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Rezensionen

Rezension zu Timmerberg: Shiva Moon

HanfBlatt Nr. 105

Heiss auf Erleuchtung

Klolektüre. Und das soll nicht despektierlich klingen. Ich konnte das Buch halt einfach nicht mehr aus der Hand legen. Helge Timmerberg reist mit Raketenantrieb durch das gelobte Land. Satzstakkatos. Der Trip eines Mannes, der in Würde altern will. Als 17-Jähriger, 1969, schon einmal in Indien gewesen, damals „heiß auf Erleuchtung“, sucht er dieses Mal, tja, was sucht er? Nix, außer das wundern über Menschen und die ewige Frage: Was geht hier ab?

Vielleicht brauchte der Nomade nach einem seiner letzten Bücher mit Namen „Schneekönig“, das er zusammen mit dem ehemaligen Kokain-Händler Ronald Miehling verfasst hatte (s. HB Nr. 83), einen Tapetenwechsel. So oder so: Timmerbergs Reisebericht ist für alle ehemaligen und zukünftigen Indien-Reisende stressfreie Lektüre, denn so kurzweilig schafft es kaum einer über ein Land zu berichten und dabei die persönlich-humoreske Sicht auf die Gesellschaft im Vordergrund zu halten. Ja, ja, wer’s hören will: kurzweilig heißt hier auch sprunghaft. Leichter Gonzo-Journalismus ohne politischen Tiefenschmerz, Hunter S. Thompson hätte ihn sicher von der Farm gejagt. Hui, das ist jetzt doof, gilt Timmerberg doch manchem Blatt als deutsche Dependence des verstorbenen US-Autors Thompson.

Timmerberg, 54, trägt uns von der Quelle des heiligen Flusses Ganges bis zur Mündung im Golf von Bengalen, immer selbstironisch, immer erregt.

Lassen wir Meister Timmerberg lieber selbst zu Wort kommen, das gibt die beste Grundlage für die Entscheidung, das Buch zu kaufen oder zu verschenken: „Der Guru, so viel verstehe ich, hat eine schöne Schrift. Und das sind schöne Wörter. Das ist Sanskrit. Das Latein Indiens. Die alte Sprache. ‚Mantras‘, sagt er. ‚Du weißt, was das ist?‘ Mantras sind Wörter, die doppelt wirken. Inhaltlich wie akustisch. Sanskrit hat es fertiggebracht, dass der Klang des Wortes genau das mit dir macht, was es bezeichnet. ‚Shanti‘ etwa heißt Frieden. Wenn du hundertachtmal hintereinander ‚Shanti‘ sagst, fühlst du den Frieden. Es ist ähnlich wie mit der Musik. Ein Ton hat Macht. Er verändert Stimmungen. Erzeugt Schwingungen. Er kann entspannen, erregen, Angst auflösen. Ich kann das bestätigen. Ich habe vor etwa drei Jahren von einem Sadhu in Nepal ein Mantra gegen Angst bekommen. Kleines Geschenk mit großer Wirkung. Was immer mich ängstigt, ob Mensch, Tier oder Türsteher, ich brauche nur dieses Mantra zu murmeln, und die Angst löst sich wie Brausepulver auf.“

Helge Timmerberg: Shiva Moon.
Eine Reise durch Indien
Rowohlt Berlin 2006
256 Seiten, gebunden
ISBN: 3871345415
EUR: 17,90

 

 

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Elektronische Kultur Psychoaktive Substanzen

Interview mit Wolfgang Sterneck

HanfBlatt, Nr. 100

Annäherung an das richtige Leben

Ein Interview mit Wolfgang Sterneck

Wolfgang Sterneck engagiert sich seit den Achtziger Jahren als Aktivist in alternativen Szenen. Durch die Mitgestaltung des Sonic-Netzwerkes, von KomistA und des Alice-Projects hat er sich ebenso einen Namen gemacht, wie durch seine zahlreichen Publikationen, die ihn als profunden Kenner subkultureller Strömungen ausweisen. Er verschafft wichtigen Stimmen der Gegenkultur Gehör und präsentiert anregendes Material zur Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Realisierung einer anderen Welt als der Desaströsen, auf die die Menschheit zwischen Überlebenskampf und Konsumrausch im Zeitalter der Globalisierung gegenwärtig zuzusteuern scheint.

Hanfblatt:
Du verfolgst als Aktivist und teilnehmender Beobachter seit Jahren die Entwicklung der Techno-House-Goa-Trance-Szene. Oberflächlich betrachtet scheint es sich heute um eine reine Feier-Kultur zu handeln, in deren Zentrum zünftige Drogenparties mit elektronischer Tanzmusik inklusive optisch stimulierender Lightshows und Deko stehen. Wenn man sich mit Veteranen der Szene unterhält, ist immer wieder vom „Party-Spirit“ in der ersten Hälfte der 90er Jahre die Rede, der heute irgendwie nicht mehr so da sei. Was hat es mit diesem „Spirit“ auf sich? Was ist gemeint?

Sterneck:
Es ist nicht nur oberflächlich betrachtet „eine reine Feier- Kultur“. Der Mainstream ist zweifellos von Kommerz und Konsum geprägt. – Hauptsache Druff sein und „Spaaaß“ haben, nichts hinterfragen, am wenigsten sich selbst … Fische die mit dem Strom schwimmen. Wie alle Musikkulturen der letzten Jahrzehnte ist Techno mit einem idealistischen Anspruch im Underground entstanden. Da ging es um solche Aspekte wie „Do It Yourself“, um kreatives Experimentieren, um die gemeinschaftliche Erfahrung anderer Wirklichkeiten. All dies machte den besonderen Reiz der ersten Jahre aus. – Wobei diese Elemente nicht gestorben sind, sondern im Underground weiterleben. Doch im Mainstream gehen solche Ansätze zwangsläufig unter. Ursprünglich ging es beispielsweise um eine gemeinschaftliche Kultur, die keine Idole nötig hat. Inzwischen sind jedoch längst die bekannten Djs zu egozentrischen Stars geworden, die sich kaum von Rockstars unterscheiden und zu denen das Party-Volk ergeben hinaufblickt.

Hanfblatt:
Seit einigen Jahren kann man „Alice – The Drug- and Culture- Project“, an dem du maßgeblich beteiligt bist, auf Parties und Festivals mit elektronischer Tanzmusik antreffen. Ihr engagiert euch für einen „mündigen Umgang mit psychoaktiven Substanzen“. Was muss man sich unter „Drogenmündigkeit“ vorstellen, und auf welchem Weg kann diese nach euren Vorstellungen erreicht werden?

