ein Produkt einem bestimmten Nährwertprofil entspricht und ob er dann bestimmte nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben verwenden darf oder nicht. Jochen Schütz, Geschäftsführer der „Organisation Werbungtreibende im Markenverband“ (OWM), äußert sich entsetzt: „Das sind für Wirtschaftsunternehmen unzumutbare Unwägbarkeiten und machen eine vorausschauende Planung unmöglich.“Beim „Verbraucherzentrale Bundesverband“ (vzbv) sieht man das anders. Angelika Michel-Drees, Referentin für Ernährung beim vzbv, ist zuversichtlich, dass die Nährwertprofile mehr Transparenz bringen werden. Denn: „Nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben für Produkte, die viel Zucker, Fett oder Salz enthalten wie beispielsweise Bonbons, Süßwaren und Knabberartikel können zukünftig nicht mehr künstlich aufgewertet werden, indem ihnen ein gesundes Image verliehen wird. In den letzten Jahren konnte wir gerade bei den angesprochenen Produktgruppen ein hohes und meist auch beabsichtigtes Täuschungs- und Irreführungspotential beobachten.“

Lange Zeit sann man in der deutschen Lebensmittelindustrie darüber nach, wie man mit dem Verbot der Gesundheits-Werbung kreativ umgehen kann. Im ersten Absatz von § 12 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch ) ist nämlich beschrieben, dass auf Lebensmittelpackungen oder in der Werbung keine Aussagen getroffen werden dürfen, die sich auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten beziehen.

Rechtlich zulässig waren hingegen sogenannte „gesundheitliche Anpreisungen“, die nicht zu Täuschung Anlass gaben, wie etwa Hinweise über Natur und Funktion essentieller Stoffe. So konnte auf jeder Packung ein allgemeiner Satz stehen wie „Kalzium ist gut für die Knochen“. Zukünftig werden sich die Marketing-Strategen absichern müssen, denn ein solcher Satz muss in der EU mehrere Hürden nehmen: Er darf nur noch verwendet werden, wenn (1) die Angabe wissenschaftlich belegt, (2) nach einem eigens festgelegten Verfahren genehmigt und (3) in eine Gemeinschaftsliste zugelassener Angaben aufgenommen worden ist.
Zunächst bringt die EU-Verordnung dem Verbraucher mehr Informationssicherheit. In einem zweiten Schritt droht aber seine erneute Verwirrung im Gestrüpp wissenschaftlicher Expertisen und Gegenexpertisen.

Für werdende Mütter wird es sicher bald Vollkornprodukte mit dem Slogan geben: „Kieselsäure unterstützt das gesunde Wachstums des Fötus.“

Wo der Zusammenhang zwischen Batterieversorgung und Schwangerschaft noch weithin unbestritten ist, wartet auf die EU-Experten eine Vielzahl von Fällen, in denen denen der Einsatz oder Zusatz einer Stoffgruppe zu einem Nahrungsmittel umstritten ist.

Die Folgen liegen auf der Hand: Kleinere Unternehmen werden zunächst auf unsichere, nicht wissenschaftlich nachgewiesene Werbefilms verzichten müssen, die multinationalen Konzerne werden sich wissenschaftliche Studien leisten, um sich ihre Versprechungen absichern zu lassen.

Gottschalks Süßwaren werden auch weiterhin „Kinder froh“ machen, koffeinhaltige Drinks dürfen weiterhin „Flügel verleihen“, aber eine allgemeine „Halbierung der Kalorienaufnahme“ wird der Kunde bald nicht mehr auf den Packungen versprochen kriegen. Auch Angaben wie „baut Stress ab“, „erhöht die Aufmerksamkeit“ oder „verlangsamt den Alterungsprozess“ sind aus Sicht der EU zu vage, um im Regal zu landen. Kluge Ratschläge von Ärzten, zurzeit gerne mit Konterfei versehen, dürften in Zukunft ebenfalls von der Packung verschwinden. Die Begründung der EU: Solche Angaben suggerieren, dass die Nichteinnahme des spezifischen Produkts zu Gesundheitsproblemen führen kann.

Die Industrie hat sich Übergangsfristen erbeten. Frühestens 2009 wird mit der Gesamtliste der zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben gerechnet, bis dahin können die alten Slogans und Aufdrucke weiter verwendet werden. Für Firmen und Konzerne aus der europaweiten Ernährungsbranche steht Arbeit an, die sich aber auszahlen wird: Waren die Anpreisungen von Heilerfolgen bisher gänzlich verboten, können zumindest bald solche aufgedruckt werden, welche die von den EU-Experten aufgestellten Hürden genommen haben.