Sterneck:
Wir sind nicht nur auf Partys aktiv, sondern auch in Schulen oder auf Tagungen anzutreffen. In Bezug auf Drogen versuchen wir Drogenmündigkeit zu fördern. Dies beinhaltet einen möglichst souveränen Umgang mit Drogen aller Art, die Fähigkeit (aber nicht den Zwang) zur Abstinenz, ebenso die Fähigkeit sich selbst bzw. den eigenen Umgang mit Drogen kritisch reflektieren zu können. Dieser Ansatz schließt im Grunde das ein, was man allgemein als Suchtprävention bezeichnet, also das Vermeiden von Abhängigkeit. Er geht aber noch viel weiter, indem er nicht nur negativ auf Probleme konzentriert ist. Vielmehr versucht er die Person an sich zu stärken: Mündigkeit durch Information, Reflexion durch kritische Auseinandersetzung, Selbstbestimmung durch innere Stärke. Vor diesem Hintergrund geht es uns nicht nur um Drogen. Vielmehr versuchen wir generell über Veranstaltungen, kulturelle Projekte, Flyer etc. die Leute dazu anzuregen, aus der so weit verbreiteten passiven Konsumhaltung auszubrechen und selbst aktiv bzw. kreativ zu werden, um letztlich ihr Leben den Klauen von Fremdbestimmung und Verwertung zu entreißen.

Hanfblatt:
Was unterscheidet euch von „Eve & Rave“, dem ebenfalls aus der Techno-Szene erwachsenen Selbsthilfe-Projekt in Sachen bewussterem Umgang mit psychoaktiven Substanzen?

Sterneck:
Da gibt es im Grunde keine inhaltlichen Unterschiede in Bezug auf den Umgang mit Drogen. Beiden Projekten geht es um möglichst sachliche Aufklärung, um die Entwicklung von Bewusstsein und um Hilfe bei Problemen. Uns verbindet das Ziel der Drogenmündigkeit und zum Beispiel die Forderung nach der Einführung des Drug-Checking. Mit anderen Projekten sind wir im Sonics- Cybertribe-Netzwerk zusammengeschlossen. Uns verbindet jedoch auch, dass wir den von dir benutzten Begriff der „Selbsthilfe“ nicht gebrauchen. Dieser Begriff wurde in der Anfangszeit oft genutzt, um uns zu schwächen bzw. in eine bestimmte Ecke zu stellen: „Das sind die Technos, die versuchen ihre Drogenprobleme selbst zu therapieren“. Dies war und ist jedoch bei Alice nie der Fall gewesen. Vielmehr geht es uns darum, Veränderungen zu bewirken, zumindest die Notwendigkeiten aufzuzeigen: Veränderungen im Umgang mit Drogen auf einer persönlichen wie gesellschaftlichen Ebene, aber auch unabhängig von der Drogenthematik generell, um soziale und kulturelle Veränderungen.

Hanfblatt:
In deinen Schriften ist immer wieder von kulturellen Freiräumen, Visionen eines befreiten Lebens und einer konkreten Utopie die Rede. Gefühlsmäßig habe ich da zwar gleich meine eigenen Assoziationen, aber was genau meinst Du damit?

Sterneck:
In Anbetracht der sozialen und ökologischen Entwicklungen ist es eigentlich offensichtlich, dass es zu grundlegenden Veränderungen kommen muss. Doch derartige Veränderungen in einem größeren Maßstab erscheinen im Zeitalter der Globalisierung geradezu illusionär. Dies heißt jedoch nicht, dass man den Kopf in den Sand stecken sollte. Es ist auch im Hier und Jetzt möglich, Freiräume zu schaffen, in denen ein Leben möglich ist, das von Prinzipien wie Gemeinschaftlichkeit, Kreativität, Selbstbestimmung, Balance mit der natürlichen Umwelt etc. geprägt ist. Zum Beispiel kann ein besetztes Haus im Idealfall einen solchen Freiraum bieten oder eine Underground-Party oder eine kleine Gruppe von Leuten, die vor Ort in ihrem Bereich etwas verändern wollen oder unzählige andere Möglichkeiten. Eine Volxküche beispielsweise, wie es sie in vielen linken Zentren gibt, in der zum Selbstkostenpreis gekocht wird, damit sich jeder das Essen leisten kann, aber auch um die Vereinzelung der Ein-Personen-Haushalte aufzubrechen. Oder eine Party, die nicht am finanziellen Gewinn ausgerichtet ist, sondern die Gäste wie VeranstalterInnen gemeinsam gestalten. Oder eine politische Aktion, die der neoliberalen Globalisierung eine solidarische Vernetzung von unten entgegensetzt. Es gibt unzählige solcher Ansätze. Das Entscheidende ist die innere Bereitschaft jedes Einzelnen in seinem Bereich solche Türen zu öffnen. Mit einem Joint in der Hand endlos darüber zu philosophieren, was man alles machen könnte und sollte und müsste – und dann wird schon wieder der nächste gerollt – ist einfach und bequem … aber wer über das Philosophieren nicht hinaus kommt, der ist ein Teil des Problems und nicht der Lösung.

Hanfblatt:
Innerhalb und aus der Techno- und Rave-Szene heraus haben sich diverse kleinere Subkulturen entwickelt, von denen du in deinen Büchern, z.B. in „Tanzende Sterne“, berichtest, und die sich vielleicht als „Cybertribes“ subsummieren lassen. Gibt es tatsächlich etwas, was all diese Szenen verbindet?

Sterneck:
Egal auf welche Musikkultur man blickt oder in welcher Stadt man sich gerade bewegt – wer genauer hinschaut wird immer wieder auf Leute und Projekte stoßen, die versuchen andere Wege zu gehen, die versuchen sich Kommerz und Vereinnahmung zu widersetzen. Diese Leute findest Du im Free Jazz genauso wie im Punk, HipHop oder Techno – allerdings in der Regel nur im Underground. Die Rhythmen sind zum Teil andere, die Texte unterscheiden sich in ihren Metaphern, aber im Grunde geht es immer wieder um Selbstbestimmung, um Gemeinschaft, um Entfaltung, um eine innere Tiefe.

Hanfblatt:
Wenn man sich so umschaut, dann muss man doch feststellen, dass der Boom der letzten großen, wirklich neuen Jugendkultur um die Techno-Szene herum, lange schon vorbei ist. Die Kommerzialisierung erfolgte weitestgehend bis Mitte der 90er, Deppentechno a la Blümchen und „Hyper Hyper“, Sponsoren wie Camel und Jägermeister, Bier-Parade und leere Phrasen a la Dr. Motte ließen grüßen.

Hanfblatt:
Du bist ja ein profunder Kenner gegenkultureller Strömungen. Siehst du irgendwo Pflänzchen der Hoffnung? Worauf sollte man deines Erachtens sein Augenmerk richten? Was kann man selber tun?

Sterneck:
Im Zuge der medialen Gleichschaltung vollzieht sich die Vereinnahmung von Strömungen, die irgendwo im Underground als zumindest potentiell subversive Gegenkultur entstanden sind, immer schneller. Doch so verschlingend die Mechanismen der Gleichschaltung auch sein mögen, ein letztes Stück innerer Lebendigkeit, das Bedürfnis nach freier Entfaltung und Selbstbestimmung, wird immer gegeben sein. Die „Pflänzchen der Hoffnung“, von denen du sprichst, kannst du überall finden, wenn du hinter die Fassaden der Nachrichtenshows und der Plakatwände blickst. Mal ist es eine blühende Sonnenblume, mal eine dornige Rose oder irgendein auf den ersten Blick völlig unscheinbares Pflänzchen, das sich da zwischen den Betonplatten widerspenstig seinen Weg bahnt. Es geht nicht um die Frage, ob es diese „Pflänzchen“ gibt, sondern, ob du sie wahrnimmst, ob du sie gießt – und letztlich, – um in diesem Bild zu bleiben – ob du selbst bereit bist, dem Heer der künstlichen Plastikblumen einen eigenen verwilderten Garten, so winzig er auch sein mag, entgegenzustellen.

Hanfblatt:
Du hast ja mehrere Bände mit interessanten Texten zu verschiedenen Themenschwerpunkten zusammengestellt. Was interessiert dich da besonders? Worum geht es dir dabei?

Sterneck:
Ein Aspekt ist, dass es mir darum geht Verbindungslinien aufzuzeigen. Beispielsweise zu dokumentieren, dass man den Geist der Revolte in der Hippie-Kultur, genauso wie im Punk, dem HipHop oder im Techno finden kann. Ein anderer Aspekt, der immer wieder auftaucht, ist die Verbindung von innerer, persönlicher Entwicklung und äußerer, gesellschaftlicher Veränderung. Isoliert führen beide Wege schnell in eine Sackgasse, miteinander verknüpft eröffnen sie neue Möglichkeiten. Manchmal geht es mir auch darum, im Rahmen meiner Möglichkeiten kleine „Denkmale“ zu schaffen. Zum Beispiel ein Projekt oder einen Musiker zu beschreiben, der Wichtiges bewegt hat, aber zuvor kaum Beachtung fand. Neben dieser ideellen bzw. politischen Ebene suche ich mir selbstverständlich Themen aus, die mir irgendwie nah sind, die mich selbst beschäftigen. Für mich gibt es in diesem Sinne keine Trennung von Arbeit und Freizeit. Ich mache Dinge, von denen ich überzeugt bin, und auf dieser Basis gehen Idealismus, Entfaltung und Vergnügen ineinander über.

Hanfblatt:
In dem Band „Erotika. Drogen und Sexualität“ versammelst du eine ganze Reihe Erzählungen, Autobiographisches, Geschichtchen von bekannten und unbekannten Autoren, die alle mit Sexualität und Drogen zu tun haben. Voyeuristisch gesehen fand ich persönlich das zwar ganz interessant, was sich mir jedoch nicht so recht erschloss, war die Intention dahinter. Was soll ich damit anfangen?

Sterneck:
Die Antwort auf die Frage, was Du damit anfangen sollst, ob du einen Bezug findest oder nicht, die nehme ich dir nicht ab. Es gibt kaum andere Bereiche, die gesellschaftlich einerseits so tabuisiert sind und mit denen andererseits so scheinbar locker umgegangen wird, wie die Bereiche der Sexualität und der Drogen. Gleichzeitig eröffnen beide Bereiche im Idealfall eine Tiefe ein „inneres Fließen“ wie es ansonsten im Alltag kaum möglich ist. Der Rausch der Sexualität gleicht im Idealfall einem veränderten Bewusstseinszustand, gleicht einer Überwindung des blockierten Alltagsbewusstseins. Ebenso können im Idealfall auch psychoaktive Substanzen innere Räume eröffnen, die zuvor völlig verschlossen waren. Sex und Drogen können aber auch auf sehr vielfältige Weisen diese inneren Räume völlig verschließen. Verbindet man nun Sex und Drogen, dann können sich diese Möglichkeiten noch einmal potenzieren. Der viel beschworene, aber nur selten erlebte „kosmische Orgasmus“ oder eine verschmelzende Zärtlichkeit gehört genauso zu diesen Möglichkeiten wie völlig verkrampfte Situationen, Impotenz oder gar Missbrauch. Für mich persönlich war es spannend, all die verschiedenen Zugänge zum Thema zusammenzutragen. Von wissenschaftlichen und historischen Betrachtungen bis hin zu äußerst offenen Erfahrungsberichten und Literaturauszügen. Nicht zuletzt sollte solch ein Thema nicht nur trocken abgehandelt werden, sondern in einem besonderen Maße auch eine im erotischen Sinne anregende Wirkung haben.

Hanfblatt:
Besteht nicht in jeder Subkultur das Risiko, dass sie sich zu weit von den gesellschaftlichen Realitäten entfernt und sektiererische Züge annimmt? Wie kann man dies vermeiden und die Bodenhaftung behalten?