Damit führt die EU ein, was in den USA schon seit längerem Usus ist. Dort überprüft die Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) die Formulierungen auf den Verpackungen, ein eigenes Gesetz (NLEA, nennt die Mengenvorgaben, ab wann ein Produkt beispielsweise als „gute Quelle für Vitamin C“ genannt werden darf. Die FDA gibt den Herstellern sogar Beispiele vor, wie ein guter Claim aussehen kann. Die EU-Verordnung ist schon jetzt deutlich an den NLEA angelehnt. Folgt man dieser Linie wird es demnächst in Europa – wie heute schon in den USA – Werbung geben, die neben den funktional-strukturellen Angaben auch auf gesundheitliche Vorteile hinweist. „Vitamin A fördert gesunde Augen“ ist eine Beispiel, „Protein baut ihre Muskeln auf“ ein anderes.

Gerade diese „health-claims“ stehen unter Beobachtung der FDA, mit den Weihen der Wissenschaft lassen sich hohe Umsätze generieren. Nach einer Erhebung aus dem Jahre 2001 trugen nur 4,4 % der Lebensmittel-Packungen Angaben über einen gesundheitlichen Vorteil.

Der von der EU noch zu erarbeitende Katalog mit den wissenschaftlich zurzeit nachgewiesenen Zusammenhängen zwischen Krankheitsvermeidung durch spezifische Inhaltsstoffe in Lebensmittel (zu finden hier: ist in den USA lang. Er erstreckt sich von Kalzium und Osteoporosis, über Folsäure und embryonalen Neuralrohrdefekten, dem bekannten Effekt von Natrium auf den Bluthochdruck bis hin zu den positiven Eigenschaften von Soja-Proteinen bei koronalen Herzerkrankungen.

Damit aber nicht genug. Durch den FDA Modernization Act (FDAMA,<http://www.fda.gov/cber/fdama.htm) von 1997 ist ein weiterer Index entstanden. Dieser weist auf die Gefahr von zu kaliumhaltiger Ernährung und Herzschlag sowie den Vorteilen einer Vollwertkorn-Ernährung hin. In einem weiteren Schritt etablierte die FDA 2003 eine Initiative, die in sogenannten „Qualified health claims“ und einer weiteren Aufstellung mündete. Hiernach dürfen auch vorsichtig formulierte Behauptungen aufgestellt werden, zu denen noch keinen abschließende wissenschaftliche Meinung vorliegt. In dieser Liste (http://www.cfsan.fda.gov/~dms/lab-qhc.html) tummeln sich Phospholipide wie Phosphatidylserin (http://www.cfsan.fda.gov/~dms/ds-ltr36.html), das den Verlauf der Alzheimer-Krankheit verlangsamt und bereits als Getränkezusatz eingesetzt wird, aber auch diverse Nüsse ), die gegen Herzerkrankungen helfen sollen.

Das neue Glück

Ob durch Expertisen abgesichert oder nicht: Alle diese Packungsangaben dürfen keinen Hinweise auf den Grad der Risikominimierung geben, die Hersteller spielen mit dem Konjunktiv. Und: Eine simple Zusammenpanschen von ein paar Ingredienzien reicht in USA nicht aus, um den Segen der FDA zu erhalten. Die Lebensmittel müssen zusätzlich mindestens 10% der Tagesration von einem oder mehr sechs wichtiger Nährstoffe (Vitamin A, Vitamin C, Eisen, Kalzium, Protein, Ballaststoffe) enthalten, die nicht angereichert sein dürfen. Zudem sind Grenzen bei gesättigten Fettsäuren, Cholesterin und Natrium einzuhalten.
Die Zukunft der europäischen Frontseiten-Werbeslogans und die der Angaben auf den Verpackungsrückseiten ist zwar stark reglementiert, die Verordnung gibt aber zugleich eine Richtung vor, die im Bereich des sogenannten „functional food“ zu höheren Umsätze führen wird. Wie sich diese Entwicklung mit der ebenfalls vorhanden Lust der Verbraucher auf „Bio“ verträgt muss sich noch zeigen. Ob „Qualität“ auf Dauer tatsächlich das „besten Rezept“ ist?