Sterneck:
Klar, das ist immer eine Gefahr. Manchmal ist es wichtig sich auf Inseln zurückzuziehen, aber man darf nie vergessen, dass jede Insel von einem Meer umgeben ist. – Und dieses Meer prägt. So idealistisch wir auch sein mögen, wir tragen alle unsere schrägen Egos mit uns herum, die uns schon in der Kindheit anerzogen wurden. Und auch als Erwachsener wird es nie möglich sein, sich völlig dem umgebenden Meer zu verschließen. Das muss uns immer bewusst sein. Den perfekten Umgang mit diesen Strukturen gibt es nicht. Ein naheliegendes und doch so selten gebrauchtes Mittel ist das der Hinterfragung und Selbstreflexion, der Kritik und Selbstkritik. Sich neben sich zu stellen und zu schauen, was geht überhaupt mit mir ab, ist dies noch der Weg den ich bzw. wir einschlagen wollten? „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ hat Adorno mal gesagt. Aber es besteht die Möglichkeit und die Notwendigkeit sich diesem zumindest anzunähern.

 

Publikationen von Wolfgang Sterneck
(als Herausgeber und Autor, Näheres unter www.komista.de, www.sterneck.net und www.nachtschatten.ch):

„Cybertribe-Visonen“
„Der Kampf um die Träume. Musik und Gesellschaft.“
„Erotika. Drogen und Sexualität“ (und als Auszug daraus „Das Utopia der Lust“)
„Psychedelika. Kultur, Vision und Kritik.“
„Inside. Modern Primitives, Dunkle Erotik und Subversive Rituale.“
„Tanzende Sterne. Party, Tribes und Widerstand.“
„Stille, Bewusstsein und Veränderung“ (gemeinsam mit John Cage, inklusive CD)
„Connecta-Music, Mind and Politics“ (CD & DVD, siehe www.alice-project.de)

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Cannabis Drogenpolitik Interviews Interviews

Interview mit dem Psychiater Eckart Schmidt

HanfBlatt Nr. 99, 2005

Kiffer im Spannungsfeld von Eltern, Freunden und Therapeuten

Interview mit dem Psychiater Eckart Schmidt

Es gibt verschiedene Motive und Formen Cannabis zu inhalieren. Eckart Schmidt, Facharzt für Neurologie und Psychatrie, hat in den 90er Jahren den Hamburger Drogenentzug für Jugendliche mit aufgebaut, seine Erfahrungen mit moderaten und starken Kiffern hat er nun in einem Buch veröffentlicht.

Wie begann Ihr beruflicher Kontakt mit Cannabisliebhabern, die einen problematischen Konsum aufwiesen?

1999 habe ich in der Fachklinik Bokholt den Kinder- und Jugend Drogenentzug aufgebaut. Da kam ich dann auch zum ersten Mal mit exzessiven Kiffern zusammen. Zunächst war ich selber nicht von einem Cannabisentzug in einer solchen stationären Einrichtung überzeugt, so nach dem Motto „Lass sie doch lieber kiffen als Alkohol trinken“, aber da kamen eben doch Menschen, die täglich und so viel gekifft haben, dass sie allmählich überall rausgeglitten waren. Sie hatten ähnlich wenig Anschluss an „normale“ soziale Verhältnisse wie Heroin-Konsumenten.

In welcher Altersgruppe waren die?

Im Schnitt zwischen 14 und 16 Jahren alt. Manche der exzessiv kiffenden hatten bereits mit zehn oder gar neun Jahren angefangen regelmäßig zu rauchen. Die meisten waren zigarettenabhängig, insgesamt war es eine Gruppe, die allerlei Mittel schon früh als Suchtmittel eingesetzt hatte.

Oft kamen die Jugendlichen nicht freiwillig. Ist das ein Problem bei der anfänglichen Gesprächssituation?

Im Drogenentzug, und das gilt auch für Kiffer, haben meist die Eltern oder Lehrer massiv darauf eingewirkt, dass der Jugendliche zu uns kam. Die wenigsten geben selber zu, dass sie ein Problem haben, sie denken, sie haben alles im Griff. Sie wollen maximal die Spitzen rausnehmen, ansonsten aber weiter funktionieren. Dadurch entsteht durchaus ein ambivalentes Gefühl bei ihnen. Die Folge ist, dass sie den ersten Entzug meist nicht durchhalten. In den meisten Fällen braucht es zwei bis drei Anläufe, erst dann sehen sie ein, dass ihr hartes Konsummuster ihnen Probleme bereitet und entwickeln auch eine Eigenmotivation wirklich etwas zu ändern. Die Entwicklung hinein in den exzessiven Konsum und wieder heraus ist nie geradlinig. Selten ist nach einer Behandlung alles gut.

 

Bei den Kiffern also, die in jungen Jahren jeden Tag und viel rauchen, hilft also zunächst nur Abstinenz, eine Hinführung zu einer kontrollierten Genussform ist nicht möglich?

So vereinfacht kann man das nicht sagen. Jeder Mensch ist anders und es gibt durchaus Kiffer, die zurückschrauben können. Der Größte Teil von den exzessiven Kiffern hat aber Schwierigkeiten direkt in einen kontrollierten Konsum überzugehen.

Wie also bricht man den anfänglichen Widerstand im Gespräch?

Brechen kann man ihn überhaupt nicht, man muss überzeugen. Wichtig ist zunächst für sie zu wissen, das sie zwar bei uns sind, aber jederzeit auch wieder gehen können. Im weiteren geht es darum zu vermitteln, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind und ihr Handeln, egal welches, immer auch Konsequenzen zeigt. Wir können und wollen ihnen nicht sagen, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Wir können mit ihnen zusammen nur herausarbeiten, welches Wege wahrscheinlich zu welchen Zielen führen. Manchmal waren die Kiffer überrascht, wenn sie von uns eben nicht gesagt kriegten, „Du musst das und das machen, dann wird alles gut.“

"Exzessives Kiffen hängt mit fehlender, innerer Sicherheit zusammen", sagt Eckart Schmidt.
„Exzessives Kiffen hängt mit fehlender, innerer Sicherheit zusammen“, sagt Eckart Schmidt.

Mal anders herum gefragt: Wie erzieht man als Kiffer denn seine Eltern zu einer guten Gesprächsführung?

Das hängt natürlich von den Ausgangslagen ab. Es gibt die Art von Eltern, die keine Diskussion zulassen, und ob man die dazu erziehen kann ist fraglich. Und es gibt die, die einfach ein wenig zu ängstlich sind. Denen kann man zeigen, dass man sein Leben durchaus auf die Reihe kriegt. Und es gibt die, die sich zu Recht sorgen machen. Für den Beginn ist es hilfreich sich eine unangespannte Situation zu schaffen, um das Thema „Haschisch“ mal ganz allgemein und nicht an der eigenen Person festgemacht anzusprechen. Vielleicht anhand eines Zeitungsberichts oder einer TV-Sendung.

Da kommt aber schnell die Frage: „Und du?“

Ja, darauf muss man dann gelassen reagieren. Zu vermeiden sind vor allem Schuldzuweisungen. Wenn beide Seiten nur von Schuld und persönlichem Versagen sprechen, dann werden Gespräche unfruchtbar. Wenn Eltern entdeckt haben, dass das eigene Kind kifft, dann haben sie meistens Ängste. Als Kind kann man dann nur versuchen aufzuzeigen, dass man sein Leben trotz Konsum auf die Reihe kriegt. Da heißt es dann natürlich ehrlich gegenüber sich selbst sein. Die Frage ist: Krieg ich mein Leben gebacken oder bescheiße ich mich selber? In meinem Buch geht es in einigen Bereichen um Extremfälle, aber eben auch um die Kiffer, die sich in einem Grenzbereich aufhalten und diejenigen, die keine Probleme mit ihrem Konsum haben. Es gibt keine einfache Zuschreibung: „Du kiffst also bist so oder so“.

Da steht man natürlich von dem Problem, dass in den Familien, in denen solche offenen Gespräche möglich sind, der problematische Konsum von Cannabis ohnehin weniger vorkommt.

Das kann man wahrscheinlich gesetzmäßig so sagen, ja. Exzessives Kiffen hängt mit fehlender, innerer Sicherheit zusammen, und das liegt halt meistens am Elternhaus. Ich will hier nicht immer den Eltern die Schuld geben, aber oft hakt es in diesem Bereich. Trotz allem bleibt Eltern nichts anderes übrig, als das Gespräch zu suchen. Denn verbieten kann ich es meinem Kind nicht, dann kifft es halt um die Ecke. Ich kann ihm nur sagen: „Du kiffst, und aus meiner Sicht hat das diese und jene Folgen.“

Was aber folgt nach dem Gespräch?

Abgestufte Reaktionen. Wenn ein Kind seinen Eltern beweist, dass es mit der Droge zurecht kommt ohne wichtige Dinge zu verpassen, dann müssen diese nicht unbedingt tätig werden. Wenn aber die Eltern merken, das ihr Kind täglich kifft und aus ihrer Sicht deshalb in den Schulleistungen abfällt, interesselos gegenüber seinen Hobbies wird, immer mehr in eine Kiffergruppe reingeht und keinen Kontakt mehr zu Nicht-Kiffern hat, zudem konfliktscheu ist und sich selbst belügt, dann müssen Eltern ihm dies offen sagen. In einem zweiten Schritt müssen dann auch Konsequenzen folgen. Die sollte man anfangs durchaus gemeinsam besprechen.

Ein Beispiel?

Wie dies genauer aussehen könnte, wird anhand einiger Beispiele im Buch besprochen.

Man setzt eine Grenze und droht mit einer Sanktion?

Ja, er oder sie muss merken, dass sie verantwortlich für ihr Handeln sind. Es ist ihre Entscheidung. Die Sanktion kann offen sein, also so gestaltet, das bei einem Verstoß gegen eine vorher gemeinsam verfasste Abmachung sich danach auch zusammen überlegt wird, was das jetzt für Konsequenzen hat. Und das kann auch durchaus zum Nachteil des Jugendlichen gereichen, denn warum sollte ich beispielsweise meinem Kind weiterhin viel Taschengeld geben, wenn es das Geld komplett verkifft?

Was dann aber zur Folge haben kann, das er es sich auf andere Weise besorgt.

Daran kann ich dann aber nichts mehr ändern. Wenn ich ihm mehr Geld gebe, und er kann es nicht verwalten, dann wird er auch mehr für das Haschisch ausgeben. Dazu kommt, das das Handeln der Eltern dem Kind in diesem Moment auch zeigt, das es ernst genommen wird. Wer seinem Kind alles durchgehen lässt, der wird nicht ernst genommen. Aber ein Patentrezept für einen mündigen Umgang von Eltern und Jugendlichen miteinander und in ihrer Stellung den Drogen gegenüber gibt es leider nicht.

Eltern, Schulen, Gesellschaft und Politik wollen aber genau diese klaren Richtlinien haben.

Wenn so, dann so, als ob der Mensch eine Maschine ist. Menschen sind alle unterschiedlich und wenn man sich darauf einigen würde, das zu akzeptieren und den schwierigen Weg der individuellen Herangehensweise an individuelle Problemlagen zu gehen, dann wäre man schon einen beträchtlichen Schritt weiter.

Sie möchten die Diskussion von der Schädlichkeit von Cannabis von der Diskussion um die Legalisierung komplett abtrennen. Wie soll das funktionieren, denn wie soll man über eine andere Rechtsstellung von Cannabis diskutieren, wenn man nicht auf die wissenschaftliche Fakten zurück greift?

Wenn man aufklären will, wann Cannabis für den Menschen problematisch werden kann, ist es klüger, dies von der Diskussion um die Legalisierung abzutrennen. Die sogenannten „Fakten“ rund um Cannabis werden doch ohnehin immer so zusammengewürfelt wie es das jeweilige Konzept passt. Man kann den Menschen so oder so nicht von der Selbstverantwortung befreien. Es gibt ja Leute, die schlagen vor, man solle die Alleebäume fällen, weil sie besonders unfallträchtig seien. Es scheint für den Menschen immer nur die Variante „Ja“ oder „Nein“, „Gut“ oder „Schlecht“ zu geben. Und es macht ihn irre, wenn man bei genauerer Betrachtung feststellt, das es so etwas nicht gibt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Eckart Schmidt Cannabis – Wann kann der Konsum problematisch werden?
Hamburg 2005 Verlag: Mein Buch
255 Seiten
Paperback ISBN: 3-86516-405-6
14,90 EUR

 

 

 

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Mixed Psychoaktive Substanzen

Angst und Schrecken mit Hunter S.

blond, 3/2005

Der Dalai Lama der Furcht

Halluzination und Recherche, Fiktion und Realität: Hunter S. Thompson ist der erste und letzte Mohikaner der Gonzo-Reportage.

(Hier das Original PDF des Beitrags aus dem mittlerweile eingestellten Magazin „blond“)

Die knallharte Pfeife entfaltete ihre Wirkung genau in dem Moment, als wir zu unseren Kino-Plätzen stolperten. Beine von Zuschauern schlängelten sich wie dunkle, verdorrte Wurzeln durch die Sitzreihen, mit einem Bier in der rechten und einem in der linken Hand balancierte ich mit Storchenschritten über die Wurzeln, im Augenwinkel donnerte ein rotes Cabrio durch die Wüste. Noch bevor wir unsere Sitze erreicht hatten sprang Hunter S. Thompson alias Johnny Depp aus dem Chevy, spaddelte Richtung Kofferraum, verjagte ein paar Fledermäuse und inspizierte dann eine beneidenswert gut sortierte Drogensammlung.
Wir sackten hysterisch kichernd immer tiefer in die Sessel, mein erster Schluck Bier spülte drei Minuten meinen Rachen, an Schlucken war nicht zu denken. Die Eingangssequenz von „Fear and Loathing in Las Vegas“ im Jahre 1998 war eine Offenbarung, hielten wir uns doch schon für Kenner des von der Leine gelassenen Wahnsinns, hier aber hatte sich offensichtlich unser Meister ausgedrückt. Es war die erste Begegnung mit dem Totengräber des objektiven Journalismus, dem Erfinder der fiktiv-realen Reportage, dem Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Schreiber, kurzum: mit dem teuflischen Gott.

Schreiben, das war für den 1937 geborenen Thompson Anfangs nur „einfacher als Algebra“, wie er sagt. Seine ersten Reportagen verfasst er für das Truppenblatt der Air Force, die Jobs bei Zeitungen und einem Wrestling Newsletter enden meist fatal, seine Südamerika-Tour als freier Autor verläuft eher mau. Hunter ist das relativ egal, solange genug Alkohol fließt und sich ab und zu eine Frau in sein Bett verirrt. In dieser Zeit, er ist gerade 25 Jahre alt, schreibt er seinen ersten und einzigen Roman, der erst jetzt auf Deutsch erschienen ist: „The Rum Diary“. Ein intensives Stück Literatur im Stile von Ernest Hemingway. Freelancer schwitzen unter der Sonne Puerto Ricos, zumeist in einer Bar rumhängend, in der man nur drei Dinge bestellen kann. Bier, Rum und Hamburger.

Zurück in den USA folgt der erste Knall: Hunter Stockton taucht für über ein Jahr bei den Hell’s Angels ein und marodiert mit den Rockern durch den wilden Westen. Seine stark subjektiv gefärbte Erinnerunge vermischen sich mit harter Recherche und Polemiken. Er zitiert ausführlich aus Zeitungsberichten und Akten, nimmt an den Ausfahrten („Runs“) und Gelagen teil und stellt nebenbei die Sensationslust der amerikanische Medien bloß. Der Trip wird zur Blaupause seiner künftigen Arbeit: Vom Rande der Gesellschaft aus beobachtet er deren maroden Kern.
Trotz der Nähe biederte sich Thompson nicht bei den biersaufenden Speed-Outlaws an. „Die kollektive Haltung der Angels war immer eine faschistische“, schreibt er, „ihre politischen Überzeugungen sind auf denselben Retro-Patriotismus begrenzt wie die des Ku Klux Klan und der American Nazi-Party.“ Das Buch über die gefallenen Engel, 1967 veröffentlicht, wird ein Erfolg. Von dem Geld kauft er sich eine BSA 650 Lightning, das damals mit Abstand schnellste Serienmotorrad. Es ist die Ära, von der Thompson bis heute zehrt und die er zugleich nie überwunden hat.

Die cineastische Einführung in die Urgründe des Drogentrips in dem verschmutzten Kino auf dem Hamburger Steindamm zeigte deutliche Parallelen zu den Erlebnissen in den nebligen Schweinekoben (neudeutsch: Clubs), durch die wir uns während der letzten Jahren gerockt hatten. „Fear and Loathing“ passte wunderbar in die verspulten 90er: Die ganze Welt ein Trip, eine Matrix wohlmöglich, und überhaupt: Was ist schon Realität? Egal, vorwärts, hinein ins Vergnügen.
Trotz aller Euphorie war uns im Kinosaal nicht entgangen, dass sich das Publikum in zwei Teile spaltete: Diejenigen, die recht genau nachfühlen konnten wie es Johnny Depp und seinem samoranischen Anwalt bei ihrer Reise erging und diejenigen, die außer einem Alkohol-Vollrausch oder einer Atem-Therapie noch keine außergewöhnlichen Abfahrten durch die Psyche und darüber hinaus erlebt hatten. Die einen brüllten vor Lachen, die anderen schwiegen irritiert.

Sein Faible für Drogen und hippe Randgruppen brachte Thompson schnell mit den Beatnicks und Hippies zusammen. Ken Kesey, Autor von „Einer flog über Kuckucknest“, lud Thompson und die Hell’s Angels auf seine Farm in die Nähe von San Francisco ein. Die Polizei belagerte die Farm, drinnen herrschte seit Wochen der induzierte Ausnahmezustand. Eine intellektuelle Dauerparty war hier und im ganzen Land in Gang, es ging um den Vietnamkrieg, den Weltfrieden, die größtmögliche Bewusstseinerweiterung und letztlich immer auch um das große Ganze. Ein riesiger Traum blies sich auf und schwebte für einige Monate über dem Land. Und Hunter, dem schon schlecht wurde, wenn er nur ein Peace-Zeichen oder florale Muster sah, saß mitten drin.
Zwischen Beat-Poeten wie Allen Ginsberg und Showmastern wie Timothy Leary sonnten sich die Angels in der neuen Aufmerksamkeit, nebenbei gab es natürlich Acid für alle. Wochen später war es vorbei mit der Eintracht, die Angels mischten eine Anti-Vietnam-Demo auf, später boten sie sich in einem öffentlichen Brief sogar als freiwillige Kämpfer in Vietnam an.

Der legendäre „Gonzo-Journalismus“ (span. gonzagas „jemanden verarschen“) entstand kurz darauf aus einer depressiven Phase des jungen Künstlers heraus. Ein Redaktionsauftrag hatte gelautet über das jährliche Kentucky Derby, das wichtigste Pferderennen der USA, zu berichten. Thompson pendelte aber nur betrunken zwischen Hotelbar und Schlafzimmer hin und her und schickte in einem Anflug von Wahnsinn die aus seinem Notizbuch herausgerissen Seiten. Überschrift: „Das Kentucky-Derby ist dekadent und verkommen“. Die Redaktion war verzweifelt, die Leser begeistert: „was für eine Sprache, was für ein Formgefühl“. Ein Mythos war geboren.
Hunter hatte seinen Stil gefunden, eine aggressive, schnelle Sprache, die, wenn sie keine Lust mehr hat zu argumentieren, sich martialischen Bilder bedient. Aus der Tatsache, dass er eine Zumutung für seine Umwelt war wurde langsam ein Geschäft. In seinem Worten: „Wenn du dafür bezahlt wirst verrückt zu sein, dann kannst du so verrückt nicht sein.“ Gut so, war es doch für alle besser, wenn er seine Individualität auf der Schreibmaschine auslebte, als, wie er es selber ausdrückte „in plötzliche Ausbrüchen von frustrierte Gewalt“. Noch heute ballert er gerne mit einem seiner vielen Gewehre auf tibetanische Gongs, die in seinem Garten aufgehängt sind.

ChevySein nie versiegender Zorn wird zusätzlich von dem Glauben gespeist, dass es nach den Morden an Kennedy, Martin Luther King und Malcolm X keine Versöhnung mit Amerika mehr geben kann. Thompson trägt den amerikanischen Traum seit nunmehr dreißig Jahren zu Grabe. Dazu gehört sein Hass auf die Präsidenten, heißen sie nun Nixon, Ford, Reagan, Clinton (in dessen Beraterstab er kurz saß) oder jetzt wieder Bush. In Pamphleten für den „Rolling Stone“ kriegen alle ihr Fett weg. Lange vor Michael Moore attestierte Thompson den USA eine verlogene Politik, eine korrupte Wirtschaft und eine nur auf Konsum geeichte Gesellschaft. Die mit dem System verbandelten Medien und den Journalismus hält er dabei für „eine blinde Gasse zur Kehrseite des Lebens, ein dreckiges, nach Pisse stinkendes kleines Loch, auf Anordnung eines Bauamt-Inspektors zugenagelt, aber noch groß genug für einen Wermutbruder, sich in einer Nische am Gehsteig zu verkriechen und sich einen runterzuholen wie ein Schimpanse im Zookäfig.“

Das war die Sprache die wir hören wollten. Seit „Fear and Loathing“ spukte die Idee in unseren Köpfen rum, mit einer Mischung von Nörgeln auf hohem Niveau und systematischer Breitheit eventuell sogar unseren Lebensunterhalt verdienen zu können. Nüchtern betrachtet bediente Thompson nur unsere infantile Junggesellenfantasien: Ein ungebundenes Leben, die jederzeitige Verfügbarkeit von Uppern, Downer und Heulern, die einen mächtig rauskickten oder – wenn es schlecht lief – zumindest ein inneres Gepöbel verursachten.
Den Höhepunkt dieser selbstvergessenen Lust auf Mehr bildete sicherlich eine Reise nach Asien, bei der ich im karnevalesken Thompson-Outfit (gelbe Sonnebrille, Hawaii-Hemd, kurze Hose, Zigarettenspitze) durch das, na, sagen wir mal „Disco-Viertel“ von Bangkok schwebte, das Hirn mit LSD und Johnny Walker zugeschissen, die Reisekasse aller Beteiligten locker in der Hose tragend, weil „Du der Vernünftigste bist“, wie mir gesagt worden war. Aus dem Hotel waren wir rausgeflogen, denn die Wanne war bis ins Zimmer übergelaufen, im Restaurant fuhren dann die Pappen so heftig ein, dass wir uns mit Basmati-Reis beworfen hatten. Momente ohne Furcht, Schmalspur Rock’n’Roll.

In den Neunzigern trat der Desperado mit kahlrasiertem Kopf auf. Er sah damit, so beschrieb es ein US-Journalist, wie „ein Dalai Lama der Furcht und des Schreckens“ aus. Tatsächlich steigt seine Anhängerschaft in den prüden USA, seine Farm in der Nähe von Aspen, Colorado, ist zur Pilgerstätte geworden. Allzu aufdringlichen Fans verjagt der zornige 68-Jährige in Wildwest-Manier mit dem Schießeisen vom Gelände.

Nachtrag: Hunter S. Thompson erschoss sich im Februar 2005 auf seiner Farm in der Nähe von Aspen, USA.

 

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Cannabis Drogenpolitik Interviews

Interview mit Tilmann Holzer über die Geschichte des Cannabis-Verbots und dem Ausweg aus der Sackgasse der Drogenpolitik

HanfBlatt, Januar/Februar 2005

Interview mit Tilmann Holzer über die Geschichte des Cannabis-Verbots und dem Ausweg aus der Sackgasse der Drogenpolitik

Tilmann Holzer, 29, ist Vorsitzender des Verein für Drogenpolitik (www.drogenpolitik.org). Zur Zeit schreibt er an einer Doktorarbeit über die Geschichte der deutschen Drogenpolitik von 1933 bis 1968.

HanfBlatt:
Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein waren Cannabisprodukte in Deutschland keiner Reglementierung unterworfen. Wann und warum wurde der Verkauf von „Indischem Hanf“ in einer staatlichen Verordnung berücksichtigt?

Holzer:
Cannabis wurde in Deutschland bis etwa Mitte der 1960er vor allem als Medikament und Nutzpflanze wahrgenommen und dementsprechend von staatlicher Seite behandelt. Ab 1872 war Cannabis in der „Kaiserlichen Verordnung über Apothekenwaren“ enthalten und durfte nur in noch in Apotheken verkauft werden, eine Mengen- oder Altersbeschränkung gab es nicht. Das Cannabisverbot, so wie wir es heute kennen, beruht auf der Integration von Cannabis in das „Genfer Opiumabkommen“ von 1925 und seinen Nachfolgern, Deutschland war damals gegen dieses erste globale Cannabisverbot.

Tilmann Holzer bei der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk.
Tilmann Holzer bei der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk.

HanfBlatt:
Und warum war Cannabis in das Genfer Opiumabkommen reingerutscht? Es wird behauptet, damit wurde das „Cannabisproblem“ als „Drogenproblem“ erst geschaffen. Wie siehst du das?

Holzer:
Der ägyptische Delegationsleiter El Guindy forderte die Aufnahme von Cannabis, weil in Ägypten viel Cannabis konsumiert wurde. Praktisch alle anderen Delegationen wußten nichts von einem Cannabisproblem oder waren, wie beispielsweise Indien oder Thailand, gegen ein Cannabisverbot. Mit der taktischen Unterstützung El Guindys durch China, die USA und Frankreich konnte das Verbot aber beschlossen werden. Die Genfer Opiumkonvention ist die Urform aller Drogengesetze weltweit, weil sie durch die Ratifikation in nationale Gesetze umgewandelt wurde und so weltweit gültig ist. Im Laufe der Jahre wurden dann im wesentlichen die Strafen erhöht, das Cannabisverbot blieb. Die erste Strafverschärfung kam in Deutschland nachdem ab 1968 explosionsartig Cannabis konsumiert wurde. 1971 wurde deshalb das Opiumgesetz von 1929 in das Betäubungsmittelgesetz umgewandelt. Im Kern das Genfer Abkommen, nur viel härtere Strafen, im Ergebnis trotzdem jedes Jahr mehr Kiffer, bis heute.

HanfBlatt:
Die internationale Staatengemeinschaft baut mittlerweile auf die Kombination von Strafe und Therapie. Wird das die Zahl der Cannabiskonsumenten verringern? Und, so will ich mal frech fragen, ist es überhaupt nötig sie zu verringern?

Holzer:
Tatsächlich ist die „Therapie“ bei Cannabiskonsumenten quantitativ so unbedeutend, dass man nur von Strafe als hilfloser Reaktion von staatlicher Seite sprechen kann. Die Zahl der Konsumenten wird aber selbst durch die härtesten Strafen nicht beeinflusst, jedes Jahr gibt es mehr Kiffer. Der Staat kann die Zahl der Kiffer nur in sehr beschränktem Maße regulieren und selbst dass nur, wenn er einen vollständig legalen Markt hat, der streng reguliert werden kann, beispielsweise um Kinder vom Kiffen abzuhalten. Für Erwachsene gilt, dass sie selbst über ihren Drogenkonsum entscheiden dürfen, denn in einer Demokratie hat sich der Staat aus dem Privatleben, also auch dem Drogenkonsum herauszuhalten. Nur wenn Dritte gefährdet sind oder der Allgemeinheit Kosten entstehen, dann kann er Staat regulierend eingreifen. Gesundheitspolitisch gesehen, insbesondere finanziell, aber auch mit Blick auf Gewaltverbrechen, ist ein moderater Cannabiskonsum dem Alkoholkonsum ganz vorzuziehen. Mit Blick auf die Krebsstatistik ist es wichtig, den Cannabiskonsum vom Tabakrauchen zu trennen.

HanfBlatt:
Dies führt direkt zur Reformdiskussion des staatlichen und gesellschaftlichen Umgangs mit Cannabis, die du und der Verein für Drogenpolitik jetzt mit dem „Globalen Cannabisregulierungsmodell“ neu beleben wollt. Nicht erst seit dem „Apothekenmodell“ ist die Regelung der Abgabe und des Verkaufs von Marihuana und Haschisch ein Streitpunkt. Wir wollt ihr das lösen?

Holzer:
Das Cannabisverbot hat total versagt, seit es 1971 verschärft wurde, kiffen jedes Jahr mehr Menschen in Deutschland. Es geht nicht darum, ob wir Cannabis legalisieren wollen oder nicht, sondern darum, ob Cannabis auf einem legalen oder einem illegalen Markt gehandelt werden soll. Cannabis ist überall erhältlich, kein einziger Staat auf dieser Welt hat bisher ein Cannabisverbot durchsetzen können. Deshalb hat der Verein für Drogenpolitik ein Konzept entwickelt, wie Cannabis in einem staatlich kontrollierten Markt gehandelt werden kann. Das ist das von dir erwähnte „Globale Cannabisregulierungsmodell“. Der Kerngedanke ist einfach: legal gehandeltes Cannabis ist ein wenig billiger als illegales und deshalb ist ein legaler Markt realistisch. Zweitens kann jeder einzelne Schritt vom Anbau bis zum Verkauf im Cannabisfachgeschäft staatlich lizensiert werden. Dadurch ist ein effektiver Jugendschutz, denn beim Verkauf Verkauf an Minderjährige droht Lizenzentzug, und ein hoher Qualitätsstandard möglich. In einem Rechtsgutachten weisen wir nach, dass ein legaler Cannabishandel im Rahmen der internationalen Verträge möglich ist. Was fehlt ist der politische Druck von unten, damit die Parteien den legalen Cannabismarkt ermöglichen. Als ersten Schritt wollen wir noch dieses Jahr unser Modell an alle Bundestagsabgeordneten verschicken, benötigen dafür und für die nächste Auflage, die an alle Landtagsabgeordneten gehen soll, noch 2000 Euro an Spenden.

HanfBlatt:
Fehlt nicht eher der politische Wille bei den Parteien, weil mit dem sensiblen Thema Drogenpolitik keine Wählerstimmen zu fangen sind? An einer Änderung der Rechtslage von Cannabis scheint sich seit Jahrzehnten niemand die Finger verbrennen zu wollen, zuletzt zogen die GRÜNEN den Schwanz ein.

Holzer:
Das ist sicher richtig, aber zu einfach. Richtig ist, dass die Parteien heute kein Interesse mehr an Drogenpolitik aufbringen, es geschieht beinahe nichts. Das war Anfang der 90er ganz anders. Wichtig ist, dass in den letzten Jahren die Medien immer mehr naiv-hysterisch über Drogen berichten, insbesondere über Cannabis. Das fällt auf die Parteien zurück, da es in keiner Partei Experten für dieses Thema auf Bundesebene gibt. Andererseits fehlt eine gut organisierte Interessensvertretung für eine bessere Drogenpolitik. Mit mehr Druck und Überzeugungsarbeit könnte man in den Parteien einiges bewegen, das zeigen Erfahrungen aus den 1990ern im Bereich Heroin und im Ausland. Deshalb haben wir den Verein für Drogenpolitik vor drei Jahren gegründet, als eine unabhängige und freie Organisation für diese Lobbyarbeit gegenüber Abgeordneten, Bundesregierung, Medien und Justizapparat und so weiter. Das funktioniert im Prinzip, aber erst mit einer guten finanziellen Ausstattung oder einer Stiftung für Drogenpolitik und hauptamtlichen Mitarbeitern wird es wirklich funktionieren. Dafür brauchen wir mehr Unterstützung von allen Seiten